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Christoph Werner

Schloss am Strom
Roman


Schinkel kämpft in seinen Fieberträumen um die Vollendung seines Bildes "Schloss am Strom". Er durchlebt auf seinem Krankenbett noch einmal sein erfülltes und von krankmachendem Pflichtgefühl gezeichnetes Leben und die Tragik des Architekten und Künstlers, der sich zum Diener des Königs machen ließ

Die steinerne Frau

Die steinerne Frau

Dr. Jürgen Friedel

Wilhelm Grimm schieb über die Sagen "Die Volkssage will aber mit keuscher Hand gelesen und gesprochen sein. Wer sie hart angreift, dem wird sie die Blätter krümmen und ihren eigensten Duft vorenthalten." In den Sagen stecke ein großer Fund an reicher Entfaltung und Blüte ... Es ist Erbe, das wir bewahren müssen, aufbewahren durch Weitergeben, indem wir es unseren Kindern vorlesen oder erzählen und somit weiterleben lassen.

Jürgen Friedel

Granitsteine Foto: aus Wikipedia - gemeinfrei
Granitsteine Foto: aus Wikipedia - gemeinfrei

Im südöstlichen spitzen Winkel zwischen dem Wege von Hohenleina nach Priester und der Landstraße von Eilenburg nach Delitzsch ist auf manchen älteren Karten ein Punkt mit der Beischrift "Steinerne Frau" verzeichnet. Die "Steinerne Frau" war ein Steinblock von reichlicher Manneshöhe, den man weithin sehen konnte. Er machte den Eindruck, als stände eine Frau mit einem Tragkorb auf dem Rücken im Acker. Das Gesicht des Steinbildes war nach Osten, der Korb nach Westen gerichtet. Frau Sage weiß um die Zusammenhänge.

In weit vergangener Zeit lebte in Hohenleine als elleinige Herrin des größten der Güter eine reiche Frau. Mit Energie und Sachkenntnis führte sie nach dem Tode ihres Mannes den Hof. Mancher Nachbar, der in Schwierigkeiten geriet, fand bei ihr Hilfe und Unterstützung. Allerdings verlangte sie einen Zins, der alles andere als freundlich war. Je mehr ihr das Gewinn eintrug, umso stärker erlag sie Eigenschaften wie Härte und Geiz.

Besonders verspürten das ihre Tagelöhner und Knechte, die nicht nur schlechtes Entgelt, sondern auch Brot bekamen, in das die Herrin Sand mit einbacken ließ. Beklagte sich wer darüber, so sagte sie: "Daran müssen die Mühlsteine schuld sein, und was schadet ein bißchen Sand? Es reinigt den Magen."

Auf den Feldern des Gutes östlich vom Dorf fanden sich immer wieder Feldsteine aller Größe. Die geizige Herrin ließ sie fleißig absammeln und wußte gar, sie zu guten Preisen zu verkaufen. Kamen Arme um ein Almosen vor ihre Tür, zeigte sie auf die Steinhaufen und sagte: "Seht, dort ist Nahrung für euch!" Die Hilfesuchenden sollten sich also am Steinesammeln beteiligen. Wenn jemand aber bitter fragte: "Sollen wir denn Steine essen?" bekam er zur Antwort "Nehmt's, wie ihr wollt!" Und die Hartherzige wandte sich ab.

So geschah es oft und immer wieder. Doch die Vergeltung kam. Eines Morgens ging die Herrin auf die Felder, um den Fortgang der Arbeiten zu kontrollieren. Sie setzte sich auf einen der Steinhaufen und legte sich ihr reichliches Frühstück zurecht. Dabei fiel ihr Auge auf einen Stein in der Form eines Apfels. Sie hob ihn auf. Bald darauf trat eine alte, von der Last der Jahre gebeugt gehende Frau auf sie zu. Sie bat um einen kleinen Imbiß. "Frau, ich bin hungrig, und ihr habt doch mehr, als ihr essen könnt." Da reichte ihr die Angeredete den eben aufgehobenen Stein hin und sagte: "Sieh, den schönen Apfel! Ich schenk' ihn dir." Kaum hatte die böse Frau das gesagt, richtete sich die vermeintliche Bettlerin auf. Erhaben stand sie vor der Erschrockenen, die eben nach so grausam gescherzt hatte. Sie beschrieb mit den Armen geheimnisvolle Zeichen in der Luft und sprach:

"Wie Stein blieb ungerührt dein Herz,
verstein're selbst zum letzten Scherz!"

Im Nu senkten sich unter Donnerkrachen dichte Umwölkung über die Gegend. Und als sie sich verzogen hatte, war die Zauberin verschwunden. Die hartherzige Frau aber stand zu Stein erstarrt auf ihrem Acker. Jahrhunderte stand sie unbeweglich dort. Lange wagte sich zur Nachtzeit niemand an der Stelle vorüber. Um 1850 haben verständnislose Zeitgenossen den Block zerschlagen und die Stücke zum Bau der Krostitzer Brauerei verwendet.

Eine andere Überlieferung will wissen, daß die Versteinerung so erfolgte: Die geizige Herrin war wieder einmal auf den Fluren und nahm einen Tragkorb voll Sand mit sich. Die Brotverfälschung sollte weitergehen. Eine alte Frau sprach sie an: "Herrin, es ist doch eine Sünde und große Schande bei eurem großen Reichtum, Sand in des liebe Brot zu backen.". "Was wagst du mir vorzuwerfen?! Ich schwör dir, daß ich gleich zu Stein werden will, wenn des wahr ist." Kaum hatte sie den ruchlosen Meineid gesprochen, da senkte sich Dunkelheit übers Land. Ein Donnern und Tosen erfüllte die Luft. Als es verging und wieder Licht wurde, sahen alle die Herrin versteinert auf dem Felds stehen. Die alte Freu aber hat keiner mehr gesehen.