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Familie Stauffenberg: Hitlers Rache

Ursula Brekle

Nina Schenk Gräfin von Stauffenberg war als Ehefrau von Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der Schlüsselfigur im Widerstand gegen Hitler, von Anfang an in die Widerstandspläne ihres Mannes einbezogen. Sie bewies Mut und Stärke, obwohl sie nach der Ermordung ihres Mannes im Gefängnis und im KZ leben musste. Auch durch den Verlust von Angehö-rigen durchlebte sie eine leidvolle Zeit. Nach dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 drohte Himmler:
„Die Familie Stauffenberg wird ausgelöscht bis ins letzte Glied.“
Vor Ihnen liegt die spannungsreiche Geschichte, die beweist, dass es Himmler nicht gelungen ist, die Drohung wahrzumachen. Die jüngste Tochter von fünf Geschwistern Konstanze wurde noch während der mütterlichen Haft geboren. Sie berichtete vom 90. Geburtstag ihrer Mutter Nina, auf dem über 40 Nachkommen zusammengekommen waren. Die Nationalsozialisten haben trotz Hinrichtungen und perfider Sippenhaft nicht gewonnen.

Täglich zwei Stunden Bach singen – die Thomaner

Täglich zwei Stunden Bach singen – die Thomaner

Dipl.-Päd. Ursula Brekle

Johann Sebastian Bach Bild: Wikipedia gemeinfrei
Johann Sebastian Bach Bild: Wikipedia gemeinfrei

„Man kann nirgends mehr über Musik lernen, als wenn man täglich zwei Stunden Bach singt." Es verlangt den 9 - 18-jährigen Chorknaben Konzentration und Disziplin ab. Das sagt einer, der es wissen muss: Sebastian Krumbiegel, Thomaner von 1976-1985, der „durchgeknallte Ossi mit den bunten Haaren", Gründungsmitglied der Popgruppe „Die Prinzen", die singend die Popcharts stürmten. Krumbiegel schaffte es, als 19-jähriger immerhin wenige Wochen vor den Sommerferien aus disziplinarischen Gründen aus dem Chor ausgeschlossen zu werden. „Ich war tatsächlich ein Störenfried"(1), bekennt er heute.

In einem Dokumentarfilm über die Thomaner, oder wie sie sich selbst nennen Thomasser, gibt es jedes mal bei der gleichen Szene Lacher: Es fragt ein junger Thomasser, vielleicht etwas naiv, was denn gleichaltrige Jungen mit ihrer vielen Freizeit machen. Tatsächlich ist beeindruckend, wie straff der Alltag organisiert werden muss, damit musikalische Höchstleistungen erzielt werden können. Im Viertelstundentakt wird geplant und strenge Arbeitszeit wechselt mit Proben. Auch die Zeit fürs Essen ist mit 15 Minuten limitiert. Das in Jahrhunderten entstandene System der Selbsterziehung hat sich offenbar bewährt, wobei in einem ausgeklügelten System von Ämtern die Älteren sich um die Jüngeren kümmern und sogar Strafen aussprechen können.

Die Urkunde, die Otto der IV. unterzeichnete Bild: Wikipedia gemeinfrei
Die Urkunde, die Otto der IV. unterzeichnete Bild: Wikipedia gemeinfrei

Zur Geschichte der Thomaner

Begonnen hat es im Jahre 1212, als Augustinerchorherren in Leipzig eine klösterliche Gemeinschaft gründeten. Der Welfenkaiser Otto IV. unterzeichnete am 20. März 1212 auf dem Frankfurter Reichstag die Urkunde, die eine Schenkung genehmigte, die Markgraf Dietrich der Bedrängte, zu dessen Mark Meißen die Stadt Leipzig gehörte, an zwölf Augustinerchorherren machte. Dietrich will sich damit seinen Einfluss in der aufblühenden Stadt Leipzig sichern. Die Leipziger Bürger leisten Widerstand, müssen sich aber fügen. Es wird dauern, ehe sie die Chorknaben lieben lernen, die einmal der Stolz Leipzigs sein werden. Die Männer mit dem schwarzen Ordenskleid und dem weißen Überwurf gaben zunächst 12 Jungen Unterricht, Kost und Logis. Als Sänger machten sie den Menschen Glauben, den Gesang der Engel wahrzunehmen. Für den Chor entsteht neben der Kirche eine Schule mit „Wohnstätte". „Alumni" hießen schon damals die Chorknaben, abgeleitet von dem lateinischen Verb „alere" für „ernähren" und „erziehen". Die Trias „Thomana", ein Kunstwort, ist geboren: Kirche, Chor und Schule. Der Leitspruch „glauben, singen, lernen" hat durch Jahrhunderte geführt. Ideale, Haltung und Glaube sind das Fundament für die Wirkungsgeschichte über 800 Jahre. Sie haben damit Kriege, Hungerjahre, die Pest, Umstürze und alle Versuche ideologischer Vereinnahmung überstanden. Dazu hat es auch Kantoren gebraucht wie Günther Ramin und Hans-Joachim Rotzsch, der vieles von ihnen abhalten konnte um den Preis seiner Kontakte zur Staatssicherheit der DDR. Er hat einen hohen Preis dafür bezahlt, denn er musste 1991 sein Amt als Kantor niederlegen. (Zu Ramin vergleiche:  http://www.leipzig-lese.de/index.php?article_id=298.  Unter „Streifzüge", dann „Rundgang auf dem Südfriedhof".)

Thomaner 1953 in ihren Kieler Blusen.  Quelle :Deutsche Fotothek?
Thomaner 1953 in ihren Kieler Blusen. Quelle :Deutsche Fotothek?

Reisen ins Ausland und Gäste

1920, kurz nach dem 1. Weltkrieg, reisen die Chorknaben erstmals ins Ausland, nach Skandinavien. Ab 1948 ist der Thomanerchor wieder international viel unterwegs: Frankreich, Schweiz, Italien Südamerika, Sowjetunion, BRD und Finnland, um nur einige aufzuzählen. Kurz vor der Festwoche zum 800. Geburtstag sind die Chorknaben in ihren Kieler Blusen von einer Asientournee zurückgekehrt. Schließlich reisen zum Geburtstag Gäste mit Rang und Namen an, zum Beispiel Joachim Gauck, der frisch gewählte Bundespräsident und Stanislaw Tillich, Ministerpräsident des Freistaates Sachsen. Bereits die Musikliebhaber in Südkorea und Japan, wo Johann Sebastian Bach gleichsam wie ein Heiliger verehrt wird, feierten euphorisch den Chor unter Leitung von Georg Christoph Biller, dem 16. Kantor nach Bach. Fast nebenbei ging es dann noch ein paar Tage nach England. Die Presse reagierte in allen Ländern mit Lobeshymnen.

Es ist nicht einfach für die Jungen, zu Hause wieder auf den Boden des Alltags zurück zu finden.

Dreimal in der Woche haben die Sänger Dienst in der Thomaskirche: Freitags um 18.00 Uhr, sonnabends um 15.00 Uhr sind Motetten angesetzt, am Sonntag singen sie im 9.30 Uhr im Gottesdienst. Hinzu kommen CD - Aufnahmen und Medienauftritte.

Bachfest mit den Thomanern in St. Thomas. Foto: Bach-Archiv Leipzig, Gert Mothes
Bachfest mit den Thomanern in St. Thomas. Foto: Bach-Archiv Leipzig, Gert Mothes

Wie schaffen die Chorknaben es nur, stringent Disziplin, Perfektion und Leidenschaft zu zeigen?

Erst in den letzten Jahren ist das strenge System der Selbsterziehung kritisch hinterfragt worden. David Timm, Organist, Pianist, Dirigent, Universitätsmusikdirektor und Jazzmusiker, Thomaner von 1978-1987, sagte wie viele ehemalige Thomaner, er habe das System von Anfang an als gut erlebt. „Ich hatte zudem Stubenälteste, die sich Mühe gaben...Vielleicht waren sie für ihr Alter etwas zu ernst und zu streng, aber die Möglichkeit, Verantwortung übernehmen zu dürfen, wiegt das auf - solange die Gesamtatmosphäre stimmt." Aber er sagte auch, „es gab graue Stunden"(2). Im „Kasten", wie die Sänger ihr Domizil nennen, auf den Alters gemischten Stuben beharren sie auf diesem Prinzip, obwohl nun neun Pädagogen mitarbeiten, früher waren es nur drei. Der „Domesticus", der aktuelle Sprecher der Thomaner, der zugleich ermächtigt ist, die Verhandlungen mit künstlerischen und pädagogischen Leitern zu führen, sagt heute: „Wir Älteren haben nun einmal den besten Zugang zu den Jüngeren." Sie könnten „Heimweh" verstehen, auch andere Probleme, die man zusammen löst. Es „stellt sich ein Gemeinschaftsgefühl ein, dass die Thomaner zu dem werden lässt, was nicht wenige mit dem Wort Familie bezeichnen"(3). Martin Petzold, Thomaner von 1965-1974, der als Tenor auch international sehr bekannt wurde, merkt dazu an: „Positiv ist und bleibt, dass Eigeninitiative und Eigenverantwortung geweckt werden: Für die Vorbereitung auf das spätere Leben erhält man hier das optimale Rüstzeug...Die negativen Aspekte kann man korrigieren mithilfe guter Pädagogen...Die Jungen haben viel bessere Bildungsmöglichkeiten, weil sie heute individueller gefördert werden."(4)

David Timm „verrät" schließlich Einzelheiten zu den mysteriösen Ritualen der Stubenfeiern und er beschreibt einige. „Den Neuen wurde übel mitgespielt...zum Beispiel das „Schlüsselbeißen": Dem Kleinen wurden die Augen verbunden...Der Stubenälteste steckte dem Kleinen die zahlreichen Schlüssel seines großen Schlüsselbundes einzeln zum Ertasten in den Mund, erläuterten die Funktion, woraufhin die Schlüssel dann an der Form wiedererkannt werden mussten. Schließlich hieß es: „Jetzt kommt der größte Schlüssel- Mund weit auf!", doch stattdessen wurde ein Stück Seife hinein gesteckt."(5) Nicht alle Stubenfeiern waren nur harmlos. Die großen „Kastenfeste", vor allem der Fasching, der gründlich vorbereitet und deftig zelebriert wurde, gehören zu den Höhepunkten. In der wenigen Freizeit treiben die Jungen gern Sport oder machen gemeinsam große Ausflüge. Ihr diszipliniertes Zusammenleben, die erstklassige Ausbildung und die gewiss anstrengenden Proben und Auftritte bestimmen ihren Alttag. Erstaunlich ist, dass viele Jungen in der Schule dennoch zu den leistungsstarken Schülern zählen. Die meisten studieren nach dem Abitur. Aus dem Chor sind immer wieder berühmte Schüler hervorgegangen.
Und sie durften sich auf einen neuen „Kasten" freuen, der lange Zeit im Bau ist war. Hier leben sie, anders als in den großen Schlafsälen, wo sie 20 Jungen zusammen waren, in kleinen Zwei - Zimmer - Appartements. Die altersgemischten „Stuben", Gemeinschaftsräume für je 10 Jungen, wollen sie unbedingt erhalten.

Die Musikliebhaber in aller Welt und nicht nur die Leipziger Bürger werden begeisterte Zuhörer bleiben, die wie Friedrich Nietzsche gewiss sind:

                                     „Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum."

Lesen Sie weiter zum Thema: http://www.leipzig-lese.de/index.php?article_id=97  und http://www.leipzig-lese.de/index.php?article_id=90.

Der Bertuch Verlag dankt der Stiftung Bach-Archiv, insbesondere Frau von Sohl, für die freundliche Unterstützung und für die Nutzungsrechte des Bildes in diesem Artikel.

Weitere Informationen unter www.bach-leipzig.de  und www.bachmuseumleipzig.de.

Literatur

1. Die Zitate der „alten" Thomaner stammen sämtlich aus dem Buch von Sabine Näher „Singen zur Ehre Gottes. Thomaner erinnern sich", erschienen in der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig 2012.(1,2,4,5)

2. Veröffentlichungen der Leipziger Volkszeitung vom 20. März 2012 (3), vom 21. März 2012 und vom 22. März 2012

3. 800 Jahre Thomana - Kirche Schule Chor, Texte: TextPlus Frohmader

4. Stadtgeschichtliches Museum Leipzig

5. Bach - Archiv Leipzig

6. Leisinger, Ulrich: Bach in Leipzig - Bach und Leipzig. 2002