Sachsen Lese

Gehe zu Navigation | Seiteninhalt
www.sachsen-lese.de

Weiterempfehlen

Unser Leseangebot

Heft 2

B-Z! Das ist nett! (Teil 1)

In diesem Arbeitsheft werden alle Konsonanten eingeführt, die sich beim Sprechen gut dehnen lassen. Dazu kommen noch einige Vokale (Zwie- und Umlaute).

Napoleon  in Lindenhayn

Napoleon in Lindenhayn

Friedemann Steiger

Porträt von Napoleon. Gemälde von Jacques-Louis David (1748–1825).
Porträt von Napoleon. Gemälde von Jacques-Louis David (1748–1825).

Es war Sonntag, der 10. Oktober 1813. Der Ort Lindenhayn hatte schon viele durchziehende Truppen und manche Einquartierung erdulden müssen.. Trotzdem hatte Pfarrer Magister Härtel sein Amt in vorgeschriebener Weise ausgeübt und Gottesdienst gehalten. Der Nachmittag verlief ruhig. Mit Einbruch der Nacht aber geschah etwas, woran der Pfarrer noch lange denken musste. Ganz überraschend erschienen auf seinem Gehöft einige Reiter. Alle waren in schwere Mäntel gehüllt. Sie sprangen von den Pferden und kamen schnell ins Pfarrhaus. Soldaten brachten die Pferde in die Ställe. Die höheren Soldaten verlangten ein besonderes Zimmer, in dem sie Verhandlungen führen könnten.

Magister Härtel führte sie selbst, einen brennenden Leuchter in der Hand, zu einem großen nach Nordost gelegenen Zimmer und ließ sie dort allein. Zuvor hatten sie noch mehr Kerzen verlangt. „Es kämen auch noch andere Besucher", hieß es. Die ließen nicht lange auf sich warten. Die Ersten waren von Düben her gekommen. Die Nächsten kamen von Leipzig. So erfuhr es Pfarrer Härtel von einem Reitknecht. Es war das alles sehr geheimnisvoll. Aufgeregt saßen die Bewohner des Hauses darunter in ihrem Zimmer. Es ging oben unruhig zu. Aber zu verstehen war nichts.

Auf einmal kam ein Herr in der reichen Uniform sächsischer Hofbeamter, den Galanteriedegen an der Seite, die Treppe herab und bat den Pfarrer mit freundlichen Worten hinauf zu der geheimnisvollen Versammlung. Er solle dort Auskunft geben über die umliegenden Ortschaften und über die in der Gegend zu Truppenbewegungen geeigneten Straßen.

Der alte Magister folgte der Aufforderung. Er sah sich oben im Dachgeschoss einem nicht sehr großen Mann von gedrungener Figur in mittleren Jahren gegenüber. Er trug einen grünen Waffenrock, eine weiße Weste und weiße Reithosen. Seine Gesichtszüge waren ausdrucksvoll, aber farblos. Seine Nase trat stark hervor. Die anderen Männer standen etwas zurück.

Pfarrer Härtel war sehr aufgeregt. Keine Zweifel, vor ihm stand der allmächtige Herrscher Napoleon. Auf dem Tisch vor sich hatte er eine Karte ausgebreitet. Er fuhr auskunftsheischend mit dem Finger auf der Karte herum. Pfarrer Härtel überkam eine große Ehrfurcht vor diesem gewaltigen Menschen. Er konnte nicht viel sprechen. Er war froh, als er das Zimmer wieder verlassen konnte.

Der Kriegsrat oben im Pfarrhaus zu Lindenhayn dauerte bis gegen Mitternacht. Dann verließen alle Beteiligten fast geräuschlos den Ort ihrer geheimen Zusammenkunft. Sie sprengten in verschiedene Richtungen in die Nacht hinaus.

Der Kleine aber, im grünen Waffenrock, blieb zurück. Er ließ sich ein Bett in dem großen Zimmer, in dem die Beratung stattgefunden hatte, aufschlagen und begab sich zur Ruhe. Ein als Mameluk gekleideter riesengroßer Mensch legte sich, in Decken gehüllt, vor seine Tür und erwartete wie ein treuer Hund den anbrechenden Morgen.

Sobald der Tag heraufgekommen war, brachen die wenigen Begleiter mit dem Herrscher nach Düben auf. Die fürsorgliche Pfarrfrau hatte noch einen Kaffee gekocht. Aber der wurde kaum beachtet. In jeder der drei folgenden Nächte soll sich diese denkwürdige Zusammenkunft wiederholt haben. Jedes Mal blieb der große Soldatenkönig anschließend über Nacht im Pfarrhaus zu Lindenhayn. Der Nachfolger von Magister Härtel, der Pfarrer Pornitz, hat alles aufgeschrieben. Man erzählt sich, dass Napoleon sich in Lindenhayn mit seinem Schwager Murat getroffen hat, um Kriegsrat zu halten. Die drei folgenden Nächte aber verbrachte er bewiesenermaßen in der Burg zu Düben.

Aus: Sagenhafte Geschichte, hrg. von Friedemann Steiger.