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Von Epitaphen, einer fragwürdigen Ehe und sich wandelndem Recht

Von Epitaphen, einer fragwürdigen Ehe und sich wandelndem Recht

Hans-Joachim Böttcher

Die Kirche in Schnaditz.
Die Kirche in Schnaditz.

Fasziniert steht man beim Besuch von alten Kirchen immer wieder einmal vor großen steinernen Epitaphen, mit teilplastisch dargestellten Männern, Frauen und gelegentlich Kindern. Zu den wenigen sakralen Bauten mit derartigen Erinnerungsmalen gehört die kleine, jedoch bedeutsame Dorfkirche von Schnaditz, einem Ortsteil der nordsächsischen Stadt Bad Düben. Staunend kann man hier immerhin 13 kunsthistorisch sehr bedeutende Epitaphe bewundern und schon vor Jahrhunderte Dahingeschiedenen gegenüber treten.

Das Leben der dargestellten Personen ist in der Regel der Vergessenheit anheimgefallen. Nur in seltenen Einzelfällen lässt sich über diese, wenn sie im Leben von sich reden machten, in Archiven mehr erfahren. Und das ist gerade bei mehreren der in Schnaditz geehrten Männern und Frauen der seltene Fall.

Zu den hier Dargestellten gehören Gunther sowie Sophia von Zaschnitz, geborene von Pock. Dieses Paar war offenbar sehr streitsüchtig und darum in vielerlei Konflikte verwickelt. So verursachten sie bekannter Maßen 1532 mit einem Pferderaub an dem Händler Hans Kohlhaase eine blutige Fehde. Von Heinrich von Kleist wurden diese Ereignisse später historisch relativ frei in seiner Novelle „Michael Kohlhaas" verarbeitet, die in die Weltliteratur einging. Darauf basierend entstand nicht nur eine sehr umfangreiche Literatur, sondern auch die Genres Schauspiel, Oper, Film, Malerei und Bildhauerei verarbeiteten das Kohlhaase-Thema immer wieder künstlerisch. Da sehr bekannt, soll hier auf dieses Ehepaar jedoch nicht weiter eingegangen werden.

Balthasar von Zaschnitz
Balthasar von Zaschnitz

Für zwei ihrer Söhne, Anselm sowie Balthasar, stehen in Schnaditz ebenfalls Epitaphe. Insbesondere letzterer stand seinen Eltern mit einem sehr rechthaberischen Verhalten, man kann es natürlich auch als streitsüchtig betrachten, nicht nach. Sein sehr gut dokumentierter Konflikt wirft ebenfalls ein interessantes Bild auf die Rechtsverhältnisse der damaligen Zeit und soll darum hier kurz dargestellt werden.

Als Erbe des Schnaditzer Besitzes lassen sich die beiden Brüder erstmals 1542 nachweisen. Das erfolgte im staatlichen Lehenbuch mit dem Eintrag: „Balthasar und Anselm von Zaschnitz, Gebrüder, werden mit allen Gütern belehnt, die ihr sel. Vater Gunther von Zaschnitz zu Lehen empfangen hatte". 1554 kam es zwischen den Brüdern zu einer fragwürdigen Teilung des Besitzes, die mehr oder weniger nur theoretischer Art gewesen sein kann. Denn bei einer praktischen Realisierung wäre das Rittergut überhaupt nicht mehr zu betreiben gewesen. Durch Eintrag in das Lehenbuch wurde dieser Akt jedoch durch den Kurfürsten anerkannt.

Die Ursache dieser Teilung dürfte mit ziemlicher Sicherheit ein sich anbahnender Rechtskonflikt gewesen sein. Dieser entstand durch die um 1554 geschlossene Ehe von Balthasar mit Elisabeth von Ebeleben, verwitwete von Pock. In erster Ehe war sie mit Heinrich von Pock, einem Bruder seiner Mutter Sophia verehelicht gewesen. Dadurch war sie also eine angeheiratete Tante des Balthasar. Wenngleich das Paar offenbar einen Pfarrer gefunden hatte der sie traute, war ihre Ehe nach kirchlichem Recht nicht zulässig.

Elisabeth von Zaschnitz
Elisabeth von Zaschnitz

Obwohl Elisabeth sicher älter als Balthasar war, muss beider Liebe zueinander entweder sehr groß gewesen sein, oder alle zwei waren einfach mehr als stur. Denn sie hielten an der Ehe fest und nahmen in Kauf, dass sie vom sächsischen Kurfürsten August des Landes verwiesen wurden. Das Paar ging nach Brandenburg, wo Anselm von Zaschnitz eine angesehene Stellung einnahm. Daneben betrieb er, da ihm sein Amt und der Schnaditzer Besitz vermutlich kein großes Einkommen bescherte, umfangreiche Darlehensgeschäfte. Daran beteiligte sich sodann auch Balthasar. Die beiden Brüder verfügten selbst über wenig Kapital. Darum liehen sie zinsgünstig von Personen Geld, denen wohl auf Grund ihres fragwürdigen Rufes selbst ein Verleih im größeren Stil nicht möglich war. Dieses Geld verborgten dann die Zaschnitze zu höheren Zinssätzen weiter. Daneben betrieben sie noch andere schwer durchschaubare Finanzaktionen. Das Betreiben von derartigen Geschäften war zu jener Zeit für Adelige sehr ungewöhnlich. Die Zaschnitz-Brüder werden sich jedoch offenbar nicht viel aus der Meinung ihrer Standesgenossen gemacht haben. Sie führten ihre Geschäfte sehr erfolgreich und unbeirrt, denn Geld stinkt bekanntlich nicht.  

Schon von Anfang an bemühten sich Balthasar und Elisabeth von Zaschnitz um die offizielle Anerkennung ihrer Ehe. Durch die Fürsprache mächtiger Mittelsmänner gelang es ihnen langsam, den in kirchlichen Rechtsfragen maßgeblichen Philipp Melanchthon, der einer der engsten Mitstreiter Martin Luthers war, auf ihre Seite zu ziehen. Aber auch persönlich verfügte die Zaschnitz-Familie offenbar über gute Beziehungen zu den Wittenberger Reformatoren. Denn schließlich war die Ehe von Anselm mit Margarethe von Spiegel durch Luther getraut worden. So kam es, dass Melanchthon sich zunehmend willig zeigte den Konflikt zu Gunsten von Elisabeth und Balthasar zu lösen und sich beim sächsischen Hofe für sie einsetzte. Von großem Interesse sind in diesem Zusammenhang Melanchthons Briefe an Balthasar von Zaschnitz vom 12. Dezember 1556, ein Schreiben mit Bedenken Melanchthons vom 20. April 1557, ein undatierter Brief mit Bedenken von 1557/58 und ein Brief Melanchthons vom 19. Dezember 1558 an Elisabeth von Zaschnitz.

Anselm von Zaschnitz.
Anselm von Zaschnitz.

 1559 übertrug man Balthasar eine Stelle als erzbischöflicher magdeburgischer Hofrat in Halle. Leicht muss er es dort nicht gehabt haben, denn die dortige Geistlichkeit versuchte ihn wegen seiner unrechtmäßigen Ehe mit allen Mitteln zu vertreiben. So richteten diese an die Räte des Erzbischofes von Magdeburg am 1. März 1559 eine Petition, um die Ablösung Balthasars zu erreichen. Im gleichen Jahr schrieb dieser in einem Gesuch an den Kurfürsten von Sachsen: „... euer churfürstlichenn gnadenn wissenn, welcher gestalt ich mich mit her Heinrich vonn Pocks, der meynner mutter bruder gewesen, nachgelassene wittwen voreheligett und dadurch bey E. Churfl. g. in grosse ungenade gediegen, welches mir zum hochstenn beschwerlich ..."

Melanchthon richtete am 19. Juni 1559 wegen des Konfliktes ein Schreiben an Balthasars Bruder, Anselm von Zaschnitz. Am 10. Juli 1559 gaben dann der Erzbischof von Magdeburg sowie der Markgraf Johann von Brandenburg, die massiv die Zaschnitze unterstützten, den Hallensern eine schriftliche Erklärung ab. Darin erklärten sie, dass der Kurfürst von Sachsen die Landesverweisung aufgehoben und ein Wittenberger Gutachten zur Frage des Ehedispenses angefordert habe. Die Unterstützung des Markgrafen war eindeutig nicht ganz uneigennützig. Denn wie noch ein viel späterer Eintrag in den Kurmärkischen Ständeakten mit Datum vom 15. September 1568 zeigt, hatte auch der Markgraf bei den Zaschnitzen einen großen Kredit aufgenommen. Von ihm nicht zurückgezahlt, mussten noch Balthasars Erben ihre Forderungen an den Sohn Johanns II., den Markgrafen Johann Georg, geltend machen.

Das Schloss von Schnaditz.
Das Schloss von Schnaditz.

Der Konflikt um die Anerkennung der Ehe war jedenfalls schon in eine ganz neue Phase getreten, als Melanchthon am 2. Februar 1560 einen Brief „Der Edlen und Thugentsamen frawen Elisabeth geborne vonn Ebenleben, des Edlen und Ehrenvesten Balthasar von Zaschnitz eheligen hausfraw zu handenn" sandte. Das Wittenberger Gutachten, das nach Inhalt und Stil zu urteilen sehr wahrscheinlich von Melanchthon selbst verfasst wurde und vermutlich zwischen dem 19. Juni 1559 und dem 19. April 1560 entstand, brachte letztlich die Anerkennung der Ehe.

Lange konnte sich Balthasar seines Erfolges nicht erfreuen; er verstarb offenbar relativ jung am 10. Juli 1566. Seine beiden hinterlassenen Söhne, Gunther Apel und Anselm Dietrich, waren damals noch minderjährig. Erst am 2. September 1590 verschied Elisabeth von Zaschnitz und wurde wie ihr Mann in Schnaditz beigesetzt.

Seine letzte Ruhe fand hier in der Kirche ebenfalls Balthasars Bruder Anselm. Dessen Frau Margaretha geborene von Spiegel, zuletzt bei einer Tochter in Göda lebend, fand dort ihre letzte Ruhestätte. Von besonderer Tragik ist das Schicksal ihrer Tochter Sophia, verehelichte von Taubenheim, die im Rahmen einer Intrige der Hexerei angeklagt und 1585 in Dresden öffentlich geköpft wurde. Aber das ist eine andere Geschichte.

Die Ruine des Schlosses Schnaditz, gemalt von Volker  Pohlenz.
Bildnachweis: Alle Fotos sind von Hans-Joachim Böttcher aufgenommen und für diesen Artikel zur Verfügung gestellt worden.