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Die Sage vom Krabat in der Mühle vom Schwarzkolm ist aus dem Sagenbuch "Erbsensoldaten" entnommen.
Zu bestellen:
ttp://bertuch-verlag.de/353-0-Erbsenhsoldaten.html

Die Mühle in Schwarzkollm

Die Mühle in Schwarzkollm

Florian Russi

Krabat war ein Waisenkind. Seine Eltern waren früh verstorben und so wurde er von seinen Großeltern aufgezogen. Die halfen ihm, wo immer sie konnten. Allerdings waren sie keine reichen Leute und so war der Großvater sehr froh darüber, dass der Müller in Schwarzkollm bereit war, Krabat in die Lehre zu nehmen.

Zwar galt der Müller als mürrisch und man munkelte, er würde schwarze Magie betreiben, aber die jungen Männer, die er ausbildete, wurden alle zu tüchtigen Müllergesellen. Außerdem gab es in der Mühle für die Lehrlinge gut und ausreichend zu essen.

In der damaligen Zeit, in der man von Hoyerswerda nach Hamburg mit der Kutsche acht Tage brauchte und die Ernte und das ganze Leben viel mehr als heute vom Wetter abhängig waren, konnte es auch nicht schaden, ein bisschen zaubern zu können.

Der Schwarze Müller oder Meister, wie der Müller von Schwarzkollm auch genannt wurde, erkannte sehr bald, dass Krabat ein besonders kluger und lernbegieriger junger Mann war. Das machte ihn zugleich misstrauisch. Er wollte nicht, dass Krabat zu viel von seinen Zauberkünsten lernen könnte. „Zaubern", so sagte er zu seinen Lehrlingen, „wollen wir nur, damit unsere Arbeit gut vorangeht. Es reicht aus, dass ich sehr  viel und ihr ein wenig von der Zauberkunst versteht. Wenn alle Menschen zaubern könnten, würde es in der Welt drunter und drüber gehen. Irgendwann einmal werde ich das Zauberbuch, das ich von meinem alten Meister geschenkt bekommen habe, an einen von euch vererben. So weit aber ist es noch lange nicht."

Alte Mühle. Gemälde von David Lorenz (1856–1907) via Wikimedia Commons.
Alte Mühle. Gemälde von David Lorenz (1856–1907) via Wikimedia Commons.

Hin und wieder bekam der Schwarze Müller Besuch von einem alten, ?nster dreinblickenden Mann. Die Lehrlinge raunten, dieser Mann sei der Teufel, mit dem ihr Meister einen geheimen Pakt geschlossen hätte. Tatsächlich sah der alte Mann so aus, wie man sich den Teufel Vorstellen konnte. Er hatte ein von Pockennarben übersätes, zerfurchtes Gesicht, Wulstige Lippen und eine kantig gebogene Nase. Einige behaupteten sogar, sie hätten das Ende eines Schwanzes, ähnlich dem einer Kuh, aus seinem Hosenbein hervorgucken sehen.

Wenn der alte Mann zu Besuch kam, schloss sich der Müller mit ihm in der großen Wohnstube ein, in der fast immer ein Kaminfeuer brannte. Dann bestimmte er einen der Lehrlinge oder Gesellen, der als einziger die Stube betreten und die beiden Männer bedienen durfte. Meistens war es ein und derselbe Geselle, dem diese Aufgabe übertragen wurde. Der Schwarze Müller legte großen Wert darauf, dass die Wünsche seines Gastes genauestens befolgt wurden. Es ging das Gerücht, dass er dem „Alten", wie die Lehrlinge ihn nannten, ab und zu auch einen von ihnen mitgab, verkaufte oder versklavte. Jedenfalls waren in den vergangenen Jahren zwei von ihnen irgendwann von einem Tag auf den anderen ohne Abschied verschwunden.

Keiner der zurückgebliebenen Lehrlinge und Gesellen wusste, wohin sie gegangen waren. Der Meister schwieg darüber, und im Dorf hatte niemand mehr etwas von den beiden gehört. So lebten die jungen Burschen immer auch in Angst. Wenn der Alte zu Besuch kam, herrschte in der Mühle eine gedrückte Stimmung.

Unter den Müllerburschen war Krabat der einzige, der Schreiben und Rechnen gelernt hatte. Deshalb ?el ihm auch die Aufgabe zu, Buch darüber zu führen, wenn die Bauern mit ihren Pferdegespannen an der Mühle vorfuhren, um Getreide abzuliefern und später das gemahlene Mehl abzuholen. Oft kam es dabei zum Streit, weil die Bauern immer wieder der Meinung waren, die Menge des Mehls, das sie erhielten, entspräche nicht dem des von ihnen abgelieferten Korns. Dann fluchten sie sehr deftig und unterstellten, dass der Schwarze Müller sich heimlich etwas von ihrem Mehl abgezweigt hätte. Umso wichtiger waren das Abwiegen und die genaue Buchführung. Krabat wurde bald darin ein Meister. Sowohl die Bauern als auch der Müller vertrauten ihm.

Die Lausitz ist ein fruchtbares Gebiet und es wachsen dort in großen Mengen Getreide, Rüben und Früchte. Doch es kam ein Jahr, in dem es zu Beginn so heftig regnete, dass alle Felder überschwemmt wurden. Danach brach eine Kältewelle in das Land ein und ließ alles Saatgut erfrieren. Die Kälte wurde dann durch eine Hitzewelle abgelöst, in der die Sonne das meiste, was noch auf den Feldern wuchs, erbarmungslos verbrannte und verdorren ließ.

Krabats Großvater fuhr mit einem Planwagen‚ der nicht einmal zu einem Viertel mit Korn beladen war, an der Mühle vor. Er hatte Tränen in den Augen und klagte, die Ernte aller Bauern reiche nicht aus, um ihre Familien zu ernähren. In der Lausitz drohe eine große Hungersnot. Da ging Krabat zum Schwarzen Meister und fragte ihn, ob er nicht mit seiner Zauberkunst der Not abhelfen könne.

Doch der Meister blieb stur. „Wenn ich damit anfange, Mehl herbeizuzaubern, werden die Bauern das zukünftig in jedem Jahr von mir erwarten. Ich kenne sie. Sie sind undankbar. Hungersnöte gehören zum Schicksal der Menschen. Daran werde ich nichts ändern." Krabat aber hatte Mitleid mit den Bauern. Wenn sie mit ihren geringen Lasten vorfuhren, trug er dreist die vierfache der von ihm gewogenen Menge in seine Listen ein.

Wenige Tage später erwartete der Meister wieder Besuch des Alten. Während er aufgeregt hin und her lief, zeigte ihm Krabat seine Listen und sagte, wegen der sommerlichen Hitze sei der Mühlbach ausgetrocknet und das Mühlrad still gestanden. Die Bauern erwarteten aber ungeduldig, dass sie ihr Mehl abholen könnten. Da antwortete ihm der Meister ohne zu überlegen: „Gib ihnen ihr Mehl. Ich werde zaubern, dass genug davon da ist."

So kam es, dass alle Bauern viermal mehr Mehl erhielten, als aus ihrem Korn gemahlen werden konnte. Krabat bat sie, nichts davon zu erzählen, doch einige hielten sich nicht daran und plauderten unüberlegt vor anderen über die wunderbare Mehlvermehrung.

So kam die Geschichte bald auch dem Meister zu Ohren. Wütend ließ er sich von Krabat die von ihm geführten Listen zeigen. Dann griff er nach einer Peitsche und schlug auf ihn ein. „Nur Weil du als einziger schreiben kannst und ich mich deinem Großvater verpflichtet fühle, werde ich dich nicht davonjagen", sagte er. Dann schickte er ihn, weil es später Abend geworden war, zum Schlafen. Mit seiner Zauberkunst sorgte er dafür, dass Krabat die ganze Nacht über keine Ruhe fand, weil er von Schreckensbildern und krächzenden Tönen, die in seinen Ohren klangen, entsetzlich gepeinigt wurde. Seine Stubenkameraden merkten, wie er litt, konnten ihm aber nicht helfen.
 

Krabat aber, der seinem Großvater versprochen hatte, dem Meister gegenüber immer folgsam zu sein, wollte das auch weiterhin tun. Doch die Demütigung durch die Prügel konnte er ihm nicht verzeihen.