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Sesenheimer Liebeslyrik

Florian Russi

Während seines Studiums in Straßburg lernte Johann Wolfgang von Goethe die Sesenheimer Pfarrerstochter Friederike Brion kennen. Die beiden verliebten sich ineinander und Goethe wurde durch Friederike zu wundervollen Gedichten angeregt.

Einige von ihnen (Heideröslein, Mailied, Willkommen und Abschied u. a.) zählen zu seinen besten und beliebtesten überhaupt. In diesem Heft sind sie vorgestellt und mit Bildern und Erläuterungen angereichert.

Der Silberbecher der Fürstenschule zu Grimma

Der Silberbecher der Fürstenschule zu Grimma

Dr. Jürgen Friedel

Fürstenschule St. Augustin, das Collegium Moldanum; 17. Jh.
Fürstenschule St. Augustin, das Collegium Moldanum; 17. Jh.

Zwischen dem Augustinerkloster und dem durch die Flucht der Katharina von Bora (danach bald Luthers Frau) berühmt gewordenen Nonnenkloster zu Nimbschen hat in früheren Zeiten ein unterirdischer Gang unter der Mulde hindurch bestanden, so erzählt man sich. Die Mündung eines alten Kellers im Klostergarten zu Nimbschen sei der Ausgang gewesen. Im Augustinerkloster war der Eingang im Kreuzgang.

Einige Jahre nach der Umgestaltung des alten Klosters in eine gelehrte Schule hinterbrachte man dem Rektor, dass aus dem damals noch allgemein bekannten Gange, der aber fest verschlossen war, in der Nacht zuweilen Stimmengewirr und Gesang vernehmbar sei. Der Rektor war ein kluger Mann und wollte Klarheit. Deshalb versammelte er die stärksten und mutigsten seiner Primaner um sich, damals bärtige Männer so um die 25 Jahre alt‚ gab ihnen scharfe Schwerter und Fackeln und stieg mit ihnen in den geöffneten Gang hinab. Dieser wand sich in Krümmungen durchs Gestein. Als man wieder um eine solche Ecke kam, die Fackeln in der stickigen Luft nur schwach noch brannten, trat ihnen auf einmal ein eisgrau und schwarz gekleideter Mönch entgegen und fragte sie, was sie hier wollen. "Wir wollen den Gang untersuchen, der uns nicht geheuer ist." "Kehret lieber um, das ist besser für euch", lautete seine Warnung, ehe er so schnell verschwand, wie er gekommen war.

Singende Mönche; Freskenzyklus in der Kapelle San Francesco in Assisi.
Singende Mönche; Freskenzyklus in der Kapelle San Francesco in Assisi.

Diese Begegnung wiederholte sich bei der nächsten Krümmung. Die neugierigen Forscher ließen sich jedoch dadurch nicht schrecken und gingen immer weiter in den Gang hinein, obwohl ihre Fackeln fast zu verlöschen drohten. Da erblickten sie vor sich plötzlich eine Tafel, auf der große Wachskerzen standen und ihr Licht auf schwarzverhüllte Gestalten mit Totengesichtern warfen, die um die Tafel saßen. Eine von ihnen erhob sich. Es schien ein alter Prior zu sein. Er sprach: "Kehret augenblicklich um und laßt die Toten ruhn. Ihr seid sonst selbst des Todes. Zum Andenken aber an uns, die wir früher in euren Mauern herrschten, nehmt hier diesen silbernen Becher und versprecht‚ uns künftig in Ruhe zu lassen."

Nach diesen Worten verschwand er und mit ihm die Tafel und ihre Beisitzer. Die Fackeln verlöschten. Die Wände des Ganges vor den Schülern brachen zusammen. Vom Schrecken getrieben wandten sie sich um und strebten bebend zurück dem Eingangs zu.

Als man nach vielen Jahren den Gang erneut betreten wollte, stellte man fest, daß er bis fast an den Eingang verschüttet war.

Jener silberne Kelch, der vergoldet war und die Jahreszahl 1519 trug, wurde noch im vorigen Jahrhundert verwendet, wenn den Fürstenschülern das Abendmahl ausgespendet wurde. Wegen seiner sagenhaften Herkunft nannte man ihn nur den Mönchskelch.