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Dunkle Wünsche

Dunkle Wünsche

Ingrid Annel

Alte Hütte
Alte Hütte

In Guttau, hinter dem steinernen Wehr, stand eine armselige Hütte. Darin lebten zwei Witwen gemeinsam, die eine hatte noch ihren Sohn bei sich. Oft kam der Wassermann zu Besuch, der mit den beiden Frauen Freundschaft geschlossen hatte. Und nie stand er mit leeren Händen vor der Tür. Mal brachte er einen Karpfen mit, mal ein paar Krebse. Die wurden gekocht und gemeinsam verspeist. Dann vertrieben sich die vier mit allerlei Unterhaltung den Abend.

Doch zuweilen erzählte der Wassermann düstere Geschichten, die die Witwen ängstigten und dem Jungen die Haare zu Berge stehen ließen. Und zunehmend flocht er in seine Reden dunkle Formulierungen ein, die keiner der drei zu deuten wusste. Eines Abends war Schluss mit freundlichem Geplauder, da brach es aus dem Wassermann heraus: „lch bringe euch seit langer Zeit Fische und Krebse zum Geschenk. Es wäre an der Zeit, dass auch ihr euch erkenntlich zeigt und mir etwas schenkt."

Die beiden Frauen sahen einander ratlos an und sagten: „Lieber Wassermann, was sollten wir dir schenken? Wir sind arm und besitzen nicht mehr als das Schwarze unterm Fingernagel. Wir haben nichts, was wir entbehren könnten." Der Wassermann richtete seinen Blick auf den Jungen und knurrte: „Ihr habt eine Seele!" Dann verschwand er ohne ein weiteres Wort.

Der Wassermann. Ausschnitt aus dem Gemälde von Arnold Böcklin (1827–1901).
Der Wassermann. Ausschnitt aus dem Gemälde von Arnold Böcklin (1827–1901).

Die drei erstarrten vor Angst. Und als am nächsten Abend der Wassermann an die Tür der kleinen Hütte klopfte, öffneten sie nicht, sondern stemmten sich gemeinsam dagegen. Auch an den folgenden Abenden ließen sie den Wassermann nicht herein.

Der Wassermann wurde noch wütender und rief: „Fische bekommt ihr nun keine mehr von mir, dafür Wünsche ich euch alles Unheil dieser Welt an den Hals." Damit verschwand er im Wasser und tauchte nie wieder bei den beiden Frauen auf.

Eines Tages lief der Junge hinaus zum Wasser und fand auf dem Steg einen Kamm. Der gehörte dem Wassermann. Wenn er das Wasser verließ, so kämmte er sich damit die Wasserflöhe und anderes kleines Getier aus den grünen Haaren. Der Junge, der das nicht wusste, griff nach dem Kamm, um ihn mit nach Hause zu nehmen. Da tauchte der Wassermann aus den Wellen empor und rief: „Junge, komm zurück. Das ist mein Kamm. Gib ihn mir, und ich will dich belohnen." „Deinen Lohn kennt man schon", rief der Junge dem Wassermann zu und rannte um sein Leben, zurück zur kleinen Hütte hinter dem steinernen Wehr.

Bildnachweis: Alle Bilder stammen aus Wikimedia Commons, sie sind gemeinfrei.