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Die berühmte sächsische Schafzucht

Die berühmte sächsische Schafzucht

Doz. Dr. agr. habil. Eberhard Schulze

Prinz Franz Xaver von Sachsen (1730-1806).
Prinz Franz Xaver von Sachsen (1730-1806).

Sachsen ist im Allgemeinen dafür bekannt, dass es ein hochentwickeltes Industrieland war. Es stand aber auch in der Landwirtschaft immer mit an der Spitze. Z. B. erreichte Sachsen in der Zeit von 1850 bis 1870 gemeinsam mit der Provinz Sachsen in Preußen die höchsten Gewinne je Hektar in Deutschland. Im Gut der Leipziger Ökonomischen Societät in Leipzig-Möckern entstand 1852 die zweite landwirtschaftliche Versuchsstation in der Welt nach Rothamstet (England). Sie war in der Forschung auf den Gebieten Pflanzenernährung und Düngung sowie Tierernährung zeitweilig in der Welt führend. Besonders erfolgreich war Sachsen allerdings schon vorher mit seiner weltberühmten auf Wolle ausgerichteten Schafzucht.

Nach dem für Sachsen verlustreichen Siebenjährigen Krieg (1756 - 1763) bat der regierende Administrator Prinz Franz Xaver (regierte bis 1768 für den minderjährigen Kurfürsten Friedrich August III., als König ab 1806 Friedrich August I.) den spanischen König, ihm Merinoschafe zu verkaufen, da sie sehr gute Wolltiere waren. Dieser schenkte ihm jedoch 1765 eine Herde. Sie wurde in Cadiz auf ein Schiff verladen, das sie nach Hamburg brachte. Von dort liefen sie zu Fuß nach Stolpen in die Sächsische Schweiz, wo nach nur geringen Verlusten 92 Böcke und 128 Zibben aufgestallt werden konnten.

Gemälde von B. E. Murillo:"Johannes der Täufer mit dem Lamm Gottes“, das auf Jesus hinweist, der die Sünden der Welt auf sich nimmt. Als Vorbild für das Lamm diente ein  spanisches Merinoschaf.
Gemälde von B. E. Murillo:"Johannes der Täufer mit dem Lamm Gottes“, das auf Jesus hinweist, der die Sünden der Welt auf sich nimmt. Als Vorbild für das Lamm diente ein spanisches Merinoschaf.
Der regierende Administrator Prinz Franz Xaver verfügte, dass die Merinos rein weiter zu züchten und dafür nicht benötigte Böcke zur Veredlung der sächsischen Landschafe zu nutzen sind. 1778 kaufte Sachsen nochmals 100 Böcke und 176 Zibben, die wiederum nach Stolpen gebracht wurden, während die erste Herde über Hohnstein nach Lohmen kam. Aus der Kreuzung der bereits sehr feinwolligen Schafe (nicht alle spanischen Merinos hatten so feine Wolle wie die nach Sachsen gelieferten) aus beiden Herden und die Zucht auf weitere Wollfeinheit ging ein Wolle hervor, die die Engländer Elektoral-Wolle (kurfürstliche Wolle) nannten, woraus die Bezeichnung Elektoral-Schaf (kurfürstliches Schaf) abgeleitet wurde. Die Wolle erzielte herausragende Preise, da sie ausgezeichnet für feine Tuche, Schals usw. geeignet war. In den „Anzeigen der Leipziger Ökonomischen Societät" wird 1787 über das Erlös-Kosten-Verhältnis in einer kurfürstlichen Schäferei berichtet, das im Jahr 9500 : 2500 Taler betrug. Ein Taler Kosten brachte damit fast den vierfachen Erlös! Weitere kurfürstliche Schäfereien wurden eingerichtet, darunter in Rennersdorf bei Dresden (eingemeindet 1950). Außerdem entstanden hervorragende Privatschäfereien in Maxen im Müglitztal, Klipphausen bei Wilsdruff und Rochsburg an der Mulde. Um 1800 werden weiterhin die Privatherden in Ehrenberg, Dahlen,Tscheplin und Schön-Wölcke (heute Schönwölkau) als vorzüglich bezeichnet. Die sächsischen Schäfereien waren die besten Europas.
Während der napoleonischen Kriege litt die königliche Schafzucht sehr stark. König Friedrich August I. kaufte deshalb 1815 im italienischen Piemont 200 aus Spanien stammende Schafe, die er mit guten noch vorhandenen Elektoral-Müttern kreuzen ließ, um die Qualität der Zucht wieder zu verbessern, was auch gelang. 1824 kostete ein Zentner beste Wolle (so genannte Super-Elekta-Wolle, je Schaf etwa 1,5 Pfund) 293 bis 330 Taler (zum Vergleich: In einer Publikation werden später Unterhaltskosten für eine Familie mit vier Kindern mit 130 Talern/Jahr angegeben). Der Preis war im Vergleich zur spanischen Wolle inzwischen dreimal höher. Die Preise für hervorragende Zuchttiere stiegen deshalb enorm an. In Sachsen war es üblich, einen Bock zu 3 Friedrichsd'or und ein Muttertier zu 1 Friedrichsd'or (Goldmünze Friedrichs des Großen) zu verkaufen. Bei Versteigerungen wurden vorher niemals für mögliche gehaltene Preise für hervorragende Böcke erzielt. Als beste Herde wird in dieser Zeit diejenige des Grafen Schönburg in Rochsburg bezeichnet. Weitere ausgezeichnete Herden waren die Staatsherden in Stolpen, Lohmen und Pillnitz sowie die Privatherden in Klipphausen und Machern (östlich von Leipzig). Später kamen die Herden der Betriebe Gadegast in Thal bei Oschatz, Steiger aus Leutewitz bei Dresden (1921 eingemeindet) und Speck von Sternburg in Lütschena bei Leipzig (1999 eingemeindet) hinzu. Die führenden sächsischen Schäfereien lieferten Zuchtschafe außer in die umliegenden deutschen und anderen Länder nach Amerika, Russland und Australien. In Australien gibt es heute noch die Rasse „Saxon Merino".
Elektoralschaf
Elektoralschaf

Das Elektoralschaf war klein und auf Feinwolle gezüchtet, was zu gewissen Schwächen in der Konstitution führte. Es gab deshalb schon frühzeitig vielfältige Bemühungen, sowohl die Schafe als auch die Hautoberfläche durch Faltenbildung zu vergrößern, wozu die genannten Herdenbesitzer beitrugen. Besondere Verdienste für diese Zuchtrichtung erwarb sich neben anderen in Preußen Albrecht Daniel Thaer, der durch Vereinigung der Wollfeinheit des Elektoralschafs mit der Beschaffenheit des ebenfalls aus Spanien stammenden und vorwiegend in Österreich gezüchteten größeren und kräftigeren Negretti-Merinos unter Einkreuzung von französischen und spanischen Schafen ein Schaf züchtete, das später Deutsches Edelschaf genannt wurde.

Heutige Merino-Fleischschafe.
Heutige Merino-Fleischschafe.

Etwa ab 1830 entstand insbesondere im Betrieb Gadegast das Merinotuchwollschaf, das durch Kreuzung aus dem Elektoral-, Negretti- und Deutschen Edelschaf herausgezüchtet wurde. Es war größer und schwerer als das Elektoral- und Edelschaf und trug deshalb mehr Wolle. Zur gleichen Zeit züchtete die Familie Steiger das Merinostoffwollschaf, das ebenfalls einen größeren Rahmen hatte, wobei ein französischen Rambouillet-Bock eingekreuzt worden war. Die Wolle war etwas länger als beim Merinotuchwollschaf. Vor allem in Mecklenburg und Brandenburg wurde außerdem das Merinokammwollschaf durch Einkreuzung französischer Kammwollschafe in Merinos (vor allem das Deutsche Edelschaf) gezüchtet, wo Tiere mit noch längerer Wolle und größerer Körpermasse entstanden.

In den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts begannen sich die betriebswirtschaftlichen Verhältnisse zu ändern. Die in Sachsen stark wachsende Bevölkerung verlangte mehr Rind- und Schweinefleisch, worauf die Betriebe sich einstellten. Auch bei den Schafen war nicht mehr nur die Wolle, sondern auch das Fleisch gefragt. Außerdem begannen auf Grund billiger Woll-Importe vor allem aus Australien, Neuseeland, Südafrika und Südamerika, wohin auch Sachsen wertvolle Zuchttiere verkauft hatte, die Wollpreise zu sinken. Auf Grund der klimatischen Bedingungen konnten in diesen Ländern die Tiere das ganze Jahr im Freien gehalten werden, was die Kosten senkte. All das führte schließlich nach 1870 zur Züchtung von Fleischschafen, wobei für die Zucht zunächst Tiere aus England importiert wurden, bzw. des im Zweinutzungstyp stehenden Merinofleischschafes (Wolle und Fleisch), vor allem erhalten durch die Kreuzung von Merinokammwollschafen mit französischen und englischen Rassen. Die berühmte sächsische Wollschafzucht fand deshalb leider etwa nach einem Jahrhundert ihr Ende.

In der sich vom Weltmarkt abschottenden DDR und damit auch in den sächsischen Bezirken Leipzig, Dresden und Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) wurde das Merinofleischschaf wieder verstärkt auf Wolle gezüchtet, wobei auch sehr gute Erfolge erzielt worden sind (übrigens unter Leitung des Wissenschaftsbereiches Schafzucht an der Universität Leipzig). Aber wie schon um 1870 erwies sich die ostdeutsche Wolle nach der Öffnung der Grenze und der Währungsunion 1989/90 als zu teuer, so dass die Wollproduktion und damit die Schafhaltung ebenfalls wieder einbrachen.

Bildnachweis:

Bild Elektoralschaf (vierjährige Mutter) entnommen (fotografiert) aus May, Georg: Das Schaf: seine Wolle, Rassen, Züchtung, Ernährung und Benutzung, sowie seine Krankheiten, Bd. 1, Breslau S. 1868, S. 182. 

Alle anderen Bilder sind Wikimedia Commons entnommen, sie sind gemeinfrei.