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Christoph Werner
Um ewig einst zu leben

Roman

Um 1815 zwei Männer, beide Maler - der eine in London, der andere in Dresden; der eine weltoffen, der andere düster melancholisch. Es sind J. M. William Turner und Caspar David Friedrich. Der Roman spielt mit der Verbindung beider.

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Der deutsche Genius: Agrarwissenschaft und Landwirtschaft

Der deutsche Genius: Agrarwissenschaft und Landwirtschaft

Doz. Dr. agr. habil. Eberhard Schulze

Justus von Liebig  (1803-1873). Foto von 1873.
Justus von Liebig (1803-1873). Foto von 1873.

Der Engländer Peter Watson publizierte 2010 sein Buch „Der deutsche Genius: Eine Geistes- und Kulturgeschichte von Bach bis Benedikt XVI.". Danach erlebte der deutschsprachige Raum vom Barock im 18. Jahrhundert bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten, die Deutschland zugrunde richteten, eine mit der Italienischen Renaissance auf fast allen Gebieten der Geistes- und Naturwissenschaften sowie der Kunst vergleichbare Entwicklung. So erhielten z. B. bis 1933 mehr Deutsche den Nobelpreis als Amerikaner und Briten zusammen.
Das Buch stellt eine außerordentliche Leistung dar. Es ist vor allem zu würdigen, dass es Watson gelingt, die deutsche Wissenschaft und Kunst in den Kontext der Entwicklung in der Welt einzuordnen, ihre damals herausragende Stellung im Vergleich zu der anderer Nationen und Völker jener Zeit zu erkennen und zu erläutern.

Soweit ich es beurteilen kann, kommt jedoch mindestens ein Gebiet in seinen Ausführungen zu kurz: Die Agrarwissenschaft, ihr Einfluss auf die praktische Landwirtschaft und daraus folgend auf die Gesellschaft und ihre Entwicklung. Agrarwissenschaft und Landwirtschaft werden nur im Zusammenhang mit der Bedeutung Justus von Liebigs (1803 - 1873) und der Haber-Bosch-Synthese zur Gewinnung von Stickstoff aus der Luft für die Mineraldüngung angesprochen. Zu anderen bedeutenden Leistungen deutscher Agrarwissenschaftler und Landwirte, die entscheidende Fortschritte für die Weltagrarwissenschaft erbrachten, finden sich keine Würdigungen.

Im Klappentext heißt es: „Hätte ein Historiker ... 1932 ... eine deutsche Geistesgeschichte seit der Aufklärungsepoche veröffentlicht, wäre es eine überwältigende Erfolgsgeschichte gewesen." 1932 hätte ein Historiker die hervorragenden Ergebnisse von Agrarwissenschaftlern aber sicherlich weitaus stärker berücksichtigt, denn damals wusste man noch, wie wichtig die Lösung der Ernährungsfrage war. Denn die Entwicklung der deutschen Landwirtschaft ermöglichte die weitgehende Ernährung der stark wachsenden deutschen Bevölkerung Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts.
Nachfolgend sollen die wichtigsten Leistungen deutscher Agrarwissenschaftler, die ebenfalls als integrierter Bestandteil der von Watson beschriebenen deutschen Renaissance zu betrachten sind, dargestellt werden.

Als Erstes ist zunächst der Aufbau der berühmten sächsischen Schafzucht zu würdigen (vergl. dazu „Die berühmte sächsische Schafzucht" http://www.sachsen-lese.de/index.php?article_id=430), die später auch Landwirte anderer deutscher Gebiete (z. B. Österreich - damals noch zum Reich bzw. Deutschen Bund gehörend -, Brandenburg, Schlesien, Württemberg) zu herausragenden Leistungen inspirierte.

Andreas Sigismund Marggraf (1709 -1782).
Andreas Sigismund Marggraf (1709 -1782).

Auf eine Stufe mit der Schafzucht ist die Entstehung und Entwicklung des Zuckerrübenanbaus zu stellen. 1747 fand der Direktor der physikalischen Klasse der Akademie der Wissenschaften in Berlin, Andreas Sigismund Marggraf (1709 - 1782), heraus, dass der in Rüben vorkommende Zucker dem teuren Rohrzucker entspricht. Sein Nachfolger im Amt, Franz Karl Achard (1753 - 1821), baute deshalb nach den 1786 begonnenen Versuchen mit Unterstützung des preußischen Königs 1801/02 die erste Zuckerfabrik auf dem von ihm erworbenen Gut Cunern in Schlesien (etwa zur gleichen Zeit auch der Freiberger Professor für Chemie und Hüttenkunde Wilhelm August Lampadius (1772 - 1842) in Sachsen). Achard erkannte einen Runkelrübentyp aus der Halberstädter Gegend als den mit dem höchsten Zuckergehalt, der allerdings nur 3 bis 4 % betrug. Um konkurrenzfähig zu sein, musste der Zuckergehalt aber weiter erhöht werden. Aufgrund der von Napoleon I. 1806 gegen Großbritannien verhängten Kontinentalsperre gewann die eigene Zuckerproduktion für Kontinentaleuropa plötzlich an Bedeutung. Nach dem Sieg über Napoleon überflutete der von den Engländern angehäufte billige Rohrzucker Europa. 1822 musste deshalb die letzte deutsche Zuckerfabrik schließen. Georg Friedrich Wilhelm Freiherr von Koppy (1781 - 1854) im schlesischen Krayn baute trotzdem weiter Zuckerrüben an und lieferte Samen nach Belgien und Frankreich, das sich durch Zölle vor dem Zuckerimport schützten. Koppy gilt deshalb als Vater der kommerziellen Saatzucht von Zuckerrüben. Erst nach 1830 gab es auf Grund des nun erreichten Zuckergehaltes von 6 % und neuen technischen Möglichkeiten wieder Fortschritte. Es entstanden Zuckerfabriken auf der Basis von Genossenschaften und Aktiengesellschaften. In der Kampagne 1836/37 wurden 26 000 t verarbeitet, 1852/53 bereits 1 Million t und 30 Jahre später 10 Millionen t. Als Zentren entwickelten sich Kleinwanzleben in der Magdeburger Börde, wo sich Züchtung, Anbau und Verarbeitung konzentrierten, sowie Quedlinburg. Große Verdienste erwarben sich insbesondere Matthias Rabbethge (1804 - 1902, begann 1862 mit der Bestimmung des Zuckergehaltes mittels Polarimeter, was schnell die Auslese zuckerreicher Rüben ermöglichte) und Gustav Adolf Dippe (1824 - 1890). Zur Zeit der Reichsgründung betrug die Zuckerausbeute 8,62 %, heute liegt sie bei über 17%. Außerdem sind die Rübenerträge enorm angestiegen. 1884 produzierte Deutschland 43 % des Rübenzuckers in der Welt, danach stieg die Rübenzuckerproduktion anderer Länder an, so dass der deutsche Anteil sich verringerte. Die Integration der Zuckerrübenproduktion in die Landwirtschaft rief ackerbauliche und technische Neuerungen hervor, auf die hier allerdings nicht näher eingegangen werden kann.

Albrecht Daniel Thaer (1752 - 1828).
Albrecht Daniel Thaer (1752 - 1828).

Drittens ist Albrecht Daniel Thaer, (1752 - 1828), der Begründer der Agrarwissenschaft in Deutschland, zu nennen (vgl. "Albrecht Daniel Thaer" http://www.sachsen-lese.de/index.php?article_id=423), die allerdings bereits Johann Beckmann (1739 - 1811) als eigenständige Disziplin aus der Kameralistik herausgelöst hatte. Hier soll jedoch noch Folgendes ergänzt werden: Thaer stellte dar, dass, wie wir heute sagen würden, ein Kreislauf Boden - Pflanze - Tier - Boden existiert. Dieser Gedanke war sicherlich nicht völlig neu, aber die Idee, diesen Kreislauf für eine wachsende Produktion auszunutzen, dürfte auf ihn zurückgehen.

„Die Natur selbst hat uns diese Oekonomie vorgezeichnet; indem sie die Erzeugung thierischer und vegetabilischer Körper von einander abhängig gemacht, und die höhere Production der einen auf die höhere Production der anderen begründet hat."

Mit dem Übergang zur verbesserten Dreifelder- und Fruchtwechselwirtschaft, den damit verbundenen Anbau von Stickstoff sammelnden Futterpflanzen und der Haltung von mehr Tieren wurden Thaers Erkenntnisse in Deutschland tatsächlich genutzt. Die Erträge stiegen an. Vereinfacht kann man sagen: Je mehr organische Substanz im Kreislauf, desto höhere Erträge. Das war allerdings auch der Grund dafür, dass man annahm, dass Humus unmittelbar Pflanzennährstoff ist.
Es war sein Schüler Carl Sprengel (1787 - 1859), der erkannte, dass Pflanzen Mineralstoffe benötigen, allerdings schrieb er der Humussäure (Huminsäure) noch eine gewisse Rolle bei der Ernährung der Pflanzen zu, was schließlich Justus Liebig 1840 widerlegte. Damit verhalf er der Mineraltheorie der Pflanzenernährung und damit der gezielten Steigerung der Erträge zum Durchbruch. Wilhelm August Lampadius hatte jedoch bereits 1833 das erste Buch in der Welt über Mineraldüngung geschrieben. Der Leipziger Professor Friedrich Pohl erkannte 1838 als erster, dass es von der Menge der bereits im Boden vorhandenen Nährstoffe abhängt, wie die Düngung auf den Pflanzenertrag wirkt. Sind bereits viele vorhanden, hat Düngung nur einen geringen oder keinen Einfluss, sind es nur wenige, ist es umgekehrt. Er beantwortete damit die viel diskutierte Frage, warum Düngemittel gut oder kaum wirken oder ihr Einfluss sogar völlig unterbleibt. Er nahm damit das 1909 von Eilhardt Mitscherlich (1874 - 1956) allerding nun mathematisch formulierte Gesetz vom abnehmenden Ertragszuwachs der Pflanzen bereits vorweg. Die mathematische Formulierung bedeutete jedoch einen wesentlichen Erkenntnisfortschritt. Mitscherlich soll der international am meisten zitierte deutsche Agrarwissenschaftler in der Welt sein.

Der Leipziger Agrarwissenschaftler Wilhelm Knop (1817 - 1891) erreichte durch die gezielte Zusammenstellung von Nährlösungen, 1859 Pflanzen (Bohnen) zum Ausreifen der Samen zu bringen. Das bedeutete einen entscheidenden Fortschritt für die Pflanzenernährung. Er wurde mit der sogenannten Knopschen Lösung zu einem wesentlichen Begründer der Hydroponik. In einer englischen „Geschichte der Hydroponik" wird er deshalb auch „The Father of the Water Culture" genannt.

1886 gelang die Lösung eines Problems der Pflanzenernährung, das die Landwirte in aller Welt lange beschäftigte, für das sie bisher aber keine Erklärung hatten, die ertragsfördernde Wirkung der Leguminosen. Diese bedeutende Entdeckung gelang dem aus Mausitz (bei Leipzig) stammenden und in Leipzig auch promovierten Hermann Hellriegel (1831 - 1896) mit seinem Assistenten Hermann Wilfahrt (1853 - 1904). Hellriegel war Schüler des ersten Professors für Agrikulturchemie Julius Adolf Stöckart (1809 - 1896), tätig an der Akademie für Forst- und Landwirte Tharandt. Hellriegel leitete die landwirtschaftliche Versuchsstation Bernburg. Bei der Kultur von Pflanzen in sterilem Sand stießen sie darauf, dass die Leguminosen in der Lage sind, den Luftstickstoff über die Symbiose mit Knöllchenbakterien für sich nutzbar zu machen, was die positiven Wirkungen von Futterpflanzen wie Klee und Luzerne und anderen Hülsenfrüchten erklärt. Um die Integration des Kleeanbaus in die Landwirtschaft hatte sich besonders Johann Christian Schubart (1734 - 1787) aus Würchwitz bei Zeitz Verdienste erworben, der dafür als Edler vom Kleefeld durch Kaiser Joseph II. (1741 - 1790) geadelt worden war.
Außer an Thaer ist weiterhin an die etwa zur gleichen Zeit lebenden Johann Nepomuk von Schwerz (1759 - 1844) und Johann Burger (1773 - 1842) zu erinnern, die sich insbesondere um die Landwirtschaft West- bzw. Süddeutschlands einschließlich Österreichs verdient gemacht haben. Von Schwerz studierte die Landwirtschaft in den verschiedenen Landschaften und erkannte deren Einfluss auf bestehende Unterschiede. Er wurde damit zu einem der Begründer der Agrargeografie. Er war der erste Direktor der landwirtschaftlichen Akademie Hohenheim bei Stuttgart, die 1818 als zweite deutsche (nach Thaers in Möglin) entstand. Der in Klagenfurt tätige Burger schrieb u. a. ein hervorragendes Lehrbuch über die Landwirtschaft, das ebenso wie das Hauptwerk Thaers in mehrere Sprachen übersetzt wurde, sowie das erste deutsche Buch über den Maisanbau. Beide trugen somit wesentlich zur Bildung der Landwirte bei.

Johann Heinrich von Thünen (1783 - 1850).
Johann Heinrich von Thünen (1783 - 1850).

Ein bedeutender Schüler Thaers war Johann Heinrich von Thünen (1783 - 1850). Auf der Grundlage von zehnjährigen Datenreihen seines Betriebes in Mecklenburg wendete sich von Thünen der Frage der Abhängigkeit der landwirtschaftlichen Wirtschaftssysteme von der Marktentfernung zu. 1826 formulierte er in seinem Buch "Der isolirte Staat in Beziehung auf Landwirthschaft und Nationalökonomie": "Man denke sich eine sehr große Stadt in der Mitte einer fruchtbaren Ebene gelegen, die von keinem schiffbaren Flusse oder Kanale durchströmt wird. Die Ebene selbst bestehe aus einem durchaus gleichen Boden, der überall der Kultur fähig ist. In grosser Entfernung von der Stadt endige sich die Ebene in eine unkultivierte Wildnis, wodurch diese Stadt von der übrigen Welt gänzlich abgetrennt wird, ...".

Die Frage, die sich Thünen stellte, lautete nun, wie sich unter diesen Bedingungen die Landwirtschaft gestalten würde. Unter Berücksichtigung der Transportkosten ergeben sich sechs konzentrische Ringe um die Stadt bis zur Wildnis, die nach ihm Thünensche Ringe oder Kreise genannt werden:
Freie Wirtschaft (Gartenbau, Milchwirtschaft, d. h. Erzeugung frischer, leicht verderblicher Produkte), Forstwirtschaft (Holz als Bau- und Brennholz, wegen hoher Transportkosten 2. Ring), Fruchtwechselwirtschaft, Koppelwirtschaft, Dreifelderwirtschaft, extensive Viehzucht.

Bei gleichem Preis bestimmen folglich die Transportkosten die Intensität der Wirtschaft und damit die Wirtschaftssysteme. Thünen entwickelte damit eine einheitliche Standort- und Intensitätstheorie. Da er in seinen Berechnungen aufzeigte, welche die letzte Aufwandseinheit ist, die sich für die Produktion in einem Ring noch lohnt, ist er auch ein Vorläufer der Grenznutzentheorie. Gleichzeitig bestätigte er in Bezug auf den Arbeitsaufwand das ebenfalls gültige Gesetz vom abnehmenden Ertragszuwachs, das bereits der französische Physiokrat Anne Robert Jaques Turgot (1727 - 1781) erkannt hatte. Mit diesen und weiteren Überlegungen trug er zur volkswirtschaftlichen Begründung der landwirtschaftlichen Betriebslehre bei. Etwa ab 1900 bauten vor allem Friedrich Aereboe (1865 - 1942) und Theodor Brinkmann (1877 - 1951) die Lehre Thünens, die in der Welt als hervorragende landwirtschaftliche Betriebslehre galten, weiter aus.

Bemerkenswerte Fortschritte durch deutsche Wissenschaftler gab es auch im Pflanzenschutz. 1853 hatte der aus Frankfurt am Main stammende Anton de Bary (1831 - 1888) den Nachweis geführt, dass die Brandpilze ein eigenes Myzel haben und Sporen bilden. Vorher hatte man geglaubt, dass "Saftfülle" zu einem Aufplatzen der Oberfläche führt. De Bary konnte auch klären, dass die Kraut- und Knollenfäule bei Kartoffeln durch den Pilz Phytophtora infestans hervorgerufen wird, der 1844 die große Hungersnot in Irland und danach auch hohe Ertragseinbußen und deshalb hohe Kartoffelpreise in anderen Ländern, darunter in Deutschland, hervorgerufen hatte. 1858 begründete der aus Pulsnitz stammende und ebenfalls in Leipzig promovierte Julius Kühn mit seinem Buch "Die Krankheiten der Kulturgewächse, ihre Ursachen und Verhütung" den Pflanzenschutz wissenschaftlich. Ab 1863 Direktor des ersten deutschen Instituts für Landwirtschaft an einer Universität, der Universität Halle, leitete er ab 1890 in der Ackerbauabteilung der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft den Sonderausschuss für Pflanzenschutz, der auch die organisatorischen Voraussetzungen für den Pflanzenschutz im Reich schuf.

Es soll in diesem Zusammenhang darauf verwiesen werden, dass die hervorragenden Leistungen von Agrarwissenschaftlern und die Ertragssteigerungen durch die Bauern nur durch das in Deutschland geschaffene Forschungssystem, was Watson als vorbildlich beschreibt, die Gründung von Landwirtschaftsvereinen einschließlich Ortsvereinen, das mehrstufige Bildungssystem in der Landwirtschaft einschließlich Herausgabe von Fachzeitschriften sowie weitere Maßnahmen erreicht werden konnten. Zu diesen zählen u. a. die Gründung der Wanderversammlung Deutscher Landwirte 1837 in Dresden, um die sich besonders Heinrich Wilhelm Pabst (1798 - 1868) verdient gemacht hat (aufgelöst 1872 nach Ausscheiden Österreichs aus dem Reich), die Begründung des landwirtschaftlichen Genossenschaftswesens durch Friedrich Wilhelm Raiffeisen (1818 - 1888), beginnend mit dem Brotverein von Weyerbusch 1847, die Gründung der ersten landwirtschaftlichen Versuchsanstalt auf dem Kontinent durch Wilhelm Crusius (1790 - 1858) und Theodor Reuning (1807 - 1876) in Leipzig-Möckern 1852, die wie eine Initialzündung für die Gründung einer Vielzahl weiterer wirkte, die Schaffung der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft durch Max Eyth (1836 - 1906) 1885 und die erstmalige und vorbildliche Aufgliederung eines landwirtschaftlichen Instituts in Fachinstitute (Pflanzenbau, Tierzucht, Betriebslehre usw.) durch Kurt von Rümker (1859 - 1940) in Breslau nach 1895, um durch Spezialisierung weitere wissenschaftliche Fortschritte zu erzielen (Er hielt übrigens die erste deutsche Vorlesung über Pflanzenzüchtung.). Eine entscheidende Voraussetzung dafür waren jedoch die Agrarreformen in den deutschen Ländern, womit die Abhängigkeit der Bauern von den Grund- und Leibherren in der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert beseitigt worden waren.

Von den erfolgreichen deutschen Getreidezüchtern des 19. Jahrhunderts, deren Sorten z. T. auch im Ausland verbreitet waren, sind vor allem Wilhelm Rimpau (1842 - 1903), Ferdinand von Lochow (1849 - 1924), Ferdinand Heine (1840 - 1920) und Otto Beseler (1841 - 1915) zu würdigen. Rimpau gelang u. a. erstmals die Bastardierung von Weizen (Triticum) und Roggen (Secale), heute Triticale genannt und hinsichtlich Klima und Boden auf weniger begünstigten Standorten angebaut. Von Lochow war ein bekannter Roggenzüchter und Heines Weizensorten fanden großen Anklang. Beseler erhielt für seine Getreidezüchtungen 1900 auf der Weltausstellung in Paris den Grand Prix. Bekannte Kartoffelzüchter waren Wilhelm Richter (1832 - 1909) in Zwickau, Wilhelm Paulsen (1828 - 1901) und Georg Friedrich Böhm (1861 - 1922), der u. a. die beliebte Sorte „Ackersegen" züchtete, die auch im Ausland weit verbreitet war und an die sich die Älteren noch erinnern. Unter den Tierzüchtern sind damals vor allem Hermann von Nathusius (1809 - 1879), der u. a. 1872 die Entwicklung einer sowohl auf Zytologie (Zytogenetik) als auch Statistik (Populationsgenetik) beruhenden Vererbungslehre vorher sah, und Hermann Settegast (1819 - 1908) hervorgetreten. Von letzterem stammt das mehrere Auflagen erlebende Standardwerk „Die Thierzucht".

1865/66 hatte der als Kleinbauernsohn geborene und in Brünn als Mönch lebende Johann Gregor Mendel (1822 - 1884) die später nach ihm benannten drei Regeln (Uniformitäts-, Spaltungs- und Unabhängigkeits- oder Neukombinationsregel), veröffentlicht. Watson würdigt diese Leistung auch entsprechend, jedoch betrachtet er ihn nur als Biologen. Entscheidend dürfte jedoch sein landwirtschaftlicher Hintergrund gewesen sein, weil er wusste, dass es auf einzelne Merkmale bei der Zucht ankommt. Die Biologen beachteten deshalb seine Ergebnisse auch kaum, weil sie gerade die Frage zu beantworten versuchten, was eine Art ist. 1900 entdeckten nun gleich drei Wissenschaftler diese neu, der Niederländer Hugo de Vries (1848 - 1935), der Deutsche Carl Correns (1864 - 1933) und der Österreicher Erich von Tschermak-Seysenegg (1871 - 1962). Hugo de Vries lehrte u. a. an der Landwirtschaftlichen Hochschule Berlin, Erich von Tschermak-Seysenegg an der Wiener Hochschule für Bodenkultur. Beide waren damit ebenso wie Mendel mit der Denkweise der Landwirte in Bezug auf die Zucht vertraut. Von Tschermak-Seysenegg erkannte die großen Möglichkeiten, die sich aus den Mendelschen Regeln für die Pflanzen- und Tierzucht durch Kombination der Merkmale ergeben. Er gilt deshalb auch als Vater der Kombinationszüchtung.

Oskar Kellner (1851 - 1911).
Oskar Kellner (1851 - 1911).

Weiterhin soll noch auf die bedeutenden Erkenntnisse zur Tierernährung verwiesen werden. Nachdem Liebig mit seiner Forschung auch einen wesentlichen Beitrag zu den Grundlagen der Tierernährung geleistet hatte, wandte sich Wilhelm Henneberg (1825 - 1890), Leiter der Landwirtschaftlichen Versuchsstation in Weende bei Göttingen, der Erforschung der Gesetzmäßigkeiten der Stoffbildung zu und schuf mit der gemeinsam mit Friedrich Stohmann (1832 - 1897), später Professor in Leipzig, die international große Anerkennnung erhaltende Weender Futtermittelanalyse. Darauf aufbauend widmete sich Oskar Kellner (1851 - 1911) der Energieforschung für die Tierernährung und machte die Versuchsanstalt in Leipzig-Möckern zum Weltzentrum der Tierernährung, wie es in einer Publikation heißt. Der an der Universität Leipzig tätige Professor Friedrich Falke (1871 - 1948) verbesserte Grünlandnutzung für die Tierfütterung und begründete 1927 die noch heute stattfindenden Weltgraslandkongresse.

Als weitere bedeutende Agrarwissenschaftler vor dem Zweiten Weltkrieg sollen der Mitbegründer der landwirtschaftlichen Bakteriologie Felix Löhnis (1874 - 1930), der Genetiker Erwin Baur (1875 - 1933), der Pflanzenbauer Theodor Roemer (1883 - 1951), die Tierzüchter Carl Kronacher (1871 - 1938) und Leopold Adametz (1861 - 1941) sowie der Techniker Fritz Huber (1881 - 1942) genannt werden. Ersterer ging 1914 von der Universität Leipzig nach den USA und übernahm die Leitung der Abteilung Bakteriologie im US-Landwirtschaftsministerium (Rückkehr 1925). Baur wurde zu einem Mitbegründer der Pflanzenvirologie, fand u. a., dass Gene auch außerhalb der Chromosomen existieren, und erkannte, dass es bitterstofffreie Lupinen geben müsse, die in dem von ihm gegründeten und geleiteten Kaiser-Wilhelm-Institut für Pflanzenzüchtung und Vererbungsforschung in Müncheberg bei Berlin durch Reinhold von Sengbusch (1898 - 1985, von ihm stammt auch die berühmte Erdbeersorte Senga sengana) dann auch selektiert worden sind. Roemer und seine Hallenser Schule erbrachten u. a. hervorragende Leistungen auf den Gebieten Resistenzzüchtung, Versuchswesen und Pflanzengenetik. Kronacher wurde vor allem durch seine genetisch begründete Zwillingsforschung bei Tieren weltbekannt. Der führende amerikanische Tiergenetiker und -züchter Jay Laurance Lush (1894 - 1982) bezeichnet das von Kronacher an der Berliner Universität geleitete Institut für Tierzucht als das Beste der Welt. Der in Leipzig promovierte und in Wien tätige Leopold Adametz zeigte als einer der Ersten, dass bei Kreuzungen von Haustieren, insbesondere Karakulschafen, die Mendelschen Regeln Gültigkeit haben, und gilt ebenso wie Kronacher als ein Mitbegründer der modernen Tierzucht. Fritz Huber konstruierte den legendären Lanz-Bulldog.

Lanz-Bulldog D3507 20PS aus dem Jahr 1941.
Lanz-Bulldog D3507 20PS aus dem Jahr 1941.

Es könnte an weitere Persönlichkeiten erinnert werden, die entscheidend zum Aufstieg der deutschen Landwirtschaft beigetragen haben und international Ansehen erlangten. Aber die Genannten dürften die Bedeutendsten sein.

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