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"... mein Leben, das allerqualvollste, das ein Mensch je geführt hat." So schrieb Heinrich von Kleist an eine seinem Herzen nahe stehende Verwandte wenige Stunden, bevor er sich mit seiner Todesgefährtin am Wannsee erschoss.

250 Jahre Leipziger Ökonomische Societät

250 Jahre Leipziger Ökonomische Societät

Doz. Dr. agr. habil. Eberhard Schulze

 Friedrich August II. (1696 - 1763). Gemälde von Pietro Antonio Rotari (1707-1762). (1)
Friedrich August II. (1696 - 1763). Gemälde von Pietro Antonio Rotari (1707-1762). (1)

Gegen Ende des verlustreichen Siebenjährigen Krieges gegen Preußen können nur außerordentliche Maßnahmen Sachsen aus dem Niedergang herausführen. Es sind deshalb Rahmenbedingungen zu schaffen, die kreativen Personen Anreize zur Wiederentfaltung des Wirtschaftslebens geben. Schule, Bildung und die sich herausbildenden Wissenschaften sind zu fördern. Kurfürst Friedrich August II. (1696 - 1763), Sohn August des Starken (1670 - 1733), beruft deshalb 1762 die sogenannte „Restaurationskommission", die unter Thomas von Fritzsch (1700 - 1775) das erforderliche Programm ausarbeitet. Sie sieht u. a. vor, in Sachsen eine ökonomische Gesellschaft zu gründen, wie es auch bereits in anderen Ländern geschehen ist (erstmals 1736 in Dublin):

"Ob es nun wohl nicht zu leugnen, daß bey uns die allgemeine Wirthschaft noch nicht zu der Vollkommenheit zu bringen möglich, so lange ... gesamelte Erfahrungen bey uns bekannt und gemein werden, so ist doch dergleichen Belehrung eher das Werk gemeinnütziger Privatorum, als das Gesetz der gebenden Macht im Staate." (nach Schlechte 1956: Vortrag der Kommission am 12. Juni 1762).

Eine Gesellschaft patriotisch denkender Wirte ist, modern gesprochen, ein Unternehmerverein. Um Experimente durchzuführen, ist es zweckmäßig, sich mit Wissenschaftlern zu verbünden. Die tatsächlich am 26. Mai 1764, dem Aufrufe folgend, gegründete Leipziger Ökonomische Societät kann deshalb als ein von progressiven Unternehmern gegründeter staatlich geförderter und zum Teil auch staatlich geführter Verein angesehen werden, der bestrebt ist, wissenschaftliche Erkenntnisse für den wirtschaftlichen Fortschritt zu gewinnen und in Sachsen zu verbreiten und zu nutzen. Die Leipziger Ökonomische Societät ist folglich keine Vereinigung von Wissenschaftlern, aber Wissenschaft spielt in ihr eine bedeutende Rolle. Der Wahlspruch der Societät lautet: „Forschen - Prüfen - Wirken". Erster Sekretär der Leipziger Ökonomischen Societät wird Johann Christian Daniel Schreber (1739 - 1810), Korrespondent der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften und später Präsident der Kaiserlisch-Leopoldinisch-Carolinischen Deutschen Akademie der Naturforscher (Leopoldina), woraus direkt die Verbindung zur Wissenschaft folgt. Die führenden Unternehmer sind zumeist sowohl in der Landwirtschaft und der Verarbeitung ihrer Produkte als auch im Handel tätig.

Detlev Carl Graf von Einsiedel (1737-1810). Gemälde von Anton Graff (1736 - 1813). (2)
Detlev Carl Graf von Einsiedel (1737-1810). Gemälde von Anton Graff (1736 - 1813). (2)

Den Aufruf zur Gründung der Leipziger Ökonomischen Societät, die dann in ganz Sachsen wirken sollte, unterzeichnen sieben Persönlichkeiten, darunter der Vizepräsident des Oberkonsistoriums Peter Freiherr von Hohenthal (1726 - 1794) aus Cossa bei Düben und der Kreishauptmann des Leipziger Kreises Detlev Carl Graf von Einsiedel (1737 - 1810) aus Wolkenburg, wobei der erstere der Initiator der Gründung ist und letzterer die Societät von 1777 bis 1810 leiten sollte. Peter von Hohenthal war Vicedirector der Landesökonomie-, Manufactur- u. Commerzdeputation in Sachsen, er förderte Manufakturen und das Schulwesen, gab verschiedene ökonomische Zeitschriften, darunter das Leipziger Intelligenzblatt, heraus, führte den Klee- und Luzerneanbau ein und übersetzte Werke von ausländischen Agrarwissenschaftlern.

Wie es in der Präambel heißt, ist es das Ziel der Societät

„mit vereinigten Kräften an der Beföouml;rderung des allgemeinen Besten zu arbeiten, ... den Nahrungsstand überhaupt; als Land- und Stadtwirthschaft, Manufacturen und Handlung, im weitesten Umfange, zum Gegenstand ihrer Beschäftigungen"

zu machen (Leipziger Intelligenz-Blatt 1764, Beilage zu Nr. 24; Festschrift 1914).

An der Spitze der Societät stehen ein Direktor und eine acht Personen umfassende Deputation, die beide auf zwei Jahre gewählt werden. Ein Sekretär ist für die Zusammenkünfte zu jeder Oster- und Michaelismesse verantwortlich. Weitere Zusammenkünfte sind ebenfalls möglich. Die Deputation trifft sich alle sechs Wochen. Es wird zwischen ordentlichen, assoziierten und Ehrenmitgliedern unterschieden. Anfangs sind es 32 ordentliche Mitglieder, 3 ehrenamtliche sowie der Sekretär. Der Societät werden Räume in der Leipziger Pleißenburg (am Ort des heutigen Neuen Rathauses) zur Verfügung gestellt. Erster Direktor ist Johann Georg Friedrich Graf von Einsiedel (1730 - 1811), Kurfürstlicher Kabinettsminister und Staatssekretär. Zu den frühen Mitgliedern gehören z. B. der Leipziger Bankier und Handelsherr Christian Gottlob Frege (1715 - 1781) und der Sächsische Berghauptmann Carl Wilhelm Benno von Heynitz (1738 - 1801). Ab 1792 trägt die Societät offiziell den Titel „Churfürstlich Sächsische Leipziger Ökonomische Societät", ab 1806 „Königlich Sächsische Leipziger Ökonomische Societät".

Die Gesellschaft befasst sich mit allen der Lösung harrenden Problemen, weshalb drei Klassen gebildet werden: 1. Klasse: Landbau, 2. Klasse: Manufakturwesen und 3. Klasse: Mineralogie, Chemie und Mechanik. Sie werden später in weitere „Subdivisionen" gegliedert. Keiner Klasse direkt zugeordnet sind das Polizeiwesen, was allgemeiner als das heutige zu verstehen ist (ursprünglich Rechtsordnung, im Absolutismus alle hoheitlichen Befugnisse des Staates), und die ökonomischen Beschreibungen der sächsischen Regionen, zu denen aufgerufen wird, die Nationalökonomie, Interna der Gesellschaft und Sonstiges. Nach Schöne (1997) sind von 1764 bis 1814 1483 Themen behandelt worden, darunter 860 in der 1. Klasse.

Die Societät stellt jährlich drei Preisaufgaben: eine landwirtschaftliche, eine kameralistische und eine naturwissenschaftliche. Die erste landwirtschaftliche lautet: Wie vielerlei Sorten Wolle können aus einem Schafspelze verschiedener Gegenden sächsischer Lande ausgelesen werden? Den Preis von 80 Talern erhält ein Zschopauer Tuchmacher.

Auf Grund der Leistungen und der damit verbundenen Attraktivität nimmt die Anzahl der Mitglieder (einschließlich Ehren- und assoziierten Mitglieder) wesentlich zu und beträgt z. B. nach 1800 über 700, so dass Versammlungen nach Kreisen und Markgrafschaften abgehalten werden müssen (Sachsen war vor 1815 wesentlich größer als später und die Eisenbahn existierte noch nicht). Mitglieder sind zu dieser Zeit vor allem Landwirte, Beamte, Pfarrer, Mediziner, Fabrikanten, Bergbau- und Hüttenexperten und auch Künstler (z. B. Adam Friedrich Oeser (1717 - 1799), der Leiter der Leipziger Zeichenakademie und u. a. Zeichenlehrer Johann Wolfgang Goethes (1749 - 1832)).

In Bezug auf die Landwirtschaft erwirbt sich die Societät große Verdienste um die Entwicklung der sächsischen und deutschen Schafzucht, indem sie die Einkreuzung der aus Spanien 1765 und 1778 importierten Merinoschafe in die Landschafe empfiehlt und so die Wollqualität bedeutend verbessert (vgl. Die berühmte sächsische Schafzucht in http://www.sachsen-lese.de/index.php?article_id=430). Die Societät regt weiterhin den Anbau von Klee, Luzerne und Esparsette an, verteilt Samen an Interessenten und führt selbst Versuche auf eigenen Flächen durch. Infolge der Förderung des Tabakanbaus können die Importe gesenkt werden, ebenso gibt es Erfolge beim Hopfenanbau und bei der Bienenzucht. In den Fragestellungen geht es immer wieder um den Kartoffel- und Rübenanbau, den Anbau der Handelspflanzen Flachs, Hanf, Raps, Waid, Krapp und Baumwolle, die Seidenraupenzucht (die wirtschaftlich erfolglos bleibt), Fragen der Düngung, die Drehkrankheit der Schafe, die Rinderpest, die besten Werkzeuge für den Ackerbau, das Versicherungswesen und weitere Fragen. Auch Hufbeschlagkurse werden organisiert. Die Mitglieder äußern sich auch zu wirtschaftlichen Hemmnissen wie den Frondienst- und Flurzwang sowie den Weide-, Trift- und Hütungsrechten.

In den Klassen 2 und 3 werden ebenfalls eine Vielzahl von Aufgaben und Lösungen diskutiert. So wird z. B. 1772 u. a. zu folgenden Themen publiziert: Cyderpresse (Saftpresse), Branntweinbrennerei, Flachsspinnerei, Färberei, Natur- und Mineralgeschichte Sachsens, Erd-, Stein- und Erzarten, Schmiederei, Steinkohlenversuche, Pottaschesiederei, Temperatur-, Niederschlags- und Luftdruckmessungen. Die Societät sammelt darüber hinaus Modelle und künstliche Produkte aller Art, darunter z. B. holzsparende Öfen, verbesserte Feuerspritzen, Lacke und Farben, eisernes und stählernes Küchengeschirr, seidene und wollene Strümpfe usw. sowie natürlich Fachbücher.

Johann Daniel Titius (1729-1796). (3)
Johann Daniel Titius (1729-1796). (3)

Die Societät gibt eine Vielzahl von Schriften heraus. Bekannte Wissenschaftler, darunter Johann Daniel Titius (1729 - 1796), Mitentdecker der Abstandsreihe der Planeten, Alexander von Humboldt (1769 - 1859), Albrecht Daniel Thaer (siehe Beitrag über ihn http://www.sachsen-lese.de/index.php?article_id=423) und der Universalgelehrte und Begründer der russischen Agrarwissenschaft Andrej Timofejewitsch Bolotow (1738 - 1833) sowie die Engländer John Sinclair (1754 - 1834) und John Foster. Die Societät ist folglich auch international gut vernetzt. So richtet z. B. auch der Direktor des Board of Agriculture, der bekannte englische Landwirt Arthur Young (1741 - 1820), Anfragen zur Bewässerung an die Societät.

Von besonderer Bedeutung für die Zukunft der Societät sollte sich erweisen, dass 1803 der Besitzer der Gleditzschen Buchhandlung zu Leipzig und Ehrenmitglied der Societät, Kammerkommissar Christian Andreas Leich (gest. 1803), sein in Möckern gelegenes Landgut mit 48 Acker Feld, 15 Acker Wiesen und 2,75 Acker Wald (Festschrift 1914, S. 19), dessen Wert auf 10.000 Taler geschätzt wird, an die Societät vererbt. Hinzu kommt eine Hypothek von 1.300 Talern (Sächsische Landesanstalt für Landwirtschaft 2002).

Mit der Zeit gerät die Societät immer stärker unter den Einfluss der Dresdner Regierungs- und Verwaltungskreise. Außerdem ist Leipzig nach dem Verlust von fast zwei Drittel des sächsischen Territoriums an Preußen nach dem Wiener Kongress 1815 an den Rand des Königreichs Sachsen gerückt. In zwei Hauptversammlungen 1816 und 1817 wird deshalb beschlossen, die Societät in „Ökonomische Gesellschaft im Königreich Sachsen" umzubenennen, die Hauptversammlungen zukünftig in Dresden abzuhalten und Kreisvereine zu bilden. Dagegen protestieren selbstbewusste bürgerliche Mitglieder aus Leipzig unter Führung von Hofrat Siegfried August Mahlmann (1771 - 1826), da die Versammlungen nicht satzungsgemäß in Leipzig stattgefunden haben. Der Leipziger Professor Friedrich Pohl (1768 - 1850) lässt ein Gutachten von der Jenaer Juristenfakultät erstellen, das folgende Aussagen enthält: Die Leipziger Ökonomische Societät besteht rechtlich in der ursprünglichen statutenmäßigen Verfassung weiter. Der in Dresden gefasste Beschluss ist für die Mitglieder nicht bindend. Allein der Leipziger Societät steht das bis 1817 erworbene Vermögen zu. Die Dresdner Gesellschaft hat daran keinen Anspruch. 1825 kommt es zu einem Vergleich. Die Leipziger ÖOuml;konomische Societät bleibt Eigentümer des Gutes in Möckern. Die in Leipzig befindlichen Modelle, Maschinen und Geräte erhält sie ebenfalls zugesprochen, die in Dresden vorhandenen gehen in das Eigentum der „Ökonomischen Gesellschaft im Königreich Sachsen" über.

Nach der 1824 herausgegebenen Mitgliederliste hatte die Societät am Beginn des Jahres noch 446 Mitglieder. Es handelt sich fast nur noch um bürgerliche Personen, die Adligen traten wegen ihrer Verbindung zum Hofe der „Ökonomischen Gesellschaft im Königreich Sachsen" bei. Einige Historiker sehen im Widerstand der Leipziger Mitglieder gegen die Dresdner Maßnahmen einen ersten Schritt auf dem Weg zur 1848er Revolution.

1825 wird mit dem Kammerrat Christoph Heinrich Ploß (gest. 1838) erstmals ein Landwirt zum Direktor der Societät gewählt, ihm folgt 1831 sein Neffe Wilhelm Crusius (1790 - 1858), u. a. Eigentümer der Rittergüter Rüdigsdorf und Sahlis. Seine Wahl erweist sich als ein Glücksfall für die Societät, die er bis 1858 leitet. Crusius erkennt die Zeichen der Zeit in Wirtschaft und Wissenschaft und ist auf vielen Gebieten rastlos tätig, was der Societät zu Gute kommt. 1831 regt er die Organisation der Ausstellung sächsischer Industrieerzeugnisse an. Später ist er stellvertretender Direktor des Leipzig-Dresdner Eisenbahnvereins (siehe Obelisk zur Würdigung der ersten deutschen Ferneisenbahn am Teich an der Leipziger Oper) und leitet 1848 den Landeskulturrat. Während seines Direktorats (1837) wird die Leipziger Ökonomische Societät zu einem reinen Landwirtschaftsverein, da mit Industrie-, Gewerbe-, Kunstvereinen und der Polytechnischen Gesellschaft neue Vereine entstehen, in welche die Nichtlandwirte Schritt für Schritt übertreten. Die Zahl der Mitglieder geht dadurch zwar zurück, aber die Konzentration auf die Landwirtschaft wirkt für diese fruchtbringend. Die Societät ordnet sich in das mit der Gründung von Ortsvereinen verbundene landwirtschaftliche Vereinswesen ein und erklärt sich 1839 bereit, als landwirtschaftlicher Bezirksverein für die Leipziger Kreisdirektion zu fungieren, d. h., eine Aufgabe wahrzunehmen, die derjenigen des heutigen Bauernverbandes entspricht (außerdem wirken als Bezirksvereine die Ökonomische Gesellschaft im Königreich Sachsen, die Gesellschaft der Oberlausitz und die Erzgebirgisch-Vogtländische Landwirthschafts-Gesellschaft zu Zwickau für die Kreisdirektionen Dresden, Bautzen und Zwickau). Bei der Gründung der fünf landwirtschaftlichen Kreisvereine (Dresden, Leipzig, Chemnitz, Reichenbach i. V., Bautzen) 1848/49 wird sie Mitglied des Kreisvereins Leipzig, wobei sie in diesem insbesondere wissenschaftliche Aufgaben wahrnimmt, was seinen Ausdruck in der Gründung der Versuchsstation Möckern findet. Da viele ehemalige Mitglieder in die Ortsvereine übertreten, verbleiben in der Societät nur führende Praktiker, Lehrende und Wissenschaftler (1854: 38 Mitglieder). Wilhelm Crusius leitet sowohl die Leipziger Ökonomische Societät als auch den Leipziger Kreisverein. 1834 gründet die Societät einen Leseverein, 1844 sind 231 Bücher im Umlauf. Außerdem gibt die Societät einen Volkskalender für die bäuerliche Bevölkerung heraus, der 1835 einen Absatz von 17.000 Exemplaren erreicht. Crusius kauft die wichtigsten Landmaschinen, auch um sie vorführen zu können. 1837 beteiligt sich die Societät intensiv an der Vorbereitung der ersten „Allgemeinen Versammlung deutscher Landwirte" in Dresden. 1848 pachtet Crusius das Möckernsche Gut der Societät mit dem Ziel, eine bäuerliche Musterwirtschaft zu schaffen, für einen Gutsbesitzer eine herausragende Leistung.

Links: Wilhelm Crusius (1790 – 1858). Rechts: Theodor Reuning (1807 – 1876). (4)
Links: Wilhelm Crusius (1790 – 1858). Rechts: Theodor Reuning (1807 – 1876). (4)

Die beiden Bilder stellen die beiden Hauptpersonen bei der Gründung der Versuchsstation dar. 

Die bedeutendsten wissenschaftlichen Leistungen in dieser Zeit sind die Arbeiten der Ehrenmitglieder Wilhelm August Lampadius (1772 - 1842) zur Mineraldüngung, die er bereits 1801 aufnahm und im ersten Buch über Mineraldüngung 1833 ihren Niederschlag finden, und von Friedrich Pohl, der 1838 erstmals das Gesetz vom abnehmenden Ertragszuwachs in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift „Archiv der teutschen Landwirthschaft und Technologie" formuliert:

Mangelt einem Acker dieser oder jener Stoff gänzlich oder ist er auch nur arm darin, so erfolgt eine große Wirkung, wenn man ihm solche Düngung zuführt. Ist dieser aber vorhanden, so bleibt die gehoffte Wirkung entweder ganz oder doch zum Theil aus."

Er beantwortet damit die Frage, warum gleiche Düngemittel unterschiedlich wirken. 1840 veröffentlicht Justus Liebig (1803 - 1873) sein berühmtes Buch „Die organische Chemie in ihrer Anwendung auf Agricultur und Physiologie". Es verhilft der Mineralstofftheorie der Pflanzenernährung zum Durchbruch. Bedauerlicherweise stellt Liebig, dem die Landwirtschaft ziemlich fremd ist, gleichzeitig einige unhaltbare Thesen auf, die zu harten Auseinandersetzungen zwischen ihm und führenden Landwirten führen. Auch genügt nach seiner Meinung der Luftstickstoff für die Ernährung der Pflanzen. Gutsbesitzer und Bauern, die (etwa seit 1840) Guano düngen, wissen jedoch, dass die Erträge durch diesen wesentlich steigen. Damit rücken die agrarchemischen Probleme in den Mittelpunkt von Wissenschaft und Praxis. In Sachsen wird deshalb 1847 Adolph Stöckhardt (1809 - 1886) als Erster in Deutschland zum Professor für Agrikulturchemie an die Königlich Sächsische Akademie für Forst- und Landwirte Tharandt berufen. Außerdem soll ein Versuchsgut eingerichtet werden. Da in der Nähe Tharandts kein geeignetes Gut existiert und finanzielle Mittel knapp sind, wendet sich Theodor Reuning (1807 - 1876), Generalsekretär der sächsischen Landwirtschaftsvereine und Regierungskommissar für landwirtschaftliche Angelegenheiten, an Crusius. Nachdem dieser mit Emil Wolff (1818 - 1896) einen guten Chemiker gefunden hat, beschließt die Leipziger Ökonomische Societät am 10. Oktober 1850, die erste deutsche landwirtschaftliche Versuchsstation zu gründen, die außerdem nach Rothampstet in England die zweite in der Welt ist. Ihre Gründung wirkt bahnbrechend. Wie Wolff (1894) schreibt, gibt es 1892 bereits 350 Versuchsstationen in der Welt. Die an der Versuchsstation erbrachten wissenschaftlichen Leistungen führen dazu, dass die Societät mit den angesehensten agrarwissenschaftlichen Einrichtungen in der Welt ihre Jahresberichte austauschen kann. Ansonsten muss sie jedoch ihre finanziellen Mittel darauf konzentrieren, eine erfolgreiche Arbeit der Versuchsstation zu gewährleisten, befasst sich aber außerdem vor allem noch mit der Drainage von Böden und dem Einsatz von Dresch- und Drillmaschinen.

1858 stirbt Crusius. In seinem Sinne stellen seine Erben dessen zum Möckernschen Gut gehörendes Eigentum (Grundstücke in Möckern und Gohlis, Scheune) der Societät zur Verfügung. Durch die Crusius-Stiftung wächst das Vermögen der Societät beträchtlich. Trotzdem hat sie finanzielle Probleme, da der Unterhalt der Versuchsstation teuer ist. 1875 fasst das Ministerium auf Vorschlag des Landeskulturrates den Beschluss, die Versuchsstationen zu spezialisieren, darunter Möckern für die Forschung auf dem Gebiet der Tierernährung, die mit dem Amtsantritt von Gustav Kühn 1867 aber bereits im Mittelpunkt steht. In diesem Zusammenhang werden die Crusius-Stiftung auf den sächsischen Staat übertragen und die vorhandenen Mittel für den Neubau genutzt. Außerdem pachtet die Staatsregierung ab 1. Juli 1879 das Societätsgut in Möckern für 50 Jahre, wobei der Pachtvertrag 1929 verlängert wird (Fingerling 1929). Die Sammlungen der Leipziger Ökonomischen Societät werden der Landwirtschaftlichen Schule Wurzen und die Bibliothek der Versuchsstation geschenkt.

Die Versuchsstation gliedert sich in zwei Abteilungen, eine naturwissenschaftliche und eine wissenschaftlich-praktische. Naturwissenschaftliche Grundlagenforschung und landwirtschaftliche Praxis sind auf diese Weise eng miteinander zu verbinden. Später kommt, wie in allen Versuchsstationen, eine umfangreiche Untersuchungs- und Kontrolltätigkeit hinsichtlich Dünge- und Futtermitteln, Böden, Sämereien und sonstigen landwirtschaftlichen Produkten hinzu, um die Landwirte vor Übervorteilungen zu schützen und ihnen wissenschaftlich begründete Entscheidungen zu ermöglichen.

Die vier Direktoren der Versuchsstation Möckern von 1852 bis 1892

Wolff führt u. a. Versuche zur Pflanzenernährung durch, wobei er u. a. die Bedeutung des Kohlenstoff-Stickstoff-Verhältnisses für die Bodenfruchtbarkeit erkennt. Als er 1853 nach Stuttgart-Hohenheim berufen wird, folgt ihm Heinrich Ritthausen (1826 - 1912) und nach wiederum zwei Jahren Wilhelm Knop (1817 - 1891). Knop gelingt es nach den 100 Jahre zurückliegenden Versuchen von Duhamel erstmals, durch die gezielte Zusammenstellung von Nährlösungen 1859 Pflanzen (Bohnen) zum Ausreifen der Samen zu bringen, was einen wesentlichen Fortschritt in der Pflanzenernährung bedeutet. Er wird mit der sogenannten Knopschen Lösung zu einem wesentlichen Begründer der Hydroponik. In der englischen &bbdquo;Geschichte der Hydroponik" wird er „The Father of the Water Culture" genannt. Durch diese und eine Vielzahl weiterer wissenschaftlicher Erkenntnisse gewinnt Knop großes Ansehen, weshalb auch 1863 die erste Versammlung der deutschen Agrikulturchemiker nach Leipzig einberufen wird. Knop versucht die Versuchsstation mit der Universität zu verbinden. Als es ihm nicht gelingt, legt er 1866 die Leitung nieder und widmet sich dem agrikulturchemischen Versuchslabor an der Universität Leipzig, wohin er bereits 1861 als außerordentlicher Professor berufen worden ist. Nachfolger wird Gustav Kühn (1840 - 1892), der die Versuchsstation von 1867 bis zu seinem plötzlichen Tod 1892 leitet. Er schafft die Voraussetzungen für die Energieforschung in der Tierernährung, auf die später Oskar Kellner (1851 - 1911) aufbauen kann, der die Station zu Weltruhm führt.

Nach der Abgabe der Versuchsstation spielen in den Diskussionen der Leipziger Ökonomischen Societät die gleichen Probleme eine Rolle wie in der gesamten deutschen Landwirtschaft: Schutzzölle ja oder nein, der Mangel an Landarbeitern und seine Behebung, Düngemittelkontrolle, Samenfälschungen, Unfallversicherung, die Raiffeisenschen Darlehenskassen u. a. Die Societät schreibt auch wieder Preisaufgaben aus.

Durch den Verkauf von ursprünglich landwirtschaftlicher Fläche als Bauland kann die Societät ihre finanzielle Situation wesentlich verbessern. Sie nutzt sie entsprechend ihrer Zielstellung zur Förderung von Forschung und Bildung, z. B. für die Arbeiten der drei Leipziger Universitätsprofessoren Wilhelm Kirchner (1848 - 1921) - von ihm begründete Vorträge für Praktiker, Friedrich Falke (1871 - 1948) - erste Weideversuche, Karl Lambrecht (1856 - 1915) - Siedlungsgeschichte, sowie landwirtschaftliche Schulen und Musterprojekte (z. B. Milchkontrolle, Obstbau).

Am Ende der Festschrift zum 150jährigen Bestehen blickt die Leipziger Ökonomische Societät 1914 stolz und zuversichtlich in die Zukunft:

"Fest, auf reiche Mittel gestützt, wird sie in der Zeiten Flut nicht untergehen, ein stetiger Bestand ist ihr gesichert."

Die Verfasser der Festschrift irren sich bedauerlicherweise. Spätestens 1945 gibt es die Societät nicht mehr. Bedauerlicherweise existiert keine Veröffentlichung der Societät, in der sie die Zeit nach 1914 dokumentiert hat. Die Suche des Verfassers nach Lebenszeichen ergibt u. a.:

  1. Es können in keinem Archiv Unterlagen nachgewiesen werden.

  2. Ab 1927 veröffentlicht die Societät „Arbeiten der Leipziger Ökonomischen Societät". Sie enthalten die „Vorträge für praktische Landwirte", vor der Societät gehaltene Vorträge sowie 1941 eine Arbeit zur sächsischen Schweinezucht.

  3. Aus den Adressbüchern der Stadt Leipzig ist ersichtlich, dass sich die Societät von 1928 bis 1933 am Blücherplatz 1 (heute Willy-Brand-Platz), II. Etage, bei der Kreisdirektion der Landwirtschaftskammer befindet. Ab 1934 wird die Adresse Markkleeberg, Ring 14 (Adolf-Hitler-Ring 14) unter Landwirtschaftsrat E. Bönisch angegeben, der Sekretär der Societät ist. Die letzte gefundene Eintragung zur Societät befindet sich im Leipziger Adressbuch von 1942. Unter der gleichen Markkleeberger Adresse wie oben ist sie unter Generaldirektor i. R. Hans Münster angegeben. Ob Sachsen das gepachtete Gut und weiteres Eigentum der Societät sich bereits damals oder erst nach dem Krieg (eventuell widerrechtlich) aneignete, müsste noch untersucht werden.

1990 ist die Leipziger Ökonomische Societät von Kollegen der Handelshochschule neu gegründet worden, wobei sich dabei besonders Frank Stöbe (1942 - 2011), später Professor an der Berufsakademie Dresden, Verdienste erworben hat. Von den ursprünglich vier bestehenden Arbeitsgruppen ist bedauerlicherweise z. Zt. nur die gegenwärtig vom Verfasser geleitete AG Landwirtschaft tätig. Sie hat seit 1995 105 Veranstaltungen durchgeführt, darunter 2014 eine Festveranstaltung anlässlich des 250. Gründungstages. Dazu erscheint ein Tagungsband in den „Mitteilungen Agrarwissenschaften". Ein Teil der Publikationen der Societät kann unter http://www.leipzigersocietaet.de/?p=7 abgerufen werden. Weiterhin hat sie die Konzeption für das 2007 begonnene duale Studium „Agrarmanagement" an der Berufsakademie Dresden entwickelt und äußert sich zu aktuellen Fragen der Landwirtschaft.

Bildnachweis

(1), (2) und (3) sind Wikimedia Commons entnommen, sie sind gemeinfrei.

(4) ist entnommen aus: Sächsische Landesanstalt für Landwirtschaft, 2002; einer Veröffentlichung des Autors 2015; die Bilder sind gemeinfrei.

(5) Menge (2012) sowie einer Veröffentlichung des Autors 2015.