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Der Bronstein-Defekt

und andere Geschichten 

Christoph Werner

"Ich stellte bald an mir selbst die Verführung durch Zählen und Auswerten fest und empfand die Wonne, Gesetzmäßigkeiten bei gewissen Massenerscheinungen festzustellen. Nichts war vor mir sicher. Als erstes machte ich mich über die Friedhöfe her..."

Spuk im Pretzscher Tale

Spuk im Pretzscher Tale

Willy Winkler

Halbweg zwischen Bad Düben und dem nächsten Dorfe Schwemsal liegt das "Pretzscher Tal". Kam da vor Zeiten ein Bauer mit Pferd und Wagen die Straße um die mitternächtige Stunde im Dämmern der Sommernacht dahergefahren. Er hatte eine tüchtige Fuhre Holz über die Muldebrücke bei Bad Düben nach Leipzig gefahren und befand sich nun auf dem Rückwege in sein Heimatdorf Schwemsal. Der Bauer duselte in der Schoßkelle des Wagens, was brauchte er sich viel um seine Pferdchen zu kümmern, die wussten den Weg zum Stall allein. Als das Gefährt aber nahe dem Tale war und hügelabwärts fuhr, erinnerte er sich plötzlich, dass die Schwemsaler Bauern stock und steif behaupteten, dass es im "Pretzscher Tale" seit undenklichen Zeiten um die mitternächtige Stunde nicht geheuer sei. War es am "Hänscher Bach" auf der anderen Seite des Dorfes ein Kalb ohne Kopf, das dem Wanderer des Nachts begegne und ihm Unheil anzeige, ihn zuweilen auch würge und quäle, so solle es hier im "Pretzscher Tale" ein gar mächtiges Tier mit feurigen Augen und glühender Bläke sein, das die Menschen mit Furcht erregendem Gebahren erschreckt.

Just wollte unser Bäuerlein über all den Aberglauben seiner lieben Schwemsaler Gevatter lächeln, als sein Handpferd hoch aufstieg und scheu zur Seite drückte, dass der Wagen fast umschlug. Im Nu war die Saumseligkeit von dem Gefährt gewichen, fluchend schlug der Bauer mit der Peitsche auf die Pferde ein, die aber gingen nicht vorwärts, sondern drückten mit knarrendem Geschirr den Wagen zurück. Kläffend kroch der Wagenspitz unter der Decke hervor, unter welcher er friedlich geschlummert, verstummte aber allsogleich und seine Rückenhaare sträubten sich in Schreck und Angst. Ein riesiges Tier, stark und massig wie ein Bär, stand vor den Pferden und drohte mit den Pratzen und wiegte den Oberkörper hin und her. Aus den Augen des Untieres sprühten Funken, die bald wie kleine Flämmlein überall auf dem Weg umher hüpften, und der Rachen glich einer lodernden Ofenglut.

Schritt um Schritt wichen die Pferde zurück, der Bauer hatte zu tun, den Wagen wenigstens ungefähr auf dem Wege zu halten. Das Ungeheuer aber blieb auf seinem Platze stehen, es gab nicht einen Ton von sich und wirkte so noch gespenstiger.

Obgleich auch dem Bauer abwechselnd die Hitze und der Frost über den Rücken liefen, behielt der doch einen klaren Kopf. Als die Pferde weit genug zurückgewichen waren, versuchte er das Gefährt zum Umlenken zu bringen, denn er meinte, dass gegen des Teufels Werk kein Irdischer anrennen könne. Schließlich war er zu den Dübener Weinbergen wieder zurückgekommen. Er mochte mehr als eine Stunde unter dem Schutz des Gehöftes gewartet haben, hatte den Tieren das Fell mit einer alten Decke getrocknet und ihnen die zitternden Flanken geklopft. So meinte er wohl, dass die Geisterstunde nun vorüber sei, drehte seinen Wagen wieder in die Richtung nach Schwemsal und fuhr nochmals dem Tale zu. Diesmal hatte ihn nichts wieder gehindert. Wenn auch die Rosse die Ohren spitzten und der Hund sich zwischen die Stiefel seines Herrn verkroch, so kamen der Bauer und sein Wagen doch ungehindert bis ins Dorf. So ist es in diesem Leben oft: Wenn nicht immer alles geht nach Wunsch und Wille, wenn sich mancherlei Widerding dagegen aufbäumt mit drohender Gebärde und glühender Bläke, so ist es gut, man geht ein Stück Weges nochmal zurück, wartet ein Weilchen und geht von neuem an das Gewollte - es wird dann wohl gelingen!