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Was das Wappen Sachsens erzählen kann

Was das Wappen Sachsens erzählen kann

Andreas Schneider

Das Land, die Wettiner, der Balkenschild und der Rautenkranz

Landeswappen des Freistaates Sachsen. (1)
Landeswappen des Freistaates Sachsen. (1)
Auf der Autobahn, an der Landesgrenze: Der Freistaat Sachsen begrüßt und verabschiedet seine solcherart einreisenden, ausreisenden oder auch nur durchreisenden Besucher mit einem schlichten Schild. Er enthält nicht viel mehr als seinen Namen und sein Wappen. Kein Flotter Spruch also, kein Slogan, kein berühmtes Paar aus der Glanz- und Klassikzeit der heimischen Kultur - nein, einfach nur das Wappen und der Name. Die Kraft der Symbole. Das genügt. Ziemlich viel Vertrauen des südöstlichsten deutschen Bundeslands in seine Hoheitszeichen kommt da zum Ausdruck, möchte man meinen. Und selbstbewusst nach außen demonstriertes Wissen, wie sehr die Landessymbole gleichsam wie nichts anderes für das Land stehen, seine Bewohner, seine Besonderheiten, seine Geschichte.
Wer es versteht, kann Vorgänge der Geschichte auch aus Wappen herauslesen. In § 1 bestimmt das Gesetz über das Wappen des Freistaates Sachsen vom 18. November 1991: „Das kleine Wappen des Freistaates Sachsen zeigt im neunmal von Schwarz und Gold geteiltem Schild einen schrägrechten grünen Rautenkranz." Durch die neunmalige Teilung, wie es in der Sprache der Blasonierung, der Wappenbeschreibung, heißt, entstehen je fünf schwarze und goldene Balken; gold erscheint als heraldische Tinktur immer in der Farbe gelb. Dieser schwarz-goldene Balkenschild verweist auf die Anfänge des Landes - auf [Meißen, die Wiege Sachsens[ http://www.meissen-lese.de/index.php?article_id=228]. Denn er geht direkt auf die Markgrafen von Meißen zurück. Sie herrschten seit dem 10./11. Jahrhundert in dem bedeutenden Grenzraum im Südosten des frühen „Reichs der Deutschen", der das heutige Bundesland Sachsen bildet und im Anbeginn Mark Meißen genannt wurde. Mark bedeutete Grenzgebiet und Meißen war der Sitz der das Land beherrschenden Grafen. Zunächst waren es verschiedene Adelsgeschlechter, die das Amt des Markgrafen von Meißen erlangten.
Konrad von Wettin, Markgraf von Meissen (1127–1156); Fürstenzug, Dresden. (2)
Konrad von Wettin, Markgraf von Meissen (1127–1156); Fürstenzug, Dresden. (2)

Dann kam Konrad von Wettin, in späterer verherrlichender Geschichtsschreibung auch Konrad der Große genannt - und fortan herrschten hier nur noch die Wettiner, zumindest bis 1918. Denn als Konrad von Wettin im Jahr 1123/25 die Mark Meißen aus den kaiserlichen Lehnshänden von Lothar von Süpplingenburg erhielt, verbleib sie fortan bei seinem Geschlecht, das sich seit seinem Vater Thimo, seines Zeichens Graf von Wettin und von Brehna, nach der Stammburg Wettin bei Halle benannte. Mit dem Erwerb der Markgrafschaft Meißen, dazu auch der Markgrafschaft Niederlausitz, der Grafschaft Groitzsch sowie des Landes um Bautzen und Dresden, begründete Konrad den Aufstieg seines Hauses, der Wettiner, zu landesherrschaftlicher Macht und damit auch dessen jahrhundertlange Bindung an das Land. Nicht zufällig ist es deshalb Konrad der Große, der hoch auf seinem Pferd den langen Fürstenzug am Schloss in Dresden anführt, heute eine der bei Touristen beliebtesten Sehenswürdigkeiten der sächsischen Landeshauptstadt - auf 102 Metern und 25.000 Fliesen aus Meißner Porzellan eine geballte Darstellung sächsischer Geschichte in seinem Herrscherhaus, in der beeindruckenden Aufeinanderfolge der Parade reitenden Markgrafen, Herzöge, Kurfürsten und Könige aus dem Hause Wettin, von Anbeginn bis zum vorletzten, weil der gerade 1904 bei der Fertigstellung regierte. Nebenbei sei es mit erwähnt: Bei der zentralen Landesfeier des 25. Jahrestages der Neugründung des Lands Sachsen am 3. Oktober 2015 in Meißen durfte denn auch der Dresdener Fürstenzug nicht fehlen - als lebendige Nachstellung in einem Historienspektakel mit über 100 Darstellern und fast 50 Pferden.

Erstmals hatte jedoch schon Konrads Onkel, Heinrich von Eilenburg, die Mark Meißen als Lehen erhalten, 1089 von Kaiser Heinrich IV., verlor sie aber wieder; zuletzt besaß sie Wiprecht von Groitzsch. Dieses Ereignis der Erstbelehnung grub aber erst nahezu 800 Jahre später ein findiger Hofarchivar aus und verhalf damit dem Herrscherhaus 1889 zu einem stolzen Jubiläumsfest im wilhelminischen Kaiserreich, das nicht nur in Dresden, sondern in ganz Sachsen als ein großes Ereignis der Eliten zelebriert wurde und auch als ein kleiner Seitenhieb gen Berlin und Preußens jüngere Hohenzollern zu verstehen war. Auf dem Fürstenzug fehlt Heinrich allerdings trotzdem ... 

Das wettinische Vollwappen am Schloss Augustusburg mit zwei Löwen als Schildhaltern und Helmzier; im  Herzschild die gekreuzten zwei Schwerter als Zeichen des Erzmarschallamtes. (3)
Das ursprüngliche Wappen der Markgrafen von Meißen zeigte einen schwarzen Löwen auf goldenem Grund. Später benutzten sie auch einen schwarz-golden quer geteilten Schild. Der im ganzen Stolz aufrecht schreitende Löwe auf goldenem Grund ist noch heute in den Stadtwappen von Dresden, Chemnitz, Freiberg, Leipzig und Meißen zu finden, den bedeutendsten Städten des Landes - sicher kein Zufall. Damit ist die eine Hälfte des Wappens Sachsens schon erklärt. Fehlt noch der schräg über den Schild gelegte grüne Rautenkranz. Er stammt von einem anderen großen Geschlecht des Früh- und Hochmittelalters, das ursprünglich in der Grafschaft Aschersleben beheimatet war und diesen Namen leicht mythologisierend in Askanier abwandelte. Es brachte übrigens ebenso den Gründer der Mark Brandenburg hervor wie den Stifter der Linie Anhalt. In askanischen Wappen ist der grüne Rautenkranz seit 1262 belegt. Er wurde zum Zeichen des Herzogtums Sachsen, das die Askanier seit 1180 durch Berhard III. erhielten. Nach dem Erlöschen der askanischen Linie Sachsen-Wittenberg übertrug Kaiser Sigismund Markgraf Friedrich IV., dem Streitbaren, von Meißen 1423 das Herzogtum mit der Kurwürde - zum Dank für seine Hilfe gegen die Hussiten. Das Aussterben der Askanier erhob so das Geschlecht der Wettiner zu den ranghöchsten Fürsten im Reich, zu den sieben Kurfürsten, die den Herrscher, den Römischen König wählten, der dann häufig auch die Kaiserkrönung in Rom anstrebte. Ein Wettiner, Kurfürst Friedrich III., der Weise, der in den politischen Auseinandersetzungen seiner Zeit vielleicht sogar etwas unfreiwillig zum Unterstützer Martin Luthers und der Reformation wurde, lehnte übrigens sehr wohl überlegt 1519 eine eigene Kandidatur als Römischer König ab - gewählt wurde dann Karl V. Aber das ist eine andere, höchst interessante Geschichte. Jedenfalls übernahmen die Wettiner von den Askaniern das Erzmarschallamt im Reich - ein Zeichen waren die roten gekreuzten Kurschwerter auf schwarz-silbernen Grund, die nun ebenfalls wie der Rautenkranz ins Hauptwappen der Wettiner kamen. Die von ihnen abgeleiteten gekreuzten „Blauen Schwerter" wurden zum Markenzeichen des Meißner Porzellans - Meißen, immer wieder Meißen ...
Friedrich August III. von Sachsen. ca. 1908. (4)
Friedrich August III. von Sachsen. ca. 1908. (4)

So ist das heutige Landeswappen Sachsens aus dem Hauptwappen der Wettiner hervorgegangen. Freistaat wurde das Land erst ohne die Wettiner, als die Sachsen ein wenig gezwungen ihren „Dreck alleene" zu machen begannen, um die ebenso legendären wie unbelegten Worte zu bemühen, mit denen der populäre letzte Wettiner angeblich im November 1918 Thron und Schloss räumte. Eine nach dem Vorbild der Weimarer Reichsverfassung von 1919 ausgearbeitete Sächsische Verfassung erklärte das Land am 1. November 1920 zum Freistaat. Das war im Prinzip nicht einmal etwas Besonderes - fast alle Länder, außer Baden und Hessen, bezeichneten sich damals in bezug auf § 17 Absatz 1 Satz 1 der Reichsverfassung amtlich als „Freistaat". Das Wort selbst war im 19. Jahrhundert als deutsche Entsprechung für das Fremdwort „Republik" populär geworden, um eine sich von der Monarchie unterscheidende Staatsform zu benennen - im Sinne eines „freien Volksstaats". Seine früheste Verwendung in einem offiziellen Dokument dürfte von 1793 datieren - in einer Deklaration der kurzlebigen „Mainzer Republik". Als im Gefolge der friedlichen Revolution in der DDR im Oktober 1990 das 1952 aus der Geschichte vertriebene Land Sachsen wieder in diese zurückkehrte, entstand im Vorfeld im Sommer 1990 ein Verfassungsentwurf, der ganz selbstverständlich die traditionelle Bezeichnung benutzte, um den Charakter des neu geschaffenen Staatswesens „Land" zu unterstreichen. Die am 27. Mai 1992 angenommene Verfassung bestimmte dann auch in Präambel und Artikel 1 Sachsen offiziell wieder zum Freistaat.

Wie sehr die Sachsen aber trotz allem Freistaats-Willen zunächst noch Jahre nach dessen Abtritt an ihrem einstigen Herrscherhaus hingen, mit dem sie über 800 Jahre im Großen und Ganzen doch ganz gute Erfahrungen gemacht hatten, zeigte sich mit beeindruckender Deutlichkeit bei der Beisetzung des [vormaligen, „gewäsenen" Königs 1932 in Sibyllenort|http://www.sachsen-lese.de/index.php?article_id=332]. Inzwischen huldigen die Sachsen keinem König mehr - nur der erste Ministerpräsident nach 1990, der zwölf Jahre die Geschicke des Landes ebenso energisch wie erfolgreich Richtung Marktwirtschaft und Demokratie lenkte, Kurt Biedenkopf, durfte sich ein wenig als solcher feiern lassen. Der Titel eines „Markgrafen von Meißen" blieb hingegen ganz offiziell erhalten - der jeweils amtierende Chef des Hauses Wettin trägt ihn noch immer ... 

Bildnachweis

Bilder 1 und 4: via Wikimedia Commens, gemeinfrei.

Bild 2:  Urheber JoJan Datum: 18.10.2015

Bild 3: Andreas Schneider