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Das ehemalige Rittergut in Gaschwitz

Das ehemalige Rittergut in Gaschwitz

Birgitt Sandke


Südlich von Leipzig mitten im Neuseenland an der Pleiße liegt Gaschwitz, heute ein Ortsteil von Markkleeberg. Radfahrer passieren das Dörfchen, wenn sie auf dem Pleißeradweg unterwegs sind, und auch der Sieben-Seen-Wanderweg führt durch Gaschwitz. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich der Ort mit seinen Ausflugsgaststätten und schönen Villen besonders für die Leipziger zu einem beliebten Naherholungsgebiet zwischen Harthwald und Auen.

Mit der Eröffnung des Eisenbahnhaltepunktes 1874 und dem Bau eines großen Rangierbahnhofs sowie später mit dem Einzug des Braunkohletagebaus wandelte sich jedoch allmählich der Charakter des Ortes hin zu einem Arbeiterwohnort. Der anrückende Tagebau veränderte dann seit Ende der 1950er-Jahre das Ortsbild gewaltig. Gaschwitz verkam zu einem Straßendorf inmitten einer trostlosen, vom Bergbau gezeichneten Landschaft.

Inzwischen sind nach Stilllegung der Tagebaue die Abraumflächen rekultiviert worden, das Waldgebiet „Neue Harth“ inmitten der neu entstandenen Seenlandschaft ist wieder ein beliebtes Ausflugsziel, und so besteht auch für Gaschwitz die Chance, neu an Attraktivität zu gewinnen.

Einst weit über die Grenzen Sachsens bekannt

Ein Mosaikstein auf diesem Weg ist die Sanierung der wenigen historischen Bausubstanz, die erhalten geblieben ist. Dazu gehört die alte Gutsanlage, einst Zentrum von Gaschwitz. Wie auch die Nachbarorte besitzt Gaschwitz ein ehemaliges Rittergut an der Pleiße, das dem Verfall preisgegeben war und nun Stück für Stück erneuert wird.

Die Gaschwitzer Gutsanlage, die sich anstelle eines bereits im 14./15. Jahrhundert erwähnten Herren- bzw. Rittersitzes befindet, wurde besonders in der Zeit des Barock geprägt. Bis zum Verkauf des ehemaligen Ritterguts an die AG Sächsische Werke Dresden 1925 wechselten adelige und später bürgerliche Besitzer als Eigentümer. 1945 wurde das Gut enteignet und in ein Volkseigenes Gut umgewandelt. Im Jahre 2000 erwarb schließlich die Stadt Markkleeberg den gesamten Gutsbereich.

Das Herrenhaus aus der Mitte des 18. Jahrhunderts, das auf Vorgängerbauten errichtet wurde, ist heute leider nicht mehr erhalten. Es war von Teichen, die später zugeschüttet wurden, malerisch umgeben. Der dazugehörige Barockgarten und vor allem die Fasanerie machten das Gut Gaschwitz weit über die Grenzen Sachsens bekannt. Alte Stiche künden von der einstigen Pracht.

Von der barocken Gutsanlage erhalten geblieben sind das Verwalterhaus, auch aufgrund eines vermeintlichen Aufenthalts Napoleons „Napoleonhaus“ genannt, das nördliche Torhaus und die Orangerie mit südlichem Torhaus.

Die Orangerie mit südlichem Torhaus

Das südliche Torhaus nach der Restaurierung 2012
Das südliche Torhaus nach der Restaurierung 2012


Innerhalb des architektonischen Ensembles ist die Orangerie mit südlichem Torhaus ein „Hingucker“ und beliebtes Fotomotiv für alle, die die Gutsanlage in Augenschein nehmen. Seit 2012 erstrahlt der Gebäudekomplex, ursprünglich in den 1730er-Jahren entstanden, vollständig saniert in neuem Glanze. Der Bauherr stammte vermutlich aus der Leipziger Familie Magen, denn Benjamin Magen, Protonotar des Leipziger Oberhofgerichts, war 1716 der erste bürgerliche Gutsbesitzer der Familie Magen in Gaschwitz. Später lösten sich mehrere bürgerliche Familien als Besitzer ab, die wohl alle den Bau auch als Orangerie nutzten. Hier konnten empfindliche Pflanzen wie Apfelsinen- oder Zitronenbäumchen den Winter überdauern. Eine schöne illusionistische Deckenmalerei, deren Reste vorerst gesichert wurden, gab dem Raum sein besonderes Flair.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude zweckentfremdet als Werkstatt und Lagerraum genutzt. Diese Nutzung und auch der spätere Leerstand beförderten den ohnehin bereits ruinösen Zustand. Mit Mitteln des Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung gelang es mit viel kommunalem Engagement, 2010 bis 2012 das Gebäude zusammen mit dem Torhaus weitestgehend originalgetreu zu sanieren und einer öffentlichen Nutzung als Bürger- und Vereinshaus zuzuführen.

Während auch beim nördlichen Torhaus die Wiederherstellungsarbeiten im Gange sind, müssen andere Gebäude der Gutsanlage wie das „Napoleonhaus“, das neue Herrenhaus sowie der 1908 errichtete Schafstall mit einem wehrhaft anmutenden, turmartigen Wohntrakt noch auf ihre aufwendige Verschönerungskur oder den letzten „Schliff“ warten. So wurde beim „Napoleonhaus“ das Mansarddach mit schiefergedecktem Dachreiter bereits erneuert, aber am übrigen Bau, dessen Obergeschoss in Fachwerk ausgeführt ist, stehen weitere Arbeiten noch aus.

Das neue Herrenhaus

Das neue Herrenhaus
Das neue Herrenhaus

Das neue Herrenhaus, um 1905 errichtet, befindet sich anstelle des nicht mehr erhaltenen Herrenhauses aus der Mitte des 18. Jahrhunderts. Es ist ein neoklassizistischer Bau mit aufwendiger symmetrischer Fassadengestaltung und dreiachsigem Mittelrisalit. Dieses einst repräsentative Gebäude verfällt immer mehr und benötigt ein neues tragfähiges Nutzungskonzept, damit auch hier Sanierungsmaßnahmen beginnen können.

Das neue Herrenhaus, das die Gutsanlage zur Pleiße hin abschließt, wurde von dem norwegischen Architekten Peter Dybwad errichtet. Dybwad studierte 1878 bis 1882 an der Königlichen Bau-Akademie in Berlin. Zusammen mit seinem Studienfreund Ludwig Hoffmann hatte er mit dem Entwurf „Severus“ den ersten Preis im Wettbewerb für den Bau des Reichsgerichts in Leipzig gewonnen und sich bereits einen Namen gemacht. Dybwad ließ sich als freier Architekt in Leipzig nieder, errichtete zahlreiche Villen und einzelne Wohn- und Geschäftshäuser für das wohlhabende Bürgertum sowie Herrensitze in der näheren Umgebung.

Interessanterweise gelangten Teile der Einrichtung des Römischen Hauses im Leipziger Peterssteinweg, das 1904 abgerissen wurde, durch Erbschaft der damaligen Besitzerin der Gutsanlage Gaschwitz in das neue Herrenhaus, so ein Raum mit italienischen Veduten und ein Herrenzimmer mit Kassettendecke, das orientalischen Einfluss zeigte. Mit der Nutzung des Gebäudes als Schule 1947 bis 1999 wurde der Bau unter anderem durch den Anbau eines Schornsteins, einer Terrassenbrüstung in Betonstein und Einbau nicht stilgerechter Fenster verunstaltet.

Die Orangerie nach der Restaurierung 2012
Die Orangerie nach der Restaurierung 2012


Die Zeiten haben ihre Spuren hinterlassen, doch es bleibt spannend mitzuerleben, wie denkmalgeschützte historische Bausubstanz erhalten und neu genutzt werden kann. Für alle, die an der Geschichte des Ortes und des ehemaligen Rittergutes interessiert sind, bieten verschiedene Informationstafeln in Gaschwitz viel Wissenswertes. Anhalten lohnt sich!

Bildnachweis

Alle Fotos: Birgitt Sandke