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Gerhard Klein
Berlin-Skizzen

Die deutsche Hauptstadt in achtzehn Bildern. Die liebevoll gestalteten Zeichnungen geben einen einzigartigen Blick auf die Metropole an der Spree. Neben bekannten Bauwerken wie Reichstag und Gedächtniskirche hat Architekt Gerhard Klein auch sehenswertes wie den Eingang des Berliner Zoos oder das Bode Museum in Bild eingefangen. Den Zeichnungen ist ein informativer Text zur Sehenswürdigkeit beigeordnet.

Großröhrsdorf im Rödertal

Großröhrsdorf im Rödertal

Claus Baumgart

Bandweber, Fabrikantenvillen und Sagenpfad

Rathaus 1912 (1)
Rathaus 1912 (1)

Jedem Besucher der kleinen Stadt Großröhrsdorf im Rödertal fallen sofort die vielen prächtigen Fabrikantenvillen auf. Sie sind entstanden, als die Band- und Gurtweberei durch die technische Entwicklung immer wieder neue Aufschwünge nahm und der Wohlstand der Fabrikeigentümer repräsentiv vorgezeigt werden sollte. Es hat den Anschein, als ob sich Auftraggeber und Architekten harte Wettbewerbe lieferten, nicht zum Schlechtesten für das Ortsbild.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts gab es in Großröhrsdorf 32 Bandfabriken und mehr als 1000 Bandwebstühle. Die Stadt galt eines der größten deutschen Zentren dieser Art. Der industrielle Boom führte zum Ansteigen der Bevölkerungszahl, viele Einwohner wurden wohlhabender, und man leistete sich einen Bahnhof, die Post und baute im Jugendstil das 1909 eingeweihte Rathaus. 1924 erreichten die selbstbewussten Bürger das Stadtrecht.

Das Stadtwappen nimmt Bezug auf die textile Geschichte des Ortes und zeigt einen silbernen Bandwebschützen auf blauem Grund.

Gleich zwei Museen berichten über die Geschichte der Stadt, das Heimatmuseum und das Technische Museum der Bandweberei.

Das Heimatmuseum (2)
Das Heimatmuseum (2)

Das Heimatmuseum beherbergt seine zum Teil noch unerschlossenen Schätze in einem 1798 errichteten und vorzüglich renovierten Umgebindehaus in der Mühlstraße 5. Die immer wieder wechselnden Ausstellungen haben sich schon mit dem einheimischen Bier, seit 1887 gibt es das Böhmisch Brauhaus Großröhrsdorf, und der örtlichen Schulgeschichte beschäftigt. Aber hauptsächlich wird das Alltagsleben der Bandweber dokumentiert, ihre harte Arbeit, um Bänder herzustellen, dazugehörige Produkte und die Geschichte des Ortes. Eine absolute Attraktion – nicht nur für Kinder – ist der originale historische Kaufmannsladen, etwa einhundert Jahre alt.

Das Technische Museum zeigt die Entwicklung der Bandweberei vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Ab und zu werden die historischen Webmaschinen angestellt. Diese Vorführung ist sehr laut, aber auch überaus beeindruckend. 1680 begann mit George Hans und dem einfachen Bandwebstuhl, über die Einführung des Jacquardwebstuhls und mechanischer Webstühle im 19. Jahrhundert der bis ins 20. Jahrhundert reichende Aufschwung der Stadt. Die Fabrikanten kamen zu Reichtum und die Schurigs, Großmanns, Bodens u. a. begannen, ihre Villen zu bauen.

Von der Qualität der Großröhrsdorfer Produkte zeugt auch die Beteiligung an Messen und Ausstellungen. Ein „Taschenbuch für Kaufleute, welche die Leipziger Messe besuchen“ von 1792 erwähnt Johann Gottfried Mißbach aus Großröhrsdorf, der dort „Dresdner Zwirnbänder eigener Fabrik(ation)“ anbot. Die Erste Deutsche Industrie Ausstellung 1842 in Mainz verzeichnet als Aussteller Gottfried Schöne. Dann werden es auf den sächsischen und deutschen Werbeveranstaltungen für heimische Produkte immer mehr Fabrikanten aus dem Rödertal.

1893 nahm die Firma C.G. Großmann an der Weltausstellung in Chicago teil. Die Besitzer dieses größten Unternehmens im Ort versuchten die Infrastruktur zu verbessern und stifteten u. a. eine Klinik.

Die Stadtkirche (3)
Die Stadtkirche (3)

Die Produktpalette der Großröhrsdorfer Unternehmen reichte von Blaudruckstoffen und Schürzen über gefärbte, gemusterte und bedruckte Baumwoll- und Leinstoffe, Berufsbekleidung bis zu Handtüchern, Frottierwaren, Servietten, Tisch- und Segeltüchern, Fallschirmzubehör und Hosenträgern. Die Gurt- und Bandindustrie kam nach dem Ende der DDR weitgehend zum Erliegen und wird heute nur noch von wenigen Firmen betrieben. Immerhin sind einige Produkte aus DDR-Zeiten im Deutschen Historischen Museum in Berlin archiviert.

Neben dem Rathaus ist die im 18. Jahrhundert erbaute und vortrefflich sanierte Stadtkirche ein markanter Blickfang. Sie diente in der Verfilmung von Uwe Tellkamps Roman „Der Turm“ als Kulisse.

In der Ausstellung zur Schulgeschichte im Heimatmuseum spielt die Praßerschule eine Hauptrolle. Sie wurde 1876 eingeweiht und erhielt 1992 den heutigen Namen nach dem Lehrer und Ortschronisten Friedrich Ehregott Praßer. Dieser veröffentlichte 1869 die voluminöse und ausschweifende Chronik von Großröhrsdorf, Stadt und Dorf Pulsnitz, Friedersdorf, Thiemendorf, Lichtenberg, Mittelbach, Kleindittmannsdorf, Leppersdorf, Augustusbad, Bad zu Liegau, Lotzdorf, Radeberg, Kleinröhrsdorf, Wallroda, Kleinwolmsdorf, Arnsdorf, Fischbach, Schmiedefeld, Seligstadt, Harthau, Frankenthal, Rammenau, Hauswalde, Bretnig und Ohorn vornehmlich nach den Urkunden des K. S. Haupt-Staats-Archives, des Domstiftes Meißen, sowie der Königl. Gerichtsämter Pulsnitz, Radeberg, Stolpen und Bischofswerda. Nebst einem Anhang: Die ältesten Grundstücke der Ortschaften hiesiger Gegend und deren Besitzerreihen. Aus den Erb- und Kaufbüchern der K. Gerichtsämter: Pulsnitz, Radeberg, Stolpen und Bischofswerda.Selbstverlag: Bischofswerda 1869. Heute ist der Titel im Internet einzusehen.

Fabrik der Firma J. G. Schurig (4)
Fabrik der Firma J. G. Schurig (4)

In der „Praßer-Chronik“ genannten Schrift kann nachgelesen werden, dass der Ort älter ist als die Bandweberei. Ungefähr um 1250 gegründet, trug die Ansiedlung erst dörflichen Charakter, bis die industrielle Entwicklung sie zur Stadt umformte. Mittlerweile ist sie auf dem Weg zum Hightechstandort. Es ist zu hoffen, dass die historischen Bauten davon nicht betroffen werden.

Nach einer Wanderung durch die umliegenden Wälder oder einem Spaziergang zu den Fabrikantenvillen ist die Einkehr in den historischen Ratskeller sehr zu empfehlen. Im Gastraum zeigt ein umlaufendes Wandgemälde einen Kirmesumzug mit vielen Anzüglichkeiten auf die eine oder andere öffentliche Person der Zeit.

Auch in der näheren Umgebung der Stadt gibt es lohnenswerte Ziele. Immerhin liegt sie am Rande der Landschaftsschutzgebiete Westlausitz und Massenei. Durch den südlich gelegenen Massenei-Wald führt ein Sagenpfad. Auf mehreren Bildtafeln werden Sagen aus der Gegend vorgestellt. Dabei taucht immer wieder die Bornematzen auf (auch Bornematzin, Frau Bornematz, Bornematz’n, Bornematzel). Der Ursprung der Sage wird verschieden dargestellt, aber jedenfalls schaffte es diese Spukgestalt bis in unsere Zeit. Mal hilft sie, mal erschreckt sie.

Zum Erholen kann sich der Wanderer vom Sagenpfad in das 1935 eingeweihte Massenei-Bad begeben. Zum Baden und Zelten oder anders Campieren lädt im Ortsteil Kleinröhrsdorf der mehrfach ausgezeichnete Camping- und Freizeitpark LuxOase ein.

Die kleine Röder-Stadt kann auch als Ausgangspunkt für Ausflüge nach Dresden oder in die Sächsische Schweiz dienen. Leicht zu erreichen sind die Bierstadt Radeberg oder der Geburtsort des Philosophen Johann Gottlieb Fichte in Rammenau mit dem bekannten Barockschloss und dem schönen Park, die Pfefferkuchenstadt Pulsnitz oder Bautzen und Kamenz mit ihren historischen Bauten.

Großröhrsdorf ist auf jeden Fall auf dem großen Deutschland-Reise-Atlas noch zu entdecken.

Literatur:

http://www.bornematzen.de/index.php

http://www.slub-dresden.de/en/collections/digital-...

Bildnachweis:

Bilder 1 und 4: Urheberrechte sind abgelaufen.

Bild 2: Im Umgebindehaus von 1798 in der Mühlstraße in Großröhrsdorf ist das örtliche Heimatmuseum untergebracht. Urheber Anika.

Kopfbild und Bild 3: Wikimedia Commons - gemeinfrei.