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Friedrich W. Kantzenbach

Erfundenes Glück

Der Autor beschäftigt sich auf lyrischem Weg mit den essentiellen Dingen des Lebens. Er reflektiert seine reichen literarischen Begegnungen und verarbeitet Reiseerlebnisse und persönliche Bekanntschaften mit Menschen, die ihn beeindruckten. Zunehmend durchdringen die Themen Krankheit, Tod und Vergänglichkeit seine Texte.

 

Schloss und Schlossverein Taucha - einzigartig in der Region

Schloss und Schlossverein Taucha - einzigartig in der Region

Andreas Schneider

„Im Anfang war das Schloss – und es war eine Burg“. Nachtwächter Johann Christoph Meissner ist an einem Schild mit der Aufschrift „Haugwitzwinkel“ stehengeblieben, nachdem er mit seinem Pulk an Interessierten gerade noch am [aktuellen der Sitz der Stadtverwaltung |http://www.sachsen-lese.de/redaxo/index.php?page=c...] in der Schlossstraße vorbei gezogen war. Vor einem breiten gepflasterten Weg, der eine kleine Anhöhe hinaufführt und dann durch einen großen gemauerten Torbogen in einen runden Hof, winkt Meissner alle zu sich heran und führt die Gruppe in das große Oval des Schlosses. Sie sollten ihm nun an genau den Ort folgen, an dem Taucha seinen Anfang nahm. Richtig gehört:

Rittergutsschloss Taucha - Luftbildaufnahme November 2012 (1)
Rittergutsschloss Taucha - Luftbildaufnahme November 2012 (1)

Hier habe das Städtchen im Norden von Leipzig seinen Anfang genommen. Natürlich nicht mit diesem Gebäuden, zu denen er gleich Näheres erzählen werde, fährt Meissner fort. Aber ganz genau hier. Auf diesem Burgberg – na ja, mehr ein Bergchen mit seinen 127 Metern, immerhin aber herausragend. Die Entwicklung sei dann nicht anders gewesen als anderswo: Wo eine Burg ist, kämen schnell Händler und würden ansässig; das Ganze wachse dann durch den Handel relativ rasch und sicher, denn Handel ziehe die Menschen magisch an. Im Prinzip sehr ähnlich wie im benachbarten Leipzig. Meissner lacht. Er habe ja schon zum Marktplatz erklärt, dass Taucha sich durchaus als etwas älter als die heutige große „Schwester“ Leipzig sehen kann und damit im Ursprung ebenbürtig – um dann trotzdem im 16. Jahrhundert unter deren Fuchtel zu geraten. Doch dazu gleich Näheres. Zunächst: Bronzezeitliche Siedler, Germanen und und auch die noch vor 650 hier eindringenden westslawischen Sorben vernachlässigt, begänne Tauchas Dasein und Entwicklung exakt hier am Burgberg, und zwar im 10. Jahhrhudert, mit dem Burgenbau der deutschen Herrscher in ursprünglich slawischem Gebiet. Um 974 sei der Burgberg samt Burg und Burgwardsbezirk dann erstmals erwähnt und wenig später an das Erzbistum Magedeburg gekommen. Die Gründung von Taucha könne man auch in diese Zeit verorten – die Stadtrechtsverleihung um 1170 sei vom Magdeburger Erzbischof bewusst als eine Art „Gegengründung“ zum wettinischen Leipzig vollzogen worden, vermutlich hier auf dem Gelände der ersten Burg. Immer habe dann diese herausgehobene Stelle eine bedeutsame Rolle gespielt, ob als Burg oder ab 1220/21 als erstes Schloss, das dann schon 1282 nach Belagerung geschleift und nieder gerissen sowie bis 1542 neu erreichtet wurde, das im Schmalkaldischen Krieg 1547, im Dreißigjährigen Krieg, vor allem 1642-44, im Nordischen Krieg 1706-07 und im Siebenjährigen Krieg Neujahr 1763 verschiedne Besetzungen erlebte, das 1813 zeitweise vor und während der Völkerschlacht sogar als Lazarett genutzt wurde, übrigens für Verwundete beider Seiten, der Schlossturm als Aussichtspunkt französischer Offiziere, bis 1819/20 sein Abbruch erfolgte, ebenso wie übrigens der Stadtmauern. Aber er wolle gar nicht so sehr mit Jahreszahlen langweilen, die ohnehin schnell wieder vergessen seien und viel besser auf der Homepage des „Fördervereins Schloss Taucha e. V.“, kurz des Schlosssvereins nachgelesen werden könnten, sondern ein paar besondere Geschichten heraus greifen.

Wappen des ehemals herrschenden Rittergeschlechts von Haugwitz (2)
Wappen des ehemals herrschenden Rittergeschlechts von Haugwitz (2)

Jetzt scheint Meissner in seinem Element zu sein. Wer genau hingesehen habe, werde am Rundbogen des Eingangsportals ein Wappen bemerkt haben – seit 2009 sei es am Schlosstor restauriert gut sichtbar. Es handele sich um das Wappen derer von Haugwitz, einem sächsischen Adelsgeschlecht, das den sächsischen Kurfürsten einige Kanzler stellte und seit 1437 als Lehns- und Gerichtsherren mit dem Tauchaer Gebiet verbunden seien. Herausragend zu nennen wären Wilhelm von Haugwitz der Ältere, der sich 1532/33 nach Streitigkeiten mit der Stadt Leipzig kurzerhand mit der elfmonatigen Gefangennahme eines einflussreichen Leipziger Bürgers und späteren Bürgermeisters „hervortat“, sowie sein Nachfolger und Vetter Wilhelm von Haugwitz der Jüngere, der um 1540 die Herrschaft Taucha erhielt und 1542 hier auf dem Schlossberg das zweite Schloss erbauen ließ. Aber auch dieser geriet um 1555/57 in handfeste Streitigkeiten mit der Stadt Leipzig, die viel zu kompliziert sind, um sie hier näher auszubreiten – wichtig sei nur das Ende der Geschichte: Über Mittelsmänner gerieten das Rittergut und Schloss Taucha mit den zugehörigen 14 Dörfern durch Kauf unter Leipziger Lehns- und Gerichtsherrschaft der immer mächtiger werdenden Messestadt, also unter die Herrschaft des „Ehrbaren, Ehrenvesten und Hochweisen Rats der Stadt Leipzig“ und blieb es bis 1832/1848, das Schloss und Rittergut sogar bis 1946.

Pflügender Bauer. Briefmarke zur Bodenreform in der Provinz Sachsen 1945 (3)
Pflügender Bauer. Briefmarke zur Bodenreform in der Provinz Sachsen 1945 (3)

Feindliche Übernahme nenne man das wohl heute. Richtig wichtig für das Schloss und seinen Charakter wären die Umbauten von 1722-44 und noch viel mehr, wenn auch im entgegengesetzten Sinn, die um 1820 geworden. Danach nämlich, also im weiteren Verlauf der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, sei von einem Schloss zunehmend nicht mehr viel zu sehen gewesen und der als Rittergut verpachtete Komplex immer deutlicher zu einem mehr oder weniger reinen Landwirtschaftsbetrieb umgebaut worden. So kam er auch nach Kriegsende 1945 auf Anordnung der sowjetischen Besatzungsmacht in die durch Aufteilung des „Großgrundbesitzes“ eingeleitete Umverteilung der Besitzverhältnisse, die etwas beschönigend-verschleiernd „Bodenreform“ genannt wurde und „Junkerland in Bauernhand“ bringen sollte. Da die Besitzverhältnisse der Stadt Leipzig am „Rittergut“ dem Besatzungskommandanten nur schwer klar gemacht werden konnten, geriet es im April 1946 mit 1140 ha Land dann doch widerrechtlich in die Aufteilung an Neubauern; nur eine Restfläche von 37 ha verblieb weiter als Pachtland im Besitz der Stadt – ein kurzzeitiger Pächter 1946/47 wurde aber mit Hilfe von Verleumdungen und der Besatzungsmacht regelrecht „vertrieben“. Aber auch in der Folgezeit bestanden rechtliche Unklarheiten über die Besitzverhältnisse am Rittergut weiter, nun zwischen Stadt Taucha, Stadt Leipzig und einer neuen „Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe“, kurz VdgB. Nach weiteren umfangreichen Umbauarbeiten zog dann ab 1952 die Schweinemästung im Schlossgelände ein – und fortan war von einem Schloss nicht mehr zu sprechen; bis 1990 obwaltete hier eine LPG mit ihren Schweinen.

Nachtwächter Meissner hält kurz inne. Nach 1990 zeigten sich die Unklarheiten der Besitzverhältnisse am Rittergut erneut und nachdem die Stadt Taucha 1991 einen Anspruch auf Restitution gestellt hatte, dauerte es bis 1995, bis sie auch juristisch als Besitzer des Rittergutes gelten konnte. Was in der Zwischenzeit geschehen sei, könne man sich sicher denken - Zerfall, Verunkrautung und Verwilderung des gesamten Geländes. All dies dauerte im Prinzip bis zur Gründung des Schlossvereins 2000 an, der sich eben zur Rettung der Örtlichkeiten hier bildete.

 Rittergutsschloss Taucha - Haus 5 (4)
Rittergutsschloss Taucha - Haus 5 (4)

Erst seinem bürgerschaftlichen Engagement in vielen vielen freiwilligen Stunden an Aufbauleistungen ist es zu verdanken, Meißner dreht sich einmal um die eigene Achse und zeigt mit dem rechten Arm auf die sanierten Gebäude mit ihren schmucken Dächern, dass das jetzt alles bewundert werden könne. Denn unter Leitung von zunächst dem Verleger Dieter Nadolski, dann Jürgen Ullrich hätte der Schlossverein mit seinen Mitgliedern das Unglaubliche geschafft, den Verfall zu stoppen, die Gebäude zu retten und zu restaurieren sowie hier wieder ein vielfältiges und beachtliches (Kultur-)Leben zu etablieren. Auch die sehr aufschlussreiche Dauerausstellung im 2010 eröffneten Rittergutsmuseum sei ein Ergebnis von vielen vielen freiwillig geleisteten Stunden der Vereinsmitglieder. Der Jahresplan des Schlossvereins weise seitdem die vielfältigsten Aktivitäten aus. Besuchermagneten seien immer das Konzert im Rahmen der jährlichen Rocknacht sowie das seit 2010 hier und am Schöppenteich ausgerichtete Ancient Trance Festival als Maultrommel- und Weltmusikfestival, in dessen Zentrum die Maultrommel als eines der ältesten Musikinstrumente der Welt stehe und das als ein friedliches Aufeinandertreffen verschiedener Musik-Kulturen zumindest überregionale Bedeutung erlangt habe. Ebenso übrigens wie die seit 2009 erfolgreiche eigene Hochzeitszeremonie, zu der schon bis aus Pirna angereisten Heiratsfreudigen in die „Kulturscheune“ gefunden hätten. Diese sei auch sonst mit ihrem rustikalen Ambiente ein gut gebuchter Veranstaltungsort für Konzerte, Ausstellungen, Theateraufführungen und selbst Konferenzen. Überzeuge sich jeder selbst – die Gebäude stehen allen Interessierten offen.

Wappen der Meißnischen Adelsfamilie Bora (5)
Wappen der Meißnischen Adelsfamilie Bora (5)

Seit 2012 könne sich hier jeder Interessierte auch ohne Führung selbst „schlau machen“, da an jedem Gebäude eine Tafel mit historischen Informationen für Touristen zu lesen ist. Wer dann irgendwann das Schloss wieder verlasse, solle am Eingang ein zweites Mal aufmerksam schauen, ob er etwas übersehen habe. Denn seit dem Tag des offenen Denkmals 2014, wo zu jedem Jahr hier natürlich auch immer für alle Interessierte geöffnet sei, prange ein ein Emblem mit dem grünen L als Zeichen des Lutherweges am Haupteingang – nun ja, die Mutter Anna von Luthers Ehefrau Katharina von Bora wäre eine geborene Haugwitz gewesen und dürfte im Schloss das Licht der Welt erblickt haben, zumindest aber wäre belegt, dass sie im ganz frühen Säuglingsalter kurzzeitig hier mit ihren Eltern gewohnt habe. So hätte auch das kleine Taucha einen klitzekleinen Anteil am großen Luther, zumindest auf Um- und Nebenwegen seines Stammbaums. Groß sei deshalb die Freude gewesen, als man dies entdeckte, und große Pläne habe man auch insgesamt. Meissner gerät ins Schwärmen. Ein Hotelbetrieb sei hier denkbar und noch vieles andere mehr, was noch mehr Touristen anziehen würde. Zum Beispiel zum Bachfest der Stadt Leipzig, dessen Organisatoren das Schloss vor den Toren Leipzigs auch schon als Veranstaltungsort entdeckt und einbezogen habe. Und Busse führen ja heute Konzertbesucher ohnehin viel weiter als die bissel fünfzehn Kilometer von Leipzig bis Taucha vor den Toren der Messestadt im Norden ...

Literatur:

- Johann Gottlieb Guth, Geschichte der Stadt Taucha, Taucha 1866

- Andreas Tappert, Taucha. Geschichte einer Stadt, hrg. von der Stadtverwaltung Taucha, Leipzig 1995

- Sigrid Lenk, Taucha. Ein geschichtlicher Überblick, Taucha 1998

- Helmut Köhler, Detlef Porzig, Spaziergang durch Taucha, Taucha 1999

- Thomas Nabert, Im Partheland. Zwischen Leipzig, Taucha und Borsdorf, Leipzig 2002

- Peter Sundermann, Taucha, Erfurt 2007 (viele historische Fotos, auch zur Schweinemästung im Schloss)

- Detlef Porzig, Chronik von Taucha – nebst Cradefeld, Dewitz, Graßdorf, Merkwitz, Plösitz, Pönitz, Seegeritz und Sehlis, Taucha 2012 (bis 1918 geführt; weitere Bände geplant)

- Jürgen Rüstau, Jürgen Ullrich, Mörderisches Taucha. Ein spezieller Stadtrundgangdurch die Abgründe der Stadt Taucha, Leipzig 2015

- TAUCHAER STADTANZEIGER, diverse Jahränge mit ortsgeschichtlichen Texten von Detlef Porzig und Jürgen Ullrich

Bildnachweis

Kopfbild, Bilder 3 und 5: Wikimedia - gemeinfrei

Bild 1: Urheber Ronny Schäfer

Bilder 2 und 4: Urheber Idlom67