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Papier gegen Kälte

Manfred Hoffmann, ehemals Klassenbester, ist ein angesehener Kinderarzt mit eigener Praxis und strebt nach dem Professorentitel. Stets bemüht, allen in ihn gesetzten Erwartungen zu entsprechen, steuert sein Leben in eine Sackgasse. Die jahrelange wissenschaftliche Arbeit erweist sich plötzlich als vergebens, sein Karriereaufstieg ist gefährdet, seine Ehe gescheitert, alle Erwartungen enttäuscht. Auf der Suche nach Genugtuung und nach Rechtfertigung begibt er sich auf Wege, die gefährlich weit in die Netze der organisierten Kriminalität ziehen.

Eine packende Mischung aus Entwicklungsroman und spannendem Thriller.

auch als E-Book erhältlich

Luthers 95 Thesen

Luthers 95 Thesen

Manfred Wolf

Es gibt geradezu klassische Aussagen, die durch Überlieferung seit langer Zeit be- und anerkannt sind, so dass sie scheinbar keines Beweises mehr bedürfen. Erkenntnisse dieser Art werden von Generation zu Generation, von Autor zu Autor, von Lexikon zu Lexikon, von Schulbuch zu Schulbuch als nicht zu bezweifelndes, ehernes, unerschütterliches Wissen durch Fortschreiben weitergegeben.

Besagte Tür an der Schlosskirche zu Wittenberg (1)
Besagte Tür an der Schlosskirche zu Wittenberg (1)


Eine solche scheinbar ewige Wahrheit ist der Satz: Martin Luther hat seine 95 Thesen gegen den Missbrauch des Ablasshandels am 31. Oktober 1517 an die Tür der Wittenberger Schlosskirche angeschlagen.

Der Weg zur Schlosskirche (2)
Der Weg zur Schlosskirche (2)


In manchen Geschichtsbüchern steht es noch genauer: Der Bibelprofessor habe sich an diesem windigen Sonnabend vor Allerheiligen von seinem Domizil, dem »Schwarzen Kloster«, bedächtigen Schrittes zu dem nur 15 Minuten entfernten Gotteshaus begeben und dann während des Mittagsläutes das lateinisch geschriebene Thesen-Plakat in angemessener Höhe an der nördlichen Eingangstür mit einem Hammer eigenhändig sowie gut hör- und sichtbar angenagelt.

So weit, so gut - bis eines Tages gleich mehrere Gelehrte (so Prof. Dr. Iserloh und Prof. Dr. Steitz) von der Lutherforschung auf einige nahe liegende Fragen stießen: Hat Luther die Thesen tatsächlich angeschlagen? Gibt es Beweise für diese Behauptung oder ist das nur eine langlebige Ente? Hat sich der Reformator zu Lebzeiten selbst dazu geäußert? Wer aber sonst sollte eine solche Behauptung aufgestellt haben? Schließlich ging es hier nicht um irgendwelches Blabla, denn mit der Thesenveröffentlichung nahm die Reformation in Deutschland und weltweit ihren Lauf!

Philipp Melanchthon (3)
Philipp Melanchthon (3)

Es gilt als wissenschaftlich gesicherte Erkenntnis der Lutherforschung, dass der Reformator selbst in keiner seiner fast 800 Druckschriften geäußert hat, seine 95 Thesen an der Schlosskirche zu Wittenberg angeschlagen zu haben. Auch Zeitzeugen ließen sich nicht finden.

Aber woher sonst stammt diese Behauptung?

Das ist mittlerweile geklärt. Es war kein Geringerer als Luthers Kollege und reformatorischer Mitstreiter, der bedeutende Gelehrte und Professor für griechische Sprache an der Universität Wittenberg, Philipp Melanchthon, welcher schon bald nach dem Ableben seines Freundes in der Vorrede zum zweiten Band der gesammelten Werke Luthers geschrieben hatte: »Luther, brennend vor Eifer für die rechte Frömmigkeit, gab Ablaßthesen heraus. Diese hat er öffentlich an der Kirche in der Nähe desWittenberger Schlosses am Vortage des Festes Allerheiligen 1517 angeschlagen.« Das war wohl die Initialzündung für alle Fortschreibungen durch die Jahrhunderte hindurch bis zu den mehr oder weniger unkritischen Publikationen unserer Tage.

Was aber spricht nun gegen die Hypothese des Thesenanschlages?

Zunächst einmal die allen Menschen - also auch Gelehrten - anhaftende Eigenschaft des Sich-Irrens, von dem Goethe meinte:
»Der Irrtum ist viel leichter zu erkennen, als die Wahrheit zu finden; jener liegt auf der Oberfläche, damit lässt sich wohl fertig werden; diese ruht in der Tiefe, danach zu forschen ist nicht jedermanns Sache.« Und Melanchthon irrte sich in genannter Vorrede gleich mehrmals. Er behauptete beispielsweise, Professor Luther habe in Wittenberg Physik gelehrt, der Ablassprediger Tetzel hätte Luthers Thesen öffentlich den Flammen übergeben und - wie schon ausgeführt - der Reformator selbst habe die Thesen an der Kirchentür angenagelt. Solche Irrtümer werden verständlich, wenn man bedenkt, dass Melanchthon als 20-jähriger Magister noch in Tübingen lehrte und erst 1518 - also nach Luthers Thesenveröffentlichung - nach Wittenberg als Professor berufen wurde. Das veranlasste die Lutherforschung schon Mitte des 19. Jahrhunderts zu der tiefgründigen Feststellung, bei Melanchthons Vorrede handle es sich um ein Manuskript, welches "keinerlei urkundlichen Wert besitzt und nur soweit Glauben verdient, als seine Angaben durch andere Zeitgenossen bestätigt werden".

Schlosskirche zu Wittenberg (4)
Schlosskirche zu Wittenberg (4)

Gewissermaßen ein von Irrenden sanktionierter Irrtum. Auch wenn Goethe meinte, es sei nicht jedermanns Sache, in der Tiefe nach der Wahrheit zu graben, so wurde sie doch von forschenden Geistern beiderlei Konfessionen zu Tage gefördert.

Luther hatte sich nicht gegen den Ablass in der katholischen Kirche an sich gewandt, nicht gegen die vorherrschende Praxis, dass eine dem Sünder auferlegte Strafe nicht im Fegefeuer zu büßen war, sondern ihm durch Zahlung bestimmter Geldsummen erlassen wurde. Vielmehr protestierte er gegen die Geschäftemacherei mit dem Ablasshandel, gegen das Erkaufen der Seligkeit, ohne dabei vor allem Buße zu tun. Um darüber zu einem wissenschaftlichen Streitgespräch (Disputation) zu kommen, legte er seine handgeschriebene, also nicht gedruckte Auffassung, in den bekannten 95 Thesen (Lehr- und Leitsätzen) in lateinischer Schrift vor, übermittelte sie - auf dem Dienstweg - am 31. Oktober 1517 mit entsprechenden Briefen an den für ihn zuständigen Bischof Hieronimus von Brandenburg sowie den Erzbischof Albrecht von Magdeburg-Mainz »mit der Bitte, das schamlose Treiben und die lästerlichen Reden der Ablassprediger zu unterbinden.«

In der ersten der beigelegten Thesen schrieb Luther: >>Als unser Herr und Meister Jesus Christussagte: >Tut Buße<, wollte er, dass das ganze Leben der Gläubigen eine Buße sei.«

Rathaus Wittenberg mit den Denkmalen Martin Luther u. Philipp Melanchthon (5)
Rathaus Wittenberg mit den Denkmalen Martin Luther u. Philipp Melanchthon (5)

So hat also Luther selbst Weg und Ziel seiner Thesen bestätigt, nirgendwo aber findet sich ein Hinweis, er habe sie zwecks Veröffentlichung an der Tür (s)einer Kirche angeschlagen. Unter das Volk gelangten seine Thesen wider den Ablassmissbrauch erst im Januar 1518, als Mitstreiter von ihm sie druckten und - auch außerhalb von Wittenberg - verbreiteten. »Daß ein Professor der Wittenberger Universität eigenhändig Flugblätter an Kirchentüren nagelt, wäre dem durchaus auf >law and order< [Gesetz und Ordnung] bedachten Martin niemals in den Sinn gekommen«, schreiben heutige Wahrheitsforscher.

Summa summarum zeigt sich: der Irrtum und die Wahrheit sind ein gar diabolisches Teufelspaar. Goethe meinte: »Sich von einem eigenen Irrtum loszumachen ist schwer, oft unmöglich, bei großem Geist und großen Talenten; wer aber einen fremden Irrtum aufnimmt und halsstarrig dabei verbleibt, zeugt von gar geringem Vermögen.«

Schließlich meinte Luther zur Durchsetzungskraft der Wahrheit auch in dieser eigenen Sache:

»Der Wein ist stark, der König stärker, die Weiber

noch stärker, die Wahrheit am aller stärksten!«

Mögen die Gelehrten sich streiten,
wie es mit Luthers Thesen gewesen sei -
ob Türanschlag oder Dienstweg für das große Werk der Reformation
bleibt das einerlei.

Quelle

Wolf, Manfred: Thesen und andere Anschläge. Leipzig 2008 - vergl. Teaser

Bildnachweis

Kopfbild, Bilder 1,2,4 und 5: Ursula Brekle

Bild 3: Wikimedia - gemeinfrei