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Ingrid Annel
Glücksdrachenpech

Schaurige, lustige, gruselige und witzige Geschichten von Wassermännern, Drachen, Irrlichtern und dem Teufel, mit Illustrationen von Marga Lenz.

ISBN 978-3-86397-001-7 Auch als E-Book erhältlich.

Anna und der Wassermann

Anna und der Wassermann

Ingrid Annel

Schon seit Tagen sprachen die Mädchen, wenn sie in der Spinnstube beisammen saßen, von nichts anderem als von der bevorstehenden Andreasnacht.* Ungeduldig sehnten sie diese Nacht herbei, in der sie die Zukunft befragen und herausfinden wollten, wer ihr Liebster sein wird und ob sie im nächsten Jahr heiraten würden.

Mädchen in der Andreasnacht. Gemälde von Henryk Siemiradzki 1867.(1)
Mädchen in der Andreasnacht. Gemälde von Henryk Siemiradzki 1867.(1)

Für den Andreasabend hatten sich die Mädchen zum Bleigießen verabredet. Eine nach der anderen goss ein wenig vom heißen Blei ins kalte Wasser. Und unter viel Gelächter wurde gemeinsam gedeutet, was das Bleiorakel und der Schatten des Bleiklumpens bedeuten könnten. Anna wartete voller Neugier und Ungeduld, dass sie endlich an die Reihe kam. Im Dorf gab es einige junge Männer, die ihr gut gefielen. Und wenn sie es so einfach herausfinden konnte, welcher davon ihr Mann werden würde, wollte sie das unbedingt ausprobieren.

Als sie etwas vom geschmolzenen Blei in das Wasserbecken laufen ließ, schoss plötzlich eine Flamme aus dem Wasser heraus. Das Blei zersprang in sieben Splitter, die aussahen wie Blutstropfen. Anna schrie entsetzt auf. Doch die anderen Mädchen versuchten, sie zu beruhigen und zu trösten. Sie solle das nicht ernst nehmen, es sei ja nur ein Spiel. Und außerdem gäbe es eine viel bessere Möglichkeit, den zukünftigen Bräutigam zu erkennen. „Du musst dich nachher auf dem Heimweg vor ein Haus stellen und lauschen, was drinnen gesprochen wird. Das erste Wort, das du verstehst, merkst du dir. Und morgen wird dich dein Zukünftiger mit genau diesem Wort anreden“, erklärten ihr die Mädchen.

Anna, der der Schreck immer noch in den Gliedern steckte, verabschiedete sich bald von ihren Freundinnen. Unterwegs kam sie an mehreren Häusern vorbei, in denen noch Licht brannte. Und als sie Stimmengemurmel vernahm, stellte sie sich unter ein Fenster und lauschte. Zwar konnte sie mehrere Stimmen hören, aber kein einziges Wort verstehen. Also wartete sie mit gespitzten Ohren. Auch als es zu regnen begann, harrte sie aus. Doch der Regen wurde heftiger, ein Sturm kam auf. Der Hausherr drinnen hatte das bemerkt. Er öffnete das Fenster einen schmalen Spalt, schob seine Nase hinaus und sagte: „Schönes Unwetter, das sich da draußen zusammenbraut. Wird Zeit, dass wir schlafen gehen.“ Er schloss das Fenster und löschte das Licht.

Anna hatte sich an die Hauswand gepresst, um nicht entdeckt zu werden. Doch sie vergaß nicht, sich das Wort fest einzuprägen, das sie am nächsten Morgen aus dem Mund ihres Verehrers zu hören bekommen würde. Sie lief durch den Regen nach Hause und murmelte vor sich hin: „Schönes. Schönes Wort. Schönes, schönes Leben.“ Und tapfer versuchte sie, nicht mehr ans Bleigießen zu denken.

„Na, hast dich wohl heimlich mit dem Wassermann getroffen?“, fragte die Mutter, als sie Anna in ihren regennassen Kleidern sah. Anna winkte ab und legte sich schlafen. Doch die Aufregung hielt sie noch viele Stunden wach.

Am nächsten Tag schlich sie sich von der Arbeit im Haus und im Stall fort, denn von den Tellern und Töpfen, von den Hühnern und Ziegen würde sie das Wort nicht zu hören bekommen. Sie lief durchs Dorf und wurde von jedermann freundlich gegrüßt. „Guten Morgen!“‚ rief einer. Ein anderer: „Schon so früh auf den Beinen, Anna?“ Oder: „Wohin des Wegs? Bleib eine Weile bei mir.“ Anna grüßte zurück und lief weiter. Bis fast alle jungen Burschen des Dorfes ein Wort mit ihr gewechselt hatten. Aber das richtige, das wichtige Wort war nicht dabei gewesen. Da sah Anna den großmäuligen Janko in der Ferne, er stapfte geradewegs in ihre Richtung. Dem wollte sie jetzt auf keinen Fall begegnen. Denn wenn er das richtige Wort sagte, war ihr Schicksal besiegelt. Also schlug sie einen Haken und lief quer über die Heide hinüber zum See. Als müsste sie dort etwas erledigen.
Nachdenklich schaute sie übers Wasser. Nein, da schwammen keine Blutstropfen. Nein, sie wollte nicht mehr daran denken. Nein, sie wollte auch nicht traurig sein, dass es diesmal nicht geklappt hatte mit einem Bräutigam. Lieber im nächsten Jahr den richtigen Mann finden als dieses Jahr den falschen. Also freute sie sich auf nächstes Jahr und die nächste Andreasnacht. Auf die Abende mit ihren Freundinnen in der Spinnstube. Auf die Tanzabende in der Schenke.

Der See. (2)
Der See. (2)

Während sie am Ufer des Sees stand, schwamm kurz unter der Wasseroberfläche der Wassermann hin und her und betrachtete sie mit Wohlgefallen. Schon oft hatte er Anna bewundert, aber nie war sie nahe genug gekommen, dass er sie hätte in sein Reich holen können. Jetzt endlich war der Tag da, war der Augenblick günstig. Der Wassermann schoss aus dem See heraus und rief: „Schönes Mädchen, werde meine Braut.“ Sogleich griff er nach Annas Hand und versuchte, sie ins Wasser zu ziehen. Anna, die nicht glauben wollte, was sie da gerade gehört hatte, wehrte sich heftig. Der Wassermann war stark, doch Anna war auch stark. Schon währte der Kampf eine ganze Weile, ehe Anna sich losreißen und nach Hause fliehen konnte.

Dem Wassermann war es jedoch gelungen, ihr einen Ring auf den Finger zu schieben. Und damit hatte er Macht über sie erlangt. So sehr Anna an diesem Ring drehte und zerrte, sie konnte ihn nicht vom Finger lösen.

Am Abend in der Spinnstube war die Stimmung ausgelassen wie selten. Alle Mädchen tuschelten und kicherten und flüsterten einander zu, ob sie ihren Liebsten entdeckt hatten oder nicht. Nur Anna saß still an ihrem Spinnrad. Als sie gefragt wurde, wer denn auf sie warten würde, sagte sie nur: „Ich glaube nicht an solchen Hokuspokus.“ Und damit niemand sie nach dem Ring an ihrem Finger fragen konnte, hatte sie vorsorglich einen Verband darum gewickelt, als hätte sie sich am Finger verletzt.

Anna wollte den Vorfall einfach nur vergessen und erzählte auch ihren Eltern nichts von dieser Begegnung. Drei Tage später klopfte es an der Tür. Draußen stand, in eleganter Kleidung, der Wassermann mit einem Strauß Wasserrosen in der Hand. Die Eltern wunderten sich zwar, woher er um diese Jahreszeit die Rosen hatte, freuten sich jedoch, als er um ihre Tochter freite. Der Wassermann erzählte von seinen Reichtümern, von unermesslich viel Gold und Geld, von Perlenketten und Seidenstoffen, von seinem Kristallpalast inmitten eines großen Wassergrundstückes. Den Eltern leuchteten die Augen. Ja, das war der rechte Bräutigam für ihre Tochter, jung und schön und reich. Sie wollten den Hochzeitstermin gleich für die nächste Woche festlegen. „Was soll ich mit so einem tropfnassen Mann? Alles an ihm ist feucht und kalt. Nein, so habe ich mir meinen Ehemann nicht vorgestellt“, klagte Anna. Da baten die Eltern den Wassermann um eine Woche Aufschub. ..

Tag und Nacht saß Anna in ihrer Kammer und weinte. Sie weinte noch immer, als der Wassermann die Woche darauf ein zweites Mal um ihre Hand anhielt. Als er ihre Tränen sah, versuchte er, sie zu trösten: „Weine nicht, meine liebe Braut. Dir soll es gut gehen bei mir. Besser als bei jedem Menschenmann. Ich werde dir eine goldene Brücke bauen, auf silbernen Pfeilern. Und über diese Brücke fahren wir gemeinsam in unser neues Leben, mit dreißig schönen Wagen und vierzig prächtigen Pferden.“

Wieder redeten die Eltern auf ihre Tochter ein: „Wo in unserer Gegend gibt es einen stattlicheren und reicheren Bräutigam als ihn? Füg dich drein und heirate ihn.“
Doch Anna schüttelte stumm den Kopf und weinte. Weinte, bis ihre Kleider nass waren bis hinunter zum Saum. Weinte bis zur nächsten Woche. Diesmal sprach der Wassermann nicht mehr von Schätzen und Pferden und all dem Reichtum. Er schaute Anna aus seinen grünen Augen an, mit flehendem Blick. Und Anna konnte nicht anders, sie musste in diese Augen schauen. Da sagte der Wassermann: „Komm mit. Es ist so einsam in meinem Palast.“

Lotus flower. (3)
Lotus flower. (3)

Anna willigte ein. In der Woche darauf wurden die beiden in der Kirche getraut. Und als sie die Kirche verließen, standen vor der Tür dreißig Wagen mit vierzig Pferden davor. Das Brautpaar stieg in den ersten Wagen. Der ganze Tross fuhr los, bis an den See, über den sich eine goldene Brücke spannte. Gerade waren sie mitten auf der Brücke angekommen, da knickten die silbernen Pfeiler ein, brach die goldene Brücke entzwei. Pferde und Wagen versanken im Wasser. Die Pferde verwandelten sich in Frösche, die Wagen in Karpfenschuppen, die langsam auf den Grund des Wassers hinab trudelten.
Der Wassermann nahm Anna bei der Hand. Er führte sie durch einen Garten voller seltsamer Wasserpflanzen und in sein Schloss. So etwas Wundervolles hatte Anna noch nie gesehen. Der jungen Braut fehlte es an nichts, und weil der Wassermann gut zu ihr war, gewöhnte sie sich an das Leben unter Wasser.

Sieben Jahre vergingen‚ sieben Söhne brachte Anna zur Welt. Als sie an der Wiege ihres Jüngsten saß und die Lieder ihrer Kindheit sang, bekam sie Sehnsucht nach der Oberwelt. Sie bat ihren Mann darum, er möge sie einmal zur Kirche gehen lassen. Er willigte ein, unter einer Bedingung: „Du darfst den Segen am Ende nicht abwarten. Ich verlange, dass du vorher wieder hier bist. Solltest du das versäumen, wird ein Unglück geschehen. Wenn du am Ufer stehst und willst in den See zurück, so lege nur die Hand mit dem Ring aufs Wasser. Sofort wird es sich beruhigen und dir den Weg öffnen.“

Die Kirche. (4)
Die Kirche. (4)

Voller Freude verließ Anna das Wasserschloss, ging an Land und zur Kirche. Dort traf sie ihren Bruder und ihre jüngste Schwester, nach so vielen Jahren. Groß war die Wiedersehensfreude, schnell eilte die Zeit dahin. Schon sprach der Pfarrer den Segen, kaum dass sie einander gefunden hatten.

Anna erschrak, sprang auf und eilte aus der Kirche hinaus. Oben am Himmel türmten sich Gewitterwolken auf. Die Geschwister wollten Anna zurückhalten, weil es jeden Augenblick blitzen und donnern würde. Doch sie stürzte davon und rannte den ganzen Weg zum See hinüber. Als sie ihre Hand mit dem Ring aufs Wasser legte, um zurück ins Schloss zu gelangen, sah sie blutrote Blasen aufsteigen. Sie eilte die Stufen hinab und lief von Zimmer zu Zimmer, um ihre Kinder zu suchen. Fünf von ihnen fand sie, grausig in Stücke gerissen. Gerade hatte der Wassermann das sechste Kind in seinen Klauen, da griff sich Anna das jüngste Kind aus der Wiege und rannte, so schnell sie konnte, den Weg wieder hinauf aufs Land.

Starr vor Entsetzen stand sie am Ufer des Sees und presste ihr Kind an sich. Als sie dabei zufällig ihren Ring berührte, merkte sie, dass er nicht mehr so fest saß wie bisher. Sie zog den Ring vom Finger und warf ihn weit hinaus ins Wasser. In diesem Augenblick brach der Himmel auf, ein Blitz fuhr in den See und erschlug den Wassermann, dessen Aufschrei aus der Tiefe drang.

Anna wandte sich ab und ging mit ihrem jüngsten Kind ins Dorf zurück.

* Die Andreasnacht ist die Nacht zum 30. November, dem Todestag des hl. Andreas, der der Schutzheilige auch der Liebenden und des Ehestandes ist. Ein alter Volksglaube sagt, dass in dieser Nacht heraus zu finden ist, wer es sein wird. Den Auserwählten kann man in dieser Nacht fest an sich binden.

Bildnachweis
Kopfbild, Bilder 1 und 3: Wikimedia -gemeinfrei
Fotos 2 und 4: Ursula Brekle