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Wie der Duden fast einmal ein Tauchaer geworden wäre

Wie der Duden fast einmal ein Tauchaer geworden wäre

Andreas Schneider

Fast jeder kennt den Duden; im August 2017 wurde seine 27. Auflage im Printbereich vorgestellt. Zu seiner nun fast schon einhundertfünzigjährigen Geschichte gibt es ein klitzekleines Detail, das höchst überraschend klingt und nicht einmal Kennern der allgemeinen Verlagsgeschichte bekannt sein dürfte.

Denn was kaum jemand weiß und auch fast nicht zu glauben ist: Der Duden wäre fast einmal ein Tauchaer geworden! Wie das denn, der Duden in einer Kleinstadt nordöstlich von Leipzig, werden sich jetzt viele und selbst Spezialisten irritiert fragen. Auch wenn es arg verwunderlich klingt – es ist wahr! Deshalb soll es hier auch öffentlich gemacht werden.

Tor des Rittergutsschlosses in Taucha, im Hintergrund die Stadtkirche
Tor des Rittergutsschlosses in Taucha, im Hintergrund die Stadtkirche


Die rätselhafte Inschrift – eine Stele unweit des Stadtzentrums von Taucha wirft Fragen auf

Die erste und einzige Spur, die es davon noch gibt, führt an den „Kleinen Schöppenteich“ von Taucha. Auch wenn es eine Spur in ganz andere Richtung und sie kaum als solche erkennbar ist! Denn hier, unweit des Stadtzentrums der Parthestadt im Nordosten von Leipzig, befindet sich seit einigen Jahren eine Mahn- und Erinnerungsstele. Sie wurde errichtet, um für die zahlreichen Lager aus der NS-Zeit in der Parthestadt eine konzentrierte Erinnerungsstätte moderner Gedenkkultur zu haben. Man muss dazu wissen, dass die Kleinstadt Taucha durch ihre Nähe zu Leipzig in der NS- Zeit als Rüstungsstandort für u. a. Flugzeugmotoren enorm ausgebaut worden war und es in diesem Zusammenhang im Gefolge des Kriegsverlaufs insgesamt 21 Lager für Kriegsgefangene, KZ- Häftlinge und Zwangsarbeiter in der Kleinstadt gab. Allesamt waren sie dazu bestimmt, Arbeiter für die dortige Rüstungsindustrie gefangen zu halten. Ab 1944 ist auch ein Lager für amerikanische und englische Kriegsgefangene nachgewiesen, das laut Verzeichnis der Postadressen den Namen „Bibliographisches Institut“ trug und heute auf der Stele am Tauchaer Schöppenteich unter Nummer 8 verzeichnet ist.

Wer nun auf der Stele ausgerechnet diesen Namen liest, gerät unweigerlich ins Grübeln: Wie kommt ausgerechnet der Name eines noch immer einigermaßen bekannten Publikumsverlages hierher? Wegen der Einmaligkeit des Namens sollte eine Verwechslung mit einem anderen Unternehmen oder einer anderen Einrichtung ausgeschlossen sein! Das geht gar nicht – also müssen Verlag und Lager irgendwie etwas miteinander zu tun gehabt haben. A ber wozu, grübelt dann jeder etwas besser Informierte, brauchte ein deutscher Verlag aus Leipzig 1944/45 in Taucha für seine Arbeit ein Lager mit fremdsprachigen Häftlingen? Wo könnte er sie denn in seiner Produktion sinnvoll eingesetzt haben, außer vielleicht als Hilfskräfte für das Verpacken von Büchersendungen, z. B. an die Front? Vermutlich, wird man sich nach einigem Nachdenken sagen, dürfte es eher so gewesen sein, dass das Bibliographische Institut (BI) einen Lagerraum, ein Lagergebäude etc. in Taucha besaß, für Papier oder Bücher oder Ähnliches, das von den Behörden beschlagnahmt wurde und dann zum Lager für Kriegsgefangene umfunktioniert und/oder fremdgenutzt wurde. Sicher sogar, ohne dass das BI es wusste bzw. etwas damit zu tun hatte und somit vermutlich nur der Name des Ex-Besitzers auf das Lager überging? Denn wie man weiß, wurden Firmen-Lagergebäude von der Wehrmacht, SS oder anderen NS-Organisationen wie dem Reichsarbeitsdienst häufig beschlagnahmt und dann zweckentfremdet verwendet, beispielsweise als Lager für Luftschutzmaterial. Also wäre zunächst zu prüfen, ob das BI in Taucha ein Lagergebäude besaß.

Spuren zur Aufklärung der Frage nach dem seltsamen Lager

Eine Spur zur Aufklärung findet sich in der speziellen Festschrift „Das Bibliographische Institut“ von Heinz Sarkowski; sie erschien 1976 in Mannheim im gleichnamigen Verlag anlässlich von dessen 150. Verlagsjubiläum. Dort heißt es im Kapitel „Das Ende in Leipzig“ auf Seite 166, dass sich das BI „seit 1942 im weiteren Umkreis Leipzigs Ausweichbetriebe geschaffen hatte“ und deshalb schon schon 24 Stunden nach der Zerstörung am 4. Dezember 1943 seine Arbeit wieder aufnehmen konnte. Und weiter ist zu lesen:

„Außer einigen Abteilungen in provisorisch hergerichteten Räumen des Stammhauses arbeiteten die Photographie und die Kartographie in Meinersdorf, die Rotation in Asch (Böhmen), die Buchbinderei in Lucka, die Buchhaltung in Gernsdorf. Das Lager war in Taucha und die Redaktionen waren in Privatwohnungen untergebracht.“

Da ist es also schwarz auf weiß belegt, das Lager des BI in Taucha! Das bestätigt zunächst die Vermutungen, dass man beim Betrieb eines Lagers und wohl speziell beim Verpacken von Büchersendungen (auch) amerikanische und englische Kriegsgefangene eingesetzt haben könnte. Aber zufrieden stellt das Recherchergebnis noch nicht. Denn zu viele Details bleiben noch fraglich.

Weiter hilft die Nachfrage bei ehemals verantwortlichen Managern, die sich immer auch sehr für die Leipziger Geschichte interessiert haben: Michael Wegner und Claus Greuner. Von ihnen war höchst Interessantes zu erfahren. Sie bestätigten mit Verweis auf ein altes, bisher ungedrucktes Manuskript eines ehemaligen Firmenchefs, dass das BI im Zweiten Weltkrieg tatsächlich einigen Besitz in Taucha hatte. Das kam so: Als im September 1939 ein verfallenes Fabrikgebäude mit Gleisanschluß und 125 000 Quadratmeter Feldfläche in der Zeitung für 60 000 Reichsmark angeboten wurde, haben die Verantwortlichen in der Verlagsführung dieses Grundstück kurzerhand gekauft, und zwar erstens für einen geplanten Neubau und Umzug des Verlages nach dem Krieg, zweitens um während des Krieges als Teilselbstversorger die Kantinenverpflegung sicherzustellen, sowie drittens, um auf dem Gelände 1940 eine Lagerhalle, eine einfache Betonplatte mit Holzbau auf 1500 Quadratmetern, erbauen zu können, wo das für den Druck benötigte Papier gelagert werden konnte. Offen bleibt aber die Frage, was die englischen und amerikanischen Kriegsgefangenen ab 1944 konkret dort gemacht haben und ob das BI damit zu tun hatte oder nicht. Das wird sich wohl, da dazu bisher (noch) keine Akten aufzufinden waren, ganz gründlich nicht so schnell klären lassen.

Die Überraschung – Planungen für Taucha als Sitz des BI

Ein anderer Aspekt überrascht: Es war also eine Verlagerung des gesamten BI nach dem Krieg nach Taucha geplant oder zumindest angedacht. Für den Neubau existierten sogar schon fertige Pläne, mit ziemlich großen und hohen Fenstern, also im Stil, wie damals eben gebaut wurde oder werden sollte. Taucha als Sitz des BI – das wäre für das kleine Städtchen natürlich ein außerordentlicher Prestigegewinn geworden. Wie wir wissen, kam es anders. Das BI wurde 1945 mit dem berühmten „Verlegertransport“ der Anfang Juli aus Leipzig und Westsachsen abziehenden Amerikaner nach Westen verlegt und nahm seinen Sitz schließlich 1953 in Mannheim – für mehr als ein halbes Jahrhundert. Denn auch dort ist es seit 2013 nicht mehr ansässig, sondern nunmehr in Berlin und ein Teil der großen Holding der Cornelsen Gruppe. Von dem ab 1946 parallel in Leipzig ansässigen und 1991 bis 2009 mit dem Mutterkonzern wiedervereinigten Bibliographischen Institut ganz abgesehen – denn das wäre eine ganz andere Geschichte.

Ein Tauchaer ist der Duden also nicht geworden. Verlagsstadt kann sich Taucha heute trotzdem nennen – seit 1999 gibt es den Tauchaer Verlag mit einer breiten Palette an reginal- und kulturgeschichtlicher Literatur. Und die Erwähnung auf der Stele am Schöppenteich scheint nun das letzte äußere Zeichen geblieben zu sein, was heute noch in Leipzig bzw. seiner Umgebung im öffentlichen Raum auf das ehemals bedeutsame BI hinweist ...

Literatur und Quellen:

- Heinz Sarkowski, Das Bibliographische Institut. Verlagsgeschichte und Bibliografie – 1826-1976,

Mannheim, Bibliographisches Institut 1976 (Publikation zum 150. Verlagsjubiläum)

- Mailaustausch mit Michael Wegner und Claus Creuner, für den freundlichst zu danken ist.

Bildnachweis

Kopfbild Duden: Author Kalligraf

Rittergutschloss in Taucha, im Hintergrund die Stadtkirche:

Author

Tnemtsoni