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Der Autor Henner Kotte unternimmt einen kaleidoskopischen Streifzug durch die Geschichte der sächsischen Monarchen. Seine lustvoll zusammengetragene Fakten, Schnurren, Halbwahrheiten und Tipps zu Originalschauplätzen sind eine unterhaltsame Lektüre und eine Hommage an die Sachsen und ihre Regenten.


Die Wälder des verlorenen Schatzes

Die Wälder des verlorenen Schatzes

Henner Kotte

„Das Moritzburger Waldgebiet erstreckt sich in seiner Nord-Süd-Ausdehnung von Steinbach und Bärwalde bis Radebeul und Reichenberg. In der Ost-West-Ausdehnung von Bärnsdorf und Volkersdorf bis Oberau und wird von allen Seiten von der Feldflur beziehungsweise den Ortschaften begrenzt. Dem Wuchsgebiet Dresdner – und Lausnitzer Heide zugehörig, lässt sich der Moritzburger Wald auch als Wuchsbezirk Moritzburger Hügelland bezeichnen. Im südöstlichen Teil des Reviers nahe der Stadt Coswig lässt sich der Wald schon dem milderen, regenärmeren und weniger exponierten Wuchsbezirk Elbtallandschaft zuordnen. Die Höhen über NN liegen zwischen 124 und 207 Metern. Das Mittel der Jahresniederschläge lag im Revier bei 650 mm.“

Landschaftsschutzgebiet Friedewald, Moritzburger Teichgebiet und Lößnitz (1)
Landschaftsschutzgebiet Friedewald, Moritzburger Teichgebiet und Lößnitz (1)


Bereits Kurfürst Moritz (*1521 – †1553) erkannte das Gebiet als ideal für Jagd und Erholung und ließ als Domizil die Dianenburg bauen. Sein Nachfahre Johann Georg IV. (*1668 – †1694) ließ darum herum einen Thiergarten anlegen: Die steinerne Mauer des Friedwalds verhinderte eine Flucht des Wildes und garantierte dem Hofadel und später der Staatsdiplomatie eine erfolgreiche Jagd. Unter August dem Starken wurde das Schlösschen zum Schloss ausgebaut und nannte sich fortan Moritzburg. „Wie oft erschallte damals der Wald von dem fröhlichen Hurrahussa der fürstlichen Jäger und ihres Gefolges, von dem lustigen Trara des Jagdhornes und dem lauten Gekläff der das Wild hetzenden Meute! Mit reicher Jagdbeute beladen, kehrten dann die fürstlichen Nimrode heim aus den weiten Jagdgründen, die damals zahlreiche Hirsche, Rehe, Schwarzwild und selbst den grimmen Auerochsen beherbergten.“

Schloss Moritzburg (2)
Schloss Moritzburg (2)

Für Sachsenprinz Ernst Heinrich (*1896 – †1971) wurde Schloss Moritzburg 1937 ständiger Wohnsitz. Hitlerdeutschland verlor den II. Weltkrieg, von Osten nahten die Truppen der Roten Armee. Im Schloss beschloss die königliche Familie die Flucht, doch war nicht alles, was der Mitnahme lohnte, mitzunehmen. Am 10. Februar 1945 vergruben Ernst Heinrichs Söhne Dedo (*1922 – †2009) und Gero (*1925 – †2003) mit Hilfe des Revierförsters Augustin Mandel 43 Kisten voller Werte und Preziosen im Friedewald. Zeugen wissen, dass noch mehr zwischen den Bäumen vergraben wurde: ein Nazischatz. Da war „ein langer Geheimgang zum Schlosskeller, voller Kisten und Gemälde. Mein Onkel sagte, sie seien von Gauleiter Koch aus Königsberg. Und Mutter erzählte, dass man alle Gefangenen, die Kisten in den Gang schleppten, ermordete.“ Prinz Ernst Heinrich verließ Sachsen im März 1945 Richtung Sigmaringen. Vom Schatz der Wettiner wusste vor Ort nur Revierförster Mandel. Unter Folter gab er die Verstecke preis. Die Besatzer gruben den Großteil davon aus und verbrachten die Werte nach Leningrad, wo Einzelstücke, wie das Taufbecken Augusts des Starken, heute in der Eremitage ausgestellt sind. Vermutet wird, das mehr noch der Wettiner Schätze in den russischen Depots hinter gut gesicherten Türen lagern.

Manch einer wusste, manch einer ahnte, dass im Moritzburger Wald noch mehr Schätze verschwanden. Heerscharen von Suchern, Interessierten und professionellen Schatzgräbern durchkämmten fortan den Forst. Und tatsächlich: „Drei Kisten des Wettiner Schatzes waren an anderer Stelle vergraben worden und sind deshalb den Rotarmisten nicht in die Hände gefallen. Sie moderten in einem Meter Tiefe seit Jahrzehnten vor sich hin und wurden im Oktober 1996 von Hanno Vollsack (*1965) und Claudia Marschner (*1971) mit einem Metallsuchgerät entdeckt. Zwei Tage lang rangen die Schatzsucher mit ihrem Gewissen. Dann räumten sie eine Münzsammlung, eine Blütenschale des Dresdener Hofjuweliers Johann Melchior Dinglinger (*1664 – †1731) aus purem Gold, 130 Teile des Tafelsilbers Augusts des Starken, ein Salzfäßchen und den Orden des Goldenen Vlieses vom Wohnzimmertischchen.


Sie marschierten blutenden Herzens zu Dirk Syndram (*1955). Der Direktor des Dresdener Grünen Gewölbes, der ehemaligen Königlichen Schatzkammer, erkannte rasch, was er da vor sich hatte: die ersten Stücke eines Jahrhundertfundes. Sein Gesamtwert wird auf zwölf Millionen Euro geschätzt. Schade nur, daß auch der Schatz der Wettiner fluchbeladen ist – modern gesagt, es warten jede Menge Querelen. Denn womit Landesarchäologen nun liebäugeln, drohen die adligen Eigentümer, die Wettiner, in ihren Gemächern verschwinden zu lassen – wenn ihnen der Freistaat Sachsen nicht endlich ihr Dresdener Stadtschlößchen Wachwitz zurückgibt, um das sie seit der Wende kämpfen. ‚Wenn wir uns nicht einigen, räumen wir irgendwann die Museen leer‘, sagte der Anwalt des Hauses Wettin

Mohrenkopfpokal (4)
Mohrenkopfpokal (4)

Der Mohrenkopf-Pokal des Nürnberger Goldschmieds Christoph Jamnitzer (*1563 – †1618) aber ‚würde wunderbar in unsere Sammlung passen‘, schwärmte dagegen Dirk Syndram. Von diesen Schwierigkeiten ahnten die Schatzsucher freilich nichts, als sie sich bei Nacht und Nebel mit dem Metalldetektor in den Moritzburger Wald aufmachten. Hanno Vollsack und Claudia Marschner wurden zu einer Geldstrafe verurteilt, erhielten jedoch von Königs Nachfahren Finderlohn.“ 1997 präsentierte man die wiedergefundenen Schätze in einer Ausstellung im Georgenbau des Dresdner Residenzschlosses der Öffentlichkeit. Danach wurde ein Großteil des Schatzes versteigert. Der Mohrenkopf-Pokal, kann heute im Bayerischen Nationalmuseum in München betrachtet werden.


Grünes Gewölbe im Dresdner Residenzschloss: Taschenberg 2, 01067 Dresden

Georgenbau: Schloßstraße 1, 01067 Dresden

Bayerisches Nationalmuseum: Prinzregentenstraße 3, 80538 München


Bildnachweis

Abb. 1 Urheber: Dr. Bernd Gross

Abb. 2 Deutsche Fotothek

Abb. 3 und 4 aus Wikimedia, gemeinfrei

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