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Die Sachsen erzählen gern und viel manches mag man gar nicht glauben. Doch faszinierten Generationen die Geschichten eines der berühmtesten Sachsen der Welt:Karl May. Auch andere phantastische Schriftsteller und Schriftstellerinnen kennt das Land, wie Lene Voigt, die Ikone der sächsischen Mundartdichtung, und bedeutende Schauspieler, wie Gert Fröbe. Viele legendäre Erzählungen aus dem Sachsenland gibt es: So lebten Romeo und Julia auf dem sächsischen Dorfe Altsellerhausen. Sächsische Könige liebten und verdammten. Andere gruben Schätze aus dem Boden. Riesen kamen, Zwerge gingen. Faust ritt auf einem Fass in Leipzigs bekanntester Gaststätte Auerbachs Keller.
ISBN 978-3-95958-217-9

Die Legende von der sächsischen Nachtigall

Die Legende von der sächsischen Nachtigall

Henner Kotte

Was Sachsen sin von echtem Schlaach,
die sin nich dod zu griechn.
Drift die ooch Gummer Daach fier Daach,
ihr froher Mut wärd siechen.

Sachsen werden gnietschich, wenn man sie belächelt. Und ob ihrer Aussprache sind sie oft Ziel beißenden und bösen Spotts. Medial wird die Diskriminierung unterstützt, denn treten Deppen, Nazi- oder Stasi-Schergen in TV und Film auf, leiern diese (meist) im sächsischen Idiom. So pflegen Sachsen ungern offiziell den ihnen angestammten Dialekt, außer, … außer sie rezitieren die Verse der Lene Voigt. Ihre „Balladen“ und „Glassiger“ gennen nur eschte Saggsn zum Vortrache bringen und das Publikum zum Lachen (so dieses die gebrauchten Wörter überhaupt versteht).

„Das gonnte noch viel schlimmer gomm‘“
so feixen richtsche Sachsen.
Was andre forchtbar schwär genomm‘,
däm fiehlnse sich gewachsen.

Lene Voigt ca. 1910.
Lene Voigt ca. 1910.

Helene Amalie Wagner wurde am 2. Mai 1891 in Leipzig geboren. Von Vater Karl ererbte sie die humoristische Begabung, jedoch auch den Hang zu Melancholie. Lene war ein aufgewecktes Kind, das sich für alles interessierte. Mit zwölf trug sie als Botenmädchen einer Puppenklinik zum Familienunterhalt bei. Ihr Lieblingsschriftsteller war Ludwig Anzengruber, der sie durch seinen sozial geschärften Blick beeindruckte. Schon als 15jährige veröffentlichte sie ihr erstes Gedicht, bald war sie regelmäßige Autorin in vor allem linksorientierten Zeitungsblättern wie „Die Rote Fahne“, „Proletarische Heimstunden“ oder „Der Drache“. Ihre Mundartlyrik ließ sie über die Stadt hinaus bekannt werden. Es folgte die Ausbildung zur Kindergärtnerin, jedoch bald Anstellungen und freiberufliche Tätigkeit in namhaften Leipziger Verlagen. Ihre literarische Karriere steuerte zum Höhepunkt: In rascher Folge erscheinen „In Sachsen gewachsen. Neie Gleenichgeeten“ (1924), “Säk’sche Balladen“ (1925), „Säk’sche Glassigger“ (1925), „Mir Sachsen. Lauter gleenes Zeich zum Vortragen“ (1928). Ihre Ehe mit dem kriegsversehrt heimgekehrten Otto Voigt blieb kurz. Dann die Katastrophenjahre: Der gemeinsame Sohn Alfred verstirbt mit fünf Jahren an Meningitis. Lenes Vater Karl ertränkt sich. Den geliebten Opernsänger trifft der Schlag. Helene fällt in schwere Depressionen und versucht mit Schreibmaschine und kleinem Köfferchen einen Neuanfang in Bremen.

Un schwimm‘ de letzten Felle fort,
dann schwimmse mit un landen dort,
wo die emal ans Ufer dreim.
So is das un so wärds ooch bleim.

Lene Voigts Leben bleibt unstet, ihr literarischer Erfolg hält an. Alle ihre Bücher erleben Nachauflage um Nachauflage. Und sie bleibt produktiv. Der Roman „Vom Pleißestrand nach Helgoland. Ein lustiges Reisebild“ (1934) erscheint und andere Kleinkunst wie die „Leibzcher Lindenbliehten“ (1935) mehr. Dann wird die Karriere jäh beendet: Der Verein des „Heimwerk Sachsen“ hat sich unterm Vorsitz von Gauleiter Martin Mutschmann der Förderung des sächsischen Volkstums verschrieben, wozu „Sachsenkomiker, Witzefabrikanten und verjüdelte Literaten“ nicht gehören, da sie die sächsische Sprache „verschandeln“. Mundartbücher werden eingestampft, Nachauflagen verboten. Lene Voigt wird namentlich an den Pranger gestellt, bespitzelt, geächtet. „Die Voigt hat die schönsten Dichtungen der Weltliteratur durch gesuchte komische Situationen und Sprachluderei in die Minderwertigkeit und Lächerlichkeit hinab gezerrt. Das ist bewusste Zersetzung hoher Kulturgüter. Das ist Kulturbolschewismus ...“ Lene Voigt antwortet mit dem ihr eigenen Humor:

‘ne Mundart lässt sich nich verbieten,

weil blutsgebunden bis ins Mark,

dr Volksmund selwer weeß zu hieten

sei Vätererbe drei un stark.

Ich mußte neie Mundartlieder

Landsleiten uff e Zettel schreim,

denn meine Schwestern, meine Brieder

wolln fest mit mir verbunden bleim.

Doch zeigen all die Diffamierungen Wirkung bei der Autorin und enden mit der Diagnose „Verfolgungswahn“ in der „Nervenklinik Schleswig“. Nach ihrer Entlassung zieht sie nach Lübeck, Flensburg, München und Berlin, um 1940 wieder in ihrer Heimatstadt Leipzig Wohnung zu nehmen. Sie wird zum „Endsieg“ in Verlagshäusern „dienstverpflichtet“, und keiner der Mitarbeiter ahnt, dass die unscheinbare Kollegin die einst gefeierte Mundartdichterin ist. Das Kriegsende birgt Hoffnung auf Wiederveröffentlichung und sozialer Sicherheit. Und Leipzigs erstes Nachkriegskabarett „Die Rampe“ rezitiert ihre „Glassigger“ mit Erfolg. Doch Zukunftsangst, Klimakterium, Halluzinationen führen zu Unterernährung (38,3 kg!) und „reaktiver Psychose“. Der Krankenhausaufenthalt bringt Beruhigung und neue Schaffenskraft, jedoch keine Stabilität. 1949 steht sie erneut vor der Einweisung nach Leipzig-Dösen. Die Patientenakte vermerkt: Sie „tanzte Walzer vor dem aufnehmenden Arzt, soll auch halluziniert und paranoide Ideen geäußert haben“. Trotzdem dass sich die Symptome besserten, fürchtet Lene Voigt, einem Alltag außerhalb der Klinik nicht mehr gewachsen zu sein. Sie bleibt, arbeitet in der Buchhaltung und erledigt Botengänge.

Der Schizophrene von Format

Prüft nach dem Schub das Resultat.

Es ist nicht schlecht, weil unbedingt

Solch kleine Staupe stark verjüngt.

Nicht äußerlich gemeint, o nein,

denn Altersfalten müssen sein.

Doch innrer Auftrieb, neuer Schwung,

erhält des Geistes Kräfte jung.

So manches ahnen wir voraus.

Skeptiker ziehn die Stirne kraus

Und nennen dieses gar beblöden

(man könnte für die Herrn erröten).

Das Grab auf dem Südfriedhof Leipzig. Foto: Ursula Drechsel.
Das Grab auf dem Südfriedhof Leipzig. Foto: Ursula Drechsel.

Auch schreibt Lene Voigt wieder an Texten, doch veröffentlicht kein Verlag der DDR ihre alten, geschweige denn die neuen Werke. Vielleicht scheint den verantwortlichen Genossen die Nähe zu den Reden des Leipziger Staatsmannes Walter Ulbricht akustisch zu nah und zu lächerlich. Ein einziges Gedicht brachte sie in der Zeitschrift „Volkskunst“ unter. Am 16. Juli 1962 stirbt Lene Voigt fast unbemerkt und wird auf dem Leipziger Südfriedhof bestattet. Einen Grabstein setzte man ihr erst 1985. Denn Wolfgang U. Schütte hatte Lene Voigt wieder entdeckt und an der Verlagsbürokratie vorbei im „Zentralhaus für Laienkunst und Brauchtumspflege“ publiziert. Seitdem hält die Renaissance der Autorin an, wird größer. Namhafte Schauspieler und Kabarettisten touren mit Lene-Voigt-Programmen: Gisela Oechelhäuser, Tom Pauls alias Ilse Bähnert, Uwe Steimle, Bernd-Lutz Lange, Hilmar Eichhorn, … In ihrer Heimatstadt Leipzig ehrt eine Gedenkplakette mit Vase, eine Schule und ein Park ihren Namen.

Zu Neijiahr hatt‘ch mer vorgenomm,

De Daache alle, wiese gomm,

Zu gondrolliern druff, obse nich

‘ne gleene Freide hamm fier mich.

Un wärklich, änne Gleenichgeet

Zum Frei‘n gab‘s bei mir jederzeet.

In mein Galänder malte ich

Drum unter jeden Daach ä Schtrich.

Un wie nu‘s Jahr zu Ende war,

da zählt‘ ich deitlich, zählt‘ ich glar

Dreihundertfinfunsächzich Freiden.

(Dadsächlich, ich bin zu beneiden.)



Städtisches Krankenhaus Leipzig-Dösen: Gorbitzer Str. 11, 04289 Leipzig

Lene Voigt: Werkausgabe. Leipzig, Connewitzer Verlagsbuchhandlung, ab 2011

Lene-Voigt-Gedenkplakette mit Blumenvase: Kupfergasse 2, 04109 Leipzig

Lene-Voigt-Park Leipzig: 04317 Leipzig

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