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Matt Lamb Kirche Bergern

Klaus von der Weiden, Susanne Wellhöfer

Es klingt fast wie ein Märchen, da kommt ein großer amerikanischer Künstler in ein kleines thüringisches Dorf und gestaltet dort die bisher unbedeutende Dorfkirche mit seinen Werken aus. Und doch ist es so geschehen in Bergern unweit der Kleinstadt Bad Berka. Die kleine Broschüre erzählt von der Kirche, dem Künstler und dem Werk, und wie es zu dieser unglaublichen Begenheit kam.

Bilder aus dem Leben von Christian Fürchtegott Gellert

Bilder aus dem Leben von Christian Fürchtegott Gellert

Friedemann Steiger

Parkschlösschen mit Gellert-Museum in Hainichen
Parkschlösschen mit Gellert-Museum in Hainichen
Erstes Bild:

 

Die Stadt Hainichen in Sachsen. Schwenk über den Ort. Evangelische Kirche. Pfarrhaus. Hier wurde Christian Fürchtegott Gellert am 4. Juli 1715 geboren. Wir denken uns eine Geschichte aus: eine Schülerin aus dem Delitzscher Gymnasium, wir nennen sie Dorette, sie stammt übrigens aus Wölkau, soll etwas über Gellerts "Geistliche Oden und Lieder" im Religionsunterricht vortragen und ist dazu nach Hainichen gereist. Sie sitzt beim Pfarrer und sieht mit ihm ins Taufbuch. Wir sehen, wie der Vater von Christian Fürchtegott Gellert die Taufe seines Sohnes ins Taufbuch einträgt und hören dazu seine Stimme: "Ach, Herr, höre mein Gebet auch für diesen Sohn, lass ihn wohlgeraten, fromm und endlich selig werden! Amen."

Zweites Bild:

Dorette unterhält sich mit dem Pfarrer. Wo gibt es etwas über die "Geistlichen Oden und Lieder"? Er weist sie auf die Gellertgedenkstätte auf dem Berg hin. Dorette weiß schon einige Fakten über Gellert aus der Schule und durch eigene Beschäftigung:

Die Fabeln. Die Romane. "Außerdem hat er über moralische und philosophische Fragen Vorlesungen gehalten, sogar über die Kunst, Briefe zu schreiben." Dorette denkt: "Wir schreiben heute höchstens SMS." Dorette zitiert Goethe als Student. Sie ist vorbereitet und liest: "Die Verehrung und Liebe, welche Gellert von allen jungen Leuten genoss, war außerordentlich. Ich hatte ihn schon besucht und war freundlich von ihm aufgenommen worden. Nicht groß von Gestalt, zierlich, aber nicht hager, sanfte, eher traurige Augen, eine sehr schöne Stirn, eine nicht übertriebene Habichtnase, ein feiner Mund, ein gefälliges Oval seines Gesichts: alles machte seine Gegenwart angenehm und wünschenswert." Mutiger und erleichtert fährt sie mit einem zweiten Zitat fort: "Das philosophische Auditorium war in solchen Stunden gedrängt voll, und die schöne Seele, der reine Wille, die Teilnahme des edlen Mannes an unserem Wohl, seine Ermahnungen, Bitten, in einem etwas hohlen und traurigen Ton vorgebracht, machten wohl einen augenblicklichen Eindruck; allein er hielt nicht lange nach." Wir lassen diese beiden Texte lesen.

Rathaus und Gellert-Denkmal in Hainichen, Foto: Rauenstein
Rathaus und Gellert-Denkmal in Hainichen, Foto: Rauenstein
Drittes Bild:

 

Dorette sitzt in der Gellertgedenkstätte auf dem Berg über dem Ort. Der Pfarrer hat ihr Frau Fischer, die Leiterin, empfohlen. Die Gedenkstätte ist neu eingerichtet. Dorette nimmt Platz neben der historisch-kritischen Gesamtausgabe der Werke Gellerts und staunt: "Das alles hat er geschrieben! Gibt es einen Lebenslauf? Ich möchte mehr wissen." Sie findet unter den Zeugnissen zuerst eine Erinnerung an Gellerts Kindheit. Er hatte ein Gedicht zum Geburtstag des Vaters geschrieben und die fünfzehn Säulen, die das Haus im unteren Flur abstützten, mit den Kindern und Enkeln Gellerts verglichen: "Das Gedicht muß nicht unrecht gewesen sein, denn gewisse Leute wussten es noch auswendig." Gellert erinnerte sich auch gern an seinen ersten Lehrer, der ihm mit viel Liebe und Verständnis lesen und schreiben beigebracht hatte. Wir können diesen Lehrer auch in einer Bildblase auftreten lassen. Eine bunt gemischte Schulklasse. Alle sind ärmlich gekleidet. Der kleine Christian Fürchtegott wird später voller Ehrfurcht von dieser Zeit erzählen.

Viertes Bild:

Die Fürstenschule in Meißen. St. Afra. Wir sehen in einer Bilddblase die jungen Schüler. Wie sie zeitig aufstehen mussten. Wie sie singen und beten lernten. Wie sie Plato, Cicero und Xenophon übersetzen mussten. Wie sie sich mit der biblischen Tradition beschäftigten. Die Sprache Luthers hatte es Christian Fürchtegott besonders angetan. Wir zitieren aus dem Vorwort zu den "Geistlichen Oden und Liedern": "Es muss in den geistlichen Liedern zwar die übliche gewählte Sprache der Welt herrrschen; aber noch mehr, wo es möglich ist, die Sprache der Schrift; diese unnachahmliche Sprache, voll göttlicher Hoheit und entzückender Einfalt. Oft ist der Ausdruck der lutherischen Übersetzung selbst der kräftigste ... " Gellert sollte, so entdeckte Dorette, Theologe werden. Aber etwas hinderte ihn daran, diesem Lebensplan seines Vaters zu entsprechen. Er selbst schreibt dazu: "Die erste Probe meiner Beredsamkeit legte ich in meinem Geburtsorte in meinem fünfzehnten Lebensjahr ab. Ein Bürger bat mich, Taufzeuge bei seinem Kinde zu sein, das wenige Tage nachher starb. Ich wollte ihm eine Leichenrede halten, wiewohl mein Vater mir die Erlaubnis dazu ungern gab. Das Kind sollte zu Mittage begraben werden. Früh um acht Uhr fing ich an, meine Predigt auszuarbeiten, ward spät fertig, verschwendete die übrige Zeit mit seiner Grabschrift und behielt keine ganze Stunde zum Auswendiglernen. Ich ging indes beherzt in die Kirche, fing meine Rede sehr feierlich an und kam ungefähr bis zum dritten Teil. Auf einmal verließ mich mein Gedächtnis, und der vermessene Prediger stand in einer Betäubung da, von der er sich kaum erholen konnte. Endlich griff ich nach meinem Manuskripte, das aktenmäßig auf einen ganzen Bogen geschrieben war, wickelte es vor meinen ebenso erschrockenen Zuhörern langsam auseinander, las einige Zeit, legte es dann in den Hut und fuhr endlich noch ziemlich dreist fort. Indes hat mich diese jugendliche Übereilung viel gekostet. Der Gedanke daran verfolgte mich bei jeder Predigt, die ich nachher gehalten habe und brachte mich zu einer Schüchternheit, die mich nie ganz verlassen hat."

Christian Fürchtegott Gellert
Christian Fürchtegott Gellert

Fünftes Bild:

Gellert als Hauslehrer. Dorette findet auch darüber etwas. Wir beobachten sie dabei. Zu unterrichten waren beide Söhne eines Herrn von Lüttichau. Wir sehen einen leidenschaftlichen Lehrer. Er hört genau zu. Er fragt nach. Er doziert. Er hilft, wenn nötig. Gellert sah es ja, so entdeckt Dorette, als seine Aufgabe an, Verstand und Herz zusammen zu bringen. Bedenken wir, es war die Zeit der Aufklärung. Über Religion und Glaube wurde nur gespottet. Gellert hielt etwas von dem Prinzip der übernommenen Pflicht. Die "Pflicht" spielte in seinem Leben eine große Rolle. Damit wäre er, denkt Dorette, heute ein einsamer Exot. Wer redet noch von Pflicht? Davon will keiner etwas wissen. Alle pochen auf ihre Rechte: "Der hat dies und jenes und kann es sich leisten. Das will ich auch haben. Das steht mir zu. Das ist mein Recht. Gibt es etwa Menschenpflichten? Nein, es gibt nur Menschenrechte! Wir nennen das heute Lebensdienstverweigerung."

Diesen Begriff hatte Dorette neulich einmal gelesen und sich gedacht, vielleicht gibt es auch darum so wenig Kinder. Gellert, so liest Dorette weiter, bezeichnete später seine Hauslehrertätigkeit als die glücklichste Zeit seines Lebens:"Ein wenig Messnerwein mit etwas Brot erquickte mich des Abends, wenn ich meine Unterweisungen beendet hatte." Dorette schüttelt etwas den Kopf: "Wie bescheiden doch der Gellert gelebt hat!"

Sechstes Bild:

Leipzig. Die Kamera geht über die Stadt. Wir hören Gellerts Stimme: "Ach, dass es Gottes Wille wäre, dass ich hier bliebe und hier meinen Wirkungskreis finden könnte!" Dorette sieht Gellert bei seinen Studien. Er lernt jetzt die neuen Sprachen, Englisch und Französisch, ohne die alten, Latein, Griechisch und Hebräisch, zu vernachlässigen. Dorette sieht ihn zunächst an seiner lateinischen Dissertation "Die Fabel und die berühmtesten Fabeldichter" arbeiten. Sein Freund aus der Meißner Zeit, Johann Andreas Cramer, steht ihm oft zur Seite. Später sieht Dorette Gellert bei seinen Vorlesungen. Inzwischen ist er ein beliebter Universitätslehrer geworden. Die Studenten hängen an seinen Lippen. Dorette sieht aber auch den Seelsorger Gellert, der sich nicht nur um seine Studenten kümmert, sondern gleichwohl um Kranke und Sterbende. Wir hören einen Kranken stockend fragen: "Sie sind gekommen?" Dann greift er nach Gellerts Hand. Der betet einen passenden Psalm und sagt ein Trostwort. Sie schweigen. Plötzlich aber bäumt sich der Kranke auf. Er zittert am ganzen Körper, ehe er stirbt. Gellert geht tief bewegt davon. Er kann nichts mehr tun. Er hat einem Menschen hinübergeholfen. Er hat ihm das Evangelium nahegebracht. Es war ein Alkoholkranker in seiner letzten Phase gewesen. Gellert hatte ihn oft besucht.

Titelblatt der Erstausgabe
Titelblatt der Erstausgabe
Siebentes Bild:

Wir sehen Dorette noch immer in der Gellertgedenkstätte sitzen. Endlich hat sie die "Geistlichen Oden und Lieder" entdeckt. Sie blättert darin und stellt, weil sie ihr eigenes Gesangbuch mitgebracht hat, fest, dass sechs von vierundfünfzig Liedern und Oden noch heute im evangelischen Gesangbuch stehen: So das Weihnachtslied "Dies ist der Tag, den Gott gemacht" und das Osterlied "Jesus lebt, mit ihm auch ich!", das es ihr besonders angetan hat. "Das kenne ich", flüstert sie leise vor sich hin. Das singen wir immer zu Ostern. Bei der Trauerfeier für meinen Opa haben wir es auch gesungen. Gut, jeder Sonntag ist ein Auferstehungstag. Wir Christen feiern den ersten Tag der Woche, den Auferstehungstag. Die Juden feiern den letzten Tag der Woche, den Sabbat, den Tag, an dem Gott am Schöpfungswerk ausruhte. Schöner wäre es, kam mir der Gedanke, wenn wir beide Tage zusammen feierten.
Wir sehen Dorette und sehen und verstehen etwas von der Fülle des Glaubens. Gellert als Liederdichter und einfühlsamer Christ, der stets Vernunft und Herz in Einklang bringen will.

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