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Martin Schneider
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Der Tambour J.G. Kanitz - ein Sachse 1815 in Lüttich von den Preußen erschossen

Der Tambour J.G. Kanitz - ein Sachse 1815 in Lüttich von den Preußen erschossen

Hans-Joachim Böttcher

Kaiser Napoleon I., Gemälde von Paul Delaroche
Kaiser Napoleon I., Gemälde von Paul Delaroche
"Nicht immer in der Geschichte war es den Sachsen vergönnt, bei kriegerischen Auseinandersetzungen auf der Seite der Sieger zu stehen. So bekannterweise auch 1813, als die Sachsen Bundesgenossen der Franzosen waren. Damals kämpften sie gegen ihre preußischen sowie andere Landsleute und deren Verbündete. Auf Grund der zunehmenden deutsch-patriotischen Stimmung und des wachsenden Hasses auf die Franzosen vergaßen ab Herbst 1813 immer mehr sächsische Truppen ihren Fahneneid auf den König und liefen zu den Verbündeten über. Das erfolgte auch im Gebiet der Dübener Heide. So hatten am 21. September jenen Jahres sächsische Infanterie zwischen den Dörfern Rotta und Gniest  sowie eine leichte Reiterbrigade nebst dem Bataillon König als Vorhut beim Dorf Reuden Stellung bezogen. In der Nacht vom 22. zum 23.10.1813 trat das geschlossene Bataillon König mit acht Offizieren und 360 Mann unter dem Kommando des Majors von Bünau zu den Verbündeten über.

Schon zuvor war der sächsische General von Thielemann mit dem Ingenieurobersten von Aster in der Nacht vom 10. zum 11. Mai 1813 aus der Festung Torgau zu den russischen Truppen übergelaufen. Am 18. Oktober 1813 vollzog sodann das Gros der sächsischen Truppen auf dem Schlachtfeld bei Leipzig den Übergang zu den Armeen der Verbündeten. Die Reste des sächsischen Heeres, darunter auch Teile des in Düben, Dommitzsch, Kemberg und Schmiedeberg in Garnison liegenden von Zastrowschen Kürassierregiments, entließ Napoleon während seines Rückzuges nach der Völkerschlacht. Die sächsischen Truppen in der Festung Torgau durften diese am 4. November ebenfalls verlassen.

Friedrich August I., König von Sachsen
Friedrich August I., König von Sachsen
Viele sächsische Soldaten, auch das gesamte Bataillon König, nahmen später gemeinsam mit den Verbündeten in deutschnationaler Euphorie am Feldzug gegen Frankreich teil. Die Stimmung der Sachsen wurde bald jedoch deutlich antipreußisch, Ursache dafür war, dass 1814 die Absicht Preußens bekannt wurde, ganz Sachsen in ihr Staatsgebiet einzuverleiben. Auf dem Wiener Kongreß hatten die Verbündeten 1815 dann letztlich "nur" die Teilung des Königreiches beschlossen. Etwa ein Drittel Sachsens - seine nördlichen Landesteile, wozu auch das Gebiet der Dübener Heide gehörte - kam an Preußen.

Der König von Sachsen, Friedrich August I., hatte den Vertrag über die Teilung Sachsens noch nicht unterschrieben, als am 30. April 1815 vom preußischen König der Befehl erging, die sächsischen Bataillone zu teilen und in die preußische Armee einzugliedern. Ursache für diesen voreiligen Befehl war die Rückkehr Napoleons von Elba, seinem Verbannungsort, nach Frankreich und die Gefahr neuer militärischer Auseinandersetzungen mit dem gestürzten König von Frankreich. Den unruhigen Sachsen traute man wohl nicht über den Weg und befürchtete, dass sie wegen ihrer Enttäuschung über die Teilung ihres Landes zu den Franzosen überlaufen könnten.

Gebhardt Leberecht von Blücher, Zeichnung: Adolf von Menzel
Gebhardt Leberecht von Blücher, Zeichnung: Adolf von Menzel
Der Befehl des preußischen Königs jedoch erboste die in Lüttich stehenden sächsischen Truppen. Am 1. Mai versammelte sich ein Teil von ihnen vor der Wohnung des preußischen Feldmarschalls von Blücher und brachte mehrere Hochrufe auf den sächsischen König aus. Am 2. Mai baten einige motivierte sächsische Offiziere den Stabschef Blüchers, General von Gneisenau, einen Aufschub der Teilung Sachsens zu erwirken. Gneisenau lehnte das jedoch ab. Noch während der Unterredung versammelte sich ein großer Teil der sächsischen Truppen unruhig vor dem Hause. Redner ließen harte Worte gegen die Preußen fallen. Die Gemüter erhitzten sich immer mehr, auch die der im Haus versammelten preußischen Offiziere.

Unter Führung des Generals von Müffling stürzten diese mit gezogenem Säbel zwischen die aufgebrachten Sachsen. Die fielen jedoch wütend über die Preußen her, denen es nur mit knapper Not gelang zu entkommen. Auch Blücher musste das Haus fluchtartig durch einen Hinterausgang verlassen.
Am 16. Mai befahl er, Massenerschießungen durchführen zu lassen, falls die Rädelsführer der Unruhen nicht angezeigt würden. Sieben Mann opferten sich daraufhin für ihre Kameraden, sie wurden umgehend erschossen, die sächsischen Fahnen gingen in Flammen auf. Die sächsischen Bataillone wurden geteilt und in die preußische Armee eingegliedert.

In Sachsen rief die Vorgehensweise der Preußen große Empörung hervor. Während man in den nun von den Preußen beherrschten ehemaligen sächsischen Landesteilen die Information über die Revolte vertuschte, wurden im sächsischen Kernland die Erschossenen noch lange als Märtyrer verehrt. Schriften erschienen über ihre Tat, während für die Hinterbliebenen Sammlungen durchgeführt wurden. Langsam gerieten die Erschossenen aber in Vergessenheit.

Attacke der preußischen Dragoner
Attacke der preußischen Dragoner
Heute erinnern nur spärliche Veröffentlichungen an diese sieben sächsischen Patrioten. Einer von ihnen stammte aus dem kleinen Dorf Süptitz am Rande der Dübener Heide.

Es war der Tambour Johann Gottfried Kanitz. Er hatte sich sehr jung freiwillig zur Armee gemeldet und war wohl wegen schwächlicher körperlicher Konstitution als Tambour eingesetzt worden. Als man ihn erschoss, war er gerade 18 Jahre alt. Das Süptitzer Kirchenbuch sagt nichts über den Tag seines Todes aus, auch findet man keine Eintragungen darüber, wo er beerdigt wurde. Erwähnung fand lediglich der Name, das Alter und der Name des Vaters sowie dass er "Tambour bei den sächsischen Grenadiers" war und "wegen Meuterei im französischen Erschossen worden" war.

Gottfried Kanitz war nicht in Süptitz geboren worden, offensichtlich zogen seine Eltern erst später zu. Den Vater hat man 1815 als Hausmann bezeichnet, er gehörte also zur ärmeren Schicht des Dorfes.

Für die 200 Taler, welche seine Eltern vom sächsischen König als Trostgeld fur den Tod ihres Sohnes erhielten, kauften sie sich ein kleines Häuschen. Das Angebot, nach Sachsen umzuziehen lehnten sie ab. Die preußische Regierung zahlte den Eltern bis zu ihrem Tod ein jährliches "Gnadengeld" von 8 Talern.

1834 starb der Vater im Alter von knapp 63 Jahren. Elf Jahre später folgte Gottfrieds Mutter, Johanna Marie, geborene Lützenberger. Sie war 77 Jahre alt geworden.

Für die Eltern war das Opfer, das ihr Sohn zur Rettung anderer Kameraden erbracht hatte, besonders schwer. Er war ihr einziger Sohn, der auch ihr Ernährer im Alter hätte sein sollen.

Gottfried Kanitz verdient es, dass sein Schicksal der Vergessenheit entrissen wird und man in Süptitz eine Form des Gedenkens an ihn findet.

Mit freundlicher Genehmigung von Herrn A. Schütz, Verlagshaus "Heide-Druck" Bad Düben.

Alle Bilder sind aus dem "Leipziger Schlachtfeldführer 1813/1913" entnommen, Leipzig 1913.

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