Sachsen Lese

Gehe zu Navigation | Seiteninhalt
www.sachsen-lese.de
Unser Leseangebot

Friedrich W. Kantzenbach
Wüsst ich Dinge leicht wie Luft

Dieses Gedichtsbändchen ist liebevoll gestaltet und mit Fotos versehen. Es wendet sich an Leser, die bereit sind, aufmerksam hinzuhören und sich einzulassen auf die Auseinandersetzung mit dem menschlichen Schicksal.

Anna Prinzessin von Sachsen (1544  - 1577)

Anna Prinzessin von Sachsen (1544 - 1577)

Hans-Joachim Böttcher

Kurfürst Moritz von Sachsen. Gemälde: Lucas Cranach d.J.
Kurfürst Moritz von Sachsen. Gemälde: Lucas Cranach d.J.

 

Bevor Kurfürst Moritz von Sachsen am 11. Juli 1553 an einer zwei Tage zuvor erlittenen Kriegsverletzung verstarb, dachte er in seinem verfassten Testament auch an seine einzige Tochter Anna. Er beauftragte seinen Bruder August: „sich unserer lieben Tochter mit treuen anzunehmen, dieselbe in freuntlichen Befehl zu haben und, wan sie erwechst, sie ehelich auszustatten, ir auch zehen tausend taler mer den sonst im hause zu Sachsen gebreuchlich, zur Ausstattung zu geben, weil das fürstenthumb als obstehet, durch uns gemheret und gebessert, sie auch unsere einzige tochter ist". Schon kurz nachdem Annas verwitwete Mutter Agnes eine neue Ehe mit dem Administrator der Thüringer Lande, Johann Friedrich II. der Mittlere - Herzog von Sachsen, im Mai 1555 eingegangen war, verstarb sie am 4. November 1555 an einer erlittenen Fehlgeburt und einem Lungenleiden. Damit stand Anna bereits mit 11 Jahren als Vollwaise da.

Landgraf Philipp von Hessen.
Landgraf Philipp von Hessen.

Nachdem er vom Tod seiner Tochter Agnes erfahren hatte, schickte Annas Großvater, Landgraf Philipp von Hessen, seiner sich in völliger Ungewissheit über ihr zukünftiges Leben befindenden Enkelin am 14. November einen Brief. Darin schrieb er: „Ob E.L. zu dem Churfürsten (wie billich) inn sein Hausz kommen, derffen E.L. nicht zweiweln. Er wird E.L. freundlich und woll halten. So will ich auch ein vleissig ufmerken haben, und E.L. mit vatterlicher Treue, forderung und hilf nicht verlassen. E.L. woll sich auch kegen Hertzog Augusto Churf. und seiner gemalh freundlich, gehorsamtlich und sunst christlich, ehrlich und wol halten."

Herzog Johann Friedrich war natürlich nicht willens, die Pflicht zu übernehmen seine Stieftochter zu erziehen, was verständlich ist. Annas verwitweter Großvater Philipp war mit der Erziehung und dem Unterhalt seiner eigenen Kinder schon überfordert und darum auch nicht daran interessiert seine Enkelin aufzunehmen. Annas letzte, in Torgau lebende, Großmutter Catharina von Mecklenburg befand sich im 68'ten Lebensjahr und dürfte für diese Aufgabe erst recht ungeeignet gewesen sein. So blieben nur Kurfürst August von Sachsen und seine Gemahlin Anna von Dänemark, welche ihrer Nichte ein neues Zuhause geben konnten. Letzterer schickte darum am 6. Dezember 1555 eine Abordnung nach Weimar, mit der die kleine Anna zurück nach Dresden reisen musste.

Kurfürst August von Sachsen (1526-1586). Gemälde von Lucas Cranach d. J.
Kurfürst August von Sachsen (1526-1586). Gemälde von Lucas Cranach d. J.

Für die junge Anna begann hier im Residenzschloss mit 11 Jahren ein völlig neuer Lebensabschnitt unter Anleitung ihrer Tante Anna. Sie bekam eigenes Personal zugewiesen, dem eine Hofmeisterin, die Witwe Barbara Spet, vorstand. Annas Erziehung erfolgte ab nun nach den Anweisungen ihrer Tante. Diese legte im Rahmen ihrer Erziehung insbesondere viel Wert auf die religiöse Unterweisung im lutherischen Glauben, wobei ihr allerdings das Zeremoniell wichtiger als das Wort war.

Der zu diesem Zeitpunkt reichlich 29 Jahre alte Kurfürst August war vom Charakter her ein sehr habsüchtiger und berechnender Mann. Dessen gerade einmal 23 Jahre alte Gemahlin Anna passte zu ihm. Sie war eine recht gefühlskalte Frau, die zu jener Zeit noch vorrangig ihre ganze Leidenschaft der lutherischen Religion widmete. Das Paar dürfte natürlich nicht sehr erfreut über den Familienzuwachs durch ihre Nichte Anna gewesen sein. Noch dazu, da die Kurfürstin in den bisherigen sieben Jahren ihrer Ehe schon fünf Kinder geboren hatte, von denen noch drei lebten. Das jüngste ihrer Nachkommen war gerade erst im September 1555 auf die Welt gekommen. Die Kurfürstin hatte also schon genug mit ihren Kindern zu tun.

Anna Prinzessin von Sachsen 1544.
Anna Prinzessin von Sachsen 1544.

Anna dürfte sich in diesem recht lieblosen Umfeld sehr unglücklich und allein gelassen gefühlt haben. Annas lebenserfahrenem Großvater Philipp von Hessen scheint das alles klar gewesen sein. In Sorge um seine Enkelin schickte er noch im Dezember 1555 einen seiner Räte an den Hof nach Dresden. Dieser berichtete am 15. Februar 1556 dem Landgrafen, dass er Anna lediglich in Anwesenheit ihrer Hofmeisterin sprechen konnte. Anna bedankte sich für das großväterliche Interesse und Fürsorge und ließ ihm ausrichten, dass sie seit ihrer Ankunft in Dresden immer gesund sowie frisch gewesen sei und „nicht blos wohl, sondern fürstlich und ehrlich gehalten" werde.

Der Aufenthalt des hessischen Rates in Sachsen erfolgte, da Philipp sich einen gewissen Einfluss auf die Erziehung seiner Enkelin bewahren wollte. Dazu war schon am 1. Januar 1556 ein Vergleich zwischen August von Sachsen und Philipp von Hessen abgeschlossen worden, der die Erziehung und den Unterhalt von Anna regelte. Am 26. Mai des Jahres schloss man einen weiteren Vertrag, der ihre Aussteuer und Mitgift betraf. Danach sollte Anna in den Frauengemächern des Residenzschlosses sorgfältig erzogen und eine eigene Hofmeisterin und Jungfrau, also eine Dienerin, erhalten. Bei ihrer Verheiratung, was nicht vor ihrem 15. Lebensjahr erfolgen dürfte, sollte sie eine Aussteuer von insgesamt 65 000 Gulden in Raten sowie den Schmuck ihrer Mutter erhalten. Dazu verpflichtete sich August freiwillig: „soferne sich hochvermeltes Fräulein Anna, wie sich S. kurf. G. freundlich vorsehen und zu gescheen in keinen Zweifel stelle" zu weiteren finanzielen Zugeständnissen. Er machte diese aber davon abhängig, wie Anna sich gegen ihn und seine Gemahlin „billich" und freundlich verhalte und wie sie sich zur "Zucht und Tugend" erziehen lasse. Wenn Anna sich dem Willen des Kurfürsten füge und sich verheiraten lasse, werde August nach dem ehelichen Beilager noch 35 000 Taler hinzufügen und diese in Fristen zu zahlen. Auch verpflichtete sich August die Hochzeit angemessen auszurichten.

Anna von Dänemark (1532-1585), Kurfürstin von Sachsen. Gemälde: Lucas Cranach d. J.
Anna von Dänemark (1532-1585), Kurfürstin von Sachsen. Gemälde: Lucas Cranach d. J.

Über die Lebensjahre von Anna in der Familie ihres Onkels haben sich keine Informationen überliefert; sehr erfreulich werden sie nicht gewesen sein. In den Jahren 1557, 1558 und 1560 wurden ihrer Tante weitere Söhne geboren. Neben diesen freudigen Ereignissen gab es allerdings immer wieder auch Trauerfälle in der kurfürstlichen Familie zu verzeichnen; so 1557, 1558, 1560, da in diesen Jahren drei ihrer Kinder wieder verstarben. Die junge Kurfürstin war also während dieser Jahre mit ihren eigenen Problemen so beschäftigt, dass sie kaum viel Zeit und noch weniger einfühlsames Verständnis - sofern das ihrem Charakter entsprochen hätte -  für ihre Nichte Anna aufbringen konnte. Die Beschäftigung mit der jungen Prinzessin blieb so zumeist dem Personal des Hofes überlassen. Kurfürst August und seine Gemahlin verlangten von Anna in allen Fragen eine unbedingte Gehorsamkeit, ohne dabei auch nur im geringsten ein wenig mit Gefühl und Diplomatie vorzugehen. Das reizte natürlich das junge hochsensible Mädchen ständig zur entsprechenden Opposition. Nichts konnte Anna ihrer ewig nörgelnden Tante sowie den erziehenden Hofdamen und -Herren recht machen, was ihre stetige oppositionelle Haltung gegen diese verständlich macht. Eine beiderseitige Liebe und Zuneigung zwischen Anna und ihrer Tante sowie ihrem Onkel konnte dadurch natürlich nicht entstehen; eher eine tiefe Abneigung. Anna fühlte sich in zunehmenden Maße im Haushalt ihres Onkels todunglücklich und betrachtete ihre Tante immer mehr als ihre Todfeindin; und das nicht zu unrecht, wie sich später zeigen sollte.

Das Zusammenleben gestaltete sich aber auch von Seiten Annas als sehr schwierig, denn diese besaß weder ein ansprechendes gefälliges Äußere noch einen unproblematischen Charakter. So wies sie eine offenbar leicht verwachsene Figur auf und war sehr trotzig, stur, leidenschaftlich und stolz veranlagt.

Sicher schon auf Grund ihres schwierigen Charakters, verstärkt noch durch die erlittenen Schicksalsschläge, zeigte sie sich im Laufe der Zeit zunehmend immer unliebenswürdiger gegenüber den Menschen ihrer Umgebung. Mehrmals beschwerte sich August bei Annas Großvater Philipp von Hessen über ihr Verhalten. Dieser schrieb darum seiner Enkelin in Laufe der Jahre mehrere Mahnbriefe, die ihr Verhalten gegenüber ihrem Onkel August sowie dessen Gemahlin Anna betrafen. Gefruchtet dürften diese Briefe jedoch immer nur kurzzeitig haben.

Wilhelm von Oranien, Graf von Nassau-ca. 1555.Porträt von Anthonis Mor (1519-1575).
Wilhelm von Oranien, Graf von Nassau-ca. 1555.Porträt von Anthonis Mor (1519-1575).

Da das unter den eventuell in Frage kommenden Heiratskandidaten natürlich nicht unbekannt blieb, sahen die Heiratsaussichten für die junge Prinzessin nicht gut aus. Erst 1559, sie war nun bald 15 Jahre alt, interessierte sich schließlich ein ernsthafter Kandidat für Anna.

Bei diesem Bewerber handelte es sich um den 1533 geborenen katholischen Prinzen Wilhelm  von Oranien, der eigentlich ein geborener Graf von Nassau-Dillenburg war. Durch ein leichtfertiges Leben völlig verschuldet, lockte ihn nicht nur die außergewöhnlich große Mitgift der sächsischen Prinzessin, sondern er hoffte mit dieser Ehe auch sein soziales Image zu steigern. Trotz des konfessionellen Unterschiedes stimmte Kurfürst August nach längeren Verhandlungen der Eheschließung seiner Nichte Anna mit dem Oranier-Prinzen zu. Alle zukünftigen Probleme dieser Verbindung voraussehend, weigerte sich Annas Großvater Philipp allerdings dafür seine Zustimmung zu geben. Von August durchgesetzt, fand 1561 dennoch die Hochzeit des Paares in Leipzig statt - dazu lesen Sie weiter: http://www.leipzig-lese.de/index.php?article_id=554.

Diese Ehe entwickelte sich sehr rasch für Anna zu einer einzigen Tragödie. Unter sehr fragwürdigen Umständen wegen angeblichen Ehebruches geschieden, kam sie in zunehmend verschärften Hausarrest in Nassau und zuletzt Sachsen. Letztlich verstarb sie mit 33 Jahren, insbesondere durch die Einflussnahme ihrer Tante Anna, unter menschenunwürdigen Umständen im Residenzschloss zu Dresden.

Die Bilder sind Wikimedia Commons entnommen, alle sind gemeinfrei, weil die Urheberrechte abgelaufen sind.

Wie es zu dieser tragischen Entwicklung kam, berichtet der Autor Hans-Joachim Böttcher in seiner im November 2013 im Dresdner Buchverlag erscheinenden Biografie „Anna Prinzessin von Sachsen (1544 - 1577)".

Weitere Beiträge dieser Rubrik

Prinzessin Annas Tod
von Hans-Joachim Böttcher
MEHR