Sachsen Lese

Gehe zu Navigation | Seiteninhalt
www.sachsen-lese.de
Unser Leseangebot

Über das tragische Schicksal von Prinzessin Anna brachte erst jüngst der Dresdner Buchverlag eine Biografie auf den Markt.

 Das tragische Leben der Anna von Sachsen (1567-1613)

Das tragische Leben der Anna von Sachsen (1567-1613)

Hans-Joachim Böttcher

Der Vater Kurfürst August von Sachsen, nach 1565 (1)
Der Vater Kurfürst August von Sachsen, nach 1565 (1)

In früheren Zeiten war in fast allen Familien, unabhängig vom sozialen Stand, ein reicher Kindersegen völlig normal. So wurden auch in der Ehe des Kurfürstenpaares (Vater) August von Sachsen (1526-1586) und seiner Gemahlin (Mutter) Anna von Dänemark (1532-1585) insgesamt 15 Kinder geboren. Dabei handelte es sich um neun Knaben und sechs Mädchen. Wie in jenen Zeiten üblich verstarben die meisten dieser Kinder allerdings schon sehr früh; nur vier sollten das Erwachsenenalter erreichen.

Das waren der einzige überlebende Sohn Christian (1560-1591) sowie seine drei Schwestern Elisabeth (1552-1590), Dorothea (1563-1587) und Anna (1567-1613). Wie an den Geburts- und Sterbejahren ersichtlich, wurden die Geschwister jedoch auch nicht allzu alt. Davon blieben die wenigsten Lebensjahre Dorothea, die bald nach ihrer Eheschließung im ersten Kindbett verstarb. Wenngleich sich das als großes Unglück betrachten lässt, war eine derartige Todesart zu jener Zeit allerdings doch sehr häufig. Die übrigen Kinder des Kurfürstenpaares August und Anna verbindet dagegen, dass sie alle unter mehr als merkwürdigen Umständen, die Töchter in wahren Tragödien, ihr Leben beenden sollten.

Abergläubische Menschen könnten fast auf den Gedanken kommen, dass über den Geschwistern ein Fluch lag.

So fand Christian I., nach offizieller Darstellung des sächsischen Hofes, seinen Tod mit 31 Jahren an einer Magen- und Darmerkrankung. Ursächlich dafür verantwortlich soll seine Alkoholsucht gewesen sein. Allerdings gibt es auch Quellen, in denen glaubhaft dargelegt wird, dass er ein Opfer der Politik seines Kanzlers Nikolaus Krell wurde. Sich durch dessen religiösen Wandel und insbesondere der Neuausrichtung der Politik Sachsens viele mächtige Feinde schaffend, sollen die Christian letztlich mit Gift beseitigt haben.

Prinzessin Elisabeth führte mit ihrem Gemahl Pfalzgraf Johann Kasimir von Pfalz-Lautern ein von wechselhaftem Glück gezeichnetes Leben. Da sie an ihrer lutherischen Religion festhielt, verschärften sich allerdings die Beziehungen zwischen ihr und ihrem sich religiös radikalisierenden calvinistischen Gemahl immer mehr. Dazu trug auch bei, dass Elisabeth diesem keinen Erben gebären konnte. Um sich von seiner Gattin trennen zu können beschuldigte Johann Kasimir sie schließlich an der Vorbereitung eines Mordanschlages auf ihn beteiligt gewesen zu sein und mit einem der Attentäter ein Verhältnis gehabt zu haben. In strengem Arrest gehalten, hungerte Elisabeth sich dort verzweifelt zu Tode, was dem Pfalzgrafen offenbar zu langsam ging, so dass er sie vergiften ließ.

Eine Lebensbeschreibung dieser Prinzessin ist im Übrigen in Vorbereitung.

Anna von Sachsen  um 1585/92 (2)
Anna von Sachsen um 1585/92 (2)


Über das tragische Schicksal von Prinzessin Anna brachte erst jüngst der Dresdner Buchverlag eine Biografie auf den Markt. Von Hans-Joachim Böttcher verfasst, trägt diese den Titel: „Wenig und kurz war die Zeit meines Lebens – Anna von Sachsen 1567 – 1613“.


Obwohl sie verwachsen war, bewarb sich Herzog Johann Casimir von Sachsen-Coburg um ihre Hand. Das erfolgte natürlich mit gewissen Hintergedanken. So erhoffte er sich offenbar von seinem zukünftigen Schwiegervater Kurfürst August, dass dieser sich sodann für seinen in kaiserlicher Haft einsitzenden Vater Herzog Johann Friedrich II. einsetzt. Nachdem die Hochzeit des jungen Paares am 16. Januar 1586 in Dresden stattgefunden hatte, verstarb jedoch schon drei Wochen darauf der Kurfürst, so dass sich Johann Casimir Hoffnungen auf dessen Unterstützung erledigt hatten.

Graf Hieronymus Scottus (3)
Graf Hieronymus Scottus (3)

In der Folge führte das Paar etwa sieben Jahre eine mehr oder weniger als durchschnittlich zu betrachtende lieblose Partnerschaft. Ende 1592 holte der junge Herzog den berühmten italienischen Magier und Alchimisten Graf Hieronymus Scottus an seinen Hof nach Coburg. Ob er von dessen Unterhaltungskünsten fasziniert war, von ihm erhoffte in die Goldmacherei eingeweiht zu werden oder ihn andere Gründe dazu bewogen sei dahin gestellt. Schnell gelang es dem sehr intelligenten Scottus das Vertrauen des Herzogs zu gewinnen, der ihn als als ganz besondere Auszeichnung bald als seinen Vater bezeichnete. Vermutlich über den Hintergrund, dass Anna sehr unter ihrer Kinderlosigkeit litt, was der Graf bald herausbekommen haben dürfte, versprach er ihr darin wohl Abhilfe zu verschaffen. So näher gekommen ging Anna im Frühjahr 1593, unter sehr merkwürdigen Umständen, ein Verhältnis mit Scottus ein. Der beendete dieses jedoch bald wieder und arrangierte seltsamer Weise danach zwischen ihr und Ulrich von Lichtenstein, einem Höfling Johann Casimirs, ein Verhältnis.

Herzog Johann Casimir (4)
Herzog Johann Casimir (4)

Nach der Aufdeckung dieser Affären nahm Annas Leben eine mehr als drastische Wendung, da ihr charakterlich wenig selbstbewusster Gemahl sie nach der Scheidung rachsüchtig in einen sehr strengen Arrest nahm. Die ersten Jahre, von Ende Dezember 1593 bis zum September 1596, musste Anna im Eisenacher Amtshof in strenger Isolierung verbringen. Da dem Herzog ein Gerücht mitgeteilt wurde, dass ihre dänischen Verwandten angeblich planten sie zu befreien, wurde Anna in das ehemalige Kloster Sonnefeld überführt. Wenngleich sie hier im Laufe der Jahre mehrere Personen zur Bedienung erhielt und ihr auch mancherlei Erleichterungen zugestanden wurden, verblieb sie auch hier in strenger Haft. So durfte sie niemals die ihr zugewiesenen Räumlichkeiten verlassen, also im Freien spazieren gehen und keinerlei Kontakte, außer zu dem Personal pflegen. Auch nach einer erneuten Eheschließung (die im Übrigen ebenfalls kinderlos blieb!) Johann Casimirs mit einer Cousine von Anna, ließ er dieser gegenüber keine Gnade walten. Irgendwie wurde ihm schließlich bekannt, dass ihr Neffe Kurfürst Christian II. von Sachsen plante sie in einem Handstreich zu befreien. Darum ließ Herzog Johann Kasimir Anna 1603 auf die uneinnehmbare Veste Coburg bringen.

Veste Coburg (5)
Veste Coburg (5)


Da man sie auf irgendeinem geheimen Weg informiert hatte, dass ihre Befreiung kurz bevorsteht, war sie durch diese Verlegung seelisch völlig deprimiert. In dieser Situation wurde sie durch den Mitgefangenen Zech, der über einen Wächter zu Anna Kontakt aufnahm, in dessen merkwürdige Ausbruchspläne verwickelt. Nach deren Aufdeckung, welche die Hinrichtung des Wächters zur Folge hatten, brach Anna psychisch zusammen und verlor jegliche Hoffnung noch einmal frei zu kommen. Jahrelang kaum einen Sonnenstrahl ab bekommend verfiel sie körperlich und geistig immer mehr. Nach langem Leiden verstarb Anna von Sachsen schließlich am 27. Januar 1613.

Annas Grabplatte in der ehemaligen Klosterkirche Sonnefeld (6)
Annas Grabplatte in der ehemaligen Klosterkirche Sonnefeld (6)

Beisetzen ließ Johann Casimir seine ehemalige Gemahlin, in einer halbwegs angemessenen Form, in der ehemaligen Klosterkirche Sonnefeld, wo auch heute noch ihr Grab zu besichtigen ist.

Herzog Johann Casimir hatte zu Lebzeiten von Anna, aber auch nach ihren Tot krampfhaft versuchte sie und damit ihr trauriges Schicksal dem Vergessen anheimfallen zu lassen. Aber gerade dadurch beschäftigte es die Menschen auf Grund seiner Rätselhaftigkeit noch über die Jahrhunderte. Obwohl die jüngst erschienene Biografie „Wenig und kurz war die Zeit meines Lebens – Anna von Sachsen 1567 – 1613“ die erste ist, welches ihr gesamtes Leben betrachtet, gab es immer in den vergangenen Jahrhunderten kleinere Texte, in welchen ihr Schicksal Erwähnung fand. Bemerkenswert ist an diesen, dass, obwohl zu jener Zeit generell weibliche Ehebrecher von der Gesellschaft ohne Gnade verdammt wurden, es im Fall Annas ausnahmsweise einmal nicht so war. Der Dresdner Archivar und Schriftsteller K. A. Engelhardt begründete das 1812, wie folgt: „Die öffentliche Meinung scheint des Herzogs Härte gegen seine Gemahlin, nicht gebilligt zu haben“. Denn „alle weltlichen und geistlichen Richter, welche dem Fürsten die Ehescheidung gerathen, sind entweder bald hernach gestorben oder in gros Unglück kommen. … So ging damals die Sage, welche man füglich für die Herzensstimme der Unterthanen nehmen kann. … Selbst der Superintendent zu Eisenach, Rebhans, der doch, Kraft seines Amtes dergleichen Fehler scharf ahnden mußte, schrieb damals: es wäre viel besser gewesen, der jungen Fürstin diesen Fehltritt zu vergeben und sie mit ihrem Gemahl wieder zu vertragen, nachdem sich zumahl gewisse Hoffnung der Besserung hervorgethan“. Mit zu dieser verständnisvollen Haltung über Annas „Verfehlungen“ hatte der Coburger Diakon Johann Altenburg, quer durch alle Gesellschaftsschichten, mit seinem veröffentlichten anrührenden Bericht über ihren Tod beigetragen. So schrieb auch der renommierte Jurist und fränkisch-thüringische Historiker B. von Hellfeld 1785 über Prinzessin Anna: sie „verdient in allen Betrachtungen ein glücklicheres Loß. Ihr Fehltritt mehr aus jugendlicher Unbedachtsamkeit, als Vorsatz begangen, wird durch die verschiedentlich dabei vorkommenden Umstände verzeihlich. Ein Nichtswürdiger mißbrauchte die Größe ihres Herzens, und ihre Leichtgläubigkeit – ohne ihn würde Anna vielleicht als ein Muster weiblicher Tugend aufgestellt werden können.“

Wie hätten alle, die ihr Schicksal rührend bewegte, erst geurteilt, wenn ihnen die eigentlichen Ursachen für ihren „Fehltritt“ bekannt gewesen wären? Denn es geschah nicht aus Leichtlebigkeit, dass Anna mit Graf Scottus und sodann Ulrich von Lichtenstein ein Verhältnis einging. Sondern der weithin in Europa als Magier berühmte Scottus beherrschte nicht nur das Hypnotisieren, sondern auch die posthypnotische Suggestion. Und diese war zu jener Zeit selbst für äußerst gebildete Menschen völlig unbekannt und damit auch ihre Auswirkungen nicht deutbar. Dass Scottus diese Technik anwandte, um mit Anna und Lichtenstein sein schändliches Spiel zu treiben, lässt sich aus den noch erhaltenen Vernehmungsprotokollen erschließen. Warum er das tat, was ihm schließlich seine Existenzbasis nicht nur am Hof von Coburg, sondern auch denen der anderen Fürsten des deutschen Reiches entzog, ist freilich unerklärlich. Scottus hatte sich im Übrigen rechtzeitig mit einem großen Teil von Annas wertvollem Schmuck außer Landes geflüchtet. Damit ist dieser Kriminalfall der erste in Deutschland, der nachweislich unter Hypnose beziehungsweise Suggestion ausgeführt wurde.


Bildnachweis

Abb. 1 bis 4 sind Wikipedia Commons entnommen, gemeinfrei

Abb. 5: Sammlung Hans-Joachim Böttcher

Abb. 6: Foto Hans-Joachim Böttcher