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Frage  der menschlichen Freiheit -  Hannah Arendt zu Schelling, Hegel und Luxemburg

Frage der menschlichen Freiheit - Hannah Arendt zu Schelling, Hegel und Luxemburg

Dr. Konrad Lindner

Blick in die Werkstatt einer ungewöhnlichen Denkerin

„Denn der Mensch ist zum Handeln gebohren.“ (Schelling 1797)

01. Bücher über die Verfasstheit des Geistes

G. W. F. Hegel 1831
G. W. F. Hegel 1831

Wie Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770 – 1831) ein Jahrhundertwerk über die Phänomenologie des Geistes (1807) schrieb, arbeitete Hannah Arendt (1906 – 1976) an einem Buch Vom Leben des Geistes. Arendt und Hegel stimmen in ihrem Zugriff auf die Erscheinungsweise des menschlichen Geistes in der Überzeugung überein, dass die höchste Bestimmung des Geistes im privaten wie im öffentlichen Leben die Freiheit sei. Beide Autoren durchdenken die Frage der Freiheit sowohl im Dialog mit dem Königsberger Starphilosophen Immanuel Kant (1724 – 1804) als auch mit Friedrich Wilhelm Joseph Schelling (1770 – 1854). In Schelling und in Søren Kierkegaard (1813 – 1855) erblickte Arendt die Wegbereiter der Existenzphilosophie, die sie dann selber seit dem Wintersemester 1924/25 bei Martin Heidegger (1889 – 1976) in Marburg und seit dem Sommersemester 1926 bei Karl Jaspers (1883 – 1969) in Heidelberg in reifer Gestalt studieren konnte. (08; S. 76 und S. 89.) Bei Jaspers lernte Arendt das Paradoxon kennen: „nur weil ich mich nicht selbst gemacht habe, bin ich frei; hätte ich mich selbst geschaffen, hätte ich mich voraussehen können und wäre dadurch unfrei geworden.“ (03) In dem Essay Was ist Existenzphilosophie? (1946 englisch; 1948 deutsch) schätzte Arendt an Max Scheler (1874 – 1928) sowie an Jaspers und Heidegger, dass sie zu einem „bisher nicht übertroffenen Bewußtsein“ gelangt seien, um was es „in moderner Philosophie eigentlich geht“. (03) Durch die geistige Verwurzelung in der Existenzphilosophie sollte es nicht überraschen, dass sich die streitbare politische Denkerin in New York während ihrer letzten Schaffensjahre mit Schelling beschäftigt hat, der sich in jungen Jahren auch in Sachsen aufhielt, wo er in Leipzig 1797 den Satz prägte, dass der Mensch zum Handeln und das heißt zur Freiheit geboren sei. (07; S. 153.) Aus Anlass des 50. Todestages von Hannah Arendt möchte ich erzählen, wie die Autorin des politischen Weltbestsellers über Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft (1951 englisch; 1955 deutsch) den späteren Essay von Schelling zur Frage der Freiheit aus dem Jahr 1809 gelesen und in ihr Buch Vom Leben des Geistes eingearbeitet hat.

 

02. Über das Wesen der menschlichen Freiheit

Im Umfeld ihres 65. Geburtstages am 14. Oktober 1971 hatte Hannah Arendt eine Rohfassung ihres Buches Vom Leben des Geistes vorliegen. (10; S. 429.) Seit Mitte 1972 arbeitete sie an ihrem Geist-Buch konzentriert weiter. (10; S. 438.) Die Professorin von der New School for Social Research in New York las in dieser Schaffensphase Schellings Schrift Über das Wesen der menschlichen Freiheit im Original. Das war kein Zufall. Denn Arendt studierte ebenfalls die Vorlesung ihres Lehrers und Freundes Martin Heidegger zu Schellings Abhandlung Über das Wesen der menschlichen Freiheit vom Sommersemester 1936 in Freiburg. Die Vorlesung Heideggers über Schelling war im Jahr 1971 in Tübingen veröffentlicht worden. Bei ihrer Lektüre der Freiheitsschrift strich sich Arendt den Satz an: „Wollen ist Ursein.“ (01) Dieser Satz taucht dann auch in dem Geist-Buch im Abschnitt mit der Überschrift auf: Der deutsche Idealismus und die „Regenbogenbrücke der Begriffe“. (05; S. 384.) Ahrendt ging es darum, mit dem Leitsatz vom Wollen als einem Ursein eine Brücke von dem Schelling von 1809 zu Heideggers Schelling-Vorlesung von 1936 zu schlagen. Das lässt erahnen, wie wichtig Ahrendt der Freiheits-Essay bei ihrem Aufbau des Buches Vom Leben des Geistes war. Hannah Arendt hatte bereits ihr Werk Vita activa vom tätigen Leben (1958 englisch; 1960 deutsch) als eine Trilogie mit dem Fokus auf die menschlichen „Tätigkeitsformen: Arbeiten, Herstellen und Handeln“ entworfen. (10; S. 237.) Auch in ihrem letzten Werk stellte sie sich die Aufgabe eines dreigeteilten Buches. Arendt lag daran, nun auch das menschliche Denken als tätiges Leben zu analysieren. Dabei widmete sie dem Wollen sicher auch angeregt von Schelling einen eigenen und ausführlichen Buchteil. In dem Projekt Vom Leben des Geistes sollten mit (1.) dem Denken, (2.) dem Wollen und (3.) dem Urteilen drei verschiedene menschliche Vollzugs- und Tätigkeitsformen unter die Lupe genommen werden, für die auf je eigene Weise die Frage der Freiheit zu erörtern war. Doch Hannah Arendt starb am Donnerstag, den 04. Dezember 1974, in ihrer Wohnung abends mitten im Gespräch mit Freunden an einem Herzinfarkt. Sie hatte – wie ihre Freundin und Nachlassverwalterin Mary McCarthy (1912 – 1989) berichtet - am „vorhergehenden Samstag … den zweiten Band von 'Vom Leben des Geistes' beendet: 'Das Wollen'.“ (05; S. 463.) Die ersten beiden Teile des Geist-Buches lagen fertig vor, aber den Teil über die Urteilskraft hatte Hannah Arendt noch nicht geschrieben. Nach ihrem Tod fand man ein Blatt Papier in ihrer Schreibmaschine, „auf dem lediglich die Überschrift 'Die Urteilskraft' und zwei Mottos standen“. (05; S. 464.)

03. Willen ist Triebfeder des Handelns

Friedrich Wilhelm Joseph Schelling 1848.
Friedrich Wilhelm Joseph Schelling 1848.

Dadurch, dass Arendt bereits im Teil zum Wollen auf Schellings Schrift Über das Wesen der menschlichen Freiheit zurückgreift, lässt es sich heute leichter nachvollziehen, worauf es ihr bei der Lektüre des Denkers aus Tübingen ankam. Bevor Arendt den Gedanken des frühen wie des späten Schellings würdigt, „die Freiheit einmal zum Eins und Alles der Philosophie zu machen“, schildert sie das Grunderlebnis der Generation von Hegel und Schelling sowie von Friedrich Hölderlin (1770 – 1843) mit einer zeitgeschichtlichen Skizze: „Es war wohl reiner Zufall, daß die Generation, die unter dem Eindruck der Revolutionen des 18. Jahrhunderts ihre Reife erlangte, auch geistig durch die Kantische Befreiung des Denkens geformt wurde, durch seine Lösung des alten Dilemmas zwischen Dogmatismus und Skeptizismus durch Einführung einer Selbstkritik der Vernunft. Und da die Revolution sie ermutigte, den Begriff des Fortschritts von der Wissenschaft auf die menschlichen Verhältnisse zu übertragen und ihn als Fortschritt der Geschichte zu verstehen, so war es natürlich, daß sich ihre Aufmerksamkeit auf den Willen als die Triebfeder des Handelns und das Organ der Zukunft richtete.“ (05; S. 383.) Nach dieser Überschau greift Arendt auf Schelling als einer der originellen wie markanten Stimmen seiner Generation zurück und zitiert aus dessen Freiheitsschrift: „'Der Gedanke, die Freiheit einmal zum Eins und Alles der Philosophie zu machen, hat den menschlichen Geist überhaupt … in Freiheit gesetzt', er befreite das denkende Ich zur freien Spekulation in Gedankengängen deren letztes Ziel es war, 'zu zeigen …, daß nicht allein die Ichheit alles, sondern auch umgekehrt alles Ichheit sei.'“ (05; S. 384.) Ahrendt entdeckte bei Schelling in seiner Freiheitsschrift auf Seite 22 ebenfalls die erwähnte Passage vom Wollen als einem Ursein. (01) Sie übersetzte diese Rede Schellings aber im Geist-Buch in ihre Sprache und in den fasslichen Satz, dass der Wille im Leben der Menschen nicht weniger ist als die Triebfeder ihres Handelns und das Organ ihrer Zukunft.

04. Von der Freiheit des Anfangens

Hannah Arendt 1933.
Hannah Arendt 1933.

Den Bestseller über Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, der nicht in der DDR, dafür aber im Piper Verlag in München seit 1958 verlegt worden ist, beendete Hannah Ahrendt mit einem Schlaglicht zur Frage der Freiheit. Bereits in ihrem Hauptwerk analysierte sie das Prinzip Handeln. Während ihr Lehrer Heidegger unser Dasein vor allem als Sein zum Tode dachte und das Handeln als Sorge auf das individuelle Ende eines jeden Menschen hin beschrieb, bestimmte sie unsere Existenz zunächst und vor allem als ein Sein durch Geburt. In die Seinslehre trug Arendt den Grundsatz der Natalität hinein. Auch wenn ihre Ehe mit Heinrich Blücher (1899 – 1970) kinderlos blieb, waren ihr Kinder wichtig. Ihr gelang es als junge zionistische Aktivistin während der Nazi-Zeit, von Paris aus viele jüdische Kinder zu retten. Wie Arendt nach der Einreise in die USA im Jahr 1941 in einem Lebenslauf berichtet, begründete sie „1935 eine französische Abteilung der Jugendalijah für Flüchtlingskinder, durch welche etwa 120 Kinder bis 1936 nach Palästina einwanderten“. (10; S. 86.) Nicht zufällig steht zum Schluss des Totalitarismus-Buches ein starkes Zitat, in dem die Geburt eines jeden Menschen als Geburt von Freiheit beschrieben wird: „Initium ut esset, creatus est homo - 'damit ein Anfang sei, wurde der Mensch geschaffen', sagt Augustin. Dieser Anfang ist immer und überall da und bereit. Seine Kontinuität kann nicht unterbrochen werden, denn sie ist garantiert durch die Geburt eines jeden Menschen.“ (04; S. 730.) Für Ahrendt erwächst, wie Hauke Brunkhorst in seinem wichtigen Buch über die Denkerin erläutert, im Einklang mit dem Satz des Augustinus einem jedem Menschen „die Fähigkeit, etwas Unberechenbares und Unerwartetes aus eigenem Entschluß zu tun“. Brunkhorst zitiert aus dem englischen Original (The Life of the Mind: Thinking and Willing. New York 1978.) in eigener Übersetzung: „Die ganze Fähigkeit zum Anfangen wurzelt in der Natalität und keineswegs in der Kreativität oder einer spezifischen Begabung, sondern in der Tatsache, daß menschliche Wesen, neue Menschen wieder und wieder durch Geburt in der Welt erscheinen.“ (06; S. 137.) Die „Initiative zum Handeln kann jede und jeder jederzeit ergreifen“, wie Brunkhorst kommentiert, und „sie kann deshalb von überall – wie eine Schöpfung aus dem Nichts – in das menschliche Leben einbrechen“. (06; S. 137.) Durch unser Handeln, das immer eine gemeinsame Praxis der Vielen ist, hört die Wirklichkeit auf, das zu sein, was sie bis eben war. Aber auch eine jede neue Generation handelt im Fluss des Wirklichen anders als die vorherige. Den Abschnitt Augustinus, der erste Philosoph des Willens im zweiten Teil ihres Geist-Buches schließt Arendt daher mit dem Satz: „Die Freiheit der Spontanität ist fester Bestandteil der menschlichen Existenz. Ihr geistiges Organ ist der Wille.“ (05; S. 343.

05. Verkehrung von Freiheit in das banal Böse

Hannah Arendt 1975.
Hannah Arendt 1975.

Bei ihrem Projekt zum Leben des Geistes war Hannah Arendt sehr bewusst, dass sich mit Schelling in der Frage der Freiheit ein Zeitgenosse der französischen Revolution und der Feldzüge Napoleons zu Wort meldet, der die Ambivalenz des menschlichen Handelns auf den Begriff zu bringen versuchte. Beim Durchdenken der Untiefen des menschlichen Handelns hatte die jüdische Publizistin nicht vergessen, dass sie 1933 in Berlin inhaftiert worden ist. Im Fernsehinterview mit Günter Gaus (1929 - 2004) erzählte sie am 26. Oktober 1964 darüber, wie sie die völkische Revolution erlebte und auch wie es ihr gelang, der Gestapo zu entkommen. Durch den Report über den Prozess gegen Adolf Eichmann hatte sich Hannah Arendt im Jahr zuvor zu einer der tüchtigsten wie umstrittensten politischen Publizistinnen des 20. Jahrhunderts gemausert. Das Buch war für Arendt eine Feuerprobe. Sie zog den Zorn vieler jüdischer Kritiker auf sich, weil sie den einstigen SS-Obersturmführer und Leiter des Judenreferats im Reichssicherheitshauptamt weder als Dämon noch als Bestie, sondern einfach nur als „Hanswurst“ und als zum Denken gänzlich unfähig beschrieb (10; S. 321.) Der unscheinbare Mann in dem Glaskasten des Gerichts in Jerusalem hatte in ihren Augen wegen seiner Geist-, Gedanken- und Gewissenlosigkeit den Tod verdient. Noch mehr Ärger handelte sich die Verfasserin des Eichmann-Reports ein, weil sie im Kontext von Judenverfolgung und Holocaust die politische Vokabel von der „Banalität des Bösen“ prägte. Bei diesem Schlagwort waren sowohl Kants Rede von der „Radikalität des Bösen“ als auch der Hinweis von Schelling mit im Spiel, wonach Freiheit keineswegs nur Wohltaten bewirkt, sondern im Gegenteil im Handeln der Menschen „ein Vermögen des Guten und des Bösen“ sei. (09; S. 48.)

Es ist dies der Satz in der Freiheitsschrift Schellings, den sich Arendt in ihrem Handexemplar auf Seite 23 dick angestrichen hat. Mit der Rede von der „Banalität“ zielte Ahrendt auf das Ausmaß der Gewissens- und Verantwortungslosigkeit in der NS-Herrschaft. Ihr lag daran, eine Sprache für das Unaussprechliche der Großindustrie zum Töten der jüdischen Bevölkerung Europas zu finden. Die Maschinerie der Vernichtung konnte während des zweiten Weltkrieges inmitten der totalitären Massengesellschaft nur mit der Unterstützung breiter Teile der deutschen Bevölkerung für den NS-Staat aufgebaut und eingesetzt werden und war insofern banaler Alltag.

06. Widmung für Heidegger geplant

Martin Heidegger 1960.
Martin Heidegger 1960.

Seit seiner Arbeit an Sein und Zeit (1927) verband Heidegger mit Hannah Arendt eine Liebesbeziehung mit der Erotik gemeinsamen Philosophierens. Seine große Zuneigung zu einer jüdischen Frau und reifenden Denkerin verhinderte jedoch nicht, dass er sich vom Antisemitismus vereinnahmen ließ. Trotz alledem brach Arendt nicht mit Heidegger, als für ihn nach dem Krieg ein mehrjähriges Lehrverbot verhängt worden war. Mehr noch. Als 1971 in Tübingen Heideggers Freiburger Schelling-Vorlesung zum Freiheitsthema aus dem Jahr 1936 ediert wurde, war Hannah Arendt eine der Leserinnen. Auf fast jeder Seite der Vorlesung Heideggers sind von ihr Unterstreichungen zu finden. (02) Die nach dem Krieg durch die Kritik totalitärer Ideologien berühmt gewordene Autorin, die als Jüdin aus Deutschland erst nach Paris und dann nach Amerika hatte fliehen müssen, wusste selbstverständlich, dass Heidegger gleich 1933 als Rektor der Universität Freiburg auf Adolf Hitler und auf die völkische Revolution hereingefallen war und sich als Rektor in den Dienst des Regimes gestellt hatte. Hannah Arendt ließ aber ihren Lehrer und Freund nach dem Zusammenbruch das NS-Staates in der Nachkriegsordnung der Bundesrepublik bei aller Kritik weder menschlich noch fachlich fallen. Die geistige Partnerschaft mit Heidegger spielte nicht zuletzt in der Frage der Freiheit eine inspirierende Rolle bei der Arbeit an ihrem Werk Vom Leben des Geistes. Den Rang der Freiheit in der Auffassung des Seienden brach Heidegger in seiner Vorlesung über die Freiheitsschrift (1809) auf einen Satz runter, den sich seine einstige Marburger Schülerin und aktuelle New Yorker Kollegin anstrich: „Freiheit ist das umgreifende und durchgreifende Wesen, in das zurückversetzt der Mensch erst Mensch wird.“ (02. Und: 07; S. 30.) Derartige Schlüsselsätze einer Ontologie der Freiheit empfand Hannah Arendt als hilfreich, um den Dreiteiler Vom Leben des Geistes zu bewältigen. Arendt weihte Heidegger bereits im März 1971 in das beabsichtigte Buch ein, bei dem ihr „eine Art zweiter Band der Vita Activa (…) Über die nicht-tätigen menschlichen Tätigkeiten: Denken, Wollen, Urteilen“ vorschwebte. Wie ihre Biografin Grit Straßenberger weiter zitiert, stellte Arendt ihrem Vertrauten auch eine Frage: „Ich habe keine Ahnung, ob es wird und vor allem, wann ich damit fertig sein werde. Vielleicht niemals. Sollte es aber gehen – darf ich es Dir widmen?“ (10; S. 449.) Der geistigen Partnerin in New York antwortete Heidegger: „Dein zweiter Band Vita activa wird so wichtig wie schwierig sein. (…) Du weißt, daß ich mich über Deine Widmung freuen werde.“ (10; S. 449.) Zur Widmung für Heidegger kam es nicht, weil Hannah Arendt am 04. Dezember 1975 starb und der Teil über die Urteilskraft von ihr nicht geschrieben werden konnte.

07. Friedliche Revolution mit Luxemburg verstehen

Rosa Luxemburg.
Rosa Luxemburg.

Gleich beim ersten Blick in die Biografie von Grit Straßenberger fiel mir eine Überraschung auf, bei der es um eine streitbare Frau geht: Hannah Arendt meißelte aus den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts und aus der Sichtung der philosophischen Tradition eine Ontologie der Freiheit hervor, die sie in ihren Werken nach dem Krieg im Dialog mit Karl Jaspers und mit Martin Heidegger entfaltet hat. Dabei vergaß sie aber nicht, auch Rosa Luxemburg (1871 – 1919) in ihr Denken der Freiheit einzubeziehen. Der Grund ist bei Straßenberger zu erfahren. Die Autorin von der Universität Bonn zitiert aus den Analysen Arendts zum Aufstand in Ungarn von 1956 ein ausführliches Statement. Heute kann diese Wortmeldung von Arendt zu Rosa Luxemburg auch als ein Schlaglicht auf die Friedliche Revolution von 1989 gelesen werden. In ihrem Essay über die Revolution in Ungarn von 1956 schreibt Hannah Arendt: „Wenn es je so etwas gegeben hat wie Rosa Luxemburgs 'spontane Revolution', diesen plötzlichen Aufstand eines ganzen Volkes für die Freiheit und nichts sonst – spontan und nicht veranlaßt durch das demoralisierende Chaos einer militärischen Niederlage, nicht herbeigeführt durch Staatsstreich-Techniken, nicht organisiert von einem Apparat berufsmäßiger Verschwörer und professioneller Revolutionäre, ohne die Führung selbst einer Partei, also etwas, das jedermann, Konservative wie Liberale, Revolutionäre wie Radikale längst als einen schönen Traum hinter sich gelassen haben -, dann ist es uns vergönnt gewesen, wenigstens Zeuge davon gewesen zu sein.“ (10; S. 266/267.) Wie viele Angehörige meiner Generation war ich 1989/90 ein Zeuge der Revolution mit den Straßenprotesten und den Runden Tischen. Durch das Leben in Sachsen imponierte mir die Protestbewegung. Auch als langjähriges SED-Mitglied konnte ich mich in der Bürgerstadt Leipzig – wie viele andere Genossinnen und Genossen auch - nicht dem von den Kirchen ausgehenden Aufbruch in die Freiheit entziehen. Daher lese ich das Statement zur „spontanen Revolution“ und zu Luxemburg als Impuls einer zeitgemäßen politischen Bildung, weil eine differenziertere Nachbereitung des selber Erlebten möglich wird. Wer heutzutage nach Moskau in den Kreml schaut, wird das Paradoxon der Friedlichen Revolution beinahe für ein uraltes Märchen halten. Denn: Den „plötzlichen Aufstand eines ganzen Volkes für die Freiheit“ vom Herbst 1989 würgte kein russischer Diktator ab. Vor allem Dank der Klugheit und Menschlichkeit von Michail Gorbatschow sind die abtrünnigen Republiken des Ostblocks vor 35 Jahren nicht durch russische Panzer bestraft worden. Ein Präsident seines Formats würde die freiheitliche Ukraine heute auch nicht mit Kampfdrohnen angreifen.

08. Freiheitsschrift in Vom Leben des Geistes

Meinem Eindruck nach schafft Ahrendt in ihrem letzten Werk den Durchbruch zu einer auch für sie selber neuen Einsicht zum freiheitlichen Tiefgang im Geschichtsdenken Hegels. Denn Hegel erfand keinen außerhalb des Handelns der Menschen schwebenden Weltgeist, was immer wieder behauptet worden ist und was offenbar auch Straßenberger meint. Aber Ahrendt beschreibt ihrem letzten Buch ausdrücklich, dass der „Weltgeist“ für Hegel „kein bloßes Gedankending, sondern etwas Gegenwärtiges“ ist, das „in der Menschheit so verkörpert ist wie der menschliche Geist im menschlichen Körper“. (05; S. 286.) Wenn Hegel von Straßenberger den „Hohepriestern der modernen Geschichtsphilosophie“ dazugerechnet wird, tappt sie in eine Falle. (10; S. 176.) Immerhin gelangte Arendt in dem Buch Vom Leben des Geistes zu der Erkenntnis, dass Hegel mit der Phänomenologie des Geistes in Jena gezielt an dem Gedanken der Freiheit festgehalten hat, den er schon 1794/95 im Berner Briefwechsel mit dem jungen Schelling heftig diskutiert hatte. Sein Meisterwerk hat „den menschlichen Geist überhaupt … in Freiheit gesetzt“, was Arendt begriff, aber nicht Schelling. Arendt bekennt sich daher in ihrem letzten Werk mit dem Satz zu Hegel, dass er „der erste große Denker“ war, „der die Geschichte ernst nahm, nämlich als Quelle der Wahrheit“. (05; S. 283.) Die Beharrlichkeit Hegels in der Frage der Freiheit vom Studium in Tübingen bis hin zu den Grundlinien der Philosophie des Rechts und zur Philosophie der Religion in Berlin wurde weder von Schelling noch von Karl Marx (1818 – 1883) und auch nicht von Jürgen Habermas, dafür aber von Arendt erfasst. Die belesene Autorin in New York entwickelte in ihrem letzten Buch die Kraft und das Geschick, bei der Analyse der menschlichen Existenz aus den Revolutionen des 20. Jahrhunderts heraus den Schelling der Freiheitsschrift mit dem Hegel der Phänomenologie zusammen zudenken und zum Begriff des Willens zu befragen. Damit kehrte die gestandene deutsch-amerikanische Denkerin begrifflich zu ihrem Studium bei Jaspers in Heidelberg zurück, wo sie im Jahr 1927 – wie der Arendt-Biograf Thomas Meyer schildert - sowohl Lehrveranstaltungen zu „Schelling“ als auch zu „Hegel, Phänomenologie des Geistes“ belegt hatte. (08; S. 89.)

 

09. Widmung

Zu dem Essay über Freiheit motiviert mich eine Schule im Umland von Leipzig. Diese Schule macht sich zwei Leitsätze zu eigen, die gut in Sachsens Bildungslandschaft passen: „Schule ohne Rassismus“ und „Schule mit Courage“. Die Rede ist vom Hannah Arendt Gymnasium in Markranstädt. Die Namenspatronin dieses Gymnasiums wuchs in einer jüdischen und sozialdemokratischen Familie in Königsberg auf. Mit ihrer Passion des Rauchens ist sie vielleicht nicht das beste Vorbild. Aber allein schon durch ihr frühes Beherrschen der griechischen und der lateinischen Sprache sowie durch ihr exzellentes Studium der Fächer Philosophie, Theologie und Griechisch lässt sich bei Hannah Arendt viel lernen. Was sie aber in meinen Augen vor allem zur coolen Type macht, das sind ihr oft freches Mundwerk, ihre Freude am kritischen Denken, ihr helfendes Handeln in Situationen der Not und vor allem auch ihr Talent, Freundschaften zu stiften und zu pflegen.

 

30. November 2025

 

Literatur:

 

(01)

Hannah Arendt: Anstreichungen in Schellings Schrift Über das Wesen der menschlichen Freiheit. (von Schelling, Friedrich Wihelm Joseph, "Das Wesen der Menschlichen" (2025). Hannah Arendt Marginalia - All. 573. Vgl. den Link: https://digitalcommons.bard.edu/hapl_marginalia_all/573/)

(02)

Hannah Arend: Anstreichungen in Heideggers Schelling-Vorlesung von 1936. (Heidegger, Martin, "Schellings Abhandlung Über das Wesen der menschlichen Freiheit (1809)" (2025). Hannah Arendt Marginalia - All. 245. Vgl. den Link:
https://digitalcommons.bard.edu/hapl_marginalia_all/245/)

(03)

Hannah Arendt: Was ist Existenz-Philosophie? In: Kritische Gesamtausgabe. Band 3. Sechs Essays. Vgl. den Link: https://hannah-arendt-edition.net/texts/03/text?id=ae7483565&type=prime&lang=de

(04)

Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. R. Piper GmbH & Co. KG, München 1991.

(05)

Hannah Arendt: Vom Leben des Geistes. Das Denken. Das Wollen. Herausgegeben von Mary McCarthy. Piper Verlag GmbH, München 2022.

(06)

Hauke Brunkhorst: Hannah Arendt. Verlag C. H. Beck, München 1999.

(07)

Konrad Lindner: Einmal freiere Lüfte atmen. Schellings Idee der Freiheit. Zum Geist der Bürgerstadt Leipzig (1776 – 1822). Angelika Lenz Verlag, Neu-Isenburg 2024.

(08)

Thomas Meyer: Hannah Arendt. Die Biografie. Piper Verlag GmbH, München 2025.

(09)

Friedrich Wilhelm Joseph Schelling: Über das Wesen der menschlichen Freiheit. Mit einem Essay von Walter Schulz Freiheit und Geschichte in Schellings Philosophie. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1988.

(10)

Grit Straßenberger: Die Denkerin Hannah Ahrendt und ihr Jahrhundert. Verlag C. H. Beck GmbH & Co. KG, München 2025.

 

 

Wichtige Links:

 

The Hannah Arendt Center for Politics and Humanities at Bard College.

Vgl. den Link: https://hac.bard.edu

 

Hannah Arendt. Kritische Gesamtausgabe.

Vgl. den Link: https://hannah-arendt-edition.net/home

Hannah Arendt Gymnasium Markranstädt.

Vgl. den Link: https://www.markranstaedt.de/de/gymnasium-markranstaedt.html

 

Bildnachweis:

 

Die Abbildungen sind aus Wikimedia entnommen und in der Regel gemeinfrei.

Ausnahme:

Martin Heidegger 1960. Urheber: Willy Pragher(1908-1992).

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