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Martinsfest - Wir feiern Martini

Florian Russi

Kleine Broschüre mit Texten und Liedern zum Martinstag

Laterne, Laterne ... Im dunklen Monat November hält das Martinsfest einen Lichtpunkt für uns bereit. Vor allem Kinder freuen sich weit im Voraus auf den Martinstag, um mit ihren leuchtenden Laternen durch den Ort zu ziehen. Die Hintergründe zur Geschichte des festes und den traditionellen Bräuchensind in dieser Broschüre festgehalten. Mit einer Anleitung für eine selbstgebastelte Laterne, drei leckeren Rezepten und vielen Liedern, Gedichten und Reimen ist sie ein idealer Begleiter für jedermann.

Floral, genial, sakral -  Antoni Gaudi`s Bauten in Barcelona

Floral, genial, sakral - Antoni Gaudi`s Bauten in Barcelona

Dr. Konrad Lindner

100. Todestag des Ausnahmearchitekten der Sagrada Familia

1. Verrückt oder genial?

Aquarell Sagrada Familia. © Konrad Lindner.
Aquarell Sagrada Familia. © Konrad Lindner.

Die einen erblicken in den Türmen von der Ferne Kleckerburgen, die anderen denken an die Stämme der gigantischen Mammutbäume. Als ich mich hinsetzte, um die Sagrada Familia, die Basilika „Heilige Familie“, von Antoni Gaudí mit ihren Sandsteintürmen zu aquarellieren, die inmitten von Barcelona in den Himmel ragen, musste ich erst einmal lernen, dass der Name des Architekten endbetont zu sprechen ist. Eine Mitstreiterin meines Malkurses war bereits in Barcelona und konnte mich korrigieren. Auf meinem Malkarton im Format 23 cm x 16 cm entstand eine Skizze, in der die Türme wie schlanke Kakteen ausschauen. Als Vorlage diente mir bei der Arbeit eine Fotografie, in der zu erkennen ist, dass am Hauptturm noch emsig gebaut wird. Nur Gerüste sind zu sehen und der zentrale Turm überragt noch nicht die anderen Himmelsstürmer. Inzwischen ist auch der Turm der Mitte fertiggestellt, hat 172,5 Meter erreicht und seine Spitze wird durch ein räumliches und begehbares Kreuz gebildet. Gefertigt wurde das Kreuz nicht in Spanien, sondern in Deutschland; von der Firma Josef Gartner in Gundelfingen an der Donau, die in der Stahl- und Aluminium-Fertigung bewandert ist.

Sagrada Familia. ©  Daniela Jedlicka.
Sagrada Familia. © Daniela Jedlicka.

Der zentrale Turm wird von Papst Leo XIV. am 100. Todestag des Architekten Gaudí, am 10. Juni 2026, geweiht. Der begnadete Architekt, von dem die Basilika geschaffen wurde und der am 25. Juni 1852 als Sohn eines Kupferschmieds in Katalonien das Licht der Welt erblickt hat, wird durch eine Messe gefeiert, die durch das Oberhaupt der Kirche zelebriert wird. Danach segnet der Papst den weithin sichtbaren Jesusturm im Zentrum des architektonischen Meisterwerkes.

Kaum zu glauben, aber überliefert ist: Gaudí studierte ab 1871 wohl eher lustlos an der Architekturschule in Barcelona. In seinem Wikipedia-Porträt gefällt mir die Anekdote, wonach der Direktor der Schule im Jahr 1878 zum Abschluss gesagt haben soll: Wer weiß, ob wir das Diplom einem Verrückten oder einem Genie gegeben haben – die Zeit wird es uns sagen.“ Die Zeit hat nicht geschwiegen. Sie hat gezeigt, dass aus einem Verrückten ein Genie hervorzuwachsen vermag. Nachdem im Jahr 1882 der Bau von Sagrada Familia begonnen hatte, übernahm Gaudí im Jahr 1883 dessen Leitung; sein verantwortungsvolles Amt hat der Architekt fast 44 Jahre hindurch bis zu seinem letzten Atemzug beharrlich wie besonnen ausgeübt. Er starb an den Folgen eines Unfalls, bei dem er am 7. Juni 1926 auf dem Weg zur Arbeit von einer Straßenbahn erfasst worden war.

2. Abweichung von der Geraden

Sagrada Familia. © U. Brekle
Sagrada Familia. © U. Brekle

Ich dachte beim ersten Blick auf das Erscheinungsbild von Sagrada Familia an das berühmte Aquarell „Das große Rasenstück“ von Albrecht Dürer aus dem Jahr 1503, das in Wien aufbewahrt wird. Die Grashalme, die Löwenzahnblüten und die Blätter des Wegerich streben in die Höhe. Dürer feiert die Pflanzen, die in seinem Bild wie die Mitglieder der Familie eines Fürsten oder eines Bürgermeisters, aber auch wie die Mitglieder der heiligen Familie. Ihm war bewusst, dass die Pflanzen – christlich gesprochen - das Himmelslicht „anbeten“ und dass sie die Grundlage allen tierischen und menschlichen Lebens auf Erden bilden. Wird der Pflanzenwelt in der biblischen Schöpfungsgeschichte ein herausgehobener Platz eingeräumt, ist dies zutiefst irdisch gedacht. Den Pflanzen ist im Schöpfungswerk Gottes ein ganzer Tag reserviert. Am dritten Tag sprach Gott: „Die Erde lasse aufgrünen Gras und Kraut, / das Samen hervorbringt, / jedes nach seiner Art, / und fruchtbare Bäume, / die in ihren Früchten Samen tragen je nach ihrer Art.“ Das Gras steht in der biblischen Geschichte nicht für Unkraut, das es zu vernichten gilt, sondern es wird als ein Symbol für das göttliche Wirken und Werken entdeckt. In dem Aquarell „Das große Rasenstück“ lädt Dürer die Zuschauer zu einer Feier für jede einzelne Art ein, die in diesem Meisterwerk versammelt ist. Spannend ist, dass die meisten Halme schräg stehen. Dennoch sind die Gräser standhaft und fallen nicht um. Hier und dort halten sich die Halme auch gegenseitig. Im Rasenstück Dürers beherrscht nicht die Gerade die Szene, sondern die Abweichung von der Geraden. Auch in der Geometrie der Sagrada Familia geht es schräg, gebogen und rund zu. Daher empfinde ich Dürer als einen Vordenker des naturgeprägten Architekturstils von Gaudi.

3. Architektur von Gaudí fasziniert, weil floral verfasst

Casa Batlló. © U. Brekle.
Casa Batlló. © U. Brekle.

Betrachte ich die Kurven der Gaudí-Häuser Casa-Mila und Casa Batlló, dann lohnt es, noch einen Augenblick bei Dürer zu verweilen. In dem ersten in deutscher Sprache verfassten Werk zur Geometrie stellt Dürer der Geraden die „Eyer lini“ - die Ellipse - an die Seite. Das Buch hatte den Titel „Underweysung der messung, mit dem zirkel un richtscheyt, in Linien, ebnen und gantzen corporen.“ (1525). Zirkel und Richtscheit spielten in der Arbeit von Gaudí und seinen vielen Mitstreitern beim Bau der Basilika in Barcelona eine große Rolle. Bei Gaudí logiert die „Eyer lini“ im Zentrum seiner Architektur. Dürer hatte diesem Namen eigens erfinden müssen, um in der Muttersprache über Mathematik schreiben zu können. Aber sein Genie war es, der Ellipse in seinen bildlichen Gestaltungen einen Ehrenplatz, einen zentralen Ort zuzuweisen, während Gaudí dieselbe in die Architektur und auch in die Kunsttheorie hineintrug. Die Hyperbel wird bei Dürer zur „gabellini“ und die Spirale zur „schneckenlini“. Bei den Wohnhäusern, die Gaudí in Barcelona entworfen hat, sind die Brüstungen der Balkone nicht gerade, sondern sie weichen von der Geraden ab. Eine Herausforderung bis hin zu den Blechschneidern. Seine Gebäude gehorchen einer floralen Geometrie, in der Ellipsen, Hyperbeln und Spiralen eine zentrale Rolle spielen und sie folgen damit in der Architektur dem Renaissancekünstler Albrecht Dürer in Nürnberg, der in der Kunst wie in der Wissenschaft neue Wege beschritten hat. Schauen wir heute zu den Türmen der Sagrada Familia, dann erinnert uns allein ihr Plural an das Aquarell „Das große Rasenstück“, bei dem auch nicht nur ein Grashalm in die Höhe ragt, sondern eine Vielfalt an Individuen versammelt ist, um Himmel und Erde zu vereinen.

4. Den Raum fühlen und sehen

Sagrada Familia Passionsfassade  ©  Daniela Jedlicka.
Sagrada Familia Passionsfassade © Daniela Jedlicka.

Wer ein derart gigantisches Sandsteinmassiv mitten in eine Stadt zu stellen wagt, wie es Antoni Gaudi unternommen hat, ist ein Maestro der Baukunst. Gaudi hat bis wenige Tage vor seinem 74. Geburtstag Woche für Woche an einem sakralen Werk gearbeitet, das nicht nur in Jahrzehnten, sondern in Jahrhunderten tickt. Als ich die Basilika aquarellierte, erzählte eine Malfreundin, dass sie bei ihrer Reise nach Barcelona die Sagrada Familia auch einmal so von der Ferne aus erblickt habe, dass sie das Gefühl überkam, in den Türmen eine Ansammlung von Kleckerburgen zu sehen. Dieser Eindruck ist nicht an den Haaren herbeigezogen. Das hat mit dem Baumaterial der Basilika zu tun. Der Gott des Antoni Gaudí war eine Wesenheit, die nicht nur über den Wolken schwebt, sondern die tief in der Erdgeschichte verankert ist und aus der Anatomie der Erde hervorwächst. 

Sagrada Familia außen. ©  Daniela Jedlicka.
Sagrada Familia außen. © Daniela Jedlicka.

Der Gott dieses Architekten liebt den Sandstein, der durch seine warme Tönung ein Symbol für Freundlichkeit, für Liebe in einem wohnlichen Zuhause ist. Dieses wunderbare Sedimentgestein ist auf unserem Planeten ein sehr verbreiteter Schatz und leuchtet in immer wieder leicht anderen Farbtönungen. Sandstein ist vor allem in den Flachmeeren entstanden. Der Ursprung des Sandsteins aus dem Wasser lässt beim Blick hin zu Sagrada Familia in der Tat den Anschein entstehen, dass die Ansammlung der Basilikatürme aus dem Meer hervorgewachsen ist. Es ist ein Leichtes, sich dabei auch einmal vorzustellen, dass sich im Innern der Türme eine schmale Spirale in die Höhe des Himmels empor schraubt. Baum wie Basilika sind Wunderwesen, die tief im Boden verankert sind, aber zu dem Licht der Sonne hinstreben, ohne das es kein Leben auf Erden und auch keine christlichen Religionen geben würde.

5. Kirche ist Ding, Zeug und Werk

Sagrada Familia - Blick zur Decke. © U. Brekle
Sagrada Familia - Blick zur Decke. © U. Brekle

Malen ist Andacht und Gebet, so beschrieb Caspar David Friedrich in Dresden sein Hantieren mit der Ölfarbe auf der Leinwand. Erst recht für den tiefgläubigen Antoni Gaudí war seine Baukunst in Barcelona Gottesdienst und ein Dienst im Dialog mit einem Gott, der in unserem Sprechen für das Gesamt der Menschen- und Erdenwelt steht, in der wir heimisch sein dürfen. Das lässt mich an Martin Heidegger denken, an den Sohn des Mesners von St. Martin im badischen Meßkirch, der als Junge nicht nur im Kirchenchor sang, sondern der auch die Glocken der katholischen Kirche des Städtchens geläutet hat. Schaut man mit dem Essay „Der Ursprung des Kunstwerkes“ (1936) von Heidegger in der Hand die Türme in der katalanischen Hafenstadt an, die sich zur Basilika fügen, dann lohnt es, sich in seine Unterscheidung von „Ding“, „Zeug“ und „Werk“ hineinzudenken. Wir sehen mit Blick hin zu dem jetzt gerade fertigen Jesus-Christus-Turm in dem Sandsteinmassiv in Barcelona durchaus ein Ding. Wir erblicken nicht einfach nur Felsblöcke, sondern wir entdecken auch ein Zeug wie Portale, durch die wir in die Basilika hingehen und auch wieder aus ihr herauskommen können. Bei alledem haben wir aber zuallererst ein Werk vor Augen, das den Seinsstatus von „Ding“ und „Zeug“ weit überschreitet. In diesem Fall erleben wir im Außen wie im Innen der Basilika ein in Europa einzigartiges sakrales Gesamtkunstwerk, das Architektur und Bildhauerkunst innigst vereint. In der Hafenstadt Barcelona hat sich der christliche Glaube in Architektur verwandelt.

Sagrada Familia Innenaufnahme. © U. Brekle
Sagrada Familia Innenaufnahme. © U. Brekle

Die Sagrada Familia ist ein Kunstwerk, in dem sich die ästhetischen Wirkung von Stein und Licht derart mischt, dass sich die Menschen in der Basilika als in die Schönheit des Irdischen wie des Kosmischen mit feierlicher Sinngebung eingefügt erleben. Ein Malfreund erzählte mir von seinem Raumerlebnis: Man empfindet sich wie ein Zwerg unter hohen Grashalmen, ist aber nicht bedrückt, sondern fühlt sich erhoben durch das Licht. Auch die Türme der Basilika sind nicht nur eine gigantische Ansammlung von Stein, sondern eine einzigartige Theateraufführung, deren Dramaturgie in der Bibel seit vielen Jahrhunderten geschrieben steht.

6. Berühmte Heilige treffen sich

Estrella de la torre de María. © Canaan
Estrella de la torre de María. © Canaan

Nach dem Konzept von Gaudí soll die Basilika, wie Angela Serratore schreibt, insgesamt 18 Türme besitzen: zwölf für die Apostel, vier für die Evangelisten, einen für die Jungfrau Maria und den höchsten von allen für Jesus Christus. Ein Turm ist Maria gewidmet. Der Maria-Turm ist 125 Meter hoch und wurde im Jahr 2021 fertiggestellt. Die Türme symbolisieren markante Persönlichkeiten der biblischen Geschichte. Wie sich die „schneckenlini“ - die Spirale - in der Geometrie von Dürer in die dritte Dimension erhebt, überragen die Türme der Basilika herausgewachsen aus dem Urmeer die höchsten irdischen Bäume. In dem Wikipedia-Porträt von Gaudí findet sich zur architektonischen Meisterschaft und zum genialen Raumempfinden des katalanischen Meisters der erhellende Satz: „Seinen virtuosen Umgang mit dreidimensionalen Körpern führte Gaudi auf seine familiäre Herkunft als Sohn eines Kesselschmieds zurück. Dies ermögliche ihm, den Raum zu fühlen und zu sehen.“

7. Orte des Glaubens vereint, wenn Papst Leo den Jesus-Christus-Turm segnet

Das rötliche Antlitz der Kirche St. Trinitatis in Leipzig erzählt von einem vulkanischen Ursprung. Das gelbe Kleid der Basilika in Barcelona trägt eine maritime Herkunft in sich. Beide Orte in Sachsen und in Katalonien werden im Glauben vereint sein, wenn Papst Leo am 10. Juni 2026 die Messe für Antoni Gaudi leitet und den Jesus-Christus-Turm segnet. Auch wenn ich keiner Kirche angehöre, werde ich die Reise des Papstes mit Spannung verfolgen. Er besucht Spanien vom 6. bis 12. Juni unter dem Leitgedanken, den Fokus auf „das Schicksal von Migranten“ zu legen.

Literatur und Links zum Thema:

 

Wikipedia-Porträt zu Antoni Gaudí: https://de.wikipedia.org/wiki/Antoni_Gaud%C3%AD

 

Wikipedia-Artikel zur Sagrada Familia: https://de.wikipedia.org/wiki/Sagrada_Fam%C3%ADlia

 

Serratore, Angela: Exklusive Drohnenaufnahmen vom Moment, als die Sagrada Família zur höchsten Kirche der Welt wurde. 12. März 2026. Vgl. den Link: Vgl. den Link: https://nationalgeographic.de/geschichte-und-kultur/2026/03/exklusive-drohnenaufnahmen-vom-moment-als-die-sagrada-familia-zur-hoechsten-kirche-der-welt-wurde/

Vaticannews. Spanien: Segnung und Einweihung des Jesus-Christus-Turms. Vgl. den Link: https://www.vaticannews.va/de/welt/news/2026-05/spanien-segnung-und-einweihung-jesus-christus-turm.html#:~:text=Der%20Jesus%2DChristus%2DTurm%20der,2026%20offiziell%20gesegnet%20und%20eingeweiht.



Danksagung

Der Autor dankt den Leipzigerinnen Ursula Brekle und Daniela Jedlicka, dass ihre wunderbaren Fotografien von Reisen nach Barcelona seinen Artikel begleiten dürfen.



29. Mai 2026

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