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Auf der Suche nach Fips

Eine liebevoll illustrierte Vorlesegeschichte in mehreren Kapiteln für Kinder ab 5

Fips ist verschwunden. Wo kann ein kleiner Mäusejunge wohl verlorengegangen sein. Seine Freunde machen sich auf die Such nach ihm und erleben dabei eine Menge Abenteuer.

Bekenntnis zu Adolf Hitler -  Heidegger kam nach Leipzig in die Alberthalle

Bekenntnis zu Adolf Hitler - Heidegger kam nach Leipzig in die Alberthalle

Dr. Konrad Lindner

Der neue Rektor der Universität Freiburg gedachte, die neue Erziehung zu entwerfen, die die gesamte künftige Elite der Nation ausbilden sollte, und sein Volk durch eine erneuerte kraftvolle öffentliche Sprache aufzuklären.“ (Guillaume Payen über Martin Heidegger. 10; S. 319.)

1. Mit Horst-Wessel-Lied ins Amt eingeführt

Cover der Heidegger-Biographie. (1)
Cover der Heidegger-Biographie. (1)

Er gilt als einer der wichtigsten Philosophen des 20. Jahrhunderts, auch wenn in seiner Biografie begriffliches Vermögen und politisches Versagen, denkerische Höchstleistungen und menschliche Untiefen, Aufstieg und Abgrund auf das Engste miteinander verwoben sind. Das politische Engagement des Meisters aus Meßkirch bei der Etablierung des NS-Regimes in Deutschland ist in der Heidegger-Biografie, die im Jahr 2022 im Verlag wgb Theiss in Darmstadt erschienen ist, Grund für den Hinweis: „Ein Porträt aus Licht und Schatten.“ Der Philosoph und Historiker Guillaume Payen von der Sorbonne in Paris arbeitete ein Jahrzehnt lang an dem Lebensbild Heideggers, der am 26. September 1889 in Meßkirch das Licht der Welt erblickt hat und am 26. Mai 1976 in Freiburg im Breisgau gestorben ist. In der Biografie mit einem Umfang von 700 Seiten hat der Autor der Zeit von 1933 bis 1945 nicht weniger als 150 Seiten vorbehalten. Auf die beiden frühen Lebensabschnitte beziehen sich die Buchteile „Ein katholisches Schicksal (1889 – 1918)“ und „Ein revolutionärer Philosoph (1919 – 1933)“, worauf die zentrale philosophische und politische Untersuchung mit der Frage folgt: „Der Nationalsozialismus – Deutschlands Schicksal? (1933 – 1945)“.

Gleich im Kapitel 7 zu Beginn des dritten Buchteils wendet sich Payen der Thematik zu, die im Badischen in Freiburg spielt: „Die Rektoratsrede oder: Selbstporträt des Philosophen als Führer“. In diesem Kapitel wird weder beschönigt noch kleingeredet, sondern nüchtern und erhellend beschrieben, dass der Starphilosoph der Weimarer Republik nach dem Machtantritt Adolf Hitlers vom 30. Januar 1933 eine steile Karriere durchlief: Am 21. April 1933 wurde er zum Rektor der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg gewählt, am 01. Mai 1933 trat er demonstrativ in die NSDAP ein und am 27. Mai 1933 wurde er „im roten Samt“ mit einer großen Zeremonie und einer Rede voller Kampfrhetorik in das Amt des Rektors eingeführt. Dazu erklang in der Aula der Universität das Horst-Wessel-Lied mit den Zeilen: „Die Fahnen hoch! / Die Reihen fest geschlossen / SA marschiert / mit mutig festem Schritt / Kam'raden, die Rotfront und Reaktion / erschossen, / Marschier'n im Geist / In unser'n Reihen mit ...“. (3; S. 310.) Seine Zuhörerschaft und vor allem die Studenten rief Heidegger zur Dreieinigkeit von Arbeits-, Wehr- und Wissensdienst auf, wovon fortan die jüdischen Studenten ausgegrenzt wurden. (10; S. 334/335.) Heideggers Rede wurde nicht nur gelobt, sondern auch gedruckt und vom Verfasser an Freund und Feind verschickt. Payen schildert, dass der Philosoph im neuen Amt keinen Geringeren als Platon für „seinen militärisch-intellektuellen Fanfarenzug“ dienstverpflichtet habe, indem er aus dessen Werk „Politeia“ in eigener Übersetzung zum Schluss der Rede das Zitat ertönen ließ: „Alles Große steht im Sturm“. (7; S. 19. 3; S. 313.) Jeder konnte sich aussuchen, ob die Bäume im Sturm oder die Stürmer beim Fußballspiel oder die Sturmabteilungen auf den Straßen gemeint waren. Trotz der nationalsozialistischen Entscheidung betont der französische Biograf, dass er Heidegger nicht zu kritisieren versucht, sondern ein anderes Ziel vor Augen hat. Payen schreibt: „Was ich wollte, ist dies: ein Leben nachzeichnen, eine Zeit verstehen.“ (10; S. 15.)

2. „Umwälzung unseres deutschen Daseins“ beschworen

Beim Nachzeichnen von Zeit und Leben zeigt sich, dass Heidegger sein Wissen und Können auch in Sachsen in den Dienst der völkischen Revolution und der neuen Regierung zu stellen begann. In der Biografie ist zu erfahren, dass der Freiburger Rektor am 11. November 1933 bei „der Treue-Erklärung der deutschen Hochschullehrer gegenüber Adolf Hitler“ eine große Rolle spielte. (10; S. 318.) Bei dieser Erklärung handelt es sich zum einen um eine Broschüre mit etwa 900 Unterschriften von Wissenschaftlern der deutschen Universitäten und Hochschulen, die unter dem Titel „Bekenntnis der Professoren an den Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und dem nationalsozialistischen Staat“ vom Nationalsozialistischen Lehrerbund Deutschland-Sachsen herausgegeben wurde und gleich 1934 in Dresden in Deutsch, Englisch, Italienisch, Französisch und Spanisch erschienen ist. (3; S. 655.)

Kundgebung in der Alberthalle  11.11.1933. (2)
Kundgebung in der Alberthalle 11.11.1933. (2)

Das eigentliche Ereignis war jedoch eine mit Fahnen bestückte Kundgebung, zu der von dem NS-Lehrerbund Sachsen in die Alberthalle nach Leipzig eingeladen worden war. In dem Kapitel „Ein König der Lüfte versucht, im Gleichschritt zu marschieren“ berichtet Payen über die Leipziger Fortsetzung der Freiburger Rektoratsrede: „Auch Heideggers Rede in Leipzig Anfang November war in ähnlicher Weise von seiner Philosophie geprägt. Am 11. des Monats rief er die Deutschen zur massiven Zustimmung zu dem von Hitler beschlossenen Austritt aus dem Völkerbund auf sowie zur Einheitsliste für die Wahlen zum Reichstag.“ (10; S. 359.) Heidegger erklärte, dass die Entscheidung dafür, dem Führer zu folgen, eine Tat der Freiheit sei: „Das deutsche Volk ist vom Führer zur Wahl gerufen; der Führer aber erbittet nichts vom Volke, er gibt vielmehr dem Volke die unmittelbare Möglichkeit der höchsten freien Entscheidung, ob das ganze Volk sein eigenes Dasein will, oder ob es dieses nicht will.“ (10; S. 359.) Die Kundgebung in der Vergnügungshalle war in erster Linie an das Ausland gerichtet. Das kam in dem Papier „Ein Ruf an die Gebildeten der Welt“ zum Ausdruck und auch darin, dass nicht zuletzt die „New York Times“ vom 12. November 1933 über die Veranstaltung in Leipzig berichtet hat. (6; S. 183.) Den Initiatoren ging es darum, den friedfertigen Schein zu wahren und das „Ringen des durch Adolf Hitler geeinten deutschen Volkes um Freiheit, Ehre, Recht und Frieden“ hervorzukehren. (2; S. 5.) Angeblich sollte nur die Benachteiligung und die Demütigung von Deutschland im Verbund der Völker beendet werden. Das hatte zur Folge, dass unter den Unterzeichnern auch die Namen von Gegnern Hitlers zu finden sind, wie der des Leipziger Philosophen Theodor Litt. Wobei es bei dem streitbaren Pädagogen begründete Zweifel gibt, dass er wirklich unterschrieben hat. (3) Wie machtvoll der NS-Geist in Sachsen Einzug gehalten hatte, kommt jedoch schon darin zum Vorschein, dass allein das Pädagogische Institut Leipzig in dem Bekenntnis zu Hitler mit 58 Unterzeichnern hervortrat und das Pädagogische Institut der Technischen Hochschule Dresden mit 29 Personen. Dresden war beim Hochschullehrertag besonders stark vertreten, denn allein die Mathematisch-Naturwissenschaftliche Abteilung der Technischen Hochschule bekannte sich mit 37 Wissenschaftlern zu Hitler und zum NS-Staat. (2; S. 130 – 134.) Nicht nur Professoren unterzeichneten, sondern auch Studentenführer und ebenfalls aufstrebende Privatdozenten, wie der Philosoph Hans-Georg Gadamer aus Marburg. Gegenüber seinem kanadischen Biografen redete sich Gadamer im Alter mit dem schwachen Argument raus, dass er nicht mehr wisse, wie sein Name auf die Liste gelangt sei. (2; S. 185.) Der Freiburger Rektor gehörte in Leipzig zu denen, die dazu auserwählt waren, das Wort zu ergreifen. Heidegger saß in einem vielköpfigen Präsidium vorn im Saal. Er wollte als ein „neuer Platon“ in Erscheinung treten, wie Payen formuliert. (10; S. 319.) Der Philosoph wirkte als geistig-politischer Aktivist bei der nationalsozialistischen Neuordnung der Gesellschaft mit. Er wirkte in der Sphäre der Wissenschaft und der Erziehung in der Pose eines Anführers, dem eine wichtige geistige Mission zukommt. In seiner Biografie macht Payen sichtbar, dass dem Philosophen daran lag, das Vokabular seines Hauptwerkes „Sein und Zeit“ (1927) mit der zentralen Kategorie des „Daseins“ in die völkische Bewegung und die Machtergreifung Hitlers hineinzuprojizieren. Am 11. November 1933 erklärte Heidegger mit einem Pathos, der in der Rückschau das Gruseln lehrt: „Die nationalsozialistische Revolution ist nicht bloß die Übernahme einer vorhandenen Macht im Staate durch eine andere dazu hinreichend angewachsene Partei, sondern diese Revolution bringt die völlige Umwälzung unseres deutschen Daseins.“ (10; S. 319.)

3. Kampf, Kampf und nochmals Kampf

Heidegger hat im Frühjahr 1933 in Freiburg mit der Fiktion vom Kampf auf den Begriff gebracht, was ich an der Sektion der Marxistisch-leninistischen Philosophie erlebte, als im Herbst 1973 eine Parteikommission die Sektion durchleuchtete. Wochenlang wurden wir – Studenten wie Professoren - geprüft, belehrt und auf die Bereitschaft zum Klassenkampf eingeschworen. Die Peitsche der Parteidisziplin ähnelte dem, was Heidegger 1933 als Rektor verkündete: „Alle willentlichen und denkerischen Vermögen, alle Kräfte des Herzens und alle Fähigkeiten des Leibes müssen durch Kampf entfaltet, im Kampf gesteigert und als Kampf bewahrt bleiben.“ (7; S. 18.) In der völkischen Revolution verhielt es sich mit dem Kult des „Kampfes“ erstaunlich ähnlich wie in der realsozialistischen „Umwälzung“ des gesellschaftlichen „Daseins“. Nicht zufällig trägt die Biografie Hitlers den Titel „Mein Kampf“. Sein Buch erhielt, woran Payen erinnert, nach der Machtergreifung „jedes frisch verheiratete Paar“ als „Ersatz für die Bibel“. (10; S. 328.) Nicht zuletzt für den „Kampf“ an der arischen Gebärfront. Bis in die Gegenwart ist es notwendig, in Hitlers Bibel reinzuschauen. Payen tut dies und bringt eine politische Konstante zum Vorschein, in der sich Hitler, Heidegger und weite Teile der deutschen Bevölkerung im Verlauf des Jahres 1933 einig waren: Die Ablehnung von Parlamentarismus und Rechtsstaat. In „Mein Kampf“ brandmarkt Hitler die Weimarer Republik als einen geschichtlichen Unfall. Doch von ihm wird das Kind mit dem Bade ausgeschüttet, indem er einfach nur von „der heutigen parlamentarischen Korruption“ spricht, die es abzuschaffen gelte. In Alternative zu den Parteien der Weimarer Republik bescheinigt Hitler der NSDAP den großen geistig-politischen Vorzug, dass sie „sich immer mehr auf das tiefste Wesen ihres Kampfes besinnt“ und sich „als reine Verkörperung von Rasse und Person … fühlt und demgemäß ordnet“, wodurch sie nicht scheitern, sondern „auf Grund einer fast mathematischen (Hervorhebung vom Autor, GP) Gesetzmäßigkeit dereinst in ihrem Kampfe den Sieg davontragen“ werde. (10; S. 328.) Hitler konstruiert keine historische Mission der Arbeiterklasse. Aber auch er ist ein wackerer Verfechter des Szientismus, der durch Pseudowissenschaft eine historische Mission der Deutschen an die Wand malt, um seine Partei als die Vollstreckerin dieser Mission zu adeln.

4. Sich dem Krieg gegen Rechtsstaatlichkeit gewidmet

 Hannah Arendt 1975. (3)
Hannah Arendt 1975. (3)

Bei der Lektüre der Kampfreden, die Heidegger im Verlauf des Jahres 1933 verfasst hat, sticht eine geistige Haltung ins Auge, die mich an Erich Honecker denken lässt. Der gestandene Hitler-Gegner verkündete im Sommer 1989 wenige Wochen vor seinem politischen Sturz frei nach August Bebel den Satz: „Den Sozialismus in seinem Lauf halten weder Ochs noch Esel auf.“ Das Beschwören einer „mathematischen Gesetzmäßigkeit“ der Geschichte war nicht nur ein Markenzeichen des Denkens von Hitler in dem Buch „Mein Kampf“, sondern auch des realsozialistischen Denkens mit dem Glauben an den „gesetzmäßigen“ Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus. Dieses Verfahren wird von Heideggers jüdischer Meisterschülerin Hannah Arendt als „Szientismus“ beschrieben, in dem „die Wissenschaft zum Götzen geworden ist“. (1; S. 553.) Die Denkerin aus New York, die wir während des Studiums des „Wissenschaftlichen Sozialismus“ in Leipzig von 1970 bis 1974 weder lasen noch kannten, führt in ihrem Bestseller über „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ (1955) aus, dass nicht nur der NS-Geist, sondern auch der Marxismus-Leninismus zu den Kultformen pseudowissenschaftlicher Ausrichtung gehört, die sich als höchst einfallsreich beim Erschaffen von Kampfmythen erwiesen haben. Der harte politische Kern des Kults der Tat und des Kampfes ist im NS-Staat wie im SED-Staat der Angriff gegen die rechtsstaatlich verfasste Demokratie und gegen die Autonomie der Person. In ihrem Willen zu einer Demontage der Parteiendemokratie, um Raum für den Kult des Kampfes zu schaffen, waren nicht nur Heidegger und Hitler einen Sinnes, sondern beide waren in ihrem putschistischen Streben im Jahr 1933 unter der Hand auch erstaunlich gelehrige Schüler des Revolutionsführers Wladimir Iljitsch Lenin. Kurz vor der Oktoberrevolution hat Lenin in seinem Essay „Staat und Revolution“ (1917) detailliert ausgeführt, dass er weder etwas von der bürgerlichen Revolution noch viel von starken Parlamenten und auch nichts von Rechtsstaatlichkeit hält. Lenin dachte „völkisch“, als er klagte: „In den Parlamenten wird nur geschwatzt, speziell zu dem Zweck, das 'niedere Volk' hinters Licht zu führen.“ (8; S. 509.) Er war einer der Väter des Kults und der Techniken des Kampfes zur Abschaffung von demokratischen Vertretungskörperschaften. Bei dem Krieg gegen rechtsstaatliche Institutionen handelt es sich um eine Extremform politischer Destruktion, welcher sich Heidegger 1933 wortgewaltig anschloss, obwohl er „bolschewistische“ Ideen reproduzierte.

5. In Leipzig ans Rednerpult getreten

Der Philosoph Heidegger sah sich 1933 in einer höheren Mission. Anlässlich seines Parteieintritts schrieb Heidegger im Frühjahr an Eugen Fehrle vom badischen Kultusministerium: „Ich danke Ihnen herzlichst für die Begrüßung zu meinem Eintritt in die Partei. Wir müssen alles daran setzen, um die Welt der Gebildeten und Gelehrten für den neuen nationalpolitischen Geist zu erobern. Das wird kein leichter Waffengang werden.“ (10; S. 327.) Ob Rektoratsrede vom 27. Mai 1933 in Freiburg, ob Rede vom 11. November 1933 in Leipzig; Heidegger wähnte sich im Kampf, im Waffengang, im Sturmgefecht für das neue System. Als er auf Einladung des Lehrerbundes aus Dresden nun auch Sachsen zum Kampfplatz machen durfte und sollte, sah er sich in der besonderen Mission, die Gebildeten und Gelehrten für den nationalsozialistischen Geist zu gewinnen. Seinen Plan zur völkischen Missionierung der Hochschullehrer redete sich Heidegger voller Selbstgewissheit als „Bewahrung des Wissenwollens unseres Volkes“ schön. (10; S. 318.)

6. Heisenberg kam nicht in die Alberthalle

(4) Werner Heisenberg (1901-1976).
(4) Werner Heisenberg (1901-1976).

Um den 09. November 1933 herum wurde bekannt, dass der Physiker Werner Heisenberg wegen seiner Verdienste um die Quantenmechanik des Atoms den Nobelpreis der Physik erhält. Der Theoriestar von der Universität Leipzig sollte den Preis für das Jahr 1932 im Dezember 1933 in Stockholm in Empfang nehmen. Die Ortsgruppe der nationalsozialistischen Studenten sah sich durch die Erfolgsmeldung veranlasst, an den frisch gebackenen Nobelpreisträger in der Linnéstraße 5 mit einer Bitte heranzutreten. Der Partei lag daran, dass der führende Kopf der Leipziger Schule der Quantenmechanik, zu der junge Forscher aus aller Welt gehörten, an der bevorstehenden Kundgebung teilnimmt. Der international geschätzte Naturforscher sollte bei der „Wahlkundgebung“ - wie sich eine seiner Studentinnen 1946 erinnerte - als Werbeikone für die neue Ordnung in Deutschland eingesetzt werden. (4; S. 399.) Heisenbergs Leipziger Kollege Friedrich Hund erzählte im Juni 1991 im Alter von 95 Jahren von seinem Erleben der Kundgebung: „Das war in Leipzig in der Alberthalle. Ich ging hin. Das war am 11. November 1933. Heisenberg lehnte es ab, daran teilzunehmen. Das war eine sehr merkwürdige Veranstaltung. Da saßen ein paar Männchen vorn. Es wurde eine Zustimmungserklärung für Adolf Hitler erwartet. Wir hörten uns das auf den Hinterbänken an. Das war eine groß aufgemachte Geschichte.“ (9; S. 158.) Friedrich Hund hat nicht unterzeichnet; aber gut beobachtet: Der große Heidegger war als Freiburger Rektor in der Alberthalle nicht mehr als eines der „paar Männchen“, die vorn auf dem Podium hockten und den Riesenraum des beliebten Filmpalasts vor Augen hatten.

7. Nicht nur Schatten, sondern auch Licht

Schatten entsteht immer dort, wo es auch Licht gibt. Im Lebenswerk Heideggers steckt geistige Leuchtkraft beim Ausloten der Frage, was den Menschen zum Menschen und das Sein des Seienden zum Dasein macht. Wer wenigstens eine seiner zahllosen Vorlesungen liest, egal ob über Heraklit, Platon, Aristoteles, Kant, Hölderlin, Schelling oder Nietzsche oder über den Ursprung des Kunstwerkes oder zur Frage „Was heißt Denken?“, der fühlt sich nach einiger Anstrengung bereichert. Payen rühmt den Willen Heideggers, den Zuhörern „Wesentliches zu vermitteln“ und schreibt, „dass jede seiner Vorlesungen ein Ereignis war, getragen von der Redegabe eines Lehrenden, den ein philosophischer Geist beflügelte“. (10; S. 178.) Der französische Philosoph erwähnt auch Gadamers Erinnerung, der im Sommersemester 1923 in Freiburg sämtliche Lehrveranstaltungen Heideggers besuchte. (2; S. 117.)

Mein Weg zu Heidegger begann angeregt durch die Konferenz „Werner Heisenberg als Physiker und Philosoph in Leipzig“ vom Dezember 1991. Ich suchte Ende Januar 1992 als ein auf zwei Jahre befristeter Angestellter des Philosophischen Instituts der Leipziger Universität Hans-Georg Gadamer in Heidelberg auf. Im Auftrag von Sachsen Radio kam ich mit einem Mikrophon. Dem fast 92-jährigen Gelehrten stellte ich die Frage, worin er das Revolutionäre des Verfassers von „Sein und Zeit“ erblicke. Der einstige Leipziger Professor der Philosophie und Nachkriegsrektor von 1946/47 erzählte über die Jahre der Geburt dieses Meisterwerkes in Freiburg: „Wenn Martin Heidegger über philosophische Dinge redete, sah man die Dinge vor Augen. Bei anderen konnte man nur die Augen zumachen. Da musste man reflektieren und argumentieren. Dort sah man es. Es war so, als ob die Dinge nicht auf eine Leinwand projiziert würden, sondern als ob man die Dinge von allen Seiten sieht, so dass sie sozusagen die Lebensdimension des Dreidimensionalen erhielten.“ (5)

 

8. St. Martin gespachtelt

Glockenturm St. Martin. © Konrad Lindner. (5)
Glockenturm St. Martin. © Konrad Lindner. (5)

Der älteste Sohn des Mesners von St. Martin in Meßkirch hat seinen Vornamen nicht nur nach dem Großvater, sondern auch nach der symbolträchtigen katholischen Kirche erhalten. (10; S. 40.) In der Jugendzeit läutete Martin Heidegger häufig ihre Glocken und im Turmzimmer stöberte er in den Büchern der verstaubten Bibliothek herum. Dazu kann ich etwas ergänzen: Das Bild „Glockenturm von St. Martin“ vom 28. Januar 2025. 70 cm x 50 cm. Gespachtelt in Acryl.

 

 

20. Mai 2026

 

Bildnachweis

(1) Cover der Heidegger-Biographie

Für die Erlaubnis zur Verwendung des Covers des Heidegger-Buches von Guillaume Payen danke ich Claudia Rehm vom Herder-Verlag in München.(Konrad Lindner).

(2) Kundgebung in der Alberthalle 11.1.1933.

     Wikipedia- gemeinfrei.

(3) Hannah Arendt 1975. Wikipedia gemeinfrei.

(4) Werner Heisenberg. Bundesarchiv Bild 183-R57262

(5) Glockenturm St. Martin. © Konrad Lindner.

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