„Mit der Liebe wachsen die Flügel der Seele, wie Platon im Phaidros sagt.“ (Werner Heisenberg in dunkler Zeit 1942/43. 05; S. 156.)
Im Alter von 23 Jahren fand er im Jahr 1925 die gültige Gestalt der Quantenmechanik, mit der das Linienspektrum des Wasserstoffatoms berechnet werden kann. Die Rede ist von dem Physiker Werner Heisenberg. In der Familie eines Gymnasiallehrers für alte Sprachen erblickte er am 05. Dezember 1901 in Würzburg das Licht der Welt. Am 01. Februar 1976 starb Heisenberg im Alter von 74 Jahren in seinem Münchener Heim an einem Krebsleiden. (01; S. 19; S. 662.) Als Student von Arnold Sommerfeld (1868 – 1951) in München erarbeitete sich Heisenberg den Ruf eines jugendlichen Genies. Der Durchbruch zur neuen Physik des Atoms gelang ihm jedoch nicht als Außenseiter, sondern als Anführer einer ganzen Gruppe von Rebellen der Wissenschaft. Im brieflichen Austausch mit tüchtigen Vertrauten – vornweg Wolfgang Pauli (1900 – 1958) – ging es zu Beginn der zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts Schlag auf Schlag. Heisenberg fand nicht schon Ende Mai und Anfang Juni 1925 auf Helgoland, aber doch bis zum September 1925 die gesuchte Mechanik, mit der sich die Bewegung und das Verhalten der Elektronen in der Atomhülle berechnen lassen. (07; S. 239/240.) Sein Artikel in der Zeitschrift für Physik hat den Titel Umdeutung kinematischer und mechanischer Beziehungen. In der Mechanik der Quanten ist ein Elektron anders als die Erde auf ihrer Bahn um die Sonne nicht als Punkt idealisiert, sondern nur als ein möglicher Ort, nur als eine Wahrscheinlichkeit des Aufenthalts an ihm. Das eine Elektron im Atom des Wasserstoffs ist dadurch aber kein Eines, sondern ein Vieles und eben eine ganze Wolke von Möglichkeiten des Aufenthalts. Für den Durchbruch des jungen Mannes aus München ins Neuland der neuen Mechanik hatten Forscher wie Max Planck (1858 – 1947), Albert Einstein (1879 – 1955) und Niels Bohr (1885 – 1962) die entscheidenden Grundlagen geschaffen. Mit ihnen allen kam Heisenberg bereits als junger Bursche in Austausch. Es war daher kein Wunder, dass er im Herbst 1927 im Alter von nur 25 Jahren dem Ruf auf die Professur für theoretische Physik der Universität Leipzig folgen durfte.
Der Professorensohn aus München war immer noch ein sehr jugendlicher Leipziger Professor als er im Dezember 1933 in Stockholm den Nobelpreis der Physik des Jahres 1932 in Empfang nahm. Er wurde mit der Nobel-Medaille „für die Erschaffung Quantenmechanik“ sowie für „deren Anwendung“ geehrt. (01; S. 400.) Doch der Erforscher der Quantenwelt war nicht nur ein tüchtiger Physiker und Mathematiker, sondern er war auch ein Philosoph mit Tiefgang. Seit seiner Zeit als Gymnasiast in München rang Heisenberg darum, seine „Privatphilosophie“ nicht im Zustand der Unordnung zu belassen. Parallel zu seiner theoretischen Arbeit zur Erforschung der Atome kümmerte sich der junge Heisenberg auch gezielt darum, eine alltagssprachliche Deutung der neuen Physik zu finden. Ihm lag daran, sowohl durch privates Nachdenken als auch durch öffentliche Vorträge zu einer der Quantenrevolution in der Physik und Chemie adäquaten Weise des Verstehens von Wissen, Wahrheit, Wirklichkeit und Welt beizutragen. Heisenberg ging dabei wieder und wieder auf die Anfänge der Wissenschaft bei den alten Griechen zurück, um das Eine und das Alles, das Allerkleinste und das Allergrößte oder auch das Ich und den Kosmos begrifflich zu vereinen. Aus Anlass seines 50. Todestages möchte ich zeigen, dass das Philosophieren bei diesem Naturforscher nicht nur eine Tugend des Alters, sondern bereits eine Passion des noch jungen Heisenberg war. Also des Heisenbergs, der nach der Erzählung von Friedrich Hund (1896 – 1997) im Juni 1922 bei den Bohr-Festspielen in Göttingen immer noch wie ein „Schulbub“ aussah.
Im Jahr 1969 schrieb Heisenberg im Alter vom 67 Jahren in seinem Erinnerungsbuch Der Teil und das Ganze, dass „Wissenschaft im Gespräch“ entsteht. (04; S. 07.) Damit ist vor allem das Gespräch mit Physikern gemeint. Aber Heisenberg dachte bei seiner Rede über den Rang des Gesprächs auch an den Dialog mit der Tradition und mit den Großen der Philosophie; darunter mit dem antiken Denker Platon (428/427 v. Chr. - 348/347 v. Chr.), dem Schüler des Sokrates (469 v. Chr. - 399 v. Chr.), mit dem Königsberger Philosophen Immanuel Kant (1724 – 1804) sowie mit Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770 - 1831), der im Jahr 1812 seine Wissenschaft der Logik zu veröffentlichen begann. Vor allem der Dialog mit Platon war für Heisenberg ein Lebensgespräch. Wie Elisabeth Heisenberg (1914 – 1998) im November 1991 im Interview im Seniorenstift zu Göttingen erzählte, war das Arbeitszimmer ihres Mannes in der vielköpfigen Familie Heisenberg ein heiliger Ort. In seinem Raum des Rückzugs wurde er nicht gestört. In seinem Arbeitszimmer schlug er bis ins Alter immer wieder auch Bücher von Philosophen auf. Mit der Lektüre von Platons Dialog Timaios begann er bereits als Gymnasiast im Alter von 17 Jahren auf dem Dach des Priesterseminars in München. Der Timaios gehört zu den späten Dialogen Platons. Es ist der einzige Dialog, den Platon der Kosmologie und Naturphilosophie gewidmet hat; die Fachleute haben ihn um das Jahr 357 angesetzt. (06; S. 40.) Die Teilnehmer des Dialogs sind Sokrates, Timaios und Hermokrates. Es kann sein, dass Timaios eine fiktive Figur ist. (06; S. 41.) In seinem Dialog entfaltet Platon die Kosmologie so detailliert, dass sie, wie Franz von Kutschera schreibt, als „ein Gebiet intensiven und offensichtlich schon lange bestehenden Interesses Platons deutlich wird, von dem in den früheren Dialogen kaum etwas zu spüren war“. (06; S. 42.) In dem Dialog stolperte Heisenberg nicht schon über die Charakteristik des Kosmos als Abbild des idealen Lebewesens und auch nicht über die Erschaffung der Weltseele, die auch „viele dunkle Stellen“ enthält. (06; S. 53.) Heisenberg blieb bei einer späteren Passage kleben, in der Timaios über das Allerkleinste berichtet. Dabei handelt es sich um den großen Abschnitt „2.3.3. Die vier Grundstoffe“. (08; 53 d – 55 c.) In dem Textstück führt Timaios die Gestalt der Atome der Elemente auf Dreiecke zurück. Über seine erste Lektüre dieser Passage als Gymnasiast in München berichtet Heisenberg: „Vielleicht hat mich die Stelle zunächst nur deswegen gefesselt, weil sie schwer zu übersetzen oder weil sie von mathematischen Dingen handelte, die mich schon immer interessiert hatten.“ Heisenberg erzählt weiter: „Aber was ich dort las, kam mir völlig absurd vor. Da wurde behauptet, daß die kleinsten Teile der Materie aus rechtwinkligen Dreiecken gebildet seien, die, nachdem sie paarweise zu gleichseitigen Dreiecken oder Quadraten zusammengetreten waren, sich zu den regulären Körpern der Stereometrie Würfel, Tetraeder, Oktaeder und Ikosaeder zusammenfügten. Diese vier Körper seien dann die Grundeinheiten der vier Elemente Erde, Feuer, Luft und Wasser.“ (04; S. 17.) Im Alter von 67 Jahren erinnerte sich Heisenberg noch lebhaft an die Distanz gegenüber der Passage über die Dreiecke in der Konstitution des Wirklichen: „Aber es beunruhigte mich sehr, daß ein Philosoph, der so kritisch und scharf denken konnte wie Plato, doch auf derartige Spekulationen verfallen war.“ (04; S. 17.) Der Gymnasiast hatte Recht damit, dass es in der Natur weder einen Punkt noch eine Gerade und auch kein rechtwinkliges Dreieck gibt. Nur musste er dahinter kommen, dass Platon das gar nicht anders sieht und weiß, dass Idealisierungen nicht über den Wolken schweben, sondern in den Köpfen der Menschen stecken und geistiger Ausdruck ihrer Kultur sind. Trotz der anfänglichen Skepsis regte sich bei dem Gymnasiasten in München bereits im Frühjahr 1919 das Gefühl der Stichhaltigkeit der Argumentation Platons. Über den Grund berichtet Heisenberg im Alter: „Dabei ging für mich von der Vorstellung, daß man bei den kleinsten Teilen der Materie schließlich auf mathematische Formen stoßen sollte, eine gewisse Faszination aus.“ (04; S. 17.) Heisenberg war bereits vor dem Beginn des Studiums der Physik von Platon fasziniert, weil er keine Atome mit Haken und Ösen postulierte. Der antike Denker fasste die Atome anders als Demokrit nicht als Klümpchen auf. In der Natur gibt es durchaus die Elemente Feuer, Erde, Wasser und Luft. Aber weder für Platon noch für Heisenberg gibt es ohne Geometrie und ohne Mathematik Dreiecke, Polyeder und Atome. Nicht einmal einen Punkt gibt es in der Welt. Alle diese Idealisierungen wie Punkt, Linie und Fläche bis hin zur Kugel sind Erzeugnisse der Wissenschaft.
An dieser Stelle sollte ich ein Interview erwähnen, das ich im Vorfeld des 250. Geburtstages von Hegel geführt habe und in dem es auch um Platon geht. Am 13. Dezember 2019 sprach ich in der Sächsischen Akademie der Wissenschaften in Leipzig mit Pirmin Stekeler. Gerade war in Hamburg im Umfang von 1300 Seiten sein Dialogischer Kommentar zu Hegels Seinslogik erschienen. Im Verlauf unseres Gesprächs unterhielten wir uns auch über Heisenbergs Wertschätzung sowohl für Hegels Logik als auch für Platons Dialog Timaios. Über Platons Platz in der Geschichte der Wissenschaft sagte Pirmin Stekeler: „Die eigentliche Einsicht des großen Gründers der Wissenschaft Platon ist die, dass alles Wissen der Wissenschaft Formenwissen ist. Daher der Grund, warum man gern alles Wissen mathematisch darstellt, weil das sozusagen eine ausgezeichnete Formenwissenschaft ist. Aber sie ist nicht gut genug, weil wir ja Formen der Bewegung brauchen, Formen der Veränderung. Genau deswegen sind alle Sachwissenschaften Formen der Veränderung, Formen der Bewegung.“ Idee und Wirklichkeit, Mathematisches und Wirkliches, Geist und Welt fallen nicht zusammen. Wissen und Wirklichkeit werden erst durch Wissenschaft, durch Begriffe, durch das Erproben von Formenwissen identisch gemacht.
In dem Essay über die Schichten des Wirklichen spielt für Heisenberg der Dichter und Naturforscher Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832) eine zentrale Rolle. Im Hauptteil seines Textes greift Heisenberg „Die Goethe' schen Bereiche der Wirklichkeit“ aus den Nachträgen zur Farbenlehre (1810) auf und spricht sie aus der Sicht der Naturwissenschaften der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts systematisch durch. Im ersten Teil seines Essays behandelt Heisenberg zunächst allgemein Die verschiedenen Bereiche der Wirklichkeit und schreibt dann ausführlich über Die Sprache. Ihm liegt daran, die Wirklichkeit nicht zu zerstückeln, sondern „als ein Gewebe verschiedenartiger Zusammenhänge“ aufzufassen. (05; S. 37.) Im Abschnitt über die Sprache befasst sich Heisenberg mit der Begrifflichkeit unseres Sprechens in Wissenschaft und Alltag, um hervorzuheben: „Die Begriffe sind gewissermaßen die ausgezeichneten Punkte, an denen die verschiedenen Schichten der Wirklichkeit miteinander verflochten sind.“ (05; S. 39.) Offenbar ordnet Heisenberg den Begriffen mehr zu als nur Worten und Name, indem er ihr Vermögen aufzeigt, die Perspektive unseres Sehens und Fragens festzulegen. Besonders spannend wird es nun aber dadurch, dass er unsere Sprache noch weiter unter die Lupe nimmt. Er behandelt das Verhältnis von Sprache und Sachverhalt. Er schildert, dass sich die Sprache trotz der Mehrdeutigkeit und Unbestimmtheit der Begriffe dazu eignet, „Sachverhalte der Wirklichkeit oder Gedanken über solche Sachverhalte irgendwie 'darzustellen' oder 'abzubilden'. Heisenberg setzt das Verb abbilden in Anführungszeichen. Auch wenn er das tut, schmälert er nicht das Vermögen der Sprache, sondern versucht offenzulegen, dass Sachverhalte durch Sprache sehr wohl verarbeitet werden können. Heisenberg schreibt über das Zusammenkommen von Sprache und Sachverhalt: „Dabei kann die Abbildung von Sachverhalten in der Sprache in zwei verschiedenen Weisen erfolgen, die man etwa als 'statisch' und 'dynamisch' unterscheiden kann.“ (05; S. 40.) Als „das berühmteste Beispiel“ für die Verschärfung der Begriffe zu einer immer genaueren Abbildung zieht Heisenberg „die Newton' sche Mechanik“ heran. (05; S. 41.) Geradezu ernüchternd ist jedoch, dass Heisenberg die Verpunktung des Wirklichen durch die klassische Mechanik nicht nur als Leistung, sondern auch als Verlust beschreibt: „Diese vorhin als 'statisch' bezeichnete Darstellung eines Teiles der Wirklichkeit ist also unvermeidbar mit einem schwerwiegenden Verzicht verknüpft: dem Verzicht auf jenes unendlich vielfache Bezogensein der Worte und Begriffe, das uns erst das Gefühl erweckt, etwas von der wirklichen Fülle der Wirklichkeit verstanden zu haben.“ (05; S. 41.)
Nicht nur in der Dichtung, auch in der Wissenschaft liegt Heisenberg an der „Lebendigkeit des Wortes“. An seinen Gedankenfluss zur Lebendigkeit von Wort und Sprache, von Begriffen und Netzwerken aus Begriffen schließt Heisenberg den Hinweis zur Wissenschaft der Logik an, indem er kurz und knapp schreibt: „Die berühmteste systematische Fassung dieser 'dynamischen' Darstellung der Wirklichkeit ist die Hegel'sche Dialektik.“ (05; S. 42.) Am 13. Dezember 2019 hatte ich die Gelegenheit, Pirmin Stekeler danach zu fragen, warum Heisenberg so große Stücke auf Hegels Logik hält: Warum bezeichnet Heisenberg Hegels Dialektik als höchste Form einer dynamischen Darstellung der Wirklichkeit? Der Leipziger Logiker und Philosoph antwortete: „Das sind zunächst zwei verschiedene Ebenen. Wenn ich dynamisch denke, könnte ich verstehen, das Denken der Dynamik sei gemeint. Also das Denken der Bewegung. Da geht es um die Darstellung von Sachen. Das ist nicht der Fall, darum geht es Heisenberg nicht. Die Dialektik Hegels betrifft die Dynamik der Wissensentwicklung. Deswegen hat Heisenberg durchaus Recht, weil er nämlich sieht, dass die Folge der Veränderung der Theorien, die ja auch nichts Statisches sind, selber einer bestimmten Logik folgt. Am besten zu verstehen ist es so, dass man mit Hegel sieht, dass wir in jeder Wissenschaft die Gesetze und Wahrheiten wie legale Gesetze setzen müssen. Da stimmt Heisenberg mit Hegel überein; übrigens die ganze Kopenhagener Deutung der Quantenphysik, die wissenschaftstheoretisch dieser Betrachtung Hegels nahe steht. Und so wie es eine Entwicklung der Gesetze im Recht gibt, gibt es eine Entwicklung der Gesetze in der Naturwissenschaft und des von uns gesetzten Beschreibungsrahmens oder Erklärungsrahmens. Und jetzt ist es wichtig, dass es so wie in der Politik oder im Recht auch in der Wissenschaft ein Grundprinzip gibt. Das ist das am meisten dialektische aller Grundprinzipien, nämlich das Prinzip des konstruktiven Misstrauensvotums. Das Prinzip besagt: Ersetze ein Gesetz nur, wenn du ein besseres hast! Dieses allgemeine Prinzip hat Hegel als wichtigstes Prinzip der Vernunft in der Entwicklung der Wissenschaft erkannt.“ Die Unschärferelation von Heisenberg aus dem Jahr 1927 ist ein solches Gesetz, das im konstruktiven Misstrauensvotum der Wissenschaften bis heute sehr gut besteht. Auch Heisenbergs Unschärferelation ist eine Formbestimmung im Geiste Platons, zumal eine mathematische Formel. Sie misst sozusagen die minimale Differenz zwischen dem, was es physikalisch gibt, und dem, was die Formeln der Mathematiker in ihrer Idealität darstellen können. Nur wenige Naturwissenschaftler wissen wirklich um die geistige Dimension dieser Dinge, so dass es ganz falsch ist zu meinen, die Beobachtung verändere die Sache. Vielmehr lässt eine Fixierung auf Ortsbestimmung ihre Fixierung auf die Impulse vage werden und umgekehrt verschwimmt bei einer Fixierung auf Impulse die Ortsbestimmung. (11; S. 658.)
Im Verlauf des Jahres 1991 reiste ich halb als Philosoph – also mit Konzept – und halb als Reporter – also mit Mikrofon und Aufnahmegerät - nach Starnberg, um Carl Friedrich von Weizsäcker (1912 – 2007) (im Januar 1991) zu interviewen sowie nach Göttingen, um Friedrich Hund (im Juni 1991) und Elisabeth Heisenberg (im November 1991) zu befragen. Am 29. und 30. Januar 1992 war ich dann auch in Heidelberg bei Hans-Georg Gadamer (1900 – 2002). Am ersten Tag in Heidelberg haben wir im Philosophischen Seminar sowohl über Gadamers Studium in Marburg bei Martin Heidegger (1889 – 1976) als auch über seine Professur an der Universität Leipzig von 1938 bis 1947 gesprochen. Der Autor des Weltbestsellers Wahrheit und Methode (1960) erzählte lebhaft, genau und gern. Aber besondere Freude machte es ihm, dass wir uns am zweiten Tag in seinem Haus auf dem Büchsenackerhang über Heisenberg und Weizsäcker unterhalten konnten. Beide Physiker kannte Hans-Georg Gadamer aus der Zeit seiner Leipziger Professur sehr gut. Ich erfuhr, dass Heisenberg auch mit Gadamer nicht über sein Manuskript zu den Schichten des Wirklichen gesprochen hat. Dafür schilderte Hans-Georg Gadamer am 30. Januar 1992 in Heidelberg etwas, das ein markantes Licht auf die geistige Persönlichkeit seines Leipziger Kollegen wirft: „Heisenberg hatte ein großes Interesse an dem platonischen Timaios. Ich habe auch eine bekannte Studie über den platonischen Timaios verfasst, die ich ebenfalls einem theoretischen Physiker und zwar meinem Freunde Hans Jensen (1907 – 1973) - auch einem Nobelpreisträger in der Atomphysik - gewidmet habe. Das möchte ich doch noch betonen: Es ist nicht Goethe allein; es ist vor allem Platon! Heisenberg hatte Sinn für die platonische Vision des Kosmos und nicht nur für die demokritische Atomistik.“ Gadamers Erinnerung verdient Aufmerksamkeit. Immerhin meint Heisenbergs Biograf David Cassidy, dass sich in den Memoiren seines Helden die Darstellung der Lektüre von Platons Timaios auf das „retrospektive Selbstporträt“ des alten Heisenberg reduziere. (01; S. 69.) Das sehe ich etwas anders. Denn an der altsprachlichen Bildung Heisenbergs ist ebenso wenig zu zweifeln, wie an seiner jugendlichen Neugier für den Dialog Timaios, die er sich in Leipzig, Göttingen und München bewahrte.
Die erwähnten Gespräche mit Hans-Georg Gadamer (1992) und Pirmin Stekeler (2019) sind auf Spotify in dem Podcast Denker, die zu erzählen haben nachzuhören.
Vgl. den Link: https://open.spotify.com/show/3TVxM6a57HA1XK05ysQInM. Die Gespräche mit Elisabeth Heisenberg, mit Friedrich Hund und mit Carl Friedrich von Weizsäcker sind in dem Podcast Gang zur Freiheit mit Carl Friedrich von Weizsäcker öffentlich zugänglich. Vgl. den Link: https://open.spotify.com/show/54oWBTUxhuLN21lg1C7clf.
13. Januar 2026
Literatur:
(01)
Cassidy, David C.: Werner Heisenberg. Leben und Werk. Aus dem Amerikanischen von Andreas und Gisela Kleinert. Spektrum Akademischer Verlag Heidelberg – Berlin – Oxford 1995.
(02)
Gadamer, Hans-Georg: Idee und Wirklichkeit in Platos Timaios. Carl Winter Universitätsverlag, Heidelberg 1974.
(03)
Grondin, Jean: Hans-Georg Gadamer. Eine Biographie. J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) Tübingen 1999.
(04)
Heisenberg, Werner: Der Teil und das Ganze. Gespräch im Umkreis der Atomphysik. R. Piper & Co. KG, München 1973.
(05)
Heisenberg, Werner: Ordnung der Wirklichkeit. Mit einer Einführung von Helmut Rechenberg. R. Piper GmbH & Co. KG. München 1990.
(06)
Kutschera, Franz von: Platons Philosophie. III Die späten Dialoge. Mentis Verlag GmbH, Paderborn 2002.
(07)
Padova, Thomas: Quantenlicht. Das Jahrzehnt der Physik 1919 – 1929. Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG. München 2024.
(08)
Platon: Philebos – Timaios – Kritias. Griechisch und Deutsch. Sämtliche Werke VIII. Insel Verlag, Frankfurt am Main und Leipzig 1991.
(09)
Stekeler, Pirmin: Hegels Wissenschaft der Logik. Ein dialogischer Kommentar. Band 1: Die objektive Logik. Die Lehre vom Sein. Qualitative Kontraste, Mengen und Maße. Felix Meiner Verlag Hamburg 2020.
(10)
Stekeler, Pirmin: Hegels Wissenschaft der Logik. Ein dialogischer Kommentar. Band 2: Die objektive Logik. Die Lehre vom Wesen. Felix Meiner Verlag Hamburg 2020.
(11)
Stekeler, Pirmin: Hegels Wissenschaft der Logik. Ein dialogischer Kommentar. Band 3: Die subjektive Logik. Die Lehre vom Begriff. Urteil, Schluss und Erklärung. Felix Meiner Verlag Hamburg 2022.
Aquarelle:
Die begleitenden Aquarelle sind im Januar 2026 entstanden. Sie haben das Format 19 cm x 14, 5 cm. Die Bilder können nachgesehen werden bei Instagram in dem Account: Konrad Lindner (@farberlebnisse).
Dreiecke bilden die Welt.
Vgl. den Link: https://www.instagram.com/p/DTWFep9Dct2/
Kugelwolke.
Vgl. den Link: https://www.instagram.com/p/DTXUuUJjQAC/
Rot, Türkis, Blau, Violett.
Vgl. den Link: https://www.instagram.com/p/DTXS9ilDQER/
Wissenschaft entsteht im Gespräch.
Vgl. den Link: https://www.instagram.com/p/DTX6vDbiG-C/
Kleinstes Molekül.
Vgl. den Link: https://www.instagram.com/p/DTa9gQgjVBw/
Aufspaltung einer roten Linie in drei.
Vgl. den Link: https://www.instagram.com/p/DTc0_vlCM8j/
Bildnachweis
Werner Heisenberg: Bundesarchiv, Bild 183-R57262 / Autor/-in unbekannt / CC-BY-SA 3.0