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Florian Russi

Wir sind die Peene-Kapitäne

Das kleine Heft ist für die Kinder des Kindergarten "Peene-Kapitäne" in Berlin entstanden. Darin finden sich mehrere farbig illustrierte Geschichten, die nicht nur die Fantasie der Kinder anregen sollen, sondern v. a. auch Selbstbewusstsein vermitteln und das "Wir"-Bewusstsein stärken. Die Illustrationen stammen von der Künstlerin Petra Lefin.

Das Heft ist auf Initiative des twsd in Berlin und Brandenburg entstanden.

Anfang,  Dasein und Freiheit:     das Gedicht „Geburt“ von Carla Schwiegk

Anfang, Dasein und Freiheit: das Gedicht „Geburt“ von Carla Schwiegk

Dr. Konrad Lindner

 

Zum 55. Geburtstag der Dichterin vom Rand am Wald

 

Die ganze Fähigkeit zum Anfangen wurzelt im Geborensein und gar nicht in der Kreativität, nicht in einer Gabe, sondern in der Tatsache, daß Menschenwesen, neue Menschen, wieder und wieder durch die Geburt in der Welt erscheinen.“ (Hannah Arendt: Vom Leben des Geistes. 1; S. 442/443.)

1. Gedicht im Ich-Format

Als ein Familienvater und als der Sohn meiner Mutter kann ich mich an dem Gedicht „Geburt“ von Carla Schwiegk in dem Band „Zaunkönigs Zepter“ nicht einfach vorbei lesen. Die Lyrikerin schreibt in der ersten Zeile „Als ich mit ihr niederkam ...“ und erzählt, wie eine Frau die extreme Anstrengung des Gebärens ihres Kindes meistert. (8; S. 42.) Von diesem Gedicht über die Geburt einer Tochter sollte ich erzählen, auch wenn ich ein Mann bin, der nicht gebären kann. Aber immerhin hat meine Frau uns gemeinsame Kinder zur Welt gebracht, die uns bis in unsere jetzigen Tage im beruflichen Ruhestand dankbar und glücklich stimmen. Hinzu kommt, dass ich eben auch Vater einer Tochter bin. Das Gedicht „Geburt“ lese ich aber auch mit einer philosophischen Brille: Denn seit fast vier Jahrzehnten kenne ich aus Friedrich Wilhelm Joseph Schellings Schrift „Über das Wesen der menschlichen Freiheit“ (1807) den Satz „Wollen ist Ursein“. (7; S. 46.)

Martin Heidegger 1920. (1)
Martin Heidegger 1920. (1)

Heidegger hat diesen Satz in seiner Vorlesung von 1936 in Freiburg zu Schellings Freiheits-Abhandlung gewürdigt. Auch Hannah Ahrendt, seine Schülerin und spätere Kollegin in New York, hat diesen Satz bei Heidegger erst unterstrichen und dann in ihr Werk mit dem Titel „Vom Leben des Geistes“ eingearbeitet. (3) Dennoch blieb und bleibt mir die Rede vom Wollen als einem Ursein trotz vieler Grübeleien immer noch dunkel. Bei der Lektüre von „Zaunkönigs Zepter“ nahm ich zunächst an, dass das Gebären aus dem Leib und durch den Willen einer Frau das gesuchte „Ursein“ sein könnte, um die Freiheitsschrift besser zu verstehen. Offenbar bilden die Termini „Wollen“, „Ursein“, „Dasein“ sowie „Existenz“, „Sorge“ und „Zeitlichkeit“ ein begriffliches Feld, auf dem die Vokabeln sehr eng beieinander liegen. Doch Carla Schwiegk erhob bei einem Begriff Einspruch und sagte, dass sie im Fall der Geburt mit dem Wort „Wollen“ nichts am Hut habe. Das überraschte mich, aber ich sah mich dazu aufgefordert, dieses Argument selbstkritisch zu bedenken.

2. Lyrik als Daseinsanalyse angelegt

Carla Schwiegk Lesung. (2)
Carla Schwiegk Lesung. (2)

Die zentrale Vokabel des jungen Martin Heidegger vom „Dasein“ in seinem Meisterwerk „Sein und Zeit“ (1927) meint nicht einfach nur das Sein irgendeines Seienden, sondern sie bezeichnet unser Menschensein. In den Randbemerkungen zu seinem Exemplar von „Sein und Zeit“ merkt Heidegger jedoch an: „Sein aber hier nicht nur als Sein des Menschen (Existenz). Das wird klar aus dem Folgenden. Das In-der-Welt-sein schließt in sich den Bezug der Existenz zum Sein im Ganzen: Seinsverständnis.“ (5; S. 440.) Kein Mensch gelangt ohne Geburt zur Existenz und auch nicht zum Dasein. Das ist unbestritten. Auch für Carla Schwiegk. Aber sie ergänzt bei ihrer Auslegung des Gedichts: „Für mich ist die Geburt eher ein 'Widerfahrnis und Naturereignis' gewesen. Jede Frau und jeder Mann wird es anders erleben, das ist auch sicher.“ Obwohl es mich überraschte, dass die Rede von der Willensbasiertheit der Geburt in die Irre führt, musste ich Carla Schwiegk zustimmen, dass die Geburt als Widerfahrnis anzusprechen sei.

Cover Empraktische Vernunft. (3)
Cover Empraktische Vernunft. (3)

Ich wühlte daher in meiner Bibliothek und zog mir ein Buch von Volker Caysa aus dem Regal. Der tüchtige Leipziger Philosoph war im August 2017 im Alter von 60 Jahren viel zu früh verstorben. Er war am Franz-Mehring-Institut der Universität Leipzig einer meiner Kollegen. In unserer Forschungsgruppe zur Philosophie war er der Jüngste, aber der Klügste und Aktivste. Als ich im Frühjahr 1985 in Moskau recherchierte, was Wladimir Iljitsch Lenin von Albert Einstein wusste, war Volker bereits bei Hegel als auch bei Nietzsche und Heidegger unterwegs. Caysa hat nach der Wende in seinem Hauptwerk „Empraktische Vernunft“ (2016) eine starke Philosophie des Leibes entfaltet. Er tritt Carla Schwiegk an die Seite, wenn er argumentiert: „Nirgendwo als im Sport und im Reich des Sex, wird uns deutlicher vor Augen geführt, wie lächerlich es ist zu sagen: 'Ich will!'“ (6; S. 233.) Der zitierte Satz von Caysa gilt auch beim Thema „Geburt“. Auch das Gebären ist kein Wollen, sondern das Widerfahren von Wellen leiblicher Eruptionen. Bei der Geburt ist das „Ich will!“, worin mich ebenfalls die Verfasserin des Gedichtes „Geburt“ bestärkt, fehl am Platze. Doch schildert Carla Schwiegk die Geburt als Widerfahrnis, dann bespricht sie dieselbe erst recht als ein existenzielles Ereignis und das heißt als ein Ereignis, das die Person als Ganzes erfasst. Ich denke, dass ich bei der Geburt von einem „Urereignis“ im menschlichen Leben oder eben auch von einem „Ursein“ sprechen sollte. Die Geburt eines neuen Menschenwesens ist bei dem In-der-Welt-sein jenes Ursein, welches das menschliche, das kooperative und das gesellschaftliche Sein zum Dasein macht, was nun aber ein Seiendes mit Bewusstsein ist und speziell mit einem Bewusst-Sein für das „Sein im Ganzen“. Heidegger deutet das Dasein vor allem als ein Sein zum Tode. Doch um von unserer Endlichkeit nun auch zu wissen und um unser Seiendes als Dasein ansprechen zu können, indem wir es als ein Sein zum Tode begreifen lernen, müssen wir überhaupt erst einmal geboren und sprachlich sozialisiert worden sein.

Hannah Arendt 1933. (4)
Hannah Arendt 1933. (4)

Meines Erachtens bringt Ahrendt besser als Heidegger zur Geltung, dass das Wissen um die Unausweichlichkeit des Todes immer auch mit dem Wissen um die eigene Geburt einhergeht: Unsere Zeitlichkeit als Person ist sowohl vom Ende als auch vom Anfang her zu denken.

Ich nehme an, dass jede Leserin und jeder Leser nun versteht oder zumindest erahnt, warum mich das Gedicht „Geburt“ in „Zaunkönigs Zepter“ elektrisiert. Ich muss aber auch gestehen, dass es mir nun auch nicht locker und leicht gelingt, das Gedicht auf eine zutreffende Weise in seinem Tiefgang zu interpretieren. Den Spott meiner Frau muss ich auch verkraften, zumal sie lachend darauf verweist, dass ich als Mann keine guten Karten habe, wenn ich nach Stichworten zu einer Philosophie der Geburt zu suchen beginne.

Das Gedicht von Carla Schwiegk erzählt nun aber basierend auf ihrem eigenen Erleben und in einer anschaulichen Sprache von den Untiefen unserer Existenz, die in der Philosophie der Existenz auch als „Grenzsituationen“ bezeichnet werden. Deshalb möchte ich ihr Gedicht „Geburt“ nicht nur lesen, sondern auch verstehen. Noch ein weiteres Wort zu Hannah Arendt. Kinder hatte die politische Analytikerin des 20. Jahrhunderts keine, aber sie kämpfte als junge jüdische Aktivistin während der 30iger Jahre des 20. Jahrhunderts von Paris aus mit allen Sinnen und Kräften darum, jüdische Kinder und Jugendliche dem Einflussbereich der Herrschaft des völkisch-rassistischen Systems unter Adolf Hitler zu entziehen. Arendt rettete viele junge Menschen und schaffte sie nach Palästina. Von dieser ungewöhnlichen Frau und wichtigen Denkerin mit dem frechen Mundwerk zurück zur neuen Lyrik in Sachsen.

 

3. Maler und Dichterin thematisieren Geburt

Sixtinische Madonna. (5)
Sixtinische Madonna. (5)

Wie Raffael es mit seiner „Sixtinischen Madonna“ in Dresden zeigt, so beschreibt auch Schwiegk die gebärende Frau mit „dem Adergeflecht“ über der Brust in ihren Gedichtzeilen als die Schöpferin von neuem Leben. (8; S. 42.) Die Madonna von Raffael versinnbildlicht, dass die biblische Maria für sich und ihren Josef einen Sohn und gar den Gottessohn zur Welt gebracht hat. In „Zaunkönigs Zepter“ presst die Gebärende unter Wehen, Schmerzen, Schreien sowie Schweiß und Blut eine Tochter aus sich heraus: „Sie kam im roten Seidengewebe, / darin sie neun Monate gebettet war.“ (8; S. 42.) Die Dichterin aus Tharandt erzählt über die weiteren Geburten: „Dreimal kam die Welt so zu sich, / um sich mit neuen Augen zu sehen.“ (8; S. 42.) Das lenkt mich wieder hin zu Schelling und zu Ernst Bloch mit ihrer Rede, die ich hier einfach nur sinngemäß formuliere: „Im Menschen schlägt die Natur die Augen auf und sieht, dass sie da ist“. Durch das Gedicht „Geburt“ mit den beiden Zeilen, die davon erzählen, dass neue Menschen die Welt mit neuen Augen sehen, verstehe ich plötzlich Schellings Vokabel vom „Ursein“ viel besser, obwohl Carla Schwiegk mir empfiehlt, ihm in der Frage des Willens nicht bedenkenlos zu folgen. Es besteht kein Zweifel, dass Arendt den Nagel auf den Kopf traf, als sie die Geburt in die Philosophie des Geistes rein holte. Sie prägte das Prinzip der Natalität bereits in ihrem Hauptwerk „Vita aktiva oder Vom tätigen Leben“ (englisch 1958, deutsch 1960), das unser Geborensein als Grundbedingung unserer Existenz bespricht. Auch in ihrem späten Werk „Vom Leben des Geistes“ beschreibt sie an Heidegger anknüpfend das Primat der Zukunft im Mensch-Sein. Wir leben und leiben und lieben auf das Mögliche hin. Das bedeutet, dass wir zeitliche Wesen sind. In „Sein und Zeit“ (1927) spricht Heidegger von „Sorge“. Dabei geht es ihm nicht einfach nur um das Gelingen des Handelns und um das Vorsorgen, sondern er entfaltet in Paragraph 41 „Das Sein des Daseins als Sorge“. Dabei gelangt er zu Sätzen, wie dem folgenden: „Im Sich-vorweg-sein als Sein zum eigensten Seinkönnen liegt die existenzial-ontologische Bedingung der Möglichkeit des Freiseins für eigentliche existenzielle Möglichkeiten.“ (5; S. 191.) Um das Freisein für Mögliches, für Neues und für Anderes geht es. Wem ein solcher Satz zu schwer ist, dem hilft das Buch „Vom Leben des Geistes“. Hier erläutert Arendt den Ansatz Heideggers: Die „Sorge“ wird als neuer philosophischer Begriff eingeführt und als „die zentrale existentielle Tatsache des menschlichen Daseins“ aufgefasst. (1; S. 261.) Alles Handeln absolvieren wir im Heutigen. Aber wir handeln im Hier und Heute in einem Raum des Möglichen und des Künftigen. Dadurch entsteht überhaupt erst ein Gestern. Menschen stehen und weben und gebären im Seienden und im Noch-Nicht-Seienden.Wir sind zeitliche Wesen, wenn wir „Jetzt“ sagen. Unser Seiendes ereignet sich am Horizont des Möglichen. Arendt dachte in ihrem Werk „Vom Leben des Geistes“ im zweiten und letzten Teil über „Das Wollen“ nicht über Nebensächliches nach, sondern über die elementare „Triebfeder des Handelns“ und das bezogen auf die Mannigfaltigkeit der Formen unseres Handelns. (1; S. 248; S. 363.) Von hier aus ging es ihr dann aber auch um die Freiheit des Menschen als ein durch die Geburt ermöglichtes Lebensgeschehen, das sich zur Person zu gestalten vermag.

5. Vom Flötenspiel bis sich unter Schmerz beugen …

Zeichnung von Matthias Jackisch. (6)
Zeichnung von Matthias Jackisch. (6)

Die Geburt eines neuen Menschenwesens sah Hannah Arendt nicht nur als biologisches Geschehen, sondern als Anfang allen Handelns. In Alternative zur völkischen wie zur kommunistischen Ideologie arbeitete sie die Geburt eines Kindes auf dem christlichen Pfad von der Geburt Jesu durch Maria in ihre Philosophie ein: Bringt eine Frau ihr Kind auf die Welt, ist das nicht weniger als die Urform allen Handelns, obwohl der Raum des Willens und Wollens in diesem Geschehen sehr eng bemessen ist. Eine lebendige Einführung in das Denken von Arendt schrieb Hauke Brunkhorst. Mit Blick auf ihr Philosophieren stellte der Soziologe von der Universität Flensburg eine Liste von Beispielen für Handlungen zusammen. Vom Theaterspielen, Flötespielen, Reden halten über das Tanzen, eine Revolution machen, Urteile verkünden, Plädoyers halten, Schach spielen bis hin zu Gedichte und Romane schreiben führt Brunkhorst mehr als 40 Beispiele an, die zeigen, dass Menschen zum Handeln geboren sind. Doch die Urform aller Handlungen fehlt in dieser Liste. Vielleicht wegen der Abwesenheit des freien Wollens. Der Arendt-Kenner führt aber als ein Beispiel an, dass wir uns hin und wieder „unter Schmerz beugen“. Doch ist die Geburt keine Erkrankung des Blinddarms. Im Vollzug der Geburt wird durch das leibliche Wollen und Wirken einer Frau ein Menschenwesen zur Welt gebracht, das seinen ersten Schrei ertönen lässt und danach abgenabelt wird. Caysa schreibt nüchtern wie anerkennend: „Gebären ist Schmerzen erleiden, in Schmerzen wird Könnerschaft geboren.“ (6; S. 232.) Weiter führt er zum Urschrei menschlichen Daseins aus: „Man schreit aber auch nicht nur vor dem Tod, sondern auch nach der Geburt. Der Schrei des Babys nach der Geburt ist ein Luftholen, ein 'Ich bin da!' Er ist aber auch ein Sehnsuchtsschrei – 'Wo bist du, die mich nährt, wärmt und schützt?'“

(6; S. 234.) Die Skala des menschlichen Handelns lotet Carla Schwiegk ähnlich wie Volker Caysa so aus, dass auch die Untiefen einer Geburt besprochen werden. Die Lyrikerin schildert die Geburt als das schmerzerfüllte Durchleben einer Grenzsituation. Was danach beim Heranwachsen kommt und was eine Mutter wie ein Vater mit ihrem Kind zu meistern haben, wird auch nicht verschwiegen. Selbst die beste Mutter durchlebt die Gratwanderung, dass die „erhobene Hand“ keine Backpfeife, sondern „ein ersterbender Schlag“ wird. (8; S. 42.) Aber auch bei Brunkhorst gibt es Wichtiges zu lernen. Er beschreibt die Phase der kulturellen Geburt eines neuen Menschen sehr schön: „Wenn das Kind dann anfängt zu reden, beginnt es, eine eigene Sprache zu finden und ein neues Vokabular, das zumindest um ein Weniges von dem schon bekannten abweicht, zu erfinden. In der Erinnerung an und in dem Wissen um die eigene Geburt – bei Augustinus ist das ein Aspekt der Gottesliebe – wird schließlich dem Einzelnen die eigene Vergangenheit als zukünftige Möglichkeit des Handelns gegenwärtig. 'Denn höher als die Wirklichkeit steht die Möglichkeit', lautet der dazu passende Satz aus 'Sein und Zeit'.“ (4; S. 29.)

6. Gedicht „Geburt“ ist ein Geschenk

Das Gedicht „Geburt“ lese ich von Hannah Arendt wie von Volker Caysa her mit Blick auf das Prinzip der Natalität, das von beiden Autoren in die Philosophie des Geistes und des Leibes eingearbeitet worden ist. Ein Wort noch zu Volker Caysa. Als meine Frau im Jahr 1986 unser drittes Kind zur Welt gebracht hatte, kam mein Kollege zu uns nach Hause in Gohlis. Er überbrachte als Vertrauensmann unserer Gewerkschaftsgruppe des Wissenschaftsbereiches der Philosophen ein Geschenk. Den Besuch von Volker Caysa habe ich nicht vergessen. Daher studierte ich sein Buch zum Leibprimat im Menschenleben mit besonderem Interesse. Aber auch von Carla Schwiegk fühle ich mich beschenkt, weil ich durch das Gedicht „Geburt“ klarer sehe, warum ich meine Frau über die Goldene Hochzeit hinaus liebe. Sie hat im Berufs- und Familienleben viel geleistet. Als berufstätige Frau brachte sie mehrere Kinder zur Welt, um sie dann auch gemeinsam mit mir ins Menschenleben einzuführen. Ohne dieses Handeln meiner Frau und ohne ihr Durchkämpfen der existenziellen Situation der Geburten hätte ich weder Kinder noch Schwiegerkinder und auch keine Enkel. Unter dem Eindruck des Gedichts „Geburt“ von Carla Schwiegk sage ich meiner Frau auch noch im Alter gern: „Danke!“ Beim Morgenkaffee sprach ich mit ihr jetzt aber auch über die Diskussion der nicht unwichtigen Frage in einer Philosophie des Geistes und der Freiheit und des Leibes: Ist die Geburt Willensakt oder ist sie Widerfahrnis? Im Einklang mit der Dichterin Carla Schwiegk kam die Antwort meiner Frau ohne ein langes Zögern: „Die Geburt ist ein heftiges Naturereignis.“

 

06. Juni 2026

Carla Schwiegk

 

Geburt

 

Als ich mit ihr niederkam,

trug ich ein blaugrünes

Geschmeide über der Brust,

feine Spitze, ein Adergeflecht.

Sie kam im roten Seidengewebe,

darin sie neun Monate gebettet war.

Wie leidend sie mich machte -

einziger Schmerz, den ich vergaß.

Ich nährte sie mit Muttermilch,

dem Mark meiner Knochen.

Ich wusch sie mit meinem Schweiß -

süßem und salzigem Wasser.

Ich trug sie auf der Hüfte

und wiegte sie in den Schlaf.

Dreimal kam die Welt so zu sich,

um sich mit neuen Augen zu sehen.

Mein Herz wurde ein randloses,

sich zuneigendes Gefäß,

jede zum Hiebe erhobene Hand

ein ersterbender Schlag.

 

Literatur:

 

(1)

Arendt, Hannah: Vom Leben des Geistes. Herausgegeben von Mary McCarthy. Piper Verlag GmbH, München 2022.

(2)

Arendt, Hannah: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. R. Piper GmbH & Co. KG., München 1991.

(3)

Arend, Hannah: Anstreichungen in Heideggers Schelling-Vorlesung von 1936. (Heidegger, Martin, "Schellings Abhandlung Über das Wesen der menschlichen Freiheit (1809)" (2025). Hannah Arendt Marginalia - All. 245. Vgl. den Link:
https://digitalcommons.bard.edu/hapl_marginalia_all/245/)

(4)

Brunkhorst, Hauke: Hannah Arendt. Verlag C. H. Beck München 1999.

(5)

Heidegger, Martin: Sein und Zeit. Achtzehnte Auflage. Max Niemeyer Verlag Tübingen 2001.)

(6)

Caysa, Volker: Empraktische Vernunft. Peter Lang GmbH, Frankfurt am Main 2016.

(7)

Schelling, Friedrich Wilhelm Joseph: Philosophische Untersuchungen über das Wesen der menschlichen Freiheit und die damit zusammenhängenden Gegenstände. Mit einem Essay von Walter Schulz. Freiheit und Geschichte in Schellings Philosophie. Suhrkamp; Frankfurt am Main 1988.

(8)

Schwiegk, Carla: Zaunkönigs Zepter. Gedichte. Thelem Universitätsverlag und Buchhandlung GmbH & Co. KG, Dresden und München 2025.

Bildnahweis

Abb. 1,4 und 5 aus Wikimedia - gemeinfrei.

Abb. 2 © Carla Schwiegk. Der Bertuch Verlag und Dr. Konrad Lindner danken                der Schriftstellerin für die Erlaubnis, ihr Bild im Artikel abbilden zu                  dürfen.

Abb. 3 © Copyright Peter Lang Group AG . Der Bertuch Verlag und Dr.                          Konrad Lindner danken Frau Sandra Horak für die Erlaubnis, das                    Cover im Artikel abbilden zu dürfen.

Abb. 6 © Matthias Jackisch, dem der Bertuch Verlag und Dr. Konrad Lindner                  danken für die Erlaubnis, seine Zeichnung im Artikel abbilden zu                    dürfen.

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