Sicherlich führt Sie Ihr Weg auch gelegentlich in Torgau durch die Katharinenstraße, vorbei an der Ausstellung „Klang und Glaube“, die Johann Walter und Georg Spalatin gewidmet ist. Sie befindet sich im sogenannten ehemaligen Priester- bzw. Spalatinhaus. Es war Kurfürst Friedrich III., der Weise, der Georg Spalatin 1523 mit diesem Haus belehnte. Später wurde es sogar sein Eigentum. Durch die große Wertschätzung, die Spalatin durch seinen Herrscher und Dienstherren erfuhr, ist es wohl auch nicht verwunderlich, dass ihm der Kurfürst in seinem letzten Testament neben dessen üblichem Sold „eine jährliche Vergütung von 100 Gulden“ (1) auf Lebenszeit zusprach. Dieses Dokument wurde übrigens durch Georg Spalatin und den Kanzleischreiber Hans Feyl am Todestag Friedrichs, am 05. Mai 1525, aufgenommen. – Im Jahre des 500. Todestages des ehemaligen ernestinischen Herrschers sei deshalb an Georg Spalatin erinnert. Dessen gesamte Entwicklung, von seiner Schulzeit bis hin zu den ersten beruflichen Erfahrungen, waren beste Voraussetzungen für seine sehr verantwortungsvolle Tätigkeit beim Kurfürsten.
Georg Burghardt (oder Burckhardt) wurde 1484 in Spalt geboren. Der familiäre Hintergrund ist nicht eindeutig geklärt. Einerseits soll er das illegitime Kind eines Stiftsgeistlichen gewesen sein, das in einem Stiftsgebäude geboren wurde, andererseits soll der Vater Georg Burghardt, von Beruf Rotgerber (Lederer), gewesen sein.
Nach der Stiftsschule in Spalt besuchte der junge Georg ab 1497 für ein Jahr eine Lateinschule mit humanistisch geprägtem Unterricht (Fächer: Latein, Logik, Religion) in Nürnberg. Latein war die Sprache der Gelehrten, die besonders von den Humanisten gepflegt wurde, zugleich war es damals internationales Verständigungsmittel. Außerdem wählte er das fakultative Fach „Leichte Briefe“. Ein Jahr später nahm er das Studium der „7 Künste“ (Dialektik, Rhetorik, Grammatik, Geometrie, Arithmetik, Astronomie, Musik) an der Universität Erfurt auf. Es stellte sich heraus, dass er auch Griechisch und Hebräisch beherrschte, seit wann und woher, ist nicht sicher zu erfahren. Der junge Student fühlte sich in Erfurt auch zum dortigen Humanistenkreis hingezogen.
Als sein Mentor Marschalk, zu dem der Student offensichtlich ein sehr gutes Vertrauensverhältnis hatte, 1502 an die neue Wittenberger Universität wechselte, folgte ihm Georg. Schon ein Jahr später erschien er auf der Promotionsliste für die Magister an der Artistischen Fakultät. Ein solcher Abschluss entsprach damals dem Doktor-Titel. Hier tauchte erstmals der Name Georg Spalatin auf. Es war typisch für Renaissance-Humanisten, sich entweder griechische Namen zu geben oder nach dem Herkunftsort zu nennen, wie Spalatin. „Auerbachs Keller“ in Leipzig zum Beispiel gehörte Heinrich Stromer, genannt Auerbach. Er stammte aus Auerbach in der Oberpfalz und war übrigens auch der Leibarzt von Friedrich III. – Wieder zurück in Erfurt, setzte Spalatin sein in Wittenberg begonnenes Jurastudium fort, das er aber niemals abgeschlossen hat, denn es ist bekannt, dass er 1505 zuerst als Hauslehrer in einer Humanistenfamilie tätig war, dann aber eine Stelle als Präzeptor (heute: Lehrer) bei den Novizen am Zisterzienserkloster Georgenthal in Thüringen annahm. Hier fand er eine ausgezeichnete Bibliothek vor, auf die er zurückgreifen konnte, die er neu ordnete und ergänzte. Zudem lag es in einem Kloster nahe, die Priesterweihe abzulegen, so 1508 geschehen. Durch die anschließende Übernahme einer Stelle als Pfarrer in Hohenkirchen musste er sich auch mit theologischen Fragen, also mit der Bibel, auseinandersetzen.
Ab 1509 folgte er dem Ruf nach Wittenberg an den kurfürstlichen Hof, um dort für den Neffen Kurfürst Friedrichs, den späteren Kurfürsten Johann Friedrich, sowie für sechs weitere Knaben aus dem Hochadel als Präzeptor tätig zu werden. Er hatte ja vorher mit Novizen gearbeitet, diese waren aber viel älter. Heute würden wir sagen, am Hof brauchte er Erfahrungen in der Grundschulpädagogik. Einer seiner Humanistenfreunde half ihm, diese Hürde zu nehmen. Ungeachtet der anfänglichen Probleme war der Landesherr sehr beeindruckt von dem jungen Mann, seinem Verhalten und seinen Fähigkeiten. Mehr noch: Beide vertrauten einander. Dies war wohl auch der Grund dafür, dass der Kurfürst ihn 1510 beauftragte, eine sächsische Chronik und Annalen zu schreiben. Er wurde also Chronist und Geschichtsschreiber. Vor allem durch seine Lateinkenntnisse und die Sensibilität in der Nutzung des Deutschen wurden ihm auch Übersetzungsarbeiten und die Interpretation von Schriftstücken übertragen. Er übernahm sogar Aufgaben als Dolmetscher. Dadurch lernte er, die Zusammenhänge der Reichspolitik zu verstehen und konnte für den diplomatischen Schriftwechsel herangezogen werden.
1512 wurde er an der neu gegründeten Schlossbibliothek in Wittenberg Bibliothekar. Er baute die Bibliothek zu einer Einrichtung mit riesigen Beständen, gegliedert nach Fachbereichen, aus. Nun, diese Tätigkeit war ja nichts gänzlich Neues für ihn. Es war möglicherweise sogar eine bereitwillig angenommene Herausforderung, denn er war ja zugleich Chronist und konnte damit auf die vorhandene Literatur zugreifen.
Es sei zudem angemerkt, dass Spalatin ab 1511 für einige Jahre auch mit anderen Aufgaben betraut war, so als Präzeptor für einen Prinzenhof, die Lüneburgischen Neffen des Kurfürsten Friedrich, und für einige Edelknaben, später auch für seinen unehelichen Sohn Bastel. Somit hatten auch sie Zugang zur Bibliothek. Es ist deshalb davon auszugehen, dass das Engagement für diese Bibliothek auch im Zusammenhang mit dieser Tätigkeit stand.(2) – Zur Universitäts- und Schlossbibliothek wird diese Einrichtung erst wesentlich später.
1516, so heißt es in der Literatur, wurde Spalatin „Geheimsekretär“ in Torgau. Auch ist zu lesen, dass er „Privatsekretär“ gewesen sei. Wo liegen die Unterschiede? Thomas Lang weist darauf hin, dass damals der Sekretär des Kurfürsten Hieronymus Rudelauf (3) war. Jürgen Herzog spricht sogar von mehreren Sekretären, u. a. von Hieronymus Rudelauf (4). – Nachdem Spalatin die Beichtvollmachten des Papstes erhalten hatte, wurde er, wohl bereits im genannten Jahr Hofkaplan und später auch geistlicher Berater des Kurfürsten. Geeignete Voraussetzungen für diese Tätigkeiten hatte er, u. a. war er Priester und sehr religiös. Auch kirchliche Angelegenheiten musste er auf juristischer Ebene behandeln. Dies fiel ihm nicht schwer, da er Jura studiert hatte, wenn auch ohne Abschluss. 1522 erfolgte dann seitens des Kurfürsten seine Ernennung zum Hofprediger. – Zurück zum „Geheimsekretär“: Hinter dieser Bezeichnung verbergen sich mit großer Wahrscheinlichkeit seine Tätigkeiten als Hofkaplan und als Chronist, denn dafür legte er sich eine private Materialsammlung an, teils auch aus der Kanzlei, und versah die Dokumente mit Sortierungsvermerken bzw. persönlichen Anmerkungen (5). Bleiben aber immer noch folgende Fragen: Ist Spalatin bei geheimen, diffizilen Vermittlungsaufgaben eben nicht doch manchmal die besondere Rolle des „Geheimsekretärs" zugekommen, wenn auch diese Bezeichnung als solche nicht geführt bzw. dokumentiert wurde? Ist der „Sekretär“, möglicherweise identisch mit der Bezeichnung „Privatsekretär“, in solch diskrete Angelegenheiten, die nicht nach außen dringen durften, eingeweiht worden? – Es wird auf jeden Fall von Spalatin behauptet, dass er mehr Einfluss auf den Kurfürsten hatte als die weltlichen Räte, da er ja selbst auch in geistlicher Funktion tätig war.
Die neue Freundschaft zu Martin Luther ab 1514 und insbesondere dessen Thesenanschlag an der Wittenberger Schlosskirche 1517 führten dazu, dass sich Spalatin mehr und mehr für Luthers Ideen öffnete und sich allmählich vom Papsttum zurückzog. Spalatin musste versuchen, den oft unbeherrschten und nur an der Umsetzung seiner Ideen interessierten Luther zu besänftigen. Schwierig war dies für Spalatin, denn er selbst war ein Vertrauter des Kurfürsten, jener wiederum war streng katholisch. Nun, korrekt gesagt, der Landesherr wollte schon Informationen über die neuen theologischen Gedanken Luthers haben, durfte diese vorsichtige Zuwendung aber nach außen nicht zeigen. Der Kurfürst und Luther sind sich auch nie direkt begegnet. Daher kam Spalatin wirklich eine Schlüsselstellung am kurfürstlichen Hofe zu. Er musste für Ausgewogenheit sorgen, viel diplomatisches Geschick aufwenden, um beide zu mäßigen bzw. ihnen für die jeweils andere Seite Zugeständnisse abzuringen. Die wahrscheinlich größte Leistung beider war, dass, nachdem Luther auch 1521 auf dem Reichstag zu Worms seine Thesen nicht widerrufen hatte, dieser auf die Wartburg entführt und dort versteckt gehalten wurde, damit er vor seinen Feinden geschützt war. Hier waren wohl die Hände des Kurfürsten und Spalatins im Spiel, ohne, dass dies bekannt wurde. Spalatin war es auch, der den Kontakt sowohl nach Wittenberg als auch zur Wartburg hielt und Martin Luther mit allem versorgte, was er für seine Zurückgezogenheit als Junker Jörg brauchte. Es war immerhin dort auf der Burg, dass der Theologe das Neue Testament aus dem Griechischen übersetzte, und dies in nur 11 Wochen.
Kurz gesagt: Der Kurfürst wird auch, dies könnte durch viele andere Beispiele belegt werden, als Beschützer der Reformation bezeichnet werden. Er förderte sie zwar nicht aktiv, aber er hat sie auch nicht behindert. Er ließ sie gewähren, wodurch sie Entfaltungsmöglichkeiten hatte. Interessant ist zudem, dass sich der Kurfürst durch Spalatins Einfluss beinahe unbemerkt den protestantischen Ideen näherte, denn auf dem Sterbebett 1525 empfing er das Sakrament unter beiderlei Gestalt (Hostien und Wein). Und, man glaubt es kaum: Martin Luther hat auf den Beisetzungsfeierlichkeiten in Wittenberg die deutsche Predigt für diesen, seinen Kurfürsten, gehalten.
Fazit: Das Leben Georg Spalatins am kurfürstlichen Hofe unter Kurfürst Friedrich III. war sehr abwechslungsreich, brachte aber auch eine enorme zusätzliche Belastung mit sich. Er war kein Steuermann der Reformation, kein Strippenzieher, sondern Diplomat, Prinzenerzieher, Geistlicher, Bibliothekar, Historiograph bzw. Geschichtsschreiber, Berater am Hof, Verbindungsmann zu Martin Luther, Übersetzer, Interpret von Schriftstücken, Dolmetscher, Humanist und Reformator. Was geht da noch mehr?! Denken wir daran, wenn wir das nächste Mal am Spalatinhaus vorbeigehen.
Anmerkung:
Dieser Text ist die überarbeitete Fassung des Beitrages „Diplomat, Prinzenerzieher, Sekretär, Geistlicher, Bibliothekar, Humanist und Reformator“ von U. Roscher, veröffentlicht in der Torgauer Stadtzeitung vom 02.08. (Teil 1) und 30.08.2025 (Teil 2)
Quellen:
Kohnle, Armin: Kurfürst Friedrich der Weise von Sachsen. S. 286.
Vgl. Lang, Thomas und Neugebauer, Anke: Die Leurorea, Wittenberg und das Reich: eine Universitätsgründung und ihr kulturelles, personelles und politisches Umfeld, S. 366.
Vgl. Lang, Thomas: Da der churfürst von Sachssen hof hiellt. S. 296 ff.
Vgl. Herzog, Jürgen: Georg Spalatin und sein Torgauer Altarlehen. S. 38.
Vgl. Lang, Thomas: Da der churfürst von Sachssen hof hiellt. S. 300 f.
Literatur:
Herzog, Jürgen: Georg Spalatin und sein Torgauer Altarlehen. Überarbeitete Fassung zu einem Artikel in: Beiträge zur Residenz- und Reformationsgeschichte der Stadt Torgau. Band 8 der Schriften des Torgauer Geschichtsvereins. Beucha/Markkleeberg 2015.
Höss, Irmgard: Georg Spalatin. Verlag Hermann Böhlaus Nachf. Weimar 1989.
Kessler, Hans Joachim: Georg Spalatin. Geheimdiplomat der Reformation. Tauchaer Verlag 2017.
Kohnle, Armin: Kurfürst Friedrich der Weise von Sachsen. Eine Biographie. Evangelische Verlagsanstalt Leipzig 2024.
Kühnel, Klaus: Friedrich der Weise. Kurfürst von Sachsen. Eine Biographie. Elbe-Druckerei Wittenberg GmbH. 2. Auflage 2006.
Lang, Thomas: Da der churfürst von Sachssen hof hiellt, S. 291 – 303; in: Friedrich der Weise. Schriften der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt, Bd. 28. Herausgegeben von Enno Bünz und Stefan Rhein. Evangelische Verlagsanstalt Leipzig.
Lang, Thomas und Neugebauer, Anke: Die Leurorea, Wittenberg und das Reich: eine Universitätsgründung und ihr kulturelles, personelles und politisches Umfeld; in: Das ernestinische Wittenberg: Die Leucorea und ihre Räume. Wittenberg-Forschungen. Band 4. Hrsg: Heiner Lück, Enno Bünz, Leonhard Helten, Armin Kohnle, Dorothée Sack u. Hans-Georg Stephan. Michael Imhof Verlag.
Bildnachweis
(1) Spalatinhaus Torgau. Urheberin: Dr. paed. Ursula Roscher
(2) Porträt des Georg Spalatin 1509. Gemälde von Lucas Cranach dem Älteren
(3) Georg Spalatin, ein Kruzifix anbetend 1515. Holzschnitt von Lucas Cranach dem Älteren
(4) Bildnis des Reformators Georg Spalatin 1537. Gemälde von Lucas Cranach dem Äteren
(5) Friedrich III the Wise, Elector of Saxony etwa 1540 bis 1545. Lucas Cranach der Jüngere
2 bis 5 aus Wikipedia, gemeinfrei.