Goethe war wiedereinmal in Karlsbad, da rief ihn sein Herzog nach Teplitz hinüber, weil die Kaiserin Maria Ludovica nach ihm verlangte. In Teplitz aber hielt sich Beethoven zur Kur auf, der sich eine Begegnung mit dem Dichter seit langem sehnsüchtig erhoffte. Denn Goethe war für Beethoven mehr als sonst ein Mensch auf der Erde...Er traf Goethe ausgeruht, der es lächelnd geschehen ließ, dass Beethoven seinen Arm nahm. Sie schritten gemächlich gegen den Berg und es schien sich ein Gespräch geben zu wollen, als schon wieder Spaziergänger kamen. Wie über den Rand der Welt tauchte eine muntere Schar aus der Mulde des Weges auf, und Goethe erkannte sogleich, dass es der Hof war.
„Es ist die Kaiserin selber!“, warnte er, gegen das Ohr seines Begleiters geneigt, und wollte sich sacht von ihm lösen. Aber Beethoven hielt ihn ingrimmig fest. „Bleibt nur in meinem Arm hängen! Sie müssen uns Platz machen, wir ihnen nicht!“ Er sagte es trotzig und war bereit, Arm in Arm mit dem Dichter das Jahrhundert in die Schranken zu fordern. Wo der Genius der Menschheit geschritten kam, hatten weder die Kaiserin Maria Ludovica noch die Herzöge und Kammerherrn ihres Gefolges ein Vorrecht.
Auch wenn Goethe nicht der Minister seines Herzogs gewesen wäre, hätte er keinen Raum für solchen Hochmut gehabt. Er trat artig zur Seite, den Hut in der Hand, die Kaiserin zu erwarten, und wollte Beethoven nötigen, desgleichen zu tun. Aber so wenig sich Goethe zu einem unpassenden titanischen Tun hinreißen lassen konnte, so unmöglich war es für Beethoven, sich seiner höfischen Sitte zu fügen. Er durfte nicht neben ihm dastehen und seinen Zylinderhut lüften. Wegzustürmen riss er sich los, und da er nicht wie ein Knabe davon laufen konnte, geriet er gegen die Kaiserin.
Er stürmte gegen sie an , wie die Wiener ihn kannten, mit eingezogenen Ellenbogen, als ob er sich gegen einen Sturm durchkämpfen müsse. Nur vor der Kaiserin lüpfte er seinen Zylinderhut, an den anderen, die ihm lächelnd Platz machten, fegte er finster vorüber, bis er, gleichsam ins Leere durchgestoßen, sich selber hinter dem Rand der Welt in der Mulde des Weges fand, erbittert auf Goethe zu warten.
Er dachte in seinem Verdruss, ihn hart zu empfangen, dass er denen vom Hof zu viel Ehre angetan habe; aber wie sich die hohe Gestalt gemessen über den Rand der Welt gegen ihn hob, musste er denken, dass sie den alten Herrn nicht umsonst den Olympier nannten.
Goethe kam heiter heran: „Ich habe euch warten lassen? Oder ihr seid mir davon gerannt?“
Und als Beethoven vor dem warmen Blick seiner Augen ungewiss wurde, seufzte er wieder wie vordem über seine Berühmtheit: „Es ist ein schweres Geschäft mit der Grammatik, weil jeder die eigene hat: Ihr seid mir davon gerannt und Ich habe euch warten lassen!“
Aber es war Schelmerei, dass seine Miene sich verdüstert hatte; denn er hellte sie gleich wieder auf: „Deshalb wollen die Frommen so gern in den Himmel kommen, weil es vor Gott keinen Unterschied der Grammatik mehr gibt! Da könnten wir ja einander keine Fehler mehr anstreichen!“, musste Beethoven aus seiner Verdrießlichkeit lachen, weil er endlich verstand, wohin der Dichter mit seiner Schelmerei zielte.
„Eben dies“, sagte Goethe in vollem Ernst und nahm das große Kind Beethoven brüderlich bei der Hand: „Eben dies, dass wir einander die Fehler anstreichen, ist die Unterhaltung der Hölle!“
Bildnachweis
Abb. 1: Denkmal Johann Wolfgang von Goethe auf dem Leipziger Naschmarkt. Foto: Wolfgang Brekle.
Abb. 2 und Kopfbild: Aus Wikimedia - gemeinfrei.
Abb. 3: Beethoven-Denkmal, geschaffen von Max Klinger, ausgestellt im Bildermuseum Leipzig, Sachsenplatz. Foto: Ursula Drechsel.