Sachsen-Lese

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Autor Christoph Werner lässt den Weimarer Unternehmer und Verleger Friedrich Justin Bertuch zurückblicken auf das eigene Leben.

Ein Tag im Leben des Friedrich Justin Bertuch

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Von einem Edelmann, dem der Teufel diente

Von einem Edelmann, dem der Teufel diente

Martin Luther

Nicht weit von Torgau ging ein Edelmann spazieren. Da begegnete ihm einer , den fragte er: Ob er ihm wolle dienen, denn er bedürfte eines Dieners. Da antwortete er: Ja, er wolle ihm dienen. Da fragten ihn der Edelmann, wie er heiße. Er sprach: Auf Böhmisch würde er N. N. Genannt. „Wohl an“, sagte der Edelmann, „gehe mit mir heim.“ Und er führte ihn in den Stall und zeigte ihm die Pferde, die er pflegen sollte. Der Edelmann war aber ein gottloser Mensch, der sich aus dem Stegreif nährte.

 

Einmal ritt er fort und befahl dem Knecht, ein Pferd, das er sehr schätzte, unterdessen fleißig zu pflegen. Da nun der Junker hinweg geritten war, führte der Knecht das Pferd auf einen hohen Turm, höher als zehn Stufen. Da nun der Edelmann wieder nach Hause geritten kam, erkannte ihn das Pferd, fing an zu schreien und steckte den Kopf zum Turmfenster heraus, so dass er sich sehr wunderte und, sobald er ins Haus kam, fragte, wo das Pferd hingeführt worden wäre. Da sprach der Knecht, er habe seines Herrn Befehl fleißig befolgt, und wies ihm, wo das Pferd war. Da musste man danach mit großer Mühe und Arbeit, mit Stricken und Seilen das Pferd vom Turm herunterlassen.

 

Einmal, als der Edelmann auf Beute aus war, begab sich‘s, dass ihm die, die er beraubt hatte, nacheilten. Da sprach der Knecht: „Junker, geht eilends auf die Flucht“ und stieg ab vom Pferde. Kam bald danach wieder zu ihm und sagte, er habe ihren Pferden alle Hufeisen abgenommen, dass sie nicht hätten fortkommen können. Und er klingelte mit dem Sacke, in dem die Eisen waren, und schüttete sie aus.

 

Zu einer anderen Zeit, da der Edelmann wegen eines Totschlags gefangen lag, rief er den Knecht um Hilfe. Der sagte, er könne ihm nicht helfen, denn er habe starke eichene Hosen an mit eisernen Senkeln gebunden. Da aber der Edelmann anhielt und sagte, er könne ihm wohl helfen, ließ sich der Knecht überreden und sprach: „Ich will dir helfen, du musst aber nicht für dich so viel mit den Händen fländern* und Schirmstreiche machen, denn ich kann‘s nicht leiden“ (meinte ein Kreuz für sich zu machen). Der Edelmann sprach, er solle ihn für immer nehmen, er wolle sich recht daran halten. Da nahm er ihn und führte ihn in die Luft mitsamt den Ketten und Fesseln. Und da sich der Edelmann in der Höhe fürchtete, schrie er überlaut: „Hilf Gott, wo bin ich?“ Da ließ er ihn herunterfallen in einen Pfuhl, kam heim und zeigt‘s den Frauen an, sagte, sie sollen ihn holen lassen. Da sie aber nicht glauben wollten, fragte er, warum sie ihren Junker nicht losmachen wollten, er säße dort in einem tiefen Pfuhl im Stock gefangen. Da lief die Frau mit ihrem Gesinde flugs hin, fand ihn also liegend und machte ihn los.

 

* flattern

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