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Hanf macht süchtig

Hanf macht süchtig

Dorothea Frey

Eine wahre Geschichte, 2018

Die Seile in meiner Kindheit waren alle aus Hanf. Mein leichtes Sprungseil, die kräftigen Schaukelseile, die schweren Glockenseile und die dünnen Schnüre zum Binden. Hanf wuchs auf unseren kargen Feldern im Gebirge.

Kirche Cämmerswalde. (1)
Kirche Cämmerswalde. (1)

Ich saß im Geäst der alten, gedrungenen Eberesche, die den Pfarrhof überschattete. Dieser Baum

lud jedes Kind zum Klettern ein, denn er hatte Außwölbungen wie die mächtigen Knie der Kaltblüter, auf die wir unsere nackten Füße stellten, um uns auf den Pferderücken zu schwingen. Ich saß also oben im Baum und blickte die Straße hinunter ins Dorf. Ich sah ein Mädchen kommen, das ich nicht kannte. Es schob ein großes schwarzes Fahrrad bis ans Tor und ging in unser Haus. Es war die Zeit der Sommerferien, deshalb wunderte ich mich nicht, ein fremdes Gesicht zu sehen. Nach einer Weile erschien mein Vater im Hof und schaute zu mir ins Geäst: „Fanny, das ist die Almuth, du kannst sie nach Hause begleiten.“

Ich stieg wie Zachäus vom Baum. „Wo ist sie denn zu Besuch?“, aber mein wortkarger Vater hatte sich schon zum Gehen gewandt und so sagte Almuth: „Ich bin beim Bienen-Willy zu Besuch. Das ist mein Großvater.“

Ich holte mein Fahrrad und wir fuhren das Dorf hinunter. Almuth musste lachen, weil die Räder ganz von allein den Berg hinunter rollten: „Hoch zu euch musste ich meistens schieben, ich habe geschwitzt wie mein Onkel Hugo in der Backstube.“

„Hugo ist dein Onkel?“ fragte ich neugierig.

„Ja, er ist der Bruder meiner Großmutter, also mein Großonkel.“

„Weißt du, dass Hugo der beste Bäcker in der ganzen Gegend ist?“

„Na klar, und er kennt die besten Witze.“

„Und wo wohnt deine Familie?“

„In der Stadt, die mit den drei O.“

„Kenne ich nicht.“

„Korl-Morx-Stodt.“ Almuth wollte sich ausschütten vor lachen.

 

Als wir in das blaue Holzhaus der Großeltern traten, riss Almuth die Tür auf: „Omma!“ Sie sprang auf die halbe Treppe und rief wieder „Omma!- Ich rufe sie immer erst viele Male, weil sie egal sonst wo ist. Im Keller, im Bienenhaus, im Garten.“ Willys Frau Ruth erschien in der Hintertür: „Almuth mach doch nicht immer solches Geschrei!“

„Ich muss aber nach die schreien, weil ich dich am liebsten habe!“ Übermütig fiel sie ihrer Großmutter um den Hals.

„Du bist ein Wildfang!“ sagte die Omma mit einem wehmütigen Lächeln.

„Kann ich mit Fanny schwimmen gehen?“

„Wenn es der Herr Pfarrer erlaubt?“

„Es sind doch Ferien!“, sagte ich brav.

Und so ging ich mit Almuth einen Sommer lang schwimmen und wir wurden beste Freundinnen.

 

Almuth kam ins Pfarrhaus, wo mein Vater sie in christlicher Religion unterrichtete. Die Großmutter wollte gern, dass Almuth getauft würde. Kurz vor der Taufe nahm Almuths Großmutter mich beiseite: „Meine Tochter, die Gisela, will nichts von der Kirche wissen, aber seit ihre Schwester, die Anni, sich was angetan hat, erlaubt sie, dass ich Almuth taufen lasse. Die Anni hat das von ihrer Tante Ella geerbt.“

Später fragte ich Almuth naiv: „Was hat sich denn deine Tante angetan?“

„Das weißt du nicht?“

„Nein!“

„Sie hat sich im Winter aufgehängt, aber meine Mutter redet nicht darüber. Woll‘n wir meinen Cousin besuchen?“ frug sie, wohl um sich selber abzulenken. Er ist schon 18 und spielt göttlich Orgel und hat lange Haare bis zum Gürtel. Er ist total mein Typ, nur unsere Verwandtschaft steht dazwischen.“

„Na, schön, wo wohnt er?“

„Ein paar Dörfer weiter, wir können hintrampen.“

Also trampten die beiden dreizehnjährigen Mädchen durch die Dörfer. Bei ihrer Ankunft gab es großes Hallo und Freude, als wäre alles ganz selbstverständlich.

„Wir müssen bloß mal zu Hause anrufen, dort weiß keiner, wo wir sind“, brachte ich ein wenig verlegen hervor.

„Ihr habt nichts gesagt? Der Willy wird toben.“

„Dann tobt er eben, er tobt sich auch wieder aus“, lachte Almuth. „Wann kommt denn Victor?“

„Der ist mit seiner Freundin nach Ungarn gefahren.“

„Ach, der Victor ist soo blöd!“ Almuth verdrehte die Augen. „Er sollte zu meiner Taufe die Orgel spielen!“ Almuth schien überhaupt nichts schwer zu nehmen.

„Dann spiel ich sie eben.“

„Du? Na du wirst mir was Schönes zusammen orgeln! Victor ist der beste Organist der Welt. Nur er kann es richtig. Wenn du dich verspielst, lade ich dich nicht zum Taufkaffee ein!“ Sie lachte übermütig.

Als wir zurückkehrten, verbot Willy Almuth den Kontakt zu mir. Ich hätte keinen guten Einfluß auf seine Enkelin. Almuth kam am anderen Tag zu mir.

„Er ist am Stausee beim Angeln. Wir könnten ihn besuchen.“ Wir liefen zum See und setzten uns neben Willy, der uns keines Blickes würdigte. So saßen wir einige Stunden wortlos und blickten auf die Wasserfläche, in der sich Tannen spiegelten. Dann stand Almuth auf und sagte: „Opa, das Trampen war meine Idee. Und jetzt kannst du weiter schweigen mit deinen Fischen!“ Und dann musste sie schon wieder unbändig lachen, dass selbst Willy zu grienen anfing.

„Was seid ihr nur für Gören!“, schimpfte er gutmütig.

Cämmerswalde Dorfkirche Taufstein. (2)
Cämmerswalde Dorfkirche Taufstein. (2)

Und am Sonntag stand Almuth mit ihren Großeltern am Taufstein und mein Vater taufte sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und ich spielte die Choräle. „So, nun bin ich Christin! Jetzt kann ich fluchen wie ein Bierkutscher, weil mir alles vergeben wird. Die Engel werden sich totlachen über mich.“

„Almuth, du versündigst dich!“ stöhnte die Großmutter.

Almuth blickte verschwörerisch zu ihr hin: „Geben wir Fanny jetzt Kuchen oder nicht?“

„Zuerst lädst du den Herrn Pfarrer ein“, erwiderte die Großmutter.

„Förmlichkeiten sind soo peinlich“, fand Almuth.

„Los, bringe deinen Vater mit, der kann mit Willy einen Schweigeorden gründen.“ Wir sprangen die Kirchenstiege hinunter und bald fuhr Almuth zurück in die Stadt mit den drei O. Der Herbst kam und kurz bevor das große Stollenbacken im Dorf beginnen sollte, hatte sich Onkel Hugo, unser Bäcker, im Keller den Strick genommen. Ich trug das Kreuz vor dem Leichenzug und dachte immer nur: „Hugo, steh doch wieder auf. Das ganze Dorf braucht dich.“ Aber Hugo stand nicht auf, sondern wurde an dicken Hanfseilen ins Grab gesenkt. Alle waren da, nur die Verwandten aus der Stadt mit den drei O waren nicht erschienen.

Almuth und ich tauschten Briefe, aber wir konnten über die schrecklichen Ereignisse nicht sprechen. Almuth flüchtete sich in ihre Witze. Im nächsten Sommer begruben wir im Dorf unseren Taxifahrer. Sie hatten ihn in seiner Garage gefunden mit einem Strick um den Hals. Auch er war mit Almuths Familie verwandt.

Irgendwann wurden wir erwachsen. Ich zog in die Stadt und Almuth mit ihrem Mann nach Mecklenburg.

Bei einem Besuch im Gebirge traf ich Almuths Großmutter, die tiefschwarze Kleider trug. Ich wagte nicht zu fragen, um wen sie trauerte. Sie sprach es von selbst aus: „Der Victor hat es nicht geschafft.“ Ich weinte mit ihr, obwohl ich Victor nie gesehen hatte.

„Und wie geht es Almuth?“

„Sie hat ein Kinderzimmer eingerichtet, aber es kommt kein Baby.“

Neun Monate später griff Almuth zum Hanf. Solange ich Almuth kannte, hat sie wie süchtig gelacht.

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