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Mitgelaufen

Christoph Werner

Das Buch „Mitgelaufen“ ist nicht wie andere Bücher über das Leben in der DDR. Hier liegt nicht der Fokus auf Mangelwirtschaft, einer allmächtigen Partei und der Staatssicherheit. Der Autor ist auch kein Opfer des Regimes, dem schreckliches widerfahren ist. Er gehört zu der großen Masse derjenigen, die sich als Rädchen im Mechanismus der DDR-Diktatur gedreht haben. Christoph Werner bricht mit seinem Buch das Schweigen der Mitläufer. Er stellt sich seiner eigenen Vergangenheit und dem Wissen, dass er selbst durch seine Zurückhaltung oder auch lautstarke Zustimmung das alte System lange am Leben erhalten hat. Jahrzehnte nach dem Mauerfall eröffnet er damit vor allem der heranwachsenden Generation, welche die DDR nur noch vom Hörensagen kennt, einen ganz neuen Blickwinkel auf ihre Geschichte.

Ohne Anklage und ohne den Versuch der Rechtfertigung wagt er eine kritische Betrachtung aus dem eigenen Erleben und gewährt Einblicke in eine vergangene Zeit.
Möge der Leser nicht mit dem Zeigefinger auf ihn zeigen, sondern sich fragen, wie oft er heute selbst dem Mainstream folgt oder mutig zu sich selbst und seiner Meinung steht.

Ich war in Leipzig allgemein in wehmütiger Stimmung

Ich war in Leipzig allgemein in wehmütiger Stimmung

Sofie von Knorring

Sofia Margareta von Knorring ist als schwedische Romanschriftstellerin des 19. Jahrhunderts bekannt geworden. Sie lebte von 1797 bis 1848. Im Sommer 1846  reiste sie in kleiner Gesellschaft mit der Eisenbahn durch Deutschland. Ihre Reiseerlebnisse hielt sie in Briefen an Ihre Schwester fest. Unter dem Titel "Bref till hemmet under en sommarresa 1846" (Briefe nach Hause während einer Sommerreise) sind diese Zeitzeugnisse dann als Reiselieteratur herausgegeben worden. Der plaudernde Tonfall macht sie noch heute lesenswert und amüsant.

Der 8. Brief (28. Juli) ist zwar aus Dresden adressiert, berichtet aber von der Fahrt nach Leipzig wie den Erlebnissen in der Messestadt. Für die schwedische Reisegruppe waren damals vor allem die Schauplätze des 30-jährigen Krieges von Interesse, aber auch die Erinnerungen an die napoleonischen Kriege. Aber lassen wir Sofie von Knorring selbst zu Wort kommen:

Sofie von Knorring um 1842
Sofie von Knorring um 1842

8. Brief, Dresden, 28. Juli 

Liebste A.!

Hier im herrlichen Dresden mit all seiner Kunst komme ich erst jetzt, da mein Aufenthalt dort zu Ende geht, dazu, an zu Hause zu denken. Auch jetzt habe ich wenig Zeit, denn wir wollen morgen früh um fünf Uhr aufbrechen und Du weißt wohl, wozu wir den Abend nutzen. Wir waren noch nie so abgehetzt wie hier und das aus einem Grund, den Du gleich erfahren wirst; aber der Ordnung halber muss ich mit unserer Abreise aus Berlin und unserem Aufenthalt in Leipzig anfangen.

Zwischen Berlin und letzterer Stadt erlebten wir keine Abenteuer, denn man kann es nicht als Reise-Abenteuer bezeichnen, dass der Zug in Cöthen 20 Minuten Aufenthalt hatte und wir es schafften, Essen zu bestellen und zu bezahlen, aber nicht, es aufzuessen. Wir sahen uns das vortreffliche Hirschschnitzel an, probierten ein wenig und zogen uns dann lachend, so hungrig wie oder noch hungriger als zuvor, wieder in unsere Mauselöcher zurück. Wir und unsere angenehme, liebenswerte schwedische Reisegesellschaft – der Kammerherr H., ein munterer, fröhlicher Mann aus Schonen, und Justizminister N. [1], ein vielseitig gebildeter und pfiffiger Stockholmer – hatten viel Spaß miteinander und ich hätte mich gefreut, wenn sie die gleiche Reiseroute gehabt hätten wie wir, denn wir verstanden uns alle so gut und das ist unter Landsleuten auf einer Reise nicht immer der Fall.

Wir erreichten Leipzig erst am späten Abend und an welchen Sehenswürdigkeiten wir vorbeikamen, kannst Du auf der Eisenbahnkarte sehen. In Leipzig nahmen wir uns Zimmer im Hotel Stadt Rom und hatten es dort ausgezeichnet. Aber – ein solches Unglück! Wir, die wir uns so sehr Regen für unsere heimischen Kartoffeln etc. gewünscht hatten – wir – bekamen ihn nun selbst und das führte dazu, dass wir zwei Damen auf eine vier Stunden lange Fahrt nach Schwedenstein und Lützen verzichteten. Aber alle unsere Herren fuhren hin und kamen sehr zufrieden zurück.

Aber wir ruhten uns aus und ärgerten uns über den Regen, der uns nicht erlaubte, wie geplant eine Rundfahrt durch die schöne Stadt zu machen, die wie in einem großen Garten liegt.

Nein, wir konnten das Stadt Rom den ganzen Vormittag nicht verlassen und waren geringfügig hungrig, als wir endlich am table d’hôte die reichlichste Mahlzeit bekamen, die ich je in einem Hotel verzehrt habe, und das für 15 Groschen, das sind in schwedischer Währung 1 R:dr 18 sk [2]. Wir bekamen: Bouillon, Aalsalat, Krebse, Eier, Oliven etc., Roastbeef mit Kartoffeln und Gurken, Artischocken mit Zunge, Erbsenschoten mit Hammel, Kalbsbries mit weißer Soße, im Ofen gedünsteter Hecht, plumpudding mit heißer Soße, Hirschschnitzel mit mehreren guten Salaten, Zuckerkuchen, Vanilleeis, Keksen, Aprikosen, Birnen und Kirschen. Ich zähle all das nur auf, damit Du vergleichen kannst, was und wie viel man in Stockholm oder anderswo in Schweden für das gleiche Geld bekommt.

Nach diesem vortrefflichen Mittagessen machten wir eine Stadtrundfahrt und es war herrlich. All diese prächtigen alten Häuser und viele neue, die auch sehr hübsch waren, all die Kirchen mit ihren malerischen Türmen, alles inmitten einer grünen Landschaft, die hier und da von der Elster, der Pleiße, der Parthe und Kanälen durchzogen wird – ein ungewöhnlicher und wunderschöner Anblick.

Wir sahen die Brücke, die die Franzosen zur Unzeit sprengten, was ihre Niederlage besiegelte. Außerdem sahen wir (neben vielen anderen schönen und erinnerungswürdigen Dingen) das unglaublich schöne Monument, das man für den jungen Fürsten Josef Poniatowsky [3] errichtet hat – an der Stelle, an der er in die Elster gestürzt ist. Es liegt so schön und ruhig inmitten eines herrlichen Gartens, umgeben von den größten und schönsten Echten Trauerweiden, die ich je gesehen habe. Und es waren wirklich Echte Trauerweiden, denn uns stiegen Tränen in die Augen, als wir sahen, wie ihre grünen Zweige sich über dem Grab des tapferen, stolzen Jünglings wiegten. Wenn man dazu noch bedenkt, dass er zur feindlichen Seite gehörte und man das Denkmal nur aus Achtung und Bewunderung für seinen Heldenmut errichtet hat!

Ich war in Leipzig allgemein in wehmütiger Stimmung. Meine ersten Tränen, meine erste Trauer darüber, etwas verloren zu haben, sind immer mit dem Gedanken an Leipzig verbunden, denn hier fiel ja der Freund meiner Kindheit, mein Seelenverwandter, der junge tapfere Held, dem zu Ehren man das schöne Denkmal in Karlbergs schattigen Wäldern errichtet hat [4]. Ich sah die Stelle, an der er fiel, es war ganz in der Nähe unseres Hotels und in der Nacht, als ich – wie immer – mehr wachlag und phantasierte als schlief, sprach ich mit seinem Geist und erzählte ihm viel darüber, was sich in seinem Heimatland verändert hat – vor allem, dass man heutzutage nie mehr einen tapferen, mutigen Jüngling beweint, der für seine Überzeugung stirbt, denn jetzt schlummern Mut und Tapferkeit und – Überzeugung. Aber – sie erwachen wohl eines Tages wieder!!

Wenn ich mich recht erinnere, reisten wir um 5 Uhr nachmittags aus Leipzig ab und kabbelten uns ein wenig mit einem Herrn, der trotz der Hitze und noch dazu bei Gewitter mitten im Waggon eine Zigarre rauchen wollte, wir sahen, wie der Blitz einschlug und ein ganzes Dorf in Flammen aufgehen ließ, und hörten den Donner, der sogar das höllische Poltern, Pfeifen, Zischen und Fauchen der Lokomotive übertönte. In hundert Jahren, darauf wette ich, wird man die Sache so verfeinert haben, dass der Zug lautlos fährt, und da wäre ich gern dabei, denn meine armen Nerven sind für die Zukunft geschaffen, nicht für die Gegenwart. Ergo: Ich bin meiner Zeit in einer Hinsicht voraus!


[1] Die beiden Herren N. und H. konnten nicht identifiziert werden.
[2] R:dr: riksdaler, sk: skilling. bis 1873 schwedische Währung.
[3] Józef Antoni Poniatowski (1763–1813), polnischer Aristokrat, Fürst, General und Kriegsminister des Herzogtums Warschau.
[4] Der schwedische König Gustav II. Adolf (1594–1632) fiel in der Schlacht bei Lützen.

* * *

Übersetzung und Anmerkungen von Nadine Erler.

Original aus: "Bref till hemmet under en sommarresa 1846", 8. Brief, Dresden, 28. Juli. Sofie M. von Knorring.

 

Ein weiterer Brief S. von Knorrings behandelt die erste Fahrt mit der Dampfeisenbahn oder die Eindrücke aus Berlin.

Alle weiteren Briefe ihrer Reise durch Europa finden Sie auf dem Blog von Nadine Erler  hier

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