Sachsen-Lese

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Die Sachsen erzählen gern und viel manches mag man gar nicht glauben. Doch faszinierten Generationen die Geschichten eines der berühmtesten Sachsen der Welt:Karl May. Auch andere phantastische Schriftsteller und Schriftstellerinnen kennt das Land, wie Lene Voigt, die Ikone der sächsischen Mundartdichtung, und bedeutende Schauspieler, wie Gert Fröbe. Viele legendäre Erzählungen aus dem Sachsenland gibt es: So lebten Romeo und Julia auf dem sächsischen Dorfe Altsellerhausen. Sächsische Könige liebten und verdammten. Andere gruben Schätze aus dem Boden. Riesen kamen, Zwerge gingen. Faust ritt auf einem Fass in Leipzigs bekanntester Gaststätte Auerbachs Keller.

MORITZBURGER GOLD

MORITZBURGER GOLD

Henner Kotte

Eine Rezeptreportage

Unser König hat sein Moritzburg immer geliebt. (1)
Unser König hat sein Moritzburg immer geliebt. (1)

Na, dann wollen wir mal, sagt Frau Wirtin Hetti und reicht mir einen Eimer. Ich hatte mit diesem schnellen Aufbruch gar nicht gerechnet, zwang mich doch nur ein vorheriges Unwetter ins Lokal rein und Hunger. Klein und bescheiden steht der Gasthof an der Ortsdurchfahrt und des Abends kommen dahin die Männer zum Skat. Wütend über Unwetter und Dorfkneipe bestellte ich einen Schnaps und verlangte die Karte. Der Spieltisch prostete mir freundlich herüber, ich lächelte nicht.Provinznest, dachte ich, bis ich die Speisekarte durchblickte, die mir Frau Wirtin Hetti darreichte.Als Spezialität des Hauses fand ich Moritzburger Gold aufgezeichnet. Watt`n das, fragte ich. Ein Fischgericht her vom Schlosse, antwortete Frau Wirtin Hetti, und ihre Züge glätteten sich, als ich mich nach der Rezeptur noch erkundigte. Aber, so sagte sie, so einfach ist dies wiederum nicht, ich werde ihnen die Geschichte erzählen. Und so begeben wir uns jetzt vor dem Essen noch hin zum Moritzburger Schlossteich, an dem alles begann vor Jahren. Vor Jahren, sagt Hetti, vor Jahren. Und mir scheint, dass Hetti ein wenig dieser Zeit nachtrauert.Das Unwetter hat sich hinweggezogen und strahlend versinkt die Abend gerötete Sonne hinter dem Wald. Es wird viel hier gewandert auf geschichtlichen Spuren, sagt Frau Wirtin Hetti, unser König hat sein Moritzburg immer geliebt. Viele kommen und begeben sich auf seine Wege und jagen das Wild. Aber viele der Spuren sind verwischt, fort, nicht konserviert, auf ihnen eben kann keiner mehr wandeln, einfach weil sie nicht einer mehr kennt. Nein, die Geschichte des Moritzburger Goldes darf nicht der Vergessenheit anheim fallen, versichere ich, ich werde die Rezeptur dieser famosen Spezialität aufzeichnen. Deswegen wandern wir ja, sage ich hin zur Frau Wirtin Hetti. Aber Frau Wirtin Hetti schweigt und schaut zur Gold dunklen Sonne.

Und nur kurz erhaschte Alfrun einen Augenblick hin zum Thronfolger. (2)
Und nur kurz erhaschte Alfrun einen Augenblick hin zum Thronfolger. (2)

Vor Jahren, seufzt sie, vor Jahren, vor Jahren.Frau Wirtin Hetti bleibt immer mal stehn wieder, und ich vermute, gesundheitliche Gründe können nicht dafür stehen. Vielleicht hofft auch sie wie Jungfer Alfrun vor Jahren, Gold, irgend Gold im Walde zu finden. Alfrun war hin zur edelschönen Jungfer gereift, aber ansonsten fehlte jegliches Kapital ihr. Die Eltern waren sehr arm, ihrer Hände viele Arbeit nährte nicht die große Familie.Und Alfrun als älteste musste mittun, Pilze aufspüren, Beeren absammeln, Holz für den Ofenheimbringen, dass er Geschwister und Eltern wärme. Nun war ein jegliches Entwenden aus kurfürstlichen Wäldern verboten, Alfrun wusste dies, die Eltern hatten sie mehrfach und stets immer wieder darauf verwiesen. Doch auf Alfruns mitgebrachtes Zubrot aus dem Verbotenen konnten sie nicht verzichten. Manches Mal gar, schickten sie eines der Geschwister hinterdrein, auf dass sie noch mehr heimtragen können. Und es blieb nicht aus, was kommen musste. Jungfer Alfrun saß sinnend am Teiche und blickte hinüber zum Schlosse mit seinen Zinnen. Das nun war allerstrengstens untersagt allen Sachsen, nicht gern zeigte sich die königliche Familie privat. Und Jungfer Alfrun erblickte ihn, ihren Prinzen. Auf weißen Rosse preschte er aus dem Tore. Jungfer Alfrun bemerkte mit Bangen, dass der Prinz hin den Weg nah an ihr vorbei einschlug. Sie musste sich bergen in hohem Gebüsch, sollte er sie nicht bemerken. Und das durfte er, denn drohte doch bei Entdeckung Strafe und Folter, gar grässlicher Tod. Jungfer Alfrun schob sich Haselnusszweige und Blätter von Schilf vor das liebwürdige Antlitz und blickte verzagt auf alles Kommende. Der Prinz ritt stürmend vorbei, und nur kurz erhaschte Alfrun einen Augenblick hin zum Thronfolger. Aber dieses eine huschende Sehen, hat es getan, Jungfer Alfrun hatte sich unsterblich in diesen reitenden Jüngling verliebt. Und als hätten beider Herzen gesprochen, blickte der Prinz noch einmal zurück, konnte aber die Alfrun nirgendwo entdecken. Das Schilf barg sie gut.Vor Jahren, seufzt Frau Wirtin Hetti, vor Jahren hat Jungfer Alfrun an jenem Platz hier gesessen.Es ist eine kleine Bucht des Teiches immer vom Schilf umwachsen. Und über das Wasser hinzeigt meine Rezeptführerin die malerische Sicht zum Schloss auf der Insel. Wir setzen uns hin auf einen Stein und Frau Wirtin Hetti weist mit der Hand auf die kleinen Pflänzchen dorten im Nass.Das sind Wasserlinsen, sagt Frau Wirtin Hetti, und beim Anblick dieser Wasserlinsen hat Jungfer Alfrun gedacht: Wäret all ihr Linsen doch Gold, denn mit all dem Golde wäre ich reich, und könnte meinem Prinzen hin vor das liebliche Auge wohl treten. Aber ach, seufzte Alfrun, ach, ach, ich bin arm, und den Prinzen werde ich niemals mehr wiedersehen. Und auch Frau Wirtin Hetti seufzt so beim Anblick der kleinen Pflänzchen im Teich.

Seit diesem Geschehen werden in Moritzburg Karpfen gezüchtet. (3)
Seit diesem Geschehen werden in Moritzburg Karpfen gezüchtet. (3)


Und da springt ein Fisch hoch im Wasser, und mir scheint, als würde er zu uns hinblicken. Wart noch ein Weilchen, wart noch, höre ich sagen, und Frau Wirtin Hetti spricht weiter von Jungfer Alfrun, der unglücklich Verliebten. Wie wir saß Alfrun auf diesem Stein und wusste nicht weiter, denn Wasserlinsen sind niemals nicht Gold. Vor Jahren, vor Jahren sprang vor Jungfer Alfrun der Fisch aus dem Wasser und raunte ihr die Worte ans Ufer: Wart noch ein Weilchen, wart noch. Ich hatte sie eben aus Frau Wirtin Hettis Munde gehört, oder nicht? Alfrun wusste nicht, ob sie träumte, aber woher sie auch die Stimme hörte, sie wartete wirklich. Und der Prinz kam zurück ohne Gefolge, auch ihn hatte eine Ahnung befallen und er fand keine Ruhe. Dann sah er sie, die wunderschöne Jungfer auf diesem Stein. Er sprang vom Pferde, nahm die bebende Alfrun an beiden Händen und sagte Jungfer, ich werde dich freien. Noch ein Weilchen hielten sie sich bei den Händen, und Alfrun berichtete vom törichten Wunsche des Linsengoldes und den Worten des Fisches. Sie scherzten und lachten, hatten beide ihr Glück gefunden. Später ritten sie zusammen ins Schloss. Noch einen Blick zurück auf den Teich warf das Mädchen. Und nochmals sprang ein Fisch aus dem Wasser, vielleicht wedelte er gar mit seinem Schwanze. Oh danke liebes, liebstes Fischlein, ich werde dich immer in Ehren halten, spach Jungfer Alfrun. Sie ehrte sie wirklich und ward auch dem Land eine gute Regentin.Seit diesem Geschehen, berichtet Frau Wirtin Hetti nun weiter, werden in Moritzburg Karpfen gezüchtet. Aber vor Jahren, als Königin Alfrun noch lebte, durften sie niemals gespeist werden. Nach Alfruns Tod aber saß der König trauernd am Orte ihrer ersten Begegnung und gedachte vergangener Zeiten. Da plötzlich sprang ihm ein Fisch in den Schoß. Ich habe lange gewartet, sagte der Fisch, und ich wollte die Ehre von Königin Alfrun genießen, auch ich liebte sie, aber nun iss mich, ohne euer tägliches Glück vermag ich nicht mehr zu leben. Der König verwahrte sich ernsthaft, seines Glückes Schmied kann man nicht essen. Aber der Fisch bestand auf dem Wunsche, und dadurch wäre ein bisschen von eurem Glück wieder bei Euch, mein König, meinte er noch. Schweren Herzens trug ihn der König zu seinen Köchen. Briet nun der Fisch schon, so sollten ihm Wasserlinsen an die Seite gegeben werden. Denn der Wunsch Alfruns, dass sie zu Goldwürden, war der Beginn ihres Warten und somit ihrer Liebe gewesen. Und deshalb, mein Freund,ist das Moritzburger Gold gebratener Karpfen mit Linsen.

Und ein prächtiger Karpfen springt wirklich hinein...(4)
Und ein prächtiger Karpfen springt wirklich hinein...(4)

So oft der König an dieser Stelle weilte,stets sprang ihm ein prächtiger Karpfen hin in den Schoß, und der König kam täglich. Ja, und nun werden wir unsere Zutaten holen, spricht Frau Wirtin Hetti und schöpft mit dem Eimer das Wasser und breitet danach ihr Kleid wie Sternthaler aus jetzt am Seeufer. Und ein prächtiger Karpfen springt ihr wirklich hinein, Frau Wirtin Hetti streichelt ihn kurz und sagt, das tun die Karpfen nur an dieser einzigen Stelle des Teiches. Und sie tun es auch nur bei den Leuten, die die Geschichte wohl kennen und sie ehrend im Gedächtnis bewahren. Und nun geht es heim, junger Freund. Frau Wirtin Hetti ist bereits weit mir voraus, ich bemühe mich, nicht allzu viel vom kostbaren Seewasserüberschwappen zu lassen. Und trotzdem sind meine Hosenbeine nass, als ich ankomme.Für eine Portion verwendet man 120 Gramm Linsen, sagt Frau Wirtin Hetti dann in der Küche. Die Linsen werden am Tage vorher im Seewasser geweicht. Ich habe stets hier bei mir einen Eimer voll stehen, und du stellst den deinen gleich hinter die Spüle. Diese Wasserlinsen köcheln wir mit angedünsteten Zwiebeln, bis sie gar, aber noch bissfest wohl sind. Dann fügen wir dem königlichen Gericht Schlagsahne zu, was sein muss, muss sein, die Schlagsahne lassen wir einkochen. Das alles würzen wir mit Salz, frischem Pfeffer und einem Schuss Essig. Und über unsere Linsen geben wir Schnittlauch, ein Grün, das an die wirklichen Wasserlinsen erinnert. Auf der anderen Flamme hat Frau Wirtin Hetti bereits den ausgenommenen Karpfen gebraten, sie hat das Filet gewürzt und im Mehle gewendet. Es ist golden und knusprig gebraten, Moritzburger Gold eben. Zusammen mit den Linsen richtet sie beides auf einem Teller mit Goldrand. Eine wahrlich sehr güldene Speise. Dazu reicht Frau Wirtin Hetti nun einen Weißwein aus Meißen. Und finden sie nicht, dass auch er golden glänzt? Und jetzt, junger Freund, essen sie im Angedenken der seligen Alfrun und ihrem Prinzen, wohl bekomm`s. Aber Frau Wirtin Hetti, wag ich zu fragen, sie glauben doch nicht ernstlich, dass ein bitterarmes Kind einen König zum Mann kriegt. Das ist doch ein Märchen. Na, na, junger Freund, Königshäuser sagen nicht alles jedem, wissen sie, lächelt Frau Wirtin Hetti, wissen sie, ob Lady Diana wirklich von fürstlichem Blut war?

Bildnachweis

Abb. 1: Deutsche Fotothek

Kopfbild und Abb. 4: W. Brekle

Abb. 2 und 3: aus Wikimedia, gemeinfrei

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