Wenn ich im Winter die Farbe Rot malen möchte, aquarelliere ich meist einige Blüten der Kamelie in Pillnitz. In diesem Jahr kam es anders. Ich malte Anfang Februar 2026 zwar auch die roten Gesichter der Camellia japonica L., doch am 17. Februar entstand ein Bild vom Mars. Das Aquarell mit dem rötlichen Planeten malte ich, weil ich das Buch „Die Farben des Universums“ von Florian Freistetter zu lesen begann. Der Autor studierte in Wien Astronomie. Ihm liegt es am Herzen, das moderne Wissen über Planeten, Sterne und Galaxien in die Öffentlichkeit zu tragen. Seit Jahren schreibt er den Astronomie-Blog „Astrodicticum simplex“.
Für sein Buch hatte Freistetter eine großartige Startidee. Er nahm sich den Farbkreis, den Johann Wolfgang von Goethe in sein Werk „Zur Farbenlehre“ (1810) aufgenommen hatte. Dieser Farbkreis besteht aus sechs Farben. Freistetter fragte sich: Was lässt sich im Detail erzählen, wenn ich mein Buch über das Weltall in die sechs Kapitel Rot, Gelb, Orange, Grün, Blau und Violett unterteile und mein Wissen zur Atom- und Astrophysik auf eine verständliche Weise hineinschreibe? Das Ergebnis ist ein kleines Meisterwerk über die Farben des Regenbogens und der Polarlichter, der Planeten und der Sonne, der Galaxien und ihrer kosmischen Expansion geworden. Ich tauchte als malender Leser in dieses Buch ein, um als lesender Maler wieder aus ihm hervorzutauchen. Goethes Farbkreis und Newtons Prisma hatte ich schon am 03. Februar 2026 gemalt, bevor das Buch vom Verlag eingetroffen war. Ich konnte es gar nicht erwarten, die Publikation über die Farbigkeit des Universums in Händen zu halten und lesen zu können. In dem Buch wird durchweg auf Bilder verzichtet. Aber der Autor schreibt sehr anschaulich und voller Sprachbilder. Von seinem Buch geht ein starker Impuls zum Malen aus. Am 19. Februar versuchte ich, ein grünes Polarlicht zu aquarellieren. Am 20. Februar entwarf ich eine Skizze von der Galaxie, in der wir mit unserer Sonne und mit der Erde zu Hause sind. Parallel dazu las ich in dem Astro-Buch Farbkapitel für Farbkapitel. Dabei erinnerte mich an meine Jugendzeit, weil ich mit viel Vergnügen vom Großen Wagen über die Kassiopeia bis zum Orion wenigstens die wichtigsten Sternbilder gelernt habe.
Der Sonnenstrahl, den Isaac Newton im Jahr 1666 in einem Haus im englischen Dorf Woolsthorpe-by-Colsterworth in seine dunkle Kammer und auf ein Prisma fallen ließ, war nicht gelb, sondern weiß. Das Instrument aus Glas zerlegte das weiße Licht in die sechs Regenbogenfarben. (S. 184.) Obwohl Goethe es nicht wahrhaben wollte, war er bei seinem sechsteiligen Farbkreis ganz bei Newton, dem es gelungen war, durch sein Prisma das weiße Licht der Sonne in die einzelnen Farbelemente aufzufächern. Die oberste Farbe des Regenbogens ist das Rot. Das Kapitel „Rot“ beginnt in dem Buch über „Die Farben des Universums“ mit dem Mars, dem Eisenplaneten, der Rost angesetzt hat. Das Kapitel „Gelb“ fängt Freistetter mit Kinderzeichnungen von der Sonne an. Kinder malen die Sonne als einen großen gelben Stern mit gelben Strahlen. Das hat sich weltweit als kulturelle Norm bewährt und eingebürgert. Es ist aber bei genauerem Hinsehen und im Dialog mit Newton zu lernen, „dass unsere Sonne weiß leuchtet“. (S. 53.) Meine Lieblingsgeschichte fand ich im Kapitel „Grün“. Die Geschichte handelt von Galaxien, die sich von unserer Spiralgalaxie sehr unterscheiden. Ihre Entdeckung begann am 28. Juli 2007. Eine Teilnehmerin des Internetforums „Galaxy Zoo“ berichtete davon, dass sie über das Bild einer kleinen, unscheinbaren grünen Galaxie gestolpert sei. (S. 126.) Bei dieser Aktion wurden durch freiwillige Liebhaber der Astronomie die Daten von Hunderttausenden Sternen und Galaxien durchgesehen. Eigentlich ging es nur um die eine Frage: Sehe ich eine Elliptische Galaxie (sie sind alt und rot) oder sehe ich eine Spiralgalaxie (sie sind jung und blau)? Nun tauchte aber in den Daten das paradoxe Grün auf. Eine weitere Teilnehmerin des Forums taufte die grünen Gebilde auf den Namen „Green Peas“, auf „grüne Erbsen“. Die Initiatoren der Suchaktion wurden aktiv. Sie gingen nun auch selber den Hinweisen auf das rätselhafte Grün nach. Es stellte sich heraus, dass es sich bei den „grünen Erbsen“ um Zwerggalaxien handelt. Sie sind nur ein Zehntel so groß wie unsere Milchstraße. (S. 127.) Die Erbsengalaxien erzeugen, wie Florian Freistetter weiter berichtet, sehr viele junge Sterne, die Gaswolken zum Leuchten bringen. Das grüne Licht entsteht durch ionisierte Sauerstoffatome. Das letzte der sechs Farbkapitel handelt von „Violett“. Es beginnt mit den Polarlichtern. Diese spektakulären Leuchterscheinungen entstehen durch die Wechselwirkung von Sonnenwind und Magnetfeld der Erde. Polarlichter erstrahlen nicht nur in Grün, wie ich sie am 19. Februar aquarelliert habe, sondern auch in Violett.
Aber nun zurück in das Kapitel „Rot“ mit dem Kriegsgott Mars. Seine Farbe resultiert aus einer Variante des Eisenoxids, die sich von dem Rost eines alten Nagels auf der Erde unterscheidet. Der Mars dürfte, so erläutert Florian Freistetter, „im Laufe von Jahrmillionen langsam durch Wind und nicht durch Wasser verrostet sein“. (S. 13.) Im ersten Kapitel wird aber auch von dem Roten Riesen Antares im Sternbild Skorpion berichtet. Die Bezeichnung „Überriese“ für ihn deutet darauf hin, dass dieser Stern im Vergleich zur Sonne eine enorme Größe hat. Das Rot des Antares ist nicht allein Ästhetik, sondern auch Physik. Die Färbung der Gaskugeln in den Weiten des Universums gibt generell Auskunft über die Geheimnisse im Innern der Sterne. Das Licht, die Farbe, das Leuchten der Sterne eröffnet der Astrophysik einen Schlüssel für das Verständnis der Fusionsprozesse im Innern. Die Kernreaktionen wiederum sind immer auch ein Ausdruck der Lebensgeschichte dieser kosmischen Objekte. Auch Sonnen entstehen und vergehen. Vincent van Gogh hat die gelblichen Lichtpunkte am Nachthimmel in seinem Werk „Sternennacht“ (1889) über den dunklen, blauen Bergen so porträtiert, dass sie nicht wie langweilige Kleckse aussehen. In seinem Nachthimmel ist etwas los. Da geht es hoch her. Vincent zog mit seinem Pinsel Kurven und Kreise in die Nacht. Am 19. Februar 2026 malte ich meine gelben Sterne am Himmel auch umringt von blauen Pinselstrichen. In seinem Buch über die Farben des Universums schildert Freistetter die Sterne als Ereignisse, als Akteure eines physikalischen Geschehens; im Grunde beschreibt er sie als Lebewesen, obwohl sich nicht aus Fleisch und Blut und nicht aus Genen und aus Zellen bestehen.
Die Sterne am Nachthimmel sind keine langweiligen Lichtpunkte. Ich würde nicht nur sagen, dass wir es bei den Sternen mit „physikalischen Objekten“ zu tun haben. (S. 33.) Denn Sterne sind Subjekte; sie sind Subjekte ihrer Strahlung. Sternen-Sein ist ein Sein im Vollzug, in Aktion, in Freiheit. Den Startschuss, um der Lebhaftigkeit des Lichts durch Astrophysik auf die Spur zu kommen, gab Newton im Jahr 1666. Sein Prisma zeigt uns nicht nur die Regenbogenfarben, sondern öffnet uns auch ein Fenster zur Sonne. Sterne sind gewaltige Strahler und ihre Strahlung steckt voller Informationen. Auf dem Weg hin zur Deutung und Ausmessung des Sternenlichts leistete Joseph Fraunhofer einen großen Beitrag. Fraunhofer entdeckte die dunklen Linien erst im Spektrum des Sonnenlichts. Er fand sie aber auch im Licht von anderen Sternen wie dem Sirius – im Sternbild „Großer Hund“ - oder der Beteigeuze – Schulterstern im Sternbild „Orion“. (S. 33.) Aus den hellen Punkten über unseren Köpfen wurden bereits im 19. Jahrhundert wichtige Aktivitätszentren der kosmischen Natur, weil entdeckt wurde, dass jedes chemische Element in seinem Spektrum ein charakteristisches Muster an Fraunhoferschen Linien erzeugt. Jedes Atom vom Wasserstoff über den Sauerstoff bis zum Plutonium hat einen eigenen Strichcode. Aber auch jeder Stern verfügt über Individualität, weil er ein je besonderes Spektrum besitzt. Im Kapitel „Rot“ porträtiert Florian Freistetter nicht nur den Mars. Wir lernen ebenfalls den Roten Überriesen Antares – im Sternbild Skorpion in der Nähe des Zentrums unserer Milchstraße - kennen, der 600 Lichtjahre von uns weg ist. Seine rote Farbe wird als ein Hinweis auf die Intensität der Kernreaktionen in seinem Innern, auf seine enorme Größe und auf seine gewaltige Masse gedeutet. (S. 29.) Auf der Spur der Farbe Rot kommen wir aber nicht nur in unserem Sonnensystem beim Planeten Mars und in unserer Milchstraße beim Überriesen Antares vorbei, sondern auch der Geniestreich des Edwin Hubble gehört in das erste Kapitel. Hubble arbeitete 1924 in Kalifornien an der Mount-Wilson Sternwarte mit einem Teleskop, das einen Spiegeldurchmesser von 2, 5 Metern hatte. Das größte Instrument seiner Zeit. Hubble beobachtete einzelne Sterne im Andromedanebel. Durch ihr Verhalten fand er heraus, dass der Andromedanebel kein Teil der Milchstraße ist, wie bislang angenommen worden war. Andromeda war Millionen von Lichtjahren entfernt und musste eine eigene Galaxie sein. Am 20. Februar habe ich unsere Milchstraße aquarelliert. Im Zentrum befindet sich ein Schwarzes Loch, das von Gaswolken umgeben ist. Der Blick von draußen auf unsere Milchstraße setzt das von Hubble erarbeitete Wissen über unser Universum voraus. Als Hubble seine Ergebnisse am 1. Januar 1925 veröffentlichte, war „das Universum auf einen Schlag absurd viel größer geworden“. (S. 49.) Aber das war nicht schon alles. Hubble veröffentlichte im Jahr 1929 auch seine anschließende Analyse der Bewegung der Galaxien. Er fand heraus: Die Galaxien bewegen sich umso schneller von uns weg, je weiter sie von uns entfernt sind. Damit kommt wieder Farbe ins Spiel. Florian Freistetter über den Geniestreich von Hubble auf dem Kreis der sechs Farben: „Das Licht aller fernen Galaxien war in Richtung Rot verschoben.“ (S. 50.)
Meine beiden Aquarelle Newtons Prisma und Goethes Farbkreis malte ich Anfang Februar 2026. Ich dachte bei ihnen auch an Werner Heisenberg. Der Leipziger Nobelpreisträger hielt am 05. Mai 1941 in Budapest einen Vortrag zu dem Thema „Die Goethesche und die Newtonsche Farbenlehre im Lichte der modernen Physik“. In seinem Vortrag besprach Heisenberg sowohl Newtons Beweis, dass das weiße Licht zusammengesetzt ist, als auch den sechsteiligen Kreis der Farben von Goethe. Das Buch der Farben von Florian Freistetter lese ich als einen großen Essay in der Tradition von Heisenberg, der viel über die Farben nachgedacht hat und der wusste, dass sie sich nicht auf elektromagnetische Wellen reduzieren, sondern auch die Musik der Malerei bilden.
24. Februar 2026
Literatur:
Florian Freistetter: Die Farben des Universums. Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, München 2026. 255 Seiten. 24 Euro.
Astronomie-Blog von Florian Freistetter
vgl. den Link: https://astrodicticum-simplex.at/
Aquarelle im Format 19 cm x 14,5 cm:
Newtons Prisma vom 03. Februar 2026.
Vgl. den Link: https://www.instagram.com/p/DUVD0WbguVl/
Goethes Farbkreis vom 03. Februar 2026.
Vgl. den Link: https://www.instagram.com/p/DUVE0rpgjs7/
Mars, der rostige Planet vom 17. Februar 2026.
Vgl. den Link: https://www.instagram.com/p/DU9F94viHaq/
Polarlicht vom 19. Februar 2026.
Vgl. den Link: https://www.instagram.com/p/DU_wZ-QAp6m/
Sternphantasien vom 19. Februar 2026.
Vgl. den Link: https://www.instagram.com/p/DVB-ySwAnN-/
Unsere Milchstraße vom 20. Februar 2026.
Vgl. den Link: https://www.instagram.com/p/DVF-AtvApc6/
Bildnachweis
Alle Abb. sind aus Wikimedia übernommen.
Kopfbild: österreichischer Astronom, Buchautor Florian Freistetter. Quelle:
Urheber: Fotograf: Simon Kumm
(1)
Blüten der Pillnitzer Kamelie. Urheber: Linear77
(2)
Zur Farbenlehre. Farbenkreis, aquarellierte Federzeichnung von Goethe, 1809, Original: Freies Deutsches Hochstift – Frankfurter Goethe-Museum
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Newton, Isaac Urheber: Muxtca maruan
(4)
Sternennacht. Gemälde von Vincent Willem van Gogh (1853-1890)
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Edwin Hubble (1889-1953)
(6)
Werner Karl Heisenberg (1901 – 1976). Quelle: MacTutor