Sachsen-Lese

Gehe zu Navigation | Seiteninhalt
Sachsen-Lese
Unser Leseangebot

Berndt Seite

N wie Ninive
Erzählungen

In metaphorisch einprägsamen Stil  werden verschiedene Schicksale erzählt, die ihren Haupthelden alles abverlangen, sie an ihre Grenzen bringen. Bei der Frage nach der Schuld, nach Gerechtigkeit und Gott verstricken sich Zukunft und Vergangenheit. 

"Er hat einen eigenen Ton, ein bisschen mecklenburgisch erdenschwer, aber dann auch wieder sehr poetisch"

Frankfurter Allgemeine 07.10.2014 Nr. 232 S. 10 

Malen mit Linné –  im Botanischen Garten Oberholz

Malen mit Linné – im Botanischen Garten Oberholz

Dr. Konrad Lindner

1. Reges Treiben in Oberholz

Bildersumme am 28.05.2022.
Bildersumme am 28.05.2022.

Seit Pfingsmontag erlebte ich einen Farbrausch. Ich erprobte Pflanzenfarben. Hergestellt aus Blüten und Beeren. Unter Anleitung von Heike Schüürmann, die den Botanischen Garten in Oberholz leitet. Am 28. Mai 2022 hatten wir in einem Gewächshaus gemeinsam einen Workshop durchführt mit dem Titel "Malen mit Linné". Ich steuerte ausgehend von meiner Reportagereise nach Uppsala aus Anlass des 300. Geburtstages von Linné im Jahr 2007 einen Vortrag über Carl von Linné bei. Der Arzt und Naturforscher hatte am 23. Mai 2022 seinen 315. Geburtstag. Meine Anliegen war es, den schwedischen Naturkundler als den "Newton des Grashalms" zu würdigen, der die Botanik zur Wissenschaft und den Botanischen Garten zum Praxisfeld einer globalen und analytischen Erforschung der Pflanzen erhoben hatte. Aber auch um Farben ging es in dem Vortrag. Ich fahndete nach den Farbnamen, die sich in den zweiteiligen lateinischen Benennungen der Pflanzen finden, die Linné für die Blütenpflanzen der Erde eingeführt hat. Ich suchte unter den Pflanzennamen im Herbarium des Linné, das in London in der Linnean Society aufbewahrt wird und im Internet weltweit zugänglich ist, nach den Farbnamen Caerulus und Cyanus für Blautöne, Flavus und Luteus für Gelbtöne sowie Ruber und Purpureus für Rottöne. Während ich bei diesen einführenden Ausführungen den Farbkreis von Johannes Itten mit dem Dreick in Blau, Gelb und Rot im Kopf hatte, packte Heike Schüürmann – ähnlich wie der Machertyp Linné - das Farbthema im weiteren Verlauf des Workshops von der praktischen Seite an.

2. Pflanzen produzieren Farben

Palette Blütenfarben.
Palette Blütenfarben.

Aus Blütenblättern und Beeren wurden angeleitet von Heike Schüürmann reale Farben hergestellt, die anschließend in kleinen Skizzen getestet werden konnten. Die Biologin hat einst an der Universität Tübingen studiert. Sie hat sich aber auch eine solide Erfahrung und handfeste Kompetenz in der Pflanzen- und Farbchemie erarbeitet. In vielen ihrer Bildungsveranstaltungen in Oberholz geht es ihr nun aber auch darum – gerade auch in Kursen mit Kindern -, die in den Pflanzen verborgenen Farbschätze zu bergen. Eine kniffliges Gewerbe, das in der Menschheitsgeschichte eine lange Tradition hat. Zum Beispiel ist die Indigopflanze eine bekannte und alte Lieferantin von blauem Farbstoff. Pflanzen produzieren ebenfalls gelbe und rote Farbstoffe. Am 28. Mai 2022 wurden zunächst draußen im Garten Eimerchen mit Blütenblättern – zum Beispiel von Geranien und von Klatschmohn – gefüllt. Der nächste Arbeitsgang bestand darin, die Blätter zu zerzupfen und zum Kochen vorzubereiten. Auch Spinat wurde gemörsert. Nicht zuletzt Rote Beete wurden geraspelt und ausgepresst. Das rege Treiben einer neunköpfigen Teilnehmergruppe, die sich für das Thema "Malen mit Linné" interessierte, richtete sich darauf, die verschiedenen pflanzlichen Bestandteile zum Aufkochen vorzubereiten. Heike Schüürmann holte aber auch den Saft von Aroniabeeren und anderen Früchten herbei, den sie im Vorjahr hergestellt und eingefroren hatte. Bald ging es an die Kochtöpfe und die Zubereitung der Pflanzenfarben begann. Im Ergebnis der Aktion füllten sich auf dem großen Tisch fast 30 Glasschälchen mit Farben. Es blieb noch etwas Zeit, erste Skizzen mit dem Pinsel zu erproben. Da waren die drei Stunden des Workshops aus Anlass des Geburtstages des Vaters der zweiteiligen lateinischen Benennung der Pflanzen am letzten Samstag im Mai auch schon wie im Fluge vorübergegangen. Am Ende lagen 18 schwungvolle und originelle farbige Arbeiten auf dem Boden.

3. Farbexperimente mit dem Pinsel

Margeriten.
Margeriten.

Der erste Streich im Dialog mit Linné war geschafft. Aber ein zweiter sollte sich anschließen. Pfingssonntag fuhr ich erneut nach Oberholz in den Botanischen Garten. Jetzt holte Heike Schüürmann sechzehn Becher mit eingefroreren Farben vom 28. Mai aus dem Kühlschrank. Immerhin war die Zeit zum Malen im Workshop sehr kurz. Zum Aquarellieren benötigt man Ruhe und sehr viel Geduld sowie viele, viele Stunden. Voller Erwartung begann ich Pfingstmontag zu Hause damit, die Farben einer Palette aus sechzehn Näpfen weiter zu erproben. Auch wenn bekannt ist, dass die Pflanzenfarben nach Wochen oder Monaten Schritt für Schritt verblassen, weil bei der Herstellung in Oberholz im Unterschied zur Farbenindustrie keine Konservierungsstoffe beigegeben worden sind, ging es um einen wichtigen Testlauf. Im Zuge des Arbeisthemas "Malen mit Linné" sollte mit dem Pinsel in einem neuen Schritt praktisch geprüft werden, inwieweit sich Farben aus Pflanzen dazu eignen, vor allem Blumen, aber auch andere Motive zu aquarellieren. Die erste Karte wurde eine kleine Farblandkarte. Jeder der sechzehn Becher vor mir auf dem Tisch erhielt auf dem Karton eine eigene Blüte. Auf diese Weise konnte ich bei den Farben aus jedem einzelnen Becher beobachten, wie die verschiedenen Farben den Untergrund einfärben. Nun wusste ich, was ich aus der Sicht des Aquarellisten in den einzelnen Bechern drinzustecken habe und wie diese Farben mit meinem Malkarton interagieren. Die erste Karte war ein dekorativer Farbmusterkatalog, der die Weiterarbeit an realen Malmotiven erleichtert hat.

4. Erregendes Malerleben

Mohnleuchten.
Mohnleuchten.

Die ersten Aquarelle vom Pfingstmontag, die Mohn und Kornblumen sowie Mohn und Margerite zeigen, erlebte ich vor allem durch das kraftvolle Rot als ein erregendes Geschehen. Ein Farbrauscherlebnis erster Klasse. Ein unbeschreibliches Erstaunen über die Wucht der Pflanzenfarben. Seit Jahren arbeite ich beim Aquarellieren gern und erfolgreich mit Schmincke-Farben aus der Tube. Die Leuchtkraft dieser Farben ist beträchtlich. Aber das, was ich beim Pflanzenfarbentesten seit Pfingstmontag erlebte, stellt das bisherige Farberleben in den Schatten. Der Farbrausch war heftiger als zuvor, obwohl die Schmincke-Farben aus dem Traditionsunternehmen in Erkrath bei Düsseldorf hervorragend und bezaubernd sind. In diesem Jahr konnte ich den ersten Mohn in meiner Umgebung am 16. Mai fotografieren. Als ich Pfingstmontag nun aber den Klatschmohn mit Kornblumen aus den Pflanzenfarben entstehen ließ, die in Oberholz hergestellt worden waren, hatte ich ein Mohnerlebnis der besonderen Art. Das kräftige und warme Rot empfand ich als eine berührendes Farbgeschenk. Eine starke Farbmelodie erklang. Aber das Rot, das auf dem dicken Karton zum Mohnrot wurde, stammte nicht etwa aus den Blüten des Klatschmohns, die wir am 28. Mai 2022 im Botanischen Garten gepflückt hatten. Die Mohnblüten behielten bei der Zubereitung der Farben ihr Rot nicht bei. Im Gegenteil; sie gingen in einen viel dunkleren Farbton über. Bei der Farbherstellung wandelte sich das Blütenrot des Mohns in einen Farbton, der einem bläulichen Lila nahekommt.

Osterglocken.
Osterglocken.

Das Mohnrot in den Aquarellen geht auf die Roten Geranien zurück. Das starke Gelb im Hintergrund der Aquarelle wiederum führt auf die Studentenblumen, auf Targetes zurück. Auch die Glocken der Narzissen im Aquarell erstrahlen in einem Targetes-Gelb. Nicht zuletzt der Löwenzahn oder die Hundeblume oder die Kuhblume oder die Pusteblume auf dem Malkarton – alles dies sind verschiedene Namen für eine Pflanzenart – erhielt die gelben Blütenköpfe aus dem Farbbecher, in dem die Pflanzenfarbe aus Targetes steckte. Heute trägt der Gewöhnliche Löwenzahn den lateinischen Doppelnamen Taraxum sect. Ruderalia. Bereits Albrecht Dürer setzte den Löwenzahn 1503 in seinem Aquarell Das große Rasenstück in Szene. Nicht im Zustand des gelben Aufleuchtens, sondern nach der Blütephase während des Übergangs in das Stadium der Pusteblumen mit dem Samenflug. Durch sein Gelbleuchten galt der Löwenzahn vor der Einführung der Sonnenblumen aus Südamerika in Europa als die Sonnenblume. Wenn mich beim Aquarellieren das Mohnrot noch etwas mehr berauscht als das Gelb des Löwenzahns, ist dabei aber nicht zu vergessen, dass auch dieses Kunst- und Malerlebnis zu Linné nach Uppsala zurückführt. Mohn zu aquarellieren, das ist schon deshalb ein Malen mit Linné, weil der schwedische Botaniker die gültige botanische Erstbeschreibung des Klatschmohns vornahm und für diese Pflanzenart den klangvollen wie dauerhaften Namen vergab: Papaver rhoeas L.. Während das Wort Papaver für Mohn steht, könnte in dem Wort rhoeas der sprachliche Hinweis auf das Rot des Granatapfels und damit auf ein in der Bibel gerühmtes Farb- und Liebessymbol enthalten sein. Im Herbarium des Linné – in dem "Urmeter" der Botanik, wie der Wissenschaftshistoriker Staffan Müller-Wille in seinem Linné-Porträt für das Lexikon der bedeutenden Naturwissenschaftler (2007) formuliert - trägt das Blatt mit dem Pflanzenbeleg für Klatschmohn die Inventarnummer 669.6.

5. Feier der Schöpfung

Blaue Pfade.
Blaue Pfade.

Die Blumenaquarelle, die im Zuge des weiteren Austestens der im Kurs "Malen mit Linné" hergestellten Pflanzenfarben entstanden sind, sind vergänglich. Die Leuchtkraft der Aquarelle wird abnehmen. Das ändert aber nichts daran, dass das Mal- und Farberlebnis bei der Verwendung von Pflanzenfarben gigantisch ist. Wie Musik verklingt, können auch Farbtöne abklingen. Ihr Verblassen hindert uns aber nicht daran, uns am ersten und frischen Aufleuchten zu erfreuen. Wir können uns dankbar eingestehen, dass die Blüten und Früchte der Pflanzen ein erhabenes Farbkonzert zu veranstalten vermögen. Da wir im Unterschied beispielsweise zu den Hunden mit roten Farbzäpfchen in unseren Augen ausgestattet sind, können wir das Rot von Mohn und Fingerhut sowie von Kirsche und Apfel differenziert wahrnehmen. Jedes Farberleben lässt nun aber verschiedene Deutungen und Interpretationen zu. Als menschliche Wesen sind wir dazu in der Lage, mit Linné in den Farbklängen von Pflanzen in Blumenbildern eine Feier der Schöpfung zu erblicken. Nicht zuletzt mit Blumen im Aquarell feiern wir die Schöpfung, zu der wir selbst dazugehören, weil wir ein Teil des Weltganzen ausmachen. Eine derartige Perspektive überschreitet das Wirkliche zweifellos ins Religiöse. Aber das ist kein Makel. Denn der religiöse Blick ist ebenso wirklich, wie der wissenschaftliche und der analytische Zugriff auf die Welt. Wird das Mohnleuchten in selbst verfertigten Bildern als ein Symbol der Schöpfung oder der Liebe angesprochen, empfinde ich darin gerade auch in schwierigen Zeiten einen Sinngehalt, der mich immer wieder zum Weitermalen motiviert. Ein Weitermalen, das sich mit dem Dank für die geistige Leistung des Schweden Carl von Linné vereint. Ein Malen bei dem aus Pflanzenfarben sowohl Bilder von Mohn und Fingerhut entstanden sind, als auch abstrakte räumliche Skizzen wie die Blauen Pfade.

Schachtelhalme.
Schachtelhalme.

6. Uraltpflanze Schachtelhalm

 

Am siebenten Testtag, am 12. Juni 2022, waren mir nur noch fünf Becher mit Pflanzenfarben verblieben. Jetzt ließen sich nur stark vereinfachte Motive gestalten, weil viele andere Farben nicht mehr verfügbar waren. Ein Bild mit Margeriten entstand. Hinzu kam ein Mohnbild, das eigentlich schon ausgesondert war, für das ich nun aber einen dunklen Hintergrund malte, um es als Farbtestbild zu erhalten. In der Auenlandschaft hatte ich gerade Schachtelhalme entdeckt. Ein Motiv, bei dem es weniger auf die Farbe und mehr auf die Form ankam. Die Schachtelhalme gestaltete ich am 12. und 13. Juni nicht in Grün, sondern in einer Rostfarbe, die mir verblieben war. Schachtelhalme sind Botschafter aus dem Urkontinent Gondwana. Seit etwa 400 Millionen Jahre gibt es Schachtelhalme auf der Erde. Im Herbarium des Linné zu London ist der Acker-Schachtelhalm mit dem Namen Equisetum arvense L. unter der Inventarnummer 1241.3 aufgeführt. Das Wort Equisetum steht für Schachtelhalm und arvense bedeutet: zum Acker gehörend. Das schlichte Aquarell des Schachtelhalms ist mit dem Saft von Aroniabeeren gemalt, die Heike Schüürmann im Jahr 2021 gesammelt hat. Ihrer Linné-Leidenschaft, die sie in ihrer Bildungsarbeit in Oberholz vor allem an viele junge Menschen weitergibt, widme ich meine ersten Aquarelle aus Pflanzenfarben.

 

13. Juni 2022

Bildnachweis

Die Bildrechte liegen beim Autor Konrad Lindner.

Weitere Beiträge dieser Rubrik

Der Name Sachsen
von Andreas Schneider
MEHR
Ist der biologische Landbau die Zukunft der deutschen Landwirtschaft?
von Doz. Dr. agr. habil. Eberhard Schulze, Dr. Hermann Matthies
MEHR
Anzeige:
Unsere Website benutzt Cookies. Durch die weitere Nutzung unserer Inhalte stimmen Sie der Verwendung zu. Akzeptieren Weitere Informationen