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Christina Lange und Florian Russi

Quantenjahr 2025 -   Erinnerungen von Friedrich Hund geborgen

Quantenjahr 2025 - Erinnerungen von Friedrich Hund geborgen

Dr. Konrad Lindner

In Symmetrien pflegt Hund zu graben

und scheint auch Glück dabei zu haben.“

 

(Reim von Carl Friedrich von Weizsäcker, den Friedrich Hund

noch 1995 im hundertsten Lebensjahr auswendig konnte.)

 

1. Hund 1922 in Göttingen: „Das ist die Wissenschaft der Zukunft!“

Friedrich Hund - Porträt. (1)
Friedrich Hund - Porträt. (1)

Erinnerung kann täuschen, doch Erinnerung kann auch vergangene Sternstunden in Gesellschaft, Kunst und Wissenschaft neu beleuchten und mit Gehalt in die Gegenwart holen. Als ich im Juni 1991 den Physiker und Historiker der Physik Friedrich Hund von Leipzig aus im Seniorenstift zu Göttingen besuchte, war er bereits 95 Jahre alt. Mit meinen 39 Jahren war ich viel jünger, aber da mein Vater ein Kind des Jahres 1883 war, hatte ich vor einem Angehörigen des Jahrgangs 1896 keine Furcht. Obwohl die Stimme des Gelehrten in Göttingen, der von 1929 bis 1946 an der Universität Leipzig in der Linnéstraße an der Seite des Nobelpreisträgers Werner Heisenberg theoretische Physik gelehrt hatte, das Alter durchaus anzuhören war, staunte ich nicht wenig. Professor Hund wanderte im Gespräch mit jugendlicher Freude zurück in seine Schul- und Studienzeit sowie in die Zeit der Weimarer Republik. Er analysierte aber auch mit analytischer Schärfe die NS-Diktatur in Deutschland. Friedrich Hund sprach klar, kritisch und vor allem aufrichtig über die Situation der Naturforscher der Universität Leipzig inmitten von Hitlers Diktatur und Krieg. Wir redeten bei unserem Treffen nicht nur über Schönes, sondern auch über Trauriges. Besonders prekär für die Leipziger Schule der Quantentheorie war der 1933 einsetzende Verlust der jüdischen Meisterschüler; unter ihnen so hervorragende Naturforscher wie: Felix Bloch, Edward Teller und Arnold Siegert. Auch über die Bombardierung von Leipzig und über die Besetzung der Stadt erst durch amerikanische und dann sowjetische Truppen berichtete der Leipziger Nachfolger Heisenbergs aus erster Hand. In Göttingen, wo Friedrich Hund seinen Lebensabend verbrachte, war er im Jahr 1922 Assistent von Max Born geworden.

Niels Bohr and Albert Einstein, taken at the 1930 Solvay Conference in Brussels. (2)
Niels Bohr and Albert Einstein, taken at the 1930 Solvay Conference in Brussels. (2)

Als wir in unserem Gespräch bei der Frage nach seinem Erleben der Vorträge des dänischen Atomforschers Niels Bohr vom Juni 1922 in Göttingen angekommen waren, wurde es quicklebendig. Friedrich Hund, der im Verlauf der zwanziger Jahre als Erforscher der Regeln hervortrat, nach denen sich im Periodensystem der Elemente die Elektronenschalen der Atome aufbauen, rief nach nun fast 70 Jahren immer noch lebhaft aus: „Es war klar geworden, dass die bisherige Physik nicht ausreichte, um das Atom zu verstehen. In der Quantentheorie sah man ein Mittel dieses Verstehens. Vor allem Niels Bohr gab der Quantentheorie die Wendung zu einer Theorie des Atoms. Die Vorträge, die er in Göttingen hielt, zeigten uns seinen besonderen Zugriff. Wir jungen Leute, aber auch Franck und Born, waren begeistert. Wir hatten den Eindruck: 'Das ist die Wissenschaft der Zukunft! Da wollen wir mitmachen!'" (04; S. 143.)

2. Schritte über Grenzen: Quantenmechanik 1925

Wolfgang Pauli 1924. (3)
Wolfgang Pauli 1924. (3)

Im Verlauf der zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts wurde von einer größeren Schar sehr junger Forscher um Wolfgang Pauli und Werner Heisenberg im Dialog mit den bereits etablierten Größen ihres Faches wie Max Planck und vor allem Albert Einstein und Niels Bohr mit erstaunlicher Energie um die gültige Formulierung der Quantenmechanik gerungen. Es war dies eine gemeinschaftliche, eine vielstimmige und eine durchaus kooperative Anstrengung und nicht der Akt eines einsamen Einspänners. Die Geburt der Quantenmechanik der modernen Physik hat viele Helden. Den vielleicht Tüchtigsten in diesem Netzwerk des Weiterfragens lernte Friedrich Hund im Juni 1922 in Göttingen kennen. Im Interview für Sachsen Radio – den Bürger bewegten Vorläufersender von MDR Kultur - gab der prominente Zeitzeuge im Juni 1991 zum Besten: „Ich erinnere mich noch genau an die erste Begegnung. Zu diesen Bohrfestspielen kamen die Physiker von weit her. Ehrenfest aus Leiden. Sommerfeld aus München. Landé aus Tübingen. Das kam hier zusammen. Sommerfeld brachte da einen Jungen mit, der aussah wie ein Schulbub: Heisenberg. Er war 20 Jahre alt. Der redete auf einmal in der Diskussion mit. Bohr merkte sofort, was dahinterstak und machte mit ihm einen großen Spaziergang. Das steht alles bei Heisenberg in seinen Lebenserinnerungen geschrieben. Auch Born sagte mir hinterher: 'Diesen Heisenberg müssen wir nach Göttingen kriegen!'" (04; S. 142.) Heisenberg kam zum Wintersemester 1922/23 nach Göttingen. Wie gut er sich einlebte, geht aus einem Brief vom 5. Juni 1924 an die Eltern hervor. Der 22-jährige Heisenberg schreibt: "Heut war für mich ein sehr ereignisreicher Tag; Nils Bohr kam um 12 Uhr und war wieder sehr nett. Um 5 Uhr hatte ich alle, Bohr Born, Rossland, Hund zum Kaffee in meiner Bude, meine Hauswirtin hatte einen wunderschönen Tisch aufgebaut und es war wirklich sehr nett. Dann gingen wir spazieren und haben überhaupt viel wissenschaftlich diskutiert". (02; S. 74.) Es ging von Göttingen aus Schlag auf Schlag voran mit dem Projekt, der klassischen Mechanik des Isaac Newton eine Quantenmechanik der vielen Köpfe rund um Heisenberg an die Seite zu stellen. Friedrich Hund immer mittendrin. Nicht schon im Juni 1925 auf Helgoland, wie von Heisenberg später in der Rückschau behauptet worden ist, sondern erst drei Monate später gelang dem Theoriestar der geistige Durchbruch.

Über den entscheidenden Schritt zur gültigen Gestalt der Quantemechanik im Verlauf des Jahres 1925 schreibt Thomas de Padova in seinem Buch Quantenlicht (2025), das sich über die Physik von 1919 bis 1929 wie ein Krimi liest: „Heisenbergs 'Umdeutung kinematischer und mechanischer Beziehungen', die im September 1925 in der Zeitschrift für Physik gedruckt wird, ist ein Meilenstein auf dem Weg zur modernen Physik. Sie birgt wesentliche Grundzüge einer neuen Quantentheorie. Am Beispiel einfacher physikalischer Modellsysteme legt Heisenberg dar, wie das von ihm ersonnene Schema eine Berechnung der Intensitäten von Spektrallinien gestattet.“ (01; S. 243.)

3. Elektron: Wie mit einem zarten Pinsel in den Raum getupft

Friedrich Hund 1920er Jahre. (4)
Friedrich Hund 1920er Jahre. (4)

Als ich im Juni 1991 zu dem Senior der Quantentheorie nach Göttingen fuhr, war ich durch einen zweijährigen Forschungsauftrag zum jungen Friedrich Wilhelm Schelling noch am Philosophischen Institut der Universität Leipzig tätig. Das Franz-Mehring-Institut, an dem ich von 1981 bis 1990 als Assistent und als Dozent des dialektischen und historischen Materialismus gearbeitet hatte, war gerade aufgelöst worden. Die knappe Verweildauer an der Universität war für mich lang genug, um ernsthaft über eine Philosophie in Alternative zum marxistischen Szientismus nachzudenken. Die ersten beiden Seminare, die ich frei von staatlichen Vorgaben festlegen durfte, befassten sich 1991/92 mit den Ideen zu einer Philosophie der Natur (1797) von Schelling und mit dem Leipziger Philosophie-Manuskript Ordnung der Wirklichkeit (1942/43) von Heisenberg. Meine Hypothese war die, dass sich zwischen Schellings Idee einer höheren Physik und der Denkweise Heisenbergs bei der Analyse der Schichten des Wirklichen in seinem geistigen Testament oder philosophischem Vermächtnis, wie Elisabeth Heisenberg am 09. November 1991 im Interview in Göttingen formulierte, eine Konvergenz finden lassen dürfte. Der junge Heisenberg wie der junge Schelling formulierten ihre ontologischen Überlegungen angeregt von Platons Dialog Timaios und beide Philosophen der Natur verabschiedeten sich davon, sich die Atome als Kugeln mit Haken und Ösen vorzustellen. 

Bronzetafel Werner Heisenberg im Foyer des Physikgebäudes der Universität Leipzig.(5)
Bronzetafel Werner Heisenberg im Foyer des Physikgebäudes der Universität Leipzig.(5)

Während seiner Schaffensphase in Leipzig trat Heisenberg von 1927 bis 1942/43 nicht nur als Physiker, sondern auch als Philosoph in Erscheinung. Ich finde es schade, dass sich Thomas de Padova nicht für Heisenbergs Philosophie in Anschluss an Goethes Schichten des Wirklichen interessiert. Aber ausgerechnet in dem Buch Quantenlicht wird das seinslogische Grundlagenproblem sehr schön erarbeitet, auf das es Heisenberg im Manuskript Ordnung der Wirklichkeit ankam. Bei Heisenberg erwuchs der Impuls, wie einst Hegel im Jahr 1812 in Nürnberg, nun von etwa 1941 bis 1943 in Leipzig und Berlin eine Seinslogik zu schreiben, aus einer Dialogerfahrung, die für ihn in den Juni 1922 nach Göttingen zurückführt und die vor allem durch den intensiven Austausch mit Bohr ausgelöst war. An seine Frau Elisabeth schrieb Heisenberg am 10. Juli 1941 aus Berlin über das Motiv seines naturphilosophischen Schreibens über die Schichten des Wirklichen: „Aber da Bohr seine Gedanken wohl nicht aufschreiben wird, ist es gut, dass irgendeiner, der sie kennt, das aufschreibt, was er draus macht.“ (03; S. 175/176.) In sein Schreiben weihte Heisenberg seine Frau Elisabeth ein, aber weder den Physiker-Kollegen Friedrich Hund noch den Philosophen-Kollegen Hans-Georg Gadamer und auch nicht seinen Schüler Carl Friedrich von Weizsäcker. Diesbezüglich war Heisenberg nicht sehr gesprächig. Er selber schrieb auch in den Briefen an seine Frau immer von einer Privatphilosophie. Umso beharrlicher arbeitete er aber trotz der Verpflichtungen im Uranverein noch 1942/43 entschieden daran, den Wirklichkeitsschock in Worte zu fassen, den er als theoretischer Physiker während der Mitte der zwanziger Jahre beim Durchbruch zur Quantenmechanik durchlebt hatte. Ich denke, dass Thomas de Padova den Nerv von Heisenbergs dynamisch verfasster Ontologie sehr gut trifft, auch wenn er das Ordnungsmanuskript nicht bespricht. Der Autor von Quantenlicht arbeitet präzis und quellenkritisch belegt heraus, dass sich durch die Geburt der Quantenmechanik ein tiefer logischer Wechsel vom Kugelelektron zum Quantenelektron vollzogen hat: „Nachdem die Quantentheorie die Physik durcheinandergewirbelt hat, liegt im Herbst 1927 ein anderes Elektron auf dem Präsentierteller der Wissenschaft: ein Quantenteilchen. Dieses Elektron hat nichts mehr mit Kugeln und der gewöhnlichen Materie gemein. Es scheint wie mit einem zarten Pinsel in den Raum getupft worden sein.“ (01; S. 327.)

4. Physik-Recherche im Karl-Marx-Haus

Wie konnte ich es 1991 wagen, einen Fachmann wie Friedrich Hund in Göttingen zu besuchen und für den Sender Sachsen Radio zu befragen? Was hatte ich in der DDR gelernt, das den Zusammenbruch des Systems überdauerte? Es trifft zu, dass ich wie viele meiner Kollegen im Jahr 1990 als Dozent des dialektischen und historischen Materialismus abberufen worden bin. Doch meine B-Dissertation von 1984 über „Die philosophische Diskussion zur Physik in der deutschen Sozialdemokratie (1875 – 1925)“ ist nach der Wende als Habilitationsschrift anerkannt worden. In dieser Studie ist trotz der Lenin-Gläubigkeit in Fragen der Seinslehre etwas Wichtiges zu lernen. In der Arbeit wird empirisch belegt, dass in der Presse der deutschen Sozialdemokratie im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts gehaltvoll über die Entwicklungen in den Naturwissenschaften berichtet worden ist. Nicht nur über die Biologie, sondern auch über die Physik und vor allem über die Technik.

Titelseite der Sozialistischen Monatshefte 1912. (6)
Titelseite der Sozialistischen Monatshefte 1912. (6)

Zu den Ideen von Heinrich Hertz und Max Planck bis zu Albert Einstein, Niels Bohr und Werner Heisenberg finden sich in den Journalen der Sozialdemokratie kluge, informative und wichtige Beiträge. Erzählte Friedrich Hund im Juni 1991 davon, dass Alfred Landé im Juni 1922 aus Tübingen zu den Bohrfestspielen anreiste, läuteten bei mir die Glocken. Der Physiker Alfred Landé, der aus einer sozialdemokratischen und jüdischen Familie in Elberfeld stammt und der als junger Mann mit den Physikerschulen von Max Born und Arnold Sommerfeld vertraut wurde, war mir schon 1980 als ein Autor der Sozialistischen Montshefte aufgefallen. Dazu ein kleiner Abstecher zurück in die DDR und dann aber hinter den Eisernen Vorhang nach Trier. Im Frühjahr 1980 hatte ich die Chance, gemeinsam mit meinem Doktorvater und Kollegen Kurt Reiprich zwei Wochen durch die Bundesrepublik zu reisen. Zu diesem Zeitpunkt war ich noch an der Bergakademie Freiberg als Assistent der Philosophie tätig, während mein Chef bereits nach Leipzig an das Franz-Mehring-Institut der Universität Leipzig gewechselt war. Unsere Reise führte von Berlin aus nicht gleich nach Frankfurt am Main und Bremen, sondern zunächst einmal arbeiteten wir eine Woche lang im Karl-Marx-Haus. Ich saß in der Bibliothek und holte mir Jahrgang für Jahrgang die Sozialistischen Monatshefte aus dem Regal und machte mir in kleinen Rechenheften Notizen. Dabei konnte ich nur staunen, wie systematisch und wie gut sowohl über die Relativitätstheorien von Einstein als auch über die Quantentheorien von Planck und Einstein sowie von Bohr und Heisenberg berichtet wird. 

Alfred Landé. (7)
Alfred Landé. (7)

In meinen Notizen aus dem Karl-Marx-Haus kann ich heute noch nachlesen, dass Alfred Landé im 25. Jahrgang der Sozialistischen Monatshefte von 1919 über Atombau und Niels Bohr sowie über Massenverteilung im Weltall und über Einsteins Studie Kosmologische Betrachtungen zur allgemeinen Relativitätstheorie geschrieben hat. Kurz darauf war Landé, wie bei Thomas de Padova in Quantenlicht zu erfahren ist, „im Herbst 1920 einige Zeit bei Niels Bohr in Kopenhagen“. (01; S. 117.) Sein Steckenpferd wurde es, die Aufspaltung der Spektrallinien zu berechnen, die durch ein Magnetfeld hervorgerufen wird. „Bravo, Sie können hexen!“, schrieb ihm Sommerfeld im Februar 1921 voller Anerkennung. (01; S. 117.) Im ersten Semester seines Studiums bei Sommerfeld in München stürzte sich auch Heisenberg auf eben dieses Thema der Erklärung des „Zeeman-Effektes“. Unterdessen ging die Information zur Quantentheorie in den Spalten der Sozialistischen Monatshefte munter weiter. Sowohl über die Verleihung des Nobelpreises an Einstein für das Jahr 1921 „wegen seiner Entdeckung des Gesetzes des photoelektrischen Effektes“ als auch über die Preisverleihung an Bohr für das Jahr 1922 „wegen seiner Verdienste um die Erforschung der Struktur der Atome und der von ihnen ausgehenden Strahlung“ wird gleich im Heft vom 16. Januar 1923 berichtet. Der Autor war Ernst Lau. Im 35. Jahrgang der Monatshefte von 1929 informierte schließlich Juda Leman unter dem Stichtwort Mikroprozesse über den Welle-Teilchen-Dualismus und über die Unschärfe-Relation, wobei nun auch Heisenberg als ein neuer Stern am Himmel der Naturforschung erwähnt wird. Heisenberg war bereits Professor an der Universität Leipzig geworden und hatte sich 1929 auch Friedrich Hund an seine Seite geholt. Im altehrwürdigen Geburtshaus von Karl Marx konnte ich im Frühjahr 1980 während der Wochen vor Ostern durch Artikel und Notizen von Alfred Landé, Bruno Borchardt, Ernst Lau und Juda Leman auf eine nachhaltige Weise lernen, dass die Quantentheorie während der Weimarer Republik heftig in Fluss kam und daher auch ein öffentliches Ereignis bis in die Kreise einer an Bildung interessierten Sozialdemokratie wurde. Wer nur ein wenig in den Sozialistischen Monatsheften blättert und die vielen soliden Notizen über Atombau nachliest, der erfährt aus erster Hand, dass Friedrich Hund im Juni 1922 in Göttingen den Nerv der Zeit traf, als ihm durch den Auftritt von Niels Bohr zur Quantentheorie aufging: „Das ist die Wissenschaft der Zukunft“.

 

5. 5. Friedrich Hund 1991 ins Radio gebracht

Werner Heisenberg 1926, Fotograf Friedrich Hund. (8)
Werner Heisenberg 1926, Fotograf Friedrich Hund. (8)

Der Wiedergewinn der deutschen Einheit, aber auch mein Start in den Wissenschaftsjournalismus waren noch frisch: Da wurde von dem Sender Sachsen Radio das Zeitzeugeninterview mit Professor Hund am Mittwoch, den 30. Oktober 1991 zur besten Sendezeit ab 20. 05 Uhr in einer Länge von 110 Minuten ausgestrahlt. Redakteur war Hansdieter Hoyer, der bereits beim Sender Leipzig zu Zeiten des Rufs nach „Glasnost“ und „Perestroika“ leitend tätig war. Es ging darum, einem Naturforscher in der Nachwendeordnung eine Stimme zu geben, der mit seiner Frau in Göttingen seinen Lebensabend verbringt, der mit seiner Familie Ende 1951 von Jena aus in die Bundesrepublik nach Frankfurt am Main und dann wieder nach Göttigen ging, der aber 1945 Prorektor der Universität Leipzig und 1948 Rektor der Universität Jena war. Dieser weltläufige Mann, der im Frühjahr 1929 an der Harvard-Universität und anderen amerikanischen Universitäten Quantenphysik gelehrt hat, aber im Jahr 1915 in Naumburg sein Abitur gemacht hatte, war bis ins Alter von einem Geist der Wachheit, der Freiheit und der Unvoreingenommenheit beseelt, der auf dem Weg zu einer demokratisch verfassten Gesellschaft und zu einer freiheitlich geordneten Wissenschaftslandschaft in Sachsen und den angrenzenden Ländern durchaus ins Radio gehörte. Mit seinem Urteil nicht nur über Abwicklungen und Stellenkürzungen, die er für unvermeidlich hielt, sondern auch über politische Säuberungen hielt sich Friedrich Hund nicht zurück, als er im Juni 1991 in Göttingen sagte: „Wenn ich gefragt werde, betone ich diesen Punkt. Wenn einer sich politisch betätigen wollte oder auch wissenschaftlich über den bloßen Assistenten hinauskommen wollte, dann musste er sich mit der SED arrangieren. Das ging nicht anders. Diese Säuberung wird doch falsch. Wir haben das 1945 erlebt. Man hat zum Teil die falschen Leute rausgeworfen. Oder man hat schon die richtigen Leute rausgeworfen und die falschen Leute drin gelassen. Nehmen Sie sich auch ein schlechtes Beispiel an Dingen, die es bei uns gibt, nicht nur ein gutes." (04; S. 186.) Das vollständige Gespräch findet nun in dem Buch Friedrich Hunds langer Weg nach Göttingen einen publizistischen Ort. Das Buch entstand auf Initiative des Alumnivereins der Physikalisch-Astronomischen Fakultät e. V. an der Friedrich Schiller Universität Jena. Es soll im Quantenjahr 2025 erscheinen. Zu meiner Freude hat mich im Jahr 2023 der Tieftemperaturphysiker Paul Seidel – der Vorsitzende des Vereins - eingeladen, an diesem Projekt mitzuwirken und den Dialog über das quantenbewegte Schaffen von Friedrich Hund im Wechsel von Frage und Antwort zugänglich zu machen. Gerald Wiemers und Helmut Rechenberg haben ihr Porträt für die Sächsischen Lebensbilder (2003) mit einem Satz beendet, der auch als Extrakt des Zeitzeugeninterviews angesehen werden kann, das nun bald nachgelesen werden kann. Wiemers und Rechenberg konstatieren: „Der persönlich immer bescheiden auftretende Friedrich Hund muß zu den großen Gelehrten gezählt werden, die im 20. Jahrhundert für die Menschen die Welt der Atome aufgeschlossen haben.“ (05; S. 288.)

 

 

10. August 2025

Literatur:

(7) Cover des Hund-Buches.
(7) Cover des Hund-Buches.

(1)

Thomas de Padova: Quantenlicht. Das Jahrzehnt der Physik 1919 – 1929. Carl Hanser Verlag GmbH & Co. K. G., München 2024.

(2)

Werner Heisenberg: Liebe Eltern. Briefe aus kritischer Zeit 1918 bis 1945. Herausgegeben von Anna Maria Hirsch-Heisenberg. Langen Müller in der F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München 2003.

(3)

Werner Heisenberg / Elisabeth Heisenberg: „Meine liebe Li!“ Der Briefwechsel 1937 – 1946. Herausgegeben von Anna Maria Hirsch-Heisenberg. Residenz Verlag, St. Pölten – Salzburg 2011.

(4)

Friedrich Hunds langer Weg nach Göttingen. Wanderjahre und Grenzgänge eines Physikers in Leipzig und Jena 1945-1951. Herausgegeben von Wolfgang Ziegler, Paul Seidel, Ralf Hahn.
GNT Publishing, Berlin 2026. (Erscheint voraussichtlich Ende September 2025.)

(5)

Sächsische Lebensbilder. Band 5. Herausgegeben von Gerald Wiemers. Porträt: Friedrich Hund (1896 – 1997) von Helmut Rechenberg und Gerald Wiemers. Verlag der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig. In Kommission bei Franz Steiner Verlag Stuttgart, 2003. S. 271 – 288.

(6)

Sozialistische Monatshefte (1897 – 1933). Online-Edition der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung.

(7)

Der Autor dankt dem Verlag GNT Publishing für die freundlicher Genehmigung von Martin Barth, das Cover des Hund-Buches in diesem Artikel zu veröffentlichen.

Bildnachweis

 

(1) Friedrich Hund, Göttingen in den 1920er Jahren. 

 

(2) Niels Bohr and Albert Einstein, taken at the 1930 Solvay Conference in Brussels. Foto by Paul Ehrenfest (1880-1933) aus Wikipedia – gemeinfrei.

 

(3) Wolfgang Pauli 1924. Quelle: original URL (archived URL). Urheber: unbekannt.

 

(4) Friedrich Hund, Göttingen in den 20er Jahren. Urheber: GFHund

Foto aus Nachlass von Friedrich Hund, im Besitz von Gerhard Hund.

 

(5) Bronzetafel Werner Heisenberg im Foyer des Physikgebäudes der Universität Leipzig. Aus Wikipedia Urheber: Prof308

 

(6) Titelseite Sozialistische Monatshefte 1912. Quelle: Sozialistische Monatshefte (1897 - 1933) - Online-Edition der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung.

 

(7) Portraitfoto des Deutsch-US-amerikanischen Physikers Alfred Landé (1888 –1976) von 1940. Quelle: Aus dem Privatbesitz der Familie Landé. Urheber unbekannt.

 

(8) Werner Heisenberg 1926. Quelle und Fotograf: Friedrich Hund. Das Foto nahm mein Vater 1926 auf. Das Original stammt aus dem Nachlass und ist im Besitz von Gerhard Hund.

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