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Zur Geschichte der Feuerbestattung in Sachsen

Zur Geschichte der Feuerbestattung in Sachsen

Alfred E. Otto Paul

Über ein Jahrtausend galt das im Jahre 785 vom Kaiser Karl dem Großen in seinem Paderborner „Kapitulare“ verfügte Verbot der Leichenverbrennung, da es als heidnisches Brauchtum der einsetzenden Christianisierung widersprach.
Im 18. Jahrhundert besann man sich aber im Zuge der Aufklärung zunehmend des aus der Antike stammenden Brauchs der Brandbestattung von Verstorbenen. Bereits während der französischen Revolution entstand im Jahre 1792 ein überaus bemerkenswertes Projekt für die Errichtung eines Krematoriums auf dem Montmartre, dem höchsten Berg im Norden von Paris, auf dem einige Jahre später der berühmte, gleichnamige Friedhof angelegt wurde.
Erst viel später und anfänglich regional begrenzt, erlangte die Idee der Feuerbestattung durch die Gründung zahlreicher Feuerbestattungsvereine und deren unermüdliche Arbeit die rechtliche Zulässigkeit. Dadurch wurde die Errichtung und der Betrieb von Krematorien – 1876 in Mailand, 1878 in Gotha – praktische Wirklichkeit. So setzte sich der Siegeszug der Feuerbestattung weltweit unaufhaltsam fort.

Das Krematorium in Chemnitz. (1)
Das Krematorium in Chemnitz. (1)

 

Im Königreich Sachsen wurde schließlich durch Gesetz vom 29. Mai 1906 die Feuerbestattung zulässig. Durch besondere Umstände konnte bereits am 16. Dezember des gleichen Jahres in Chemnitz das erste sächsische Krematorium in Betrieb genommen werden.

 

In Leipzig allerdings war man in der Stadtverwaltung äußerst zögerlich, die Feuerbestattung durch den Bau eines krematoriums zu befördern: selbst der so verdienstvolle Oberbürgermeister Bruno Tröndlin bezog in dieser Frage eine unmissverständlich ablehnende Haltung. Und so wollte man anfänglich die Errichtung und den künftigen Betrieb eines Krematoriums dem im Jahre 1876 von dem Arzt Professor Carl Heinrich Reclam begründeten Leipziger Feuerbestattungsverein überlassen. Dann allerdings fanden sich Kritiker, die sich dafür aussprachen, das Krematorium als kommunale Einrichtung auf Kosten der Stadt zu errichten und in die im Bau befindliche Kapellenanlage des Südfriedhofes zu integrieren, allerdings unmittelbar angrenzend an die ebenso ungeliebte Kapelle der Freimaurer.

Südfriedhof Leipzig.Kapellenanlage - mit Haupt-, Ost- und Westkapelle und Krematorium, auf der Südseite befindet sich ein Kolumbarium.(2)
Südfriedhof Leipzig.Kapellenanlage - mit Haupt-, Ost- und Westkapelle und Krematorium, auf der Südseite befindet sich ein Kolumbarium.(2)

 

Aber schließlich setzte sich dann glücklicherweise der Stadtbaurat Scharenberg als Architekt der Kapellenanlage mit seiner Intention durch, das Krematorium symmetrisch in die Mittelachse des Gesamtbaukörpers zu positionieren.

 

Am Ende dieses Prozesses der praktischen Umsetzung der Feuerbestattung auf dem Leipziger Südfriedhof erfolgte dann die Errichtung eines stattlichen Kolumbariums, wie wir es nördlich der Alpen in keiner größeren Gestalt finden. Die Tradition der mitunter auch als Urnenhallen bezeichneten Kolumbarien gründet sich in der frühchristlichen, römischen Bestattungskultur, wo insbesondere die Katakomben von Rom als klassische Beispiele dieser Bestattungsart in Wandnischen gelten. Gleichsam entstanden mit der Feuerbestattung auf den bedeutenden europäischen Parkfriedhöfen sogenannte Urnenhaine für die Erdbestattung der Ascheurnen.

Berta-von-Suttner-Urne im Kolumbarium Gotha. (3)
Berta-von-Suttner-Urne im Kolumbarium Gotha. (3)

 

Die von Anfang an als Grabesart armer Leute propagierte Bewertung einer Urnenbeisetzung in der Nische eines Kolumbariums, wie beispielsweise auch durch den renommierten Architekten Ernst Beutinger in seinem 1911 erschienen „Handbuch der Feuerbestattung“ verkündet, müssen wir rundum ablehnen. Vielmehr wollte man diese von der klassisch individuellen Erdbestattung so gravierend abweichende Bestattungsart nicht befördern, und so hat man mit dubiosen ethisch-emotionalen Gründen versucht, diese praktikable Alternative ein wenig zu verunglimpfen.

 

Macht man sich die Mühe, die Aschebeisetzungen in Kolumbarien nach sozialen Kriterien zu analysieren, so offenbart sich die Tatsache, dass die Feuerbestattung überwiegend von einer aufgeklärten bürgerlichen Klientel gewählt wurde. Es sind meist Aschen von Verstorbenen , die zu Lebzeiten einst als Intellektuelle, Unternehmer, Künstler oder als Beamte ihr Werk bestellten. Die Beisetzung von Ascheurnen im Kolumbarium entsprach in ihren Anfängen einer ganz besonderen, individuellen Philosophie, die auf keinen Fall auf den Segen der Kirche hoffen konnte und nur vereinzelt Zustimmung aus den gestrengen bürgerlich-konservativen Lager erlangte.

Gotha Kolumbarium. (4)
Gotha Kolumbarium. (4)

Diese Aussage belegt sich unangreifbar und ganz besonders anschaulich am Beispiel des 1892 errichteten Kolumbariums in Gotha, wenn man die erhaltenen Einäscherungsregister jener Jahre kritisch analysiert. Gerade deswegen muss das nicht nur kunsthistorisch, sondern auch kulturgeschichtlich so überaus bedeutsame erste deutsche Krematorium als das Opus Magnum (Gute Arbeit) derartiger europäischer Schöpfungen angesehen werden…

 

Quelle

 

Paul, Alfred E. Otto: Die Kunst im Stillen. Kunstschätze auf Leipziger Friehöfen. No 05, Leipzig o. J. Auszug aus dem Beitrag Karl Friedrich Julius Süss (1860-1922), S. 77

Bildnachweis

 

Kopfbild: Urnennische Familie Süss, Kalksteinrelief, im Kolumbarium Leipzig. Foto Angela Huffziger.

 

Abb. 1

Krematorium Chemnitz. Aus Wikimedia, gemeinfrei.

 

Abb. 2

Leipzig, Südfriedhof: Ausschnitt (planare Projektion) aus einem 360-Grad-Panorama (siehe andere Versionen) der Kapellenanlage - (Südseite) mit Haupt-, Ost- und Westkapelle und Krematorium, der Hauptturm ist ca. 63 m hoch, auf der Südseite befindet sich ein Kolumbarium

© User:Joachim Köhler / Wikimedia Commons / CC BY-SA 4.0

 

Abb. 3

Urne der Berta von Suttner im Krematorium Gotha. Aus Wikimedia - Urheber: ADSUBIA

 

Abb. 4

Kolumbarium in Gotha. Aus Wikimedia - Urheber: ADSUBIA

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