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Tee mit der Königin

Kurzgeschichten aus Wales herausgegeben und übersetzt von Frank Meyer und Angharad Price.

Westfernsehen

Westfernsehen

Friedrich Ekkehard Vollbach

Fernsehsender Ochsenkopf
Fernsehsender Ochsenkopf
Nach eingehender Prüfung unserer Barschaft traten wir dem Gedanken näher, einen Fernsehapparat zu kaufen. Das war zu der Zeit eigentlich kein Problem mehr. Man musste den Verkäufer nicht unbedingt kennen, um ein solches Gerät zu bekommen. Mit langen Wartezeiten wie beim Kauf eines Trabants war nicht zu rechnen.
Die entscheidende Frage bei dieser Angelegenheit war die nach dem „Westempfang". Dabei ging es nicht um das Gerät und dessen technische Parameter, sondern schlicht und einfach um die Frage, ob man dort, wo man wohnt, auch den „Westen" hereinbekommt.
Wir wohnten in einer erzgebirgischen Kleinstadt, die von Bergen umgeben war. Das hatte zur Folge, in einigen Ecken der Stadt konnte man keinen westlichen Fernsehsender empfangen.
Also begannen wir uns vorsichtig umzuhören. Wir befragten die Nachbarn, erkundigten uns bei „Spezialisten" und beäugten die Antennen auf den Häusern. Was wir erfuhren, ließ uns hoffen. Es schien so, als würde unser Haus noch in einem günstigen Bereich liegen.
Kurz entschlossen betraten wir das einschlägige Geschäft und erstanden einen Fernsehapparat. Stolz schleppten wir den schweren Kasten 71 Stufen hoch in unsere Wohnung unter dem Dach. Sein Standort in der Wohnung war schon lange vorbedacht.
Wir schalteten den Fernseher ein und empfingen die Programme des DDR - Fernsehens in guter Qualität. Aber genau das genügte uns ja nicht.
Um den „Westen" zu bekommen, brauchte es eine besondere Antenne. Die konnte man allerdings nicht kaufen. Man musste sie sich irgendwie beschaffen. Technische Zeichnungen diverser „Westantennen" bekam man von Verwandten oder Bekannten.
Für unsere Erzgebirgsgegend hatte sich die Ochsenkopfantenne bewährt, eine Dipolantenne, mit der man den Sender des Ochsenkopfs, also den bayerischen Rundfunk, empfangen konnte, wenn man ihn denn empfangen konnte.
Diese Antenne musste man auftreiben oder selbst bauen. Eine besondere technische Begabung war zur Herstellung dieses Gerätes nicht nötig. Man brauchte lediglich Alustäbe mit einem bestimmten Querschnitt und einer gewissen Länge.
Das Material habe ich mir besorgt und im Keller gesägt, gebogen, gebohrt und geschraubt. Schließlich war das Teil fertig.
Zweckmäßig wäre es gewesen, die Antenne auf dem Hausdach anzubringen, aber da hätte man den Hauseigentümer fragen müssen. Das hätte zu endlosen Debatten geführt, denn das Dach war schadhaft und sehr steil. Nein, das hatte keinen Sinn.
Also muss die Antenne unter das Dach. Das erwies sich jedoch als Problem. Das Eigenfabrikat war fürchterlich unhandlich.
Dazu kam, dass die Verständigung zwischen meiner Frau, die vor dem Gerät saß und informieren sollte, und mir, der ich die Antenne auf dem Dachboden von Ecke zu Ecke schleppte, recht schwierig war.
„Siehst du was?" „Nein!" „Jetzt?" „Neihein!" So ging das Stunde um Stunde und immer nur Schnee, Blitze, Griesel und Rauschen. Die Arme starben ab, die Knie wurden vom Treppensteigen weich und die Augen begannen von all dem Geflimmer zu tränen und zu schmerzen.
Da- nach einer Ewigkeit - plötzlich war der „Westen" da. Nur so, wie ich die Antenne gerade hielt, konnte ich sie nicht befestigen. Da war kein Sparren, kein Balken und kein Brett. Und das Ding länger so zu halten mit weit ausgestrecktem Arm schräg nach hinten, war auch kein Vergnügen. Schließlich gelang es mit Hilfe von Seilen und Bindfäden, die Antenne im Dachboden so zu fixieren, dass sie den „Westen" dauerhaft empfangen konnte: gedauert hat das Stunden.
Logo des ZDF-Magazins, Einschaltquoten in der DDR 38%
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Stolz luden wir Freunde und Nachbarn zum Westfernsehen ein. Mit stolzer Bescheidenheit stellten wir am nächsten Abend den Fernseher an. Das Ostfernsehen zeigte sich wunderschön schwarz - weiß und klar.
Feierlich schalteten wir auf den Westkanal - und es rauschte und krachte, schemenhafte Gestalten huschten über den Bildschirm. Es war eine Katastrophe! Kein Empfang, nichts zu machen. Es half alles nichts. Man konnte an der Antenne rütteln und drehen, so genau wie möglich einstellen, es kam einfach nichts. Nach einer Stunde Wartens empfahlen sich schließlich die Gäste. Kaum waren die weg, war das Bild da.
Überreichweiten - das war das Problem, mit dem wir zu kämpfen hatten. Dagegen gab es ein probates Mittel, das im Volksmund „Russentod" genannt wurde, denn ein russischer Sender überlagerte die Impulse vom Ochsenkopf, dieser Sender musste verdrängt, entschärft oder unschädlich gemacht werden. Das entsprechende Gerät, der sog. Russentod, war leicht herzustellen. Man brauchte dazu ein Stück Ofenrohr, einen Ofenrohrverschluss, eine runde Blechscheibe, eine lange Schraube und zwei Buchsen. Mit der Schraube wurde die Blechscheibe im Ofenrohr nach oben oder unten bewegt. Und man glaubt es kaum, die Sache funktionierte. Das war zwar nicht immer der Fall, es kam sehr auf die Wetterverhältnisse an, aber die Verbesserung war doch spürbar. Der Russentod hatte lange Zeit seinen Platz neben dem Fernseher.
"Das Erste"
"Das Erste"
Im Vergleich zum Erzgebirge oder gar zum „Tal der Ahnungslosen" (Dresden) bot Leipzig in Sachen Westfernsehen schon bessere Bedingungen. Der Russentod war hier nicht nötig. Neu stellte sich die Frage nach dem Antennentyp und dem Standort derselben.
Ein Gespräch mit den neuen Hausbewohnern ergab, dass um die Ecke ein Spezialist in Sachen Westfernsehen existiert, dessen Dienste in Anspruch zu nehmen, ratsam war.
Unverzüglich nahm ich Verbindung mit Herrn Stolz auf. Das war nicht sehr schwer, denn der führte jeden Abend seinen dicken, gescheckten Hund, den alle Welt die „Schlummerrolle" nannte, auf unserer Straße aus.
„Stolzi", ein sehr beweglicher, schlanker, nicht eben großer Mann in den besten Jahren, sprach ein gepflegtes Sächsisch Leipziger Art. Er war der höflichste Mensch, der mir je begegnet ist. „Stolzi" verabschiedete sich nie ohne Gruß an „de Gaddin".
(Sein Sohn „Dorschdn" (Torsten) hatte die Höflichkeit seines Vaters unwillkürlich übernommen. Das brachte ihm vor allem in der Schule manchen Ärger ein, denn die Lehrer meinten, er würde sie verulken, was Torsten aber in der Tat völlig fern lag.)
„Stolzi" war ein fernsehtechnisches Genie und der führende Kopf einer vielköpfigen „Antennengemeinschaft". So um die 20 bis 30 Haushalte waren mit und durch „Stolzi" „verkabelt".
Er wohnte in einem städtischen Mietshaus. Auf dem Dach des Hauses hatte er einen riesigen Mast installiert, der von vier Spannseilen gehalten werden musste. (Es ist erstaunlich, dass dies von der zuständigen Wohnungsverwaltung geduldet wurde.) An dem Mast befanden sich die für den Westempfang notwendigen Antennen, die nur mit Steigeisen montiert werden konnten.
Unter dem Dach seines Hauses hatte „Stolzi" einen speziellen Raum, in dem sich diverse elektronische Geräte, wie Verstärker und Verteiler, befanden. „Stolzi" war untröstlich, als eines Tages der Raum aufgebrochen und die Elektronik entwendet wurde. Da aber so viele Leute zur Antennengemeinschaft gehörten, zahlte jeder einen gar nicht so hohen Betrag für die Neubeschaffung der Technik und das Problem war gelöst.


Die Kabel zu den „Kunden" liefen von Haus zu Haus, quer über freie Flächen, Gärten, Höfe und sogar quer über die Straße. Von unserem Haus bis zu „Stolzis" Verstärkerbude waren sicher 300 Meter zu überwinden.
Das war für „Stolzis" Technik kein Problem, der Empfang der beiden Westsender (ARD und ZDF) war „spitzenmäßig", wie der „Antennenmeister" zu sagen pflegte.
„Stolzi" war ständig bemüht, die Anlage zu erweitern und mit den neuesten technischen Geräten auszustatten. Er konnte es nur schwer verstehen, dass ihm nicht erlaubt wurde, die Antenne und die Technik auf dem in der Nähe stehenden fast 90 Meter hohen Kirchturm zu installieren.
War es ihm gelungen, eine besonders gute Bildqualität zu erhalten, dann lautete sein Urteil mit zufriedenem Stolz: „bosdgardenmäßig!"

    

         //Alle Bilder stammen aus Wikipedia und sind gemeinfrei.//