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Der Bronstein-Defekt

und andere Geschichten 

Christoph Werner

"Ich stellte bald an mir selbst die Verführung durch Zählen und Auswerten fest und empfand die Wonne, Gesetzmäßigkeiten bei gewissen Massenerscheinungen festzustellen. Nichts war vor mir sicher. Als erstes machte ich mich über die Friedhöfe her..."

Napoleons schrecklichste Tage

Napoleons schrecklichste Tage

Friedemann Steiger

General Blücher
General Blücher

Das waren für ihn die Tage auf der Burg in Düben vom 10.-14. 10. 1813. Napoleon war geschlagen mit den Resten seiner Armee aus Russland zurückgekommen. Hinter ihm war die russische Reiterei. Kosaken und Kalmücken werden genannt. Sie plünderten und raubten, wo sie nur konnten. Die preußische Armee war nicht zu unterschätzen. Um Düben herum gab es dauernd kleinere und größere Scharmützel. Der preußische Hauptgegner Napoleons war der alte Fuchs Blücher. Der ließ es nicht auf einen größeren Kampf ankommen, sondern flüchtete vor ihm, wo es nur ging, und Napoleon wusste nie, wo der sich gerade befand. Napoleon wollte die Elbe nicht aufgeben und zog von Dresden Richtung Wurzen und Eilenburg auf die Mulde zu; das war am 8. und 9. 10. 1813.

Odeleben, ein Königlich-Sächsischer Major, schreibt in seinem Buch „Napoleons Feldzug in Sachsen im Jahre 1813": „Er hatte gehofft, dem Feldmarschall Blücher einen überraschende Schlag beizubringen; der aber zog sich, als Napoleon mit einer riesigen Armee heranzog, auf das linke Mulde-Ufer bei Zörbig zurück. Die Nachricht von dieser Bewegung hatte Napoleon wohl noch in Eilenburg erhalten. Er ließ seine ganze Kavallerie, die schon auf die Hälfte ihrer Stärke zusammengeschmolzen war, an sich vorüber ziehen, setzte sich in seinen Wagen und ließ sich nach Düben fahren; unmutig und ärgerlich."

Napoleon Bonaparte. Gemälde: Paul Delaroche (1797–1856).
Napoleon Bonaparte. Gemälde: Paul Delaroche (1797–1856).

Das war kein lustiger Husarenritt, den er gemacht hatte, sondern ein Heer von mehreren 100 000 Mann hatte sich in Bewegung gesetzt. Odeleben schreibt: „Die drei Tage, die Napoleon bis 14. früh hier auf dem kleinen, von Gewässern umgebenen Schloss zugebracht hat, gehören vielleicht zu den langweiligsten, die er seit mehreren Feldzügen erlebt hatte. Weder militärische, noch geographische Gegenstände boten ihm die geringste Zerstreuung an, und seine Umgebungen wussten in ihrer Verlegenheit nicht, was sie zur Beruhigung ihrer Majestät tun sollten." Ja, der Kaiser war wirklich in Verlegenheit. Er sah nicht richtig klar; der Feind war nicht greifbar. Keiner wusste richtig, was er wollte. Odeleben schreibt: „Ich sah den Kaiser damals, auf Nachrichten von der Elbe harrend, auf einem Sofa seines Zimmers vor dem großen Tisch sitzen, auf dem ein Bogen weißes Papier lag, das er mit großen Frakturzügen - wie man sie auf Geburtstagsbriefen findet - erfüllt. Sein Geograph D'Albe und ein anderer Mitarbeiter saßen ebenso untätig in den Ecken des Zimmers, ganz behaglich, aber auch verunsichert, seiner Befehle wartend. Solche Momente seines Lebenslaufes verdienen der Seltenheit wegen Erwähnung."

Versuchen wir also mit Odeleben, uns in ihn, den Kaiser, auf Burg Düben, hineinzuversetzen. Vielleicht so:

„Ich habe immer auf mein Glück vertraut. Ich bin nach Moskau gezogen. Ich hatte mich auf mein solides Angriffssystem verlassen; ich wusste, wie man Krieg führte. Aber um die physischen Bedürfnisse meiner Truppe habe mich nicht gekümmert. Ich war mit geografischen Berechnungen beschäftigt, mit Entfernungen in Raum und Zeit. An Brot und Fleisch für meine Soldaten dachte ich nicht. Vielleicht wurde ich auch von meinen Mitarbeitern hintergangen. Ich dachte, es genüge, sich Nahrungsmittel aus Frankreich kommen zu lassen. Davon aber hatte der gemeine Soldat wohl zu wenig; deshalb haben sie mich auch alle hängen lassen.

Der Mameluk Roustan Rasa, der treue Diener. Gemälde: Jacques Nicolas Paillot de Montabert 1806.
Der Mameluk Roustan Rasa, der treue Diener. Gemälde: Jacques Nicolas Paillot de Montabert 1806.
Gut, dass es den Roustan gab und gibt; das ist wirklich ein treuer Diener. Er ist verantwortlich für meinen Überrock, für den Mantel und für den kleinen Mantel, für den Mantelsack und einen Überzug für sich selbst. Er kleidet mich aus und an; er ist stets in meiner Nähe und bedient mich. Auf ihn ist wirklich Verlass.

Wo ich auch immer bin und wenn es hier auf der kleinen Burg in Düben ist, das beste Zimmer brauche ich immer für mein Kabinett. Es ist der Aufenthalts- und Schreibraum für mich und meine Kabinettssekretäre. Der Raum ist der wichtigste; da schlafe ich lieber in einer kleinen Kammer. Wenn ich unterwegs bin und wir auf einem freien Feld nächtigen, dann ist das größte Zelt so eingerichtet, wie dieser Raum. In der Mitte steht der große Kartentisch. Die besten Karten über das Kriegsgebiet sind ausgebreitet. Sie sind mit bunten Stecknadeln bespickt; die Stellungen der verschiedenen Armee-Korps des Feindes sind abgesteckt. Das macht für mich der Direktor des „Büreau topagraphique". Mit dem arbeite ich unablässig zusammen; wir kennen alle Stellungen des Feindes; wenn wir keine Karte hatten, musste sie besorgt werden; das war wichtiger als alle Bedürfnisse des Lebens; nachts standen so an die 20-30 Lichter darum herum; ein Zirkel lag in der Mitte. Wenn ich aufs Pferd steige, weiß ich, die Karte ist in meiner Nähe: Colincourt trägt sie auf seiner Brust. Wenn er hört: „La carte!" ist er zur Stelle. Einmal war die Karte nicht richtig gelegt, da wurde ich verdammt wütend."

Napoleon hatte sehr einfache soldatische Kleidung an, eine gewöhnliche grüne Uniform; er trug seinen Hut auf dem Kopf und lief unruhig auf und ab. Er sagte nichts; er diktierte nichts; er schwieg verbissen. Hatte er sich schon aufgegeben?

Flusslandschaft. Gemälde von Volker Pohlenz.
Flusslandschaft. Gemälde von Volker Pohlenz.
Napoleon denkt weiter vor sich hin. Sein Kabinett langweilt sich; er setzt sich; er steht wieder auf; er sieht aus dem Fenster auf die Mulde, die nassen Felder, unten im Hof ist durchaus Betrieb; die Pferde müssen gefüttert werden. Einige Soldaten sitzen gelangweilt in einer Ecke und starren vor sich hin. Es ist sonst nichts los.

Napoleon denkt daran, wie er seine Sekretäre immer in Bewegung hält. Sie müssen schnell mitschreiben können. Sie arbeiteten mit Kürzeln, denn keiner kann so schnell schreiben, wie es nötig ist. Ein Drachenschwanz bedeutet die ganze französische Armee; die Peitsche das Korps des Davoust; ein Dorn das britische Reich. "Ich bin nicht nur schnell im Diktieren," sagte sich Napoleon, "ich bin auch schnell im Lesen und Entschlüsseln; den Sinn verderbe ich dabei nicht. Meine Leute müssen an Schnelligkeit gewöhnt sein; auch unbedeutende Dinge werden bei mir schnell verhandelt. Ja," sagte er sich, "es gab auch Augenblicke dumpfer Erwartung und bedeutungsvoller Stille. Alle hatten Angst vor meiner, der kaiserlichen Ungnade. Manchmal dauert das einen halben Tag lang, bevor ich den Befehl zum Aufbruch gebe. Eigentlich verwalte ich meine Armee mit wenig Personal," sagte er sich. "Ich habe keine Registratoren, keine Archivarien, keine Kanzellisten und Kopisten im Kabinett."

Plötzlich muss er an den „Gardien du portefeuil" denken, also an den Bewahrer der Brieftasche. "Das ist," denkt er sich, "ein ruhiger und gelassener Mann. Obwohl seine Lebensweise ist wirklich die einfachste und langweiligste. Aber er ist mir seit vielen Jahren treu ergeben." Er sah ihn in der Ecke sitzen. "Ist er nicht wie ein gewöhnlicher Türsteher gekleidet? Gut, er trägt den gestickten Kragen, der ihn meinen Kammerdiener ähnlich macht. Aber auf ihn ist Verlass. Er hat die Aufsicht über die großen ledernen Brieftaschen des Kabinetts, über alle Verschläge und Kisten des Archivs; zusammen mit dem jeweiligen Direktor des „Büreaus topographique". Napoleon lächelte innerlich. "Der Mann ist wie der Wächter eines Heiligtums. Der schleicht sich nicht einfach mal aus dem Raum. Er ist immer da; einmal war er unpässlich; da wurde er abgelöst; für den Posten brauche ich einen gesunden und starken Mann. Den brauche ich immer, auch nachts; wenn ich allerdings an einer Stelle bin, wie jetzt, ist er eigentlich unnötig; da ist der Posten erträglich, fast peinlich. Bin ich unterwegs, hat er auf den mobilen Teil meines Kabinetts, der nur aus zwei Wagen besteht, aufzupassen. Neulich blieb an der Grenze zu Sachsen ein Großteil der Unterlagen zurück; und im Feldzug nach Russland ging schon vorher viel verloren; die schönen Karten und Pläne; alles dahin!" Napoleon ereiferte sich innerlich. Seine Plankammer war nun einmal sein liebstes Steckenpferd. Auch die Reste davon waren ihm noch heilig.

Er muss daran denken, wie die geografischen Hilfsmittel den zwei Chasseurs der Garde zu Pferde, die „Chasseurs du portofeuil" genannt, von dem „Aide de camps de service", also dem Adjudanten vom Dienst, übergeben werden; sie folgen seinem Wagen unmittelbar. "Das ist wichtig," sinnierte Napoleon vor sich hin.

"Alles ist gut geordnet, denke ich mir. Die Kuriere bringen das Felleisen (eine Art Postsack). Colincourt hat die Schlüssel dazu; er öffnet und gibt mir alles, was darin ist; ob das auf dem Marsch oder unterwegs ist. Depeschen müssen beantwortet werden. Ich lese sie mir kurz durch, behalte den Inhalt im Kopf und werfe die zerrissenen Teile aus dem Fenster. Manchmal zerschneidet sie auch Berthier oder ich mache es selbst; ich brauche immer eine Beschäftigung. Die Seitenteile meines Wagens sind in der Regel mit Zeitschriften gefüllt. Neues aus Paris? Ich lese es und werfe die Zeitungen zerstückelt aus dem Fenster. Ich habe auch eine kleine Handbibliothek dabei. Wenn ich die Bücher gelesen habe, werfe ich sie aus dem Wagen. Einmal habe ich sogar einige Bände eines englischen Romans in französischer Sprache zerrissen. Es ist gut, sagt er sich, dass ich den Großstallmeister Colincourt an meiner Seite habe; der sorgt sich um mich; er reitet fast immer mit seinem Pferd neben meinem Wagen. Manchmal ist er etwas kalt und zurückhaltend, ja manchmal sogar sehr grob; nicht zu mir, das würde er sich nicht getrauen; aber zu den niederen Diensten.

Wenn ich ehrlich sein will, muss ich sagen, dass ich auch manchmal herumfluche, wenn etwas nicht so klappt, wie ich mir das vorgestellt habe. Als die ganze Truppe einmal einen falschen Weg beschritten hatte, wurde ich sehr böse. Ich sagte etwa: 'Je vous ferai donner cent coups de baton! (Ich werde euch hundert Stock Prügel geben lassen!)' Ich merkte, wie sich danach meine Grobheit auf allen Ebenen fortsetzte und einer den anderen von oben nach unten beschimpfte. Dabei gelten wir Franzosen doch immer als galant und höflich. Aber befinden wir uns nicht im Krieg?"

General Narbonne. Gemälde: Herminie Déhérain née Lerminier (1798-1839).
General Narbonne. Gemälde: Herminie Déhérain née Lerminier (1798-1839).

Er sieht den General Narbonne. "Der war früher Gesandter am österreichisch-kaiserlichen Hof. Das ist ihm noch anzusehen. Er hat etwas Adliges, Fürstliches. Ob er ehrgeizig ist? Vielleicht auf meinen Posten aus? Ich glaube es kaum."

Er sieht die Adjutanten, die ihm treu ergeben sind, die Generale Flahoult, Dronot, Dürosnel und Oberst Bernard. "Die sind," dachte er sich, "immer erfreut, wenn ich einen Auftrag für sie habe und ihnen meine Geschäfte übergebe.
Flahoult fällt mir immer durch sein angenehmes Äußeres auf. Ich hatte ihn im Frühjahr an die böhmische Grenze geschickt, dann nach Liegnitz.
Dronot ist Chef der Artillerie; er wurde und wird zum Aufstellen der Geschütze gebraucht. Seine Lieblingslektüre ist die Bibel. Er sieht ein bisschen abergläubig aus."
Dann geht sein Blick auf Dürosnel: "Der war Kommandant in Dresden; er fällt mir immer durch sein angenehmes, freundliches, ja humanes Betragen auf. Den Sachsen flößt er große Achtung ein. Ich bin stolz auf ihn.
Oberst Bernard ist der Ingenieur. Er hat unter meiner Anleitung die Jochbrücke in Dresden gebaut. Kein Militär, aber trotzdem ein angenehmer Mensch," dachte Napoleon.
Von den übrigen Adjutanten kommt ihm besonders General Graf von Lobau in die Gedanken. "Der hat sich oft durch persönliche Tapferkeit ausgezeichnet. Er ist etwas rau, hat aber die täglichen Bewegungen auf dem Friedrichstädter Marsfeld geleitet."
Dann fiel ihm noch Corbineau ein: "Ein stiller, mürrischer Mann; er erhielt bei Kulm einen Kopfschuss und entkam mit der fliehenden Kavallerie nach Sachsen."

  Louis-Albert-Guislain Bacler d'Albe 1805
Louis-Albert-Guislain Bacler d'Albe 1805

Zwei von seinen leitenden Offizieren hatten immer im Vorzimmer zu sitzen; bei Tag und bei Nacht. Sie meldeten die, die zum Kaiser wollten; sie mussten dreimal klopfen, den Namen nennen, um den es ging.

Besonders denkt er jetzt an den Oberst Bacler d'Albe. "Er besaß große geographische Kenntnisse, war sehr fleißig und findet besonderes Vertrauen beim mir; er muss aber auch seine ganze Existenz meinen Launen widmen," gestand sich Napoleon fast schmunzelnd ein. "Ich kenne seinen Werdegang genau. Seine Fähigkeiten als Maler hatte er in Paris bewiesen; er hatte sogar an öffentlichen Ausstellungen teilgenommen; eine sehr schöne Karte von Italien hat er gezeichnet und sich immer weitergebildet; er berichtigte die vorhandenen Karten und ergänzte sie. Er konnte sich mir gegenüber einen Ton anschlagen, den sich sonst keiner getraute. Ich," dachte Napoleon, "lasse mir das durchaus gefallen. Ich brauche den Mann. Einmal tobte ich herum wegen eines Plans oder eines Rapports, eines Papiers, das ich bei d‘Albe voraussetzte. Der aber sagte zu mir: „Je sais bien que S.M. a une parfaite connoisance des chiffres, une excellente memoire -mais entin- je sais ce que je sais." (Für uns; das heißt: „ich weiß wohl, dass E.M. die Chiffre-Schrift vollkommen kennen und ein vortreffliches Gedächtnis haben, aber ich weiß, was ich weiß.") Da habe ich damals geschwiegen und das Papier fand sich bald. Aufgefallen ist mir allgemein," sagte sich Napoleon, "dass d'Albe manchmal ein schlechtes Benehmen hat. Ich habe ihn auch nie befördert. Abends ist er der Letzte und morgens der Erste. Ich brauche ihn einfach wegen seiner geographischen Kenntnisse. Ich habe ihm noch zwei Ingenieuroffiziere an die Seite gegeben; dazu kommen die vier geheimen Sekretäre; alle zusammen bilden so etwas wie einen geheimen Rat."

Er sieht sich mit seinem Generalstab vor der Truppe stehen; drei geschlossene Kolonnen hatten sich gebildet; sie bildeten ein Hufeisen; die vierte Seite bildet er, der Kaiser, mit seinem Stab und Gefolge. Er sieht sich in einfachster Kleidung; alle anderen in blauen, reich mit Gold bestickten Uniformen. Ein Stabsoffizier bringt den Adler verhüllt; alle Tamboure schlagen einen fortwährenden Wirbel. Berthier nimmt den Adler in Empfang. Er, der Kaiser, hält eine Rede. Er erhebt die linke Hand gegen den Adler, die rechte hält den Zügel. Er sagt:
„Soldats du vingt-sixieme Regiment d'infanterie legere! Je Vous confie l'aigle francois"; (Soldaten, des 26. leichten Infanterie-Regimentes. Ich vertraue euch den französischen Adler an);
"il Vous servira de point de ralliement! Vous jurez, de ne l' abandonner que'n mourant!" (Er wird euch zum Sammlungspunkt dienen. Ihr werdet schwören, ihn nur sterbend zu verlassen!)
„Vous jurez de ne laisser jemais taire un affront a la France!" (Ihr werdet schwören, nie Frankreich beschimpfen zu lassen!)
„Vous jurez, de preferer toujours la mort au deshonneur! Vous jurez?" (Ihr werdet schwören, den Tod stets der Schande vorzuziehen! Werdet ihr schwören?)
"Das letzte Wort habe ich immer besonders betont." Als Antwort riefen alle Offiziere und Soldaten: „Nous jurons! Vive l ‚Empereur! Vive l‘ Empereur!" (Wir schwören! Es lebe der Kaiser!)

Dann übergab Berthier den Adler an das Regiment. Das Hufeisen der Kolonnen löste sich auf; ich ritt davon. "Ja, so war das," sagte sich der Kaiser. "Ob ich je wieder Gelegenheit dazu habe? Aber ich erinnere mich gern an diese Augenblicke. Es waren Höhepunkte. Wer weiß, was noch alles kommt?"

Ob das Herbstwetter daran schuld war? Napoleon war depressiv, unlustig; es fehlte ihm an Spannkraft. Er merkte, dass sein Stern am Verlöschen war. Aber am Montag, d. 14. Oktober gab er den Marschbefehl nach Leipzig heraus. Eine Riesenmilitärmaschine setzte sich in Bewegung, um die Schlacht bei Leipzig zu schlagen. So blieb uns die Völkerschlacht erspart. Vielleicht hatte doch die Beschreibung unserer Gegend durch den Pfarrer Haertel von Lindenhayn dazu geführt?  Aber, dass dem Odeleben nicht aufgefallen sein soll, ist kaum zu glauben.

Quelle: Otto von Odeleben, Napoleons Feldzu.in Sachsen im Jahr 1813; 2. Auflage Dresden 1816

So etwa könnte es Napoleon auf der Burg in Düben ergangen sein. Er soll nach der oben genannten Sage einige Nächte in Lindenhayn, im Pfarrhaus, übernachtet haben. So war es in der Lindenhayner Chronik zu lesen, die leider mit dem alten Pfarrhaus verbrannt ist, aber oft zitiert wurde. Zumindest könnte man sich vorstellen, dass er sich auf der Burg in Düben nicht sicher fühlte. Da in der Chronik der Name eines Mameluken, der sich immer nachts vor seine Tür legte, genannt wurde, und der auch in Odelebens Buch benannt ist, könnte es wirklich so gewesen sein. Der damalige Pfarrer von Lindenhayn hat gut daran getan, wenn es denn wirklich so gewesen ist, Napoleon auf das für eine „Völkerschlacht" ungeeignete Gelände hinzuweisen. Sonst wäre das für unsere Dörfer eine große Katastrophe gewesen. Es war so schon schwer genug.

Das Bild von Blücher ist aus dem Leipziger Schlachtfeldführer 1813/1913 entnommen, Leipzig 1913.
Die Abbildungen der historischen Personen stammen aus Wikimedia Commons und sind gemeinfrei.
Mit freundlicher Genehmigung des Malers Volker Pohlenz ist die Flusslandschaft (an der Mulde) abgebildet.