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Tee mit der Königin

Kurzgeschichten aus Wales herausgegeben und übersetzt von Frank Meyer und Angharad Price.

Sibyllenort – ein  Sitz der Wettiner

Sibyllenort – ein Sitz der Wettiner

Dipl.-Päd. Ursula Brekle

Alte Eiche. Foto: Archiv U. u. H. Drechsel.
Alte Eiche. Foto: Archiv U. u. H. Drechsel.

Der letzte sächsische König, Friedrich August III., ein Wettiner aus der albertinischen Linie, zog sich nach seinem Verzicht auf den Thron am 13. November 1918 auf seinen schlesischen Besitz zurück, auf das Schloss Sibyllenort, das bis dahin der sächsischen Königen als beliebte Sommerresidenz gedient hatte. Auch wenn viele Sachsen enttäuscht sein werden, Seine Königliche Hoheit, der volksverbundene Friedrich August hat sich im Augenblick seiner Abdankung anders verhalten, als es landläufig bekannt ist. Sein Ausspruch: „Na da machd doch Eiern Drägg alleene." (Na, dann macht doch Euren Dreck alleine!) passt zwar zu ihm, aber es ist eine Fama. Gestandene Historiker berichten, er habe nach dem Erhalt der Verzichtserklärung lange am Schreibtisch gesessen, gelesen und gar nichts gesagt, schließlich habe er kommentarlos unterschrieben. Er verzichtete, übrigens als einziger deutscher Fürst, für seine Person auf den Thron, nicht aber für seine Nachfahren. Die über 800jährige Herrschaft der Wettiner war aber zu Ende gegangen. In Sibyllenort ging er jeden Tag in der gepflegten großen Parkanlage spazieren, die zum Schloss gehörte. Prinz Daniel von Sachsen, Herzog zu Sachsen (Agnatenlinie), berichtet, sein Ururgroßvater habe die schönsten großen Eichen nach seinen vormaligen Ministern im sächsischen Kabinett benannt, zwei prächtige Eichen wurden nach dem Reichskanzler benannt. Er tat es , um sich täglich beim Spaziergang mit seinen Ministern und dem Reichskanzler zu unterhalten. Er träumte im Schlosspark. Das spricht dafür, dass er eher ungern auf den Thron und auf seine Machtbefugnisse verzichtete.

Zur Geschichte des Schlosses Sibyllenort

Schloss Sibyllenort. Sammlung  Alexander Duncker (1813-1897).
Schloss Sibyllenort. Sammlung Alexander Duncker (1813-1897).
Herzog Christian Ulrich I. von Württemberg-Oels kaufte 1685 das Dorf Neudorf und ließ hier von 1685 bis 1692 ein Schloss erbauen, das den Namen seiner zweiten Ehefrau Sibylla Maria von Sachsen-Merseburg erhielt. Das Schloss wurde mehrfach umgebaut, ehe es unter dem letzten Herzog von Oels, Wilhelm von Braunschweig-Lüneburg, im nachempfundenen Tudorstil 1852 noch einmal erweitert und umgebaut wurde. Der letzte Herzog von Oels starb am 18. Oktober 1884 in Sibyllenort, wo er lange gelebt hatte. Er war unverheiratet und hatte keine legitime Erben. In seinem Testament vermachte er einen beträchtlichen Teil seiner schlesischen Besitzungen, also auch Schloss Sibyllenort, seinem Neffen, dem damaligen sächsichen König Albert I. Umfassend kann in diesem Rahmen nicht auf die Regierungzeit von Albert I. eingegangen werden, aber die Tatsache, dass er viele Ehrungen erhielt, die sich in der Namensgebung bis heute erhalten haben, spricht für eine fruchtbare Arbeit der Regierung. So weihte König Albert im Jahr 1877 eine Dresdner Vorstadt auf den Namen Albertstadt. Weiter sind in Dresden nach ihm benannt die Albertbrücke, der Alberthafen, der Albertplatz und die Albertstraße sowie das Albertinum. Albert I. nutzte das Refugium Sibyllenort zusammen mit seiner Gattin Carola, 12 km nordöstlich von Breslau gelegen, in den Ferien und bei Krankheit; so starb er dort kinderlos am 19. Juni 1902. Die Nachfolge und das Erbe trat sein Bruder Georg an. Dieser unbeliebte König starb bald und sein ältester Sohn folgte als Friedrich August III. 1904 auf den Thron.

Friedrich August III., seine Familie und das Schloss Sibyllenort

Luise von Toskana. Foto um 1900: via Wikimedia Commons, gemeinfrei.
Luise von Toskana. Foto um 1900: via Wikimedia Commons, gemeinfrei.

Als Gattin von Friedrich August war die österreichische Prinzessin Luise von Toskana wiederholt in das Schloss Sibyllenort von den vormaligen Königen eingeladen worden und nahm dort an den Familienfesten und Theateraufführungen teil. Sie schrieb in ihren Lebenserinnerungen My Own Story, Nash, London 1911 über ihre Eindrücke im Jahre 1902: „In the summer of 1902 we were in the country, but our usually pleasant holiday was clouded by the serious condition of King Albert who was on the point of death. The King and Queen were staying at the Castle of Sibyllenort near Breslau in Silesia, a beautiful residence given by the last Duke of Brunswick to the then King of Saxony. The castle contains four hundred rooms, and it was the scene of many scandalous orgies in the later forties. The Duke, who was a great admirer of the fair sex, had a private theatre there, and the ballet was composed of numerous pretty girls, whom he kept in harem-like seclusion. I remember seeing some rather startling pictures when I visited the castle as a girl of sixteen, but these were very properly banished by Queen Carola's orders, and Sibyllenort became a highly decorous royal residence."(Im Sommer des Jahres 1902 waren wir auf dem Land, aber unser gewöhnlich angenehmer Urlaub wurde getrübt durch den ernsten Gesundheitszustand von König Albert, der dem Tod nahe war. Der König und die Königin wohnten im Schloss von Sybillenort in der Nähe von Breslau in Schlesien, einer wunderschönen Residenz, die der letzte Herzog von Braunschweig dem zukünftigen König von Sachsen vermachte. Das Schloss hat vierhundert Räume und war Schauplatz vieler skandalöser Orgien in den späten Vierzigern. Der Herzog, der ein großer Liebhaber des schönen Geschlechts war, hatte dort ein privates Theater und das Ballett bestand aus zahlreichen hübschen Mädchen, die er in haremsähnlicher Abgeschiedenheit hielt. Ich erinnere mich, einige verstörende Bilder gesehen zu haben, als ich das Schloss als sechzehnjähriges Mädchen besuchte, aber diese wurden durch Befehl der Königin Carola energisch verbannt und Sibyllenort wurde eine höchst anständige königliche Residenz.*)

Friedrich August III. im Kreise seiner Kinder. Bild: via Wikimedia Commons, gemeinfrei.
Friedrich August III. im Kreise seiner Kinder. Bild: via Wikimedia Commons, gemeinfrei.

Es sei dahingestellt, ob es der mit lebhafter Phantasie ausgestatteten Prinzessin gelang, die realen Ereignisse zu beschreiben. Sie selbst kam mit der Realität in ihrem Leben nicht zurecht.

Als Friedrich August die Regentschaft übernahm, war die Erschütterung des Königshauses im Jahre 1902 gerade abgeebbt. Für den ersten großen Skandal im 20. Jahrhundert hatte seine Gattin gesorgt, indem sie 1902 schwanger mit dem Sprachlehrer ihrer Kinder &bdbdquo;durchbrannte" und sich in die Schweiz absetzte. Mit dem Sprachlehrer hatte sie nachweislich eine Affäre begonnen. Der temperamentvollen und lebenslustigen Prinzessin war es nicht gelungen, sich in das strenge und konservative Hofprotokoll einzufügen, obwohl ihr Mann zeitweise versuchte, ausgleichend zu wirken. Das Paar hatte 1891 geheiratet; Luise gebar ihm in schöner Regelmäßigkeit insgesamt 7 Kinder (davon eine Totgeburt). Das letzte Kind, Anna Monika Pia, das in der Schweiz geboren wurde, ließ der König endgültig 1907 an den sächsischen Hof zurückholen und zog es als alleinerziehender Vater mit den anderen Kindern auf. Für den gläubigen Katholiken Friedrich August kam eine Scheidung nicht in Frage, aber sein Vater hatte verfügt, dass die Ehe 1903 per Gerichtsbeschluss aufgehoben wurde. Er blieb für den Rest seines Lebens allein.
Tragisch verlief der Lebensweg von Luise: Nach mehreren gescheiterten Partnerschaften und Ehen und einer Odyssee durch verschiedene Wohnorte endete sie in Ixelles/Elsene bei Brüssel, vereinsamt und verarmt als Blumenverkäuferin. Sie starb 1947.

Der sächsische König war ein passionierter Jäger, ihn zog es immer wieder nach Sibyllenort, wo er zu großen Jagdgesellschaften einlud. Die Ferien verlebte die Familie zusammen in dem wunderschönen Park und dem Schloss, dem Lieblingsaufenthalt des Königs. Friedrich August war Mittelpunkt der großen Familie und der zahlreichen Verwandtschaft. Viele imposante Familienfeste fanden in Sibyllenort statt. Zum Beispiel heirateten zwei Töchter Prinzen aus dem Hause der Hohenzollern, die jüngste Anna Monika wählte einen österreichischen Prinzen. Der zweitgeborene Sohn Friedrich Christian heiratete die einzige Tochter des Fürsten von Turn und Taxis und der drittgeborene Ernst Heinrich die Prinzessin Sophie von Luxemburg. Also gingen die Mitglieder des europäischen Hochadels im Schloss Sibyllenort aus und ein.

Schloss Sibyllenort, die Fahne steht auf Halbmast-der König ist tot. Bild: 4. Bundesarchiv, Bild 102-13153 / CC-BY-SA
Schloss Sibyllenort, die Fahne steht auf Halbmast-der König ist tot. Bild: 4. Bundesarchiv, Bild 102-13153 / CC-BY-SA

Die „Herrlichkeiten" in Sibyllenort waren dann ab 1918 der Zufluchtsort des „gewäsenen" Königs, wie Friedrich August selbst sagte. Er verwaltete seine einträglichen Güter, ging seiner Jagdleidenschaft nach und kümmerte sich um die Erziehung und das Fortkommen seiner Kinder. Seine Fürsorglichkeit als alleinerziehender Vater der 6 Kinder, auch seine breite sächsische Mundart, die er ungeniert sprach, brachten ihm bei den Sachsen Sympathie ein. Als er am 18. Februar 1932 in Sibyllenort starb, stand die sächsische Fahne auf dem Dach auf Halbmast. Ein Sonderzug überführte den Leichnam nach Dresden, wo Friedrich August in der Neuen Gruft der Katholischen Hofkirche neben den anderen Wettinern beigesetzt wurde. Ca 700 000 Menschen gaben dem letzten König der Sachsen in einem Geleitzug die letzte Ehre. Noch heute werden frische Blumen auf seinem Sarkophag niedergelegt und Kerzen angezündet.

Der Sohn Friedrich Christian, promovierter Jurist, ein weitsichtiger Mann, nannte sich als Hauschef der Wettiner ab 1932 bis zu seinem Tod Friedrich Christian Markgraf zu Meißen; er übergab vor dem Ende des 2. Weltkrieges die Bibliothek des Schlosses Sibyllenort der Universität Breslau und rettete sie damit vor der Vernichtung. Die Nationalsozialisten hatten das Schloss ab 1939 als Luftwaffenhauptdepot genutzt. Am 26. Januar 1945 wurden Teile des Schlosses von der Wehrmacht gesprengt, dabei brannte das gesamte Gebäude aus.

Sibyllenort heute: Szczodre

Das Pförtnerhaus heute. Foto vom 23.02.2013.
Das Pförtnerhaus heute. Foto vom 23.02.2013.

Szczodre (deutsch Sibyllenort) liegt im Landkreis Wroclaw in der polnischen Woiwodschaft Niederschlesien. Heute leben in dem Dorf 700 Einwohner, 1933 lebten dort 571 Einwohner; damals gehörte das Dorf zum Landkreis Oels. Das Schloss war von der Wehrmacht gesprengt worden und stand als Ruine bis ca. 1978. Dann wurden die Steine abgebrochen und abtransportiert. Eine der Türme stand noch bis in die 80er Jahre, dann wurde die Restruine vollständig abgetragen. Heute sehen die Besucher nur noch das Pförtnerhaus. Der große Park ist heute verwildert. Die Bäume sind alt geworden. Dennoch lässt der Park erahnen, wie herrlich die Anlage war.

Im Park findet sich ein kleines Marienheiligtum, das aus den 1930er Jahren stammen könnte und das gepflegt wird.

Ob der Traum der Wettiner Nachfahren jemals in die Wirklichkeit umgesetzt werden kann, in Szczodre ein Begegnungszentrum für Polen und Deutsche als Erinnerungsort zu schaffen, in dem in einem Museum an die Geschichte des Schlosses und an ihre Bewohner erinnert wird, muss unbeantwortet bleiben und der Zukunft überlassen werden. Das würde Geld, sehr viel Geld kosten, das heute niemand aufbringen kann.

* Die Übersetzung des englischen Originaltextes verfasste Theresa Brekle.

Quellen:

Diskussion und Informationen aus der „Studiengruppe für Sächsische Geschichte und Kultur e.V."
am 02.03.2013 im Taschenbergpalais zu Dresden

Walter Fellmann: Sachsens letzter König, Friedrich August III., Berlin 1992

Louisa of Tuscany, Ex-Crown Princess of Saxony: My own Story, London 1911

http://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_August_III._%28Sachsen%29

http://de.wikipedia.org/wiki/Szczodre

http://de.wikipedia.org/wiki/Luise_von_%C3%96sterreich-Toskana

Paul Zimmermann: Wilhelm (Herzog von Braunschweig-Lüneburg); (1806 bis 1884). In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 15. Leipzig 1882

Otto Künnemann: Streifzug durch das Sächsische Fürstenhaus. Leipzig 1997