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Weihnachten

Ein Fest der Familie und des Friedens

Florian Russi, Herbert Kihm (Hg.)

Alle Jahre wieder feiern wir das Weihnachtsfest im Kreise unserer Familie und lassen althergebrachte Traditionen in familiärer Atmosphäre aufleben. Doch wo hat das Fest seinen Ursprung, warum feiern wir Weihnachten und woher stammt der Christbaum?

Das liebevoll gestaltete Heftchen gibt Auskunft hierüber und enthält zudem eine kleine Sammlung der bekanntesten Weihnachtslieder. Des Weiteren Rezepte laden zum Kochen und Backen ein.

Günter Grass „Das Treffen in Telgte

Günter Grass „Das Treffen in Telgte" Erzählung 1979

Prof. Dr. habil. Horst Nalewski

WIEDERGELESEN

Günter Grass auf dem Blauen Sofa Berlin 2007: Gruppe 47. Sechzig Jahre danach. Uploaded by Magiers. (1)
Die Blechtrommel 1959. (2)
Die Blechtrommel 1959. (2)

Wiedergelesen nach 35 Jahren. Das Büchlein, 119 Seiten, war 1984 im Reclam- Verlag Leipzig mit einer „Vorbemerkung" von Stephan Herrnlin erschienen. Es war die e r s t e  Publikation des international wie national berühmten und vielfach ausgezeichneten Autors Günter Grass in der DDR.

Anders als es den Autoren Heinrich Böll, Siegfried Lenz, Martin Walser -um nur sie zu nennen - erging, von denen einiges, von Böll fast alles, in DDR-Verlagen erscheinen konnte, anders traf es das Werk von Günter Grass. Er war von Anfang an mit einem Bann belegt. Das Paradoxe: Es ging dabei offensichtlich nicht in erster Instanz um das künstlerische Werk, sondern um die politische Person des Günter Grass, der sich ununterbrochen und vehement kritisch in die gesellschaftlichen Verhältnisse, in die Ideologien in West wie Ost einmischte. Hatte er doch auf dem Schriftsteller-Kongreß im Mai 1961 in Ostberlin schlichthin „Die Freiheit des Wortes" gefordert. Ein solches Absolutum war nicht hinnehmbar innerhalb der verfestigten Vorstellungen des „Sozialistischen Realismus" derer, die das kulturpolitische Sagen hatten.

Liest man jene „Vorbemerkung" zu dem Grass-Bändchen von Stephan Hermlin heute, erfährt man etwas sowohl von dessen Bewunderung dem „genialen Erzähler" gegenüber wie auch von seiner mutigen Verortung der „Gruppe 47": „ohne die man nicht von deutscher Literatur nach dem 2. Weltkrieg reden kann". Zugleich ist ein Ton der Vergeblichkeit unüberhörbar, wenn es im Nachsatz heißt: „Ein Wort noch. Der Verfasser dieser Zeilen bezeichnete vor fünfundzwanzig Jahren Günter Grass" - damals erschien dessen Roman „Die Blechtrommel" (1959) , es folgten „Katz und Maus" ( 1961), „Hundejahre" (1963) - „zum ersten- und nicht zum letztenmal öffentlich als einen jener Autoren, die unbedingt in unserem Lande erscheinen müssten." Vergeblich. Siehe oben.

Hans Werner Richter 1992. Foto: Andreas Bohnenstengel.(3)
Hans Werner Richter 1992. Foto: Andreas Bohnenstengel.(3)

Die Erzählung hat eine ganz eigene Entstehungsgeschichte. Gewidmet ist sie dem Schriftsteller Hans Werner Richter zu dessen 70. Geburtstag, 1978. Er war damals der schon zur Legende gewordene Begründer und zwei Jahrzehnte souveräne Mentor jener „Gruppe 47" gewesen. 47 meinte das Jahr 1947. Da fanden sich einige Schriftsteller und Publizisten, die den Krieg überlebt hatten und sich nun einem realen und geistigen Trümmerfeld ohnegleichen gegenüber sahen, in einem kleinen Ort bei Füssen im Allgäu zusammen: Hans Werner Richter, Alfred Andersch, Walter Kolbenhoff, Wolfdietrich Schnurrre u.a. Sie lasen einander vor, diskutierten, kritisierten und waren der Überzeugung: Wenn eine deutsche Literatur, hier und künftig, dann in einem radikalen Neuansatz, einem „Kahlschlag" allem Überlieferten gegenüber. Man traf sich wieder, anfangs zweimal im Jahr. H.W. Richter lud ein oder auch nicht ein, Kritiker und Verleger kamen hinzu, die Zusammensetzung der „Gruppe" bei den „Treffen" variierte. Es bildete sich eine gewisse Verfahrensweise heraus: Einer oder Eine von den Eingeladenen las Unveröffentlichtes, saß auf dem sog. „Elektrischen Stuhl", musste wehrlos die Kritik über sich ergehen lassen, ?el durch oder wurde ausgezeichnet. Zu Letzteren gehörten im erstem Jahrzehnt: Günter Eich, Heinrich Böll, Ilse Aichinger, Ingeborg Bachmarm , Martin Walser, Günter Grass, Johannes Bobrowski.

In diesem Haus am Allgäuer Bannwaldsee wurde die "Gruppe 47" gegründet. Foto: Rs-foto. (4)
In diesem Haus am Allgäuer Bannwaldsee wurde die "Gruppe 47" gegründet. Foto: Rs-foto. (4)

Doch nun endlich den Blick auf jene Erzählung aus dem Jahr 1979 gerichtet, von der dieses Mal die Kritik einhellig und in den höchsten Tönen sprach: „Die Perfektion dieses schmalen Bändchens ist schlechterdings bewundernswert" (Raddatz), und: „eine Kunst, die ...in der deutschen Literatur dieser Tage ihresgleichen nicht hat" (Reich- Ranicki), und: „Grass gibt mit hoher Sinnlichkeit ein Bild des Barock, das seinesgleichen sucht und schwerlich findet." (Hermlin) Damit sind wir als Leser rückversetzt: „Bild des Barock", also 17. Jahrhundert.

Es war ein wahrhaft phantastisch-genialer Einfall des Günter Grass, aus dem Erinnern des Jahres 1947 und dem Erleben der „Gruppe 47" eine Spiegelung 300 Jahre zurück in das Jahr 1647 zu erfinden. Vergleichbar wurden die Zeiten, 1947 und 1647:

Deutschland eine Wüste, vielfach zerrissen, von Millionen Toten bedeckt, und nun von fremden Truppen besetzt. Sieger waren sie jetzt, Marodeure nur noch damals. 1647 verhandelten die Mächtigen und die Ohnmächtigen im westfälischen Münster nach einem fast Dreißigjährigen Krieg um den Frieden. Und eben das war das Sehnsuchts-Wort, seit Jahrtausenden, nach den immerwährenden Kriegen: Der Friede. Immer hatten Poeten und Schriftsteller in solchem Moment der Hoffnung sich eingebracht, einzig mit dem Wort. Denn: „Was kann man tun? Einen Versuch machen, das Vaterland zu retten." ( Hermlin im weltbedrohten Jahr 1984) .

1947 gelang ein Treffen mit Folgen; 1647 eben nicht. Und so erfindet es Günter Grass für damals: „Das Treffen in Telgte". Dorthin, in einen kleinen Ort nahe Münster, lädt der Königsberger Simon Dach (Dichter des ‚Ännchen von Tharau'), selbst den weiten und gefährlichen Weg in Kauf nehmend, die Männer des bloßen Wortgeschehens ein. Sie kommen alle, aus fern und nah, aus allen Himmelsrichtungen. Andreas Gryphius (Dichter der ,Thränen des Vaterlandes'), Paul Gerhardt (Dichter des ‚Nun ruhen alle Wälder'), Johannes Scheffler, d.i. Angelus Silesius (Dichter des Sinnspruchs ,Mensch werde wesentlich'), und Hofmannswaldau, Logau, Weckherlin, Grimmelshausen. Schließlich sind es über zwanzig, „die Repräsentanten einer großen Epoche, einer der größten unserer Literatur, immer noch zu wenig bekannt" (Hermlin), die sich im Brückenhof der Libuschka, d. i. die Courage, die Landstörzerin, versammeln. Keiner wollte fernbleiben... Niemand wollte für sich bleiben... Das Treffen [sollte] stattfinden, um dem zuletzt verbliebenen Band, der deutschen Hauptsprache, neuen Wert zu geben..., um - wenn auch vom Rande her nur - ein politisches Wörtchen mitzureden./ Schließlich war man wer. Wo alles wüst lag, glänzten einzig die Worte. Und wo sich die Fürsten erniedrigt hatten, fiel den Dichtern Ansehen zu. Ihnen, nicht den Mächtigen, war Unsterblichkeit sicher.

Disteln. Gemälde von Édouard Manet (1832–1883).
Disteln. Gemälde von Édouard Manet (1832–1883).

Der Vortragende saß auf einem Schemel, neben sich eine Distel im Topf. Nur Simon Dach, der Mentor, der Ausgleichende, hatte einen Arrnsessel. Man hörte zu oder stichelte mit dem Nachbarn, man diskutierte und kritisierte, man stellte sich selbst dar, in Eitelkeit, jeder wollte einzig sein Doch alle hatten sie die Not des Vaterlands erlebt und gesehen; davon sprachen sie, in bedrängenden Bildern, „überschattet von Todestrieb und Todesfurcht" (Hermlin). Allein in dem Willen, einen Aufruf der Dichter an die Fürsten zu verfassen, waren sie sich einig. Es galt, sich vernehmlich zu machen. Wenn keine Regimenter, so konnten sie doch Wörter aufbieten.

Mit Donnerworten hebt es nun an, das „Manifest". Der Leser heute kann sich des Staunens und Bewunderns wohl nicht verschließen angesichts der Kunst des Dichters Günter Grass, eine Sprache au?eben zu lassen, die einmal die unsere war, vor 300 Jahren:

Teutschland, das herrlichste Kaiserthumb der Welt, ist nun mehr auff den Grund außgemergelt, verheeret und verderbet, diß bezeuget die Warheit! Der grimmige Mars oder der ver?uchte Krieg ist die allerschrecklichste Strafe und abscheulichste Plage, mit welcher Gott die übermachte Boßheit unzehliger Sünden des unbußfertigen Teutschlandes nunmehr balde dreißig Jahre hat heimgesuchet. Diß saget die Warheit! Daß nunmehr daß höchst bedrängte und in den letzten Zügen liegende Vaterland mit dem alleredelsten Frieden widerumb beseeliget werden wolle. Weshalb zu Telligt‚ was nach alter Deutung junger Eichbaum heisset, die hieselbst versammelten Tichter beflissen sind, den teutschen und frembden Fürsten ihre Meynung fürzustellen und als Warheit zu verfestigen ...

Es geschieht sodann noch einiges auf jenem Brückenhof: Der Grimmelshausen fouragiert die ahnungslosen Gäste aus den Quellen der Marodeuere, „die Freß- und Trunksucht der Zeit" (Hermlin) kommt zum Zuge, auch fratemisieren sich einige der Poeten mit den Mägden der Libuschka im Heu. Dann jedoch ereignet sich die Katastrophe: Der ganze Hof geht in Flammen auf. Wenn sich auch alle hatten retten können; das „Manifest" war mitverbrannt! Und da steht nun dieses bittere, vergebliche Wort: So blieb ungesagt, was doch nicht gehört worden wäre.

Grass Signatur. (5)
Grass Signatur. (5)

Also konnte das „Manifest" nicht der Mittelpunkt dieses „Treffens" gewesen sein. Rückbesinnung war nötig. Heinrich Schütz, der große Musiker des Jahrhunderts, der zeitweilig dem Treffen zugehört, hatte es den Poeten gesagt: Weshalb man dennoch versammelt bleibe? / Der geschriebenen Wörter wegen, welche nach Maßen der Kunst zu setzen einzig die Dichter begnadet seien. Auch um der Ohnmacht - er kenne sie wohl - ein leises ‚dennoch ' abzunötigen.

Alle kehren sie zurück, woher sie gekommen. Alle in dem Bewusstsein: gelohnt habe der Aufwand am Ende wohl doch. Fortan könne sich jeder weniger vereinzelt begreifen. Und selbst diesen Trotz möchte man bewundern; für damals und für heute: Kein Fürst könne ihnen gleich. Ihr Vermögen sei nicht zu erkaufen. Und wenn man sie steinigen, mit Haß verschütten wollte, wurde noch aus dem Geröll die Hand mit der Feder ragen. Einzig bei ihnen sei, was deutsch zu nennen sich lohne‚ ewiglich aufgehoben.

Das Wunder dieser Prosa mag dem Leser in ihrer Verwobenheit von Vergangenheit und Gegenwart aufscheinen, ohne dass da von einer Schlüsselerzählung die Rede sein sollte. Das Versteckspiel ist zu perfekt. Als Grass diese Erzählung schrieb, 1978, gab es die „Gruppe 47" nicht mehr. Die Zeiten umspannend ist deshalb das letzte Wort des Erzählers von Melancholie besetzt; Wort des Dichters und Wort des engagierten Bürgers: Keiner ging uns verloren. Alle kamen wir an. Doch hat uns in jenem Jahrhundert nie wieder jemand in Telgte oder an anderem Ort versammelt. Ich weiß, wie sehr uns weitere Treffen gefehlt haben.

Nicht nur, dass diese Erzählung 1984 endlich in der DDR erscheinen konnte, war „ein Anlaß zur Freude" (Hermlin), sondern sie wiederzulesen, ist ein Hochgenuß.

Bildnachweis

Wikimedia Commons, gemeinfrei: (2) und (5)

Wikimedia Commons mit Namensnennung: (1), (3) und (4)