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Roland Opitz
Kennst du Fjodor Dostojewski?

Das Leben Dostojewskis glich einer Achterbahnfahrt: stetig pendelnd zwischen Verehrung und Verachtung, zwischen Erfolg, Spielsucht und Geldnot. Mit 28 Jahren wurde er wegen revolutionärer Gedanken des Hochverrats angeklagt und zum Tode verurteilt, landet dann aber im sibirischen Arbeitslager.
Er gilt als Psychologe unter den Schriftstellern, derjenige der hinab schauen kann in die Abgründe der menschlichen Seele. Diese Biografie ist gespickt mit Auszügen aus seinen Meisterwerken sowie mit einigen seiner Briefe, die einen offenherzigen Menschen zeigen.

Die Hofzwerge in Sachsen

Die Hofzwerge in Sachsen

Hans-Joachim Böttcher

Vater und Sohn Johann Tramm am Hofe der polnischen Königin und sächsischen Kurfürstin Christiane Eberhardine - Gemahlin August des Starken

Der Zwerg Johann Tramm am Markgrafenbrunnen in Bayreuth
Der Zwerg Johann Tramm am Markgrafenbrunnen in Bayreuth

Der prächtigste Brunnen im frankischen Bayreuth ist unzweifelha? der Markgrafenbrunnen vor dem Neuen Schloss. Geschaffen wurde das Meisterwerk 1699 bis 1705 durch Elias Rantz. In dem vielfigürlich gestalteten Denkmal steht vorn unter dem linken Fuß von Markgraf Christian Ernst von Brandenburg-Bayreuth (1644 - 1712) ein kleinwüchsiger Mensch, der allgemein als Johann Tramm bezeichnet wird. In der Bayreuther Regionalliteratur wurde mehrmals eine Anekdote über das angeblich erste öffentliche Auftreten dieser kleinen Person abgedruckt. Vermutlich fußte diese auf der ältesten bislang bekannt gewordenen Darstellung des Ereignisses, das J .G. Heinritz in dem 1823 erschienenen „Taschenbuch ?ir Freunde der Vaterländischen Geschichte ... vom Ober-Main Kreise" veröffentlich hatte. Darin heißt es:
„An des Markgrafen Christ. Ernsts Hofe befand sich der Kammer-Zwerg Johann Tramm von Stambach‚ dieses Hänschen erhielt wegen seines kleinen Körperbaus - er war nicht größer als 2 Werkschuhe - den Namen Marquis Sanspareil. Er wurde der Königin v. Pohlen, Tochter des Markgrafen mit zur Aussteuer gegeben, die ihn nach damaliger Sitte zuerst auf der königlichen Tafel in einer eigens dazu bereiteten Pastete vorstellig machen lies."
Dieser Text beziehungsweise die Anekdote wirft nun allerdings mehrere Fragen auf.

 Die Hochzeit von Christiane Eberhardine Prinzessin von Brandenburg-Bayreuth (1671 - 1727) mit dem sächsischen Prinzen Friedrich August (der später als August der Starke berühmt wurde!) fand um den 20. Januar 1693 statt. Damals war Friedrich August allerdings noch kein polnischer König und Christiane Eberhardine demzufolge noch nicht Königin; das wurde sie erst, zumindest titularmäßig 1697. Den kurzen Hinweis von Heinritz auf die Aussteuer und damit Hochzeit einmal ignorierend könnte das Ereignis also auch erst in jenem Jahr oder bei einem späteren Aufenthalt von Christiane Eberhardine in ihrer Heimat erfolgt sein.

Ganz vom Zeitpunkt des Ereignisses abgesehen lässt der Text allerdings auch nicht erkennen, um welchen Tramm es sich eigentlich handelte. Denn zu jener Zeit gab es (was Heinritz offenbar auch nicht wusste!) in Bayreuth zwei Personen dieses Namens. Das waren Johann Tramm Vater und sein zur fürstlichen Eheschließung 1693 gerade drei Jahre und einen Monat alter ebenfalls kleinwüchsiger Sohn. Tramm Senior war am Bayreuther Hof als Saalmeister angestellt. Man kann mit Sicherheit davon ausgehen, dass er für den Auftritt, einmal außer Acht gelassen wann dieser stattfand, seinen kleinen Sohn zur Ver?igung gestellt hat. Ein Kleinkind kann nun aber selbst zu jener Zeit nicht bei Hofe in Dienst gewesen sein. Darum dürfte dieses dann natürlich auch nicht als Lieblingszwerg von Markgraf Christian Ernst nach 1699 auf dem Denkmal von Räntz verewigt worden sein. Hierbei wird es sich also eindeutig um den Saalmeister Johann Tramm handeln.

St. Marien in Torgau
St. Marien in Torgau

 

Unzweifelhaft ist, dass infolge des effektvollen Auftrittes von dessen Sohn auf der Bayreuther Speisetafel Christiane Eberhardine an ihm Gefallen fand. Da man selbst in der Zeit des Absolutismus Menschen nicht einfach verschenken konnte, wird sich Christiane Eberhardine von ihren Eltern die Zustimmung erbeten haben, dass der Saalmeister in ihre Dienste überwechseln kann. Da sie das Lieblingskind ihrer Eltern war, stand diesem Wunsch natürlich nichts entgegen. Auch Johann Tramm Senior dürfte keine Einwände gehabt haben mit seinem kleinen Sohn nach Sachsen überzusiedeln. Ob die angeblich normal gewachsene Ehefrau von Tramm ebenfalls mit ihnen zog, ist unbekannt.
In der Folge gelang es Johann Tramm Senior allerdings nicht die Gunst von Christiane Eberhardine zu erringen. Sein Amt in ihrem Hofstaate scheint demzufolge sehr unbedeutender Art gewesen zu sein. Als er am 30. Juni 1705 im Schloss Hartenfels in Torgau starb, wurde er im Kirchenbuch lediglich als „H. Johann Tramm gewesener Saalmeister zu bereith" bezeichnet. Die öffentliche Beisetzung erfolgte mit der „1/2 Schule", das war ein Singen durch die Hälfte des Kantorei- beziehungsweise Lateinschulchores. Damit bekam er eine allgemein übliche durchschnittliche Beisetzung. Im Beerdigungseintrag wurde er immerhin als „H(err)" tituliert, was nicht jedem Bürger zuteilwurde.

Christiane Eberhardine mit der Königskrone
Christiane Eberhardine mit der Königskrone

Johann Tramm Junior erhielt dagegen am Hof von Christiane Eberhardine einem Adeligen gleich eine vorzügliche Erziehung. Im Laufe seines kurzen Lebens errang der Knabe wegen seiner devoten Ergebenheit, Aufrichtigkeit, angenehmen Unterhaltungsgabe und Gläubigkeit ein außergewöhnliches Ansehen. Von Christiane Eberhardine wurde er offenbar wirklich geliebt. Ein besonderes Amt übte er am Hofe allerdings nicht aus. Er musste als einzige Aufgabe eben nur seine oftmals von Sorgen geplagte Herrin unterhalten und erfreuen. Wegen seines ganzen Verhaltens und Auftretens wurde Johann Tramm Junior allgemein Marquis Sanspareil (franz. = Ohnegleichen) genannt.

Wie an den meisten anderen Fürstenhöfen standen kleinwüchsige Menschen bei Christiane Eberhardine ebenfalls als Unterhalter allgemein in großer Gunst. Daneben betrachtete die Kurfürstin und Königin diese kleinen Leute wohl auch als Kinder, die es zu erziehen galt. Das  Aufziehen ihres eigenen Sohnes Friedrich August (geb. 1696) hatte ihr Gemahl ihr auf Grund des zwischen ihnen herrschenden Ehe- und Religionskon?iktes nicht vergönnt. So blieb Christiane Eberhardine nichts anderes üblich, als sich in der Folge der Erziehung anderer Kinder und Jugendlicher, natürlich zumeist fürstlichen Herkommens, aber eben auch vereinzelt von Bürgerlichen wie Johann Tramm zu widmen. 

 Schloss Hartenfels in Torgau
Schloss Hartenfels in Torgau
Während eines Aufenthaltes von Christiane Eberhardines Hof im Torgauer Schloss verstarb ihr „königlicher Zwerg" sehr jung am l. Juli 1710. Seine Beisetzung erfolgte zwei Tage später auf dem Pfarrkirchhof der Stadtkirche St. Marien. Seinen Tod tief betrauernd ließ Christiane Eberhardine fiir ihn ein erstaunlich künstlerisch aufwendiges sandsteinernes Grabdenkmal errichten. Dieses wies die Form eines kleinen halb geöffneten Sarges auf, worin die Figur Tramms plastisch abgebildet war. Die noch bemerkenswertere Inschrift auf den Seitenteilen lautete: „Mein Leser! Betrachte genau, Was Großes im Kleinen, ein Meisterwerk der Natur, so von Geburt ein Unterthan, an Auferziehung ein Prinz, an Statur ein Kind, an Jahren ein Jüngling, an Verstand ein Mann, an Geschicklichkeit ein Meister, an Gottesfurcht ein Muster, Herr Johann Tramm, sonst Marquis Sans pareil genannt, zu Stammbach im Markgrafenth. Bayreuth den 11. Dec. 1689 geboren, von ihrer Majestät der Allerdurchlauchtigsten Großmächtigsten Fürstin und Frau Christianen Eberhardinen Königin zu Polen und Churfürstin zu Sachsen gebornen Markgräfin zu Bayreuth wohlerzogen und geliebet in der königlichen Residenz Torgau an eben dem Tage und in dem Zimmer da 5 Jahre vorher dessen sel. Vater vorangegangen, nämlich den 1. Juli 1710, im 21sten Jahre seines Alters an einem Schlagfluß plötzlich, doch sant und selig verschieden. Ein Wunder der Natur liegt unter diesem Stein; ein Zwerg, sechs Viertel lang, war von Statur gar klein, doch von Gemüthe groß, geschickt in vielen Sachen, Dadurch er sich beliebt bey aller Welt konnt‘ machen. In seinem Christenthum war er sehr wohlgelehrt, Mit fleißigem Gebeth hat er Gott stets verehrt; Um großer Herren Gunst wuß't er sich bewerben, Und endlich mußt‘ er auch, so wie ein Großer sterben."

 

Leider blieb dieses bemerkenswerte Grabdenkmal nicht erhalten; es wurde 1810 beseitigt. Vermutlich hatte Christiane Eberhardine Johann Tramm Junior auch zur Erinnerung auf einem Ölgemalde verewigen lassen. Noch bis in die 1930` er Jahre ließ sich ein Gemälde mit einer Zwergendarstellung, welches missachtet auf dem Ökonomieboden des Schlosses Pretzsch hing, nachweisen; in der Folge ist dieses verschollen. Bis vor wenigen Jahren stand im Schlossgarten Pretzsch zudem eine Sandsteinplastik, die angeblich George Heraldt, einen nach Tramms Zeit in Christiane Eberhardines Diensten befindlichen erwachsenen Hofzwerg darstellen soll. Auch hierbei ist eher an den von ihr geliebten Johann Tramm jun. zu denken.

Was von ihm blieb, sind also nur die wenigen Hinweise auf ihn in der Literatur. So auch in der im Dresdner Buchverlag herausgebrachten Biografie von Hans Joachim Böttcher:

„Christiane Eberhardine - Prinzessin von Brandenburg-Bayreuth, Kurfürstin von Sachsen und Königin von Polen, Gemahlin August des Starken."

Der Bertuch-Verlag dankt dem Autor für die Bereitstellung seiner Fotografien.