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Flechtwerk
Lebendige Nachbarschaft und Integration

so heißt die erste Ausgabe unserer neuen Zeitschrift

FLECHTWERK - Lebebendige Nachbarschaft und Integration

Die Deutschen sind ofener geworden und haben gleichzeitig mehr Sinn für Heimat, Familie und Nachbarschaft entwickelt. Es müssen neue Wege gesucht werden, um Ausgrenzung und Anonymität zu verhindern.

Christiane Eberhardine - Gemahlin August des Starken

Christiane Eberhardine - Gemahlin August des Starken

Hans-Joachim Böttcher

Die Tragödie einer Ehe

Christiane Eberhardine, Gemahlin August des Starken
Christiane Eberhardine, Gemahlin August des Starken
Zunehmend entwickelte sich die Prinzessin zu einem ausnehmend hübschen jungen Mädchen, war groß gewachsen, mit regelmäßigen Gesichtszügen, einer sehr blassen Haut, was als vornehm betrachtet wurde - und schönem blondem Haar. Sie besaß eine natürliche Anmut, ein bescheidenes, sittsames Wesen, hatte einen sehr ruhigen, ernsthaft nachdenklichen Charakter und war auch klug. Aber sie war eben etwas zu ruhig, zu introvertiert und geistig zu unbeweglich; Wesenszüge, die auch ihr Vater in der Kindheit und Jugend hatte. Christiane Eberhardine ging charakterlich offenbar eben mehr nach diesem. Ähnlich ihrem Vater entwickelte Christiane Eberhardine langsam einen Charakterzug, infolgedessen sie ohne Rücksicht auf sich und alle anderen ihr nahe stehenden Personen für sich nur allein ihre Lebensideale verwirklicht sehen wollte. 

Vermutlich von dieser Werbung erfahrend, trat wenige Monate später, Anfang September 1690, ein zweiter offizieller Bewerber um die Hand der Prinzessin auf. Herzog Friedrich August zu Sachsen besuchte zusammen mit einem Grafen Reuß Markgraf Christian Ernst in dessen Feldlager. Sie speisten zusammen und schließlich kam es zu einer delikaten Unterredung. In einem Schreiben vom 8. September berichtete Christian Ernst seinem Engel Sophie Luise, dass ihm der Herzog" ... seine große Sentimens d'amour vor unsere Christiana weitläufig zu erkennen gegeben und in Gegenwart erwehnten Grc!fen Reuß um selbige formaliter angehalten ."

Wie es in der Regel üblich war, fand die mehrtägige Hochzeit am Wohnort der Braut, also in Bayreuth, statt und musste dementsprechend von ihren Eltern ausgerichtet werden. Im Beisein des Hofes, vieler Vertreter des Adels der Markgrafschaft sowie sächsischer Adliger wurde die Eheschließung mit mehrtägigem großem Gepränge im Bayreuther Schloss durchgeführt. Ohne größeren Aufwand fand dagegen am Dienstag, den 10. Januar, im Schloss die Trauungszeremonie und das Beilager statt - also die eigentliche formale Eheschließung. Als Morgengabe überreichte Friedrich August seiner Gemahlin daraufhin einen wertvollen Schmuck .

Das Wappen von Sachsen
Das Wappen von Sachsen
 Am 7. Oktober 1696 war es endlich soweit, dass Christiane Eberhardine einen Sohn entband. Zu seiner Begrüßung und Ehrung schossen die Geschütze der Festung Salut und alle Glocken der Stadt erklangen. Vor dem Schloss versammelte sich die Dresdener Bevölkerung, um zu erfahren, ob ein Mädchen oder Knabe geboren wurde und man freute sich über die Geburt des Erbfolgers. Zu dem in Wien weilenden Friedrich August wie auch an befreundete Fürstenhäuser, die nicht in Dresden durch Botschafter vertreten waren, schickte man eilends Kuriere, welche die Geburt des Kindes vermeldeten. Vier Tage später wurde der kleine Prinz in der Dresdner Schlosskapelle vom Oberhofprediger Dr. Samuel Benedict Carpzow auf den Namen seines Vaters, Friedrich August, getauft .Vorerst keine Anstalten unternahm dagegen der junge Vater Friedrich August, um aus dem schönen Wien nach Dresden zu Gemahlin und Sohn zurückzukehren .

Am 21. Juni 1697 traf der kurfurstliche Kammerdiener Spiegel per Postkutsche in Dresden ein. Er brachte von Friedrich August unter anderem für Christiane Eberhardine sowie die Kurfürstinwitwe Anna Sophia Briefe mit der Nachricht über den Ausgang der Königswahl in Polen. Über die Briefempfänger beziehungsweise deren Angestellte und Hofmitglieder verbreitete sich die Nachricht in Windeseile in Dresden. Oberhofineister von Bose, der gerade an seinen Bruder einen Brief beenden wollte, musste diesen so mit einem kurzen Bericht der erhaltenen Nachricht schließen sowie der Reaktion darauf: "Es ist ein Jammer, das Volk auf den Straßen jammern und weinen zu sehen. Die Kufürstin ist untröstlich wegen des Unheils, womit diese neue Würde uns bedroht. Der gute Gott 'wolle uns davor schützen." Zur offiziellen Bekanntgabe der Königswahl wurden am 24. Juni Aufzüge der in Dresden stationierten Soldaten durchgeführt und in den Kirchen der Stadt, so auch in der Hofkirche, geleitet vom Oberhofprediger Dr. Carpzow, festliche Gottesdienste abgehalten. Nach Anweisung ließ man hier während des Absingen des "Te Deum laudamus" bei bestimmten Passagen effektvoll die Geschütze der Festung sowie die Soldaten ihre Gewehre abschießen. Danach stimmten in den Kirchen die Pfarrer allerdings voller Sorge das fromme Lied Selneckers an "Ach bleib bei uns, Herr Jesu Christ, weil es nun Abend worden ist" an, was die allgemeine Bestürzung der Bevölkerung nur noch mehr verstärkte. Christiane Eberhardine wird gerade dieses Lied mit ganz besonderer Inbrust gesungen haben. Vom Schrecken über die von ihrem Gemahl erhaltene Nachricht überwältigt, zog sie sich verzweifelt für einen Monat in ihre Gemächer zurück, um sich ungehindert ihren Tränen hinzugeben .

Loge der Christiane Eberhardine in der evang. Kirche Pretzsch
Loge der Christiane Eberhardine in der evang. Kirche Pretzsch
... Mit größer werdender Sorge schaute Christiane Eberhardine auf die Entwicklungen. Ihr Gemahl hatte sie immer finanziell relativ knapp gehalten. Würde er ihr als König von Polen nun höhere Zuwendungen geben oder ihr diese sogar auf Grund seines gewaltigen Finanzbedarfs kürzen? Noch mehr beschäftigte sie allerdings die Frage, ob sie zur Krönungsfeier in das katholische Polen reisen müsse und ob sie vielleicht dort zur Konversion gezwungen werden könne. Und was würde mit ihrem Sohn werden? ...

... Mit Datum vom 16. (26.) Apri11698 wurde - so, wie ausgehandelt - ein Abkommen abgeschlossen, welches Markgraf Christian Ernst und der Großkanzler unterzeichneten. Der Senat und der Reichstag der Republik Polen schwiegen in der Folge dazu, gaben also nicht ihre Zustimmung und damit dem Markgrafen und seiner Tochter Christiane Eberhardine auch nicht die für sie so wichtigen Garantien. Die Macht im Lande besaß eben nicht der Wahlkönig August II. Schließlich hatte dieser in der Facta conventa ohne Wenn und Aber geschworen, dass König und Königin römischen Glaubens sein müssen - und wenn nicht, dass dann Ersterer seine Gemahlin zum Glaubenswechsel bewegen würde. Die Verhandlungen sowie die Haltung der Polen und des Bischofs von Raab zeigten eindeutig, dass angestrebt wurde, dass Christiane Eberhardine als Königin von Polen - genau wie ihr Mann - zum Katholizismus konvertieren müsse. Am 18. April (28.4.) teilte Christian Ernst diese Befürchtungen resignierend seiner Gemahlin nach Bayreuth mit. Hinsichtlich der machtlosen Position seines königlichen Schwiegersohns schrieb er: " ... Ich wünsche von Hertzen, daß diese Pohlnische Krohne, so dem König so sauer gemachet wird, auf! dessen Haubt endlich recht befestiget werden möge ... "Weiter ließ er verlauten, dass er gern tun wolle, was in seiner Macht liege, um die Hindernisse zu beseitigen, auch bei der eigenen Tochter; er wolle ehrlich zwischen bei den Ehepartnern vermitteln ....

Evangelische Kirche in Pretzsch
Evangelische Kirche in Pretzsch
... Noch schwerer wird es sicher Christiane Eberhardine ums Herz gewesen sein. Als Tochter war sie ihren Eltern zum unbedingten Gehorsam verpflichtet - und das natürlich auch mit ihren fast 27 Jahren. Auf der anderen Seite fühlte sie sich aber auch ihrem evangelisch-lutherischen Glauben kompromisslos und ohne Wenn und Aber verpflichtet, zu dem sie schließlich ihre Eltern erziehen ließen, Dazu kam, dass sie als Kurfürstin von Sachsen und

erst recht als Königin von Polen, selbst wenn Letzteres nur nomineller Art war, gesellschaftlich weit über ihren Eltern stand. Allein schon durch das Hofzeremoniell wurde dieses selbst beim ganz normalen Umgang von Tochter und Eltern demonstriert. Und in eben dieser gesellschaftlichen Stellung war Christiane Eberhardine Beeinflussungen verschiedener religiöser und politischer Kräfte Sachsens ausgesetzt. Diese verfolgten natürlich zum Teil andere Interessen als sie, erst recht aber als deren markgräflieh Brandenburg-Bayreuther Eltern. Ganz von diesen vielseitigen Interessenlagen abgesehen, kannte Christiane Eberhardine nur zu gut den wankelmütigen Charakter ihres Gemahls. Im Bemühen, sich überall beliebt zu machen, versprach er allen Personen immer das, was sie hören wollten. Falls ihm dies später einmal nicht mehr passte, hielt er sich auch nicht mehr an sein einmal gegebenes Wort. Nein, ihrem Gemahl brachte Christiane Eberhardine kein Vertrauen entgegen - und schon gar nicht den polnischen Magnaten, insbesondere den katholischen Würdenträgern seines Umfeldes. Eine Einigung über die strittigen Fragen im Interesse aller betroffenen Parteien schien somit aussichtslos zu sein, sofern nicht Christiane Eberhardine und ihre Berater mit ihren Forderungen nachgaben, um es nicht zu einer Scheidung des Paares kommen zu lassen ....

Schloss in Pretzsch
Schloss in Pretzsch
... Ein großer Schrecken erfaßte die sächsischen Protestanten und natürlich Christiane Eberhardine und deren Schwiegermutter Anna Sophia. Mit der Konversion von August hatte man sich gezwungenermaßen abfinden müssen, dabei aber immer noch die Hoffnung gehabt, dass eines Tages mit seinem Sohn wieder ein evangelischer Kurfürst die Geschicke des Landes leiten würde. Dass einer fortschreitenden Katholisierung des Hauses der Albertiner und des Geburtslandes der Reformation begegnet werden müsse, darin waren sich nicht nur die Geistlichkeit Sachsens und dessen Adel, sondern auch das Volk einig. Mit ihnen einer Meinung waren natürlich auch Christiane Eberhardine und ihre Schwiegermutter, die Kurfürstinwitwe Anna Sophia. Beide hatten sich insbesondere seit 1706, also nach dem Tod der Schwester Anna Sophias, immer freundschaftlicher aneinander angeschlossen. Die bei den Frauen ergriffen nun die Handlungsinitiative. Am 9. Oktober 1710 ließen sie den so heiß umstrittenen Friedrich August in Lichtenburg durch den Oberhofprediger D. Pipping konfirmieren und gingen am nächsten Tag zusammen mit ihm zum Abendmahl. Dabei versprach der Junge, für alle Zeiten ein treuer Protestant zu bleiben ....

... Es ist nicht ganz klar, ob Christiane Eberhardine schon vor dem Erhalt des Briefes von dem Glaubenswechsel ihres Sohnes erfahren hatte oder ob die ihr nahe stehenden Personen ihres Umfeldes ihr diese Nachricht aus Rücksichtnahme verheimlicht hatten. Als sie es erfuhr, war sie jedenfalls schwer erschüttert und fiel zwei mal hintereinander in Ohnmacht. Seit Jahren hatte sie diesen Schritt ihres Sohnes mit großem Bangen befürchtet. In ihrem Herzen wird sie aber immer einen Funken Hoffnung getragen und dafür täglich mehrmals gebetet haben, dass ihr einziges Kind der geballten Einflussnahme seines kathoiischen Umfeldes und auch Vaters widerstehen könnte. Hatte ihr nicht erst ein Jahr zuvor noch geschrieben, dass er wie eh und je treu zu Luther stünde? Inmitten ihrer Familie stand Christiane Eberhardine nun nicht nur hinsichtlich der Lebensführung, sondern auch mit ihrem evangelischen Glauben allein da ....

Sterbeszene der Christiane Eberhardine
Sterbeszene der Christiane Eberhardine
... Christiane Eberhardine hielt sich sehr gern in ihrem prächtigen Garten nöouml;rdlich des Schlosses (Pretzsch) auf den Schatten spendenden Lindenalleen soll sie gern gewandelt sein und hier an der stadtseitigen Querallee, die den Parterrebereich vom Bassinbereich trennte, öfter unter einer der Linden Platz genommen haben. Hier verbrachte sie bei schönem Wetter viel Zeit, schaute in den sie umgebenden Garten und die Landschaft bis weit in die Elbaue hinaus, las, gab Anweisungen sowie Audienzen und nahm kleine Imbisse ein. Auch am Abend des 2. September 1727 saß Christiane Eberhardine unter dem Baum, erfreute sich an der umgebenden Natur und ließ sich von einem Diener etwas Melone mit Zucker darauf servieren und trank dazu Milch. Da sich bald darauf Unwohlsein und Schmerzen einstellten ging sie ins Schloss, um sich zur Ruhe zu legen. Der eilig gerufene Leibarzt Hofrat Dr. Johann Gottfried Berger vermochte mit seinen Mitteln keine Besserung erreichen. Sofort machte im Hofstaat, die Runde, dass Christiane Eberhardine vergiftet worden sei, denn diese soll bei den eintretenden Schmerzen sofort ausgerufen haben, dass dieses Unglück ihr von Leuten zugezogen worde wäre, die schon länger heimlich ihr Verderben gesucht hätten. Am folgenden Morgen fühlte sie sich sehr unwohl; stündlich nahm die Übelkeit zu. Am 4. September, früh am Morgen, war Christialle Eberhardine so schwach, dass man ihren Zustand medizinisch als hoffnungslos ansah. Der Oberhofmarschall Grafvon Geyersberg ließ darum gegen 9 Uhr den Pretzscher Pfarrer Magister Johann Balthasar Mathesius wissen, dass dieser sich auf Abruf bereithalten solle. Bald darauf hieß diesen ein erneuter Bote, nun eilig ins Schloss zu kommen ....
Die Textauszüge wurden vom Autor Hans-Joachim Böttcher dem Buch: "Christiane Eberhardine Prinzessin von Brandenburg-Bayreuth, Kurfürstin von Sachsen und Königin von Polen, Gemahlin August des Starken ", Dresden 2011, entnommen!
Der Bertuch Verlag Weimar dankt dem Autor für die Blder, die entweder gemeinfrei sind oder vom Autor fotografiert.

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