Sachsen-Lese

Gehe zu Navigation | Seiteninhalt
Sachsen-Lese
Unser Leseangebot

+++NEU+++

Quatsch Didel Datsch

Kinderreime

von Norbert Neugebauer (Autor), Werner Kiepfer (Autor), Petra Lefin (Illustrator)

Kinder wollen unterhalten sein. Sie lieben Geschichten und Spaß, Rhythmus und Reim.
Das Spiel mit den Worten, die einen ähnlichen Klang aufweisen, fasziniert sie. Der Gleichklang und Rhythmus von Versen lassen sie die (Mutter-)Sprache spielerisch erfassen. Dadurch lassen sie sich schnell auswendig lernen, immer wieder nachsprechen und fördern so das Sprachvermögen. - Mit den liebevollen Zeichnungen von Petra Lefin bietet das Heft Unterhaltung für die ganze Familie.

Johann Sebastian Bach bei August III.

Johann Sebastian Bach bei August III.

Albert Emil Brachvogel

Wilhelm Friedemann Bach 1743.
Wilhelm Friedemann Bach 1743.

Draußen läuteten die Osterglocken.

In der Stunde...fuhr durch das Leipziger Tor eine Kutsche in Dresden ein. Ihr einziger Fahrgast war Johann Sebastian Bach.

In einer Ausspannung in der Fleischergasse stieg er ab, brachte seine Kleider ein wenig in Ordnung und eilte, so rasch er konnte, zur Sophienkirche. Er betrat sie, als gerade der letzte Glockenton verhallt war, und stellte sich dem Orgelchor gegenüber auf.

Tiefe Frömmigkeit lag auf der ganzen Gemeinde, nur Sebastian war nicht recht andächtig. Er hörte und hörte, trippelte hin und her, hörte wieder und schüttelte den Kopf: »Sollte das Friedemann sein, der da spielt?« Es klang ihm so fremd, so anders! Er sah zur Empore hinauf, konnte aber nichts erkennen, und so ging er leise durchs Seitenschiff, um die Treppe nach oben zu gewinnen. Da trat Merperger aus der Sakristei, in vollem Ornat, winkte ihm und zog ihn zu sich hinein: »Gott grüß Sie in Dresden, Meister Bach! Sie wollten zu Ihrem Sohn, nicht wahr?«

»Ja, Hochwürden! Aber der da oben kann doch mein Friede nicht sein? Ich hatte in Leipzig, wie angefallen, eine richtige Sehnsucht nach ihm, und nun . . . ich fürchte, er ist krank.«

»Meinen Brief, lieber Herr Bach, haben Sie also nicht erhalten?«

»Nein! Haben Sie denn an mich geschrieben, Hochwürden?«

»Ja, liebster Herr Bach! Ich wollte Sie auf etwas vorbereiten. Sie sind stets ein wackerer Christ gewesen, der mit Gottvertrauen im Dienste des Herrn steht. Nehmen Sie all Ihren Glauben, Ihre Hoffnung, Ihren Mut zusammen: Gott hat Ihnen eine große Trübsal bereitet.«

»Herr Jesus! Hab ich's doch geahnt, daß dem Friedemann was begegnet ist! Ist er krank, oder . . . oder hat ihn mir der liebe Gott genommen?« und dem alten Mann liefen die Tränen über die Wangen.

»Ihr Sohn, Vater Bach, ist nicht krank oder tot. – Hören Sie mich ruhig an! Ihr Sohn ist bei Brühl ein und aus gegangen, und in letzter Zeit mehr denn je, mehr als für einen Organisten paßte und dem Friedemann gut sein mochte. Er hat sich einmal gegen Doles geäußert, daß er mit der ältesten Tochter des Ministers ein Verhältnis habe, und ich fürchte, da ist etwas Schlimmes vorgegangen; denn Karfreitag nacht ist er in der Stille arretiert worden und, wie man sagt, auf den Königstein gekommen.«

Der alte Sebastian fiel dem Prediger schluchzend um den Hals; Merperger preßte ihn krampfhaft an sich. »Der Herr hilft dem Schwachen, er wird ansehen dein Leid und dich trösten wie Hiob. Er wird sich freuen deiner Geduld und dich erheben aus deiner Trübsal!« sprach er ihm Mut zu. Sebastian wurde stiller.

Der Geistliche, der auf die Kanzel mußte, ließ Doles rufen, und Lehrer und Schüler standen sich zum erstenmal seit ihrer Entzweiung gegenüber.
»Doles, Ihr seid meines unglücklichen Jungen Freund gewesen, und wenn Ihr mir auch gram seid, so hoffe ich doch und bitt' Euch, Ihr wollt so viel christliche Liebe haben, einem armen Vater zu erzählen, was Ihr von meinem Sohne wißt, und ob der Friedemann wissentlich einen Halunkenstreich begangen hat, daß er eine solch entsetzliche Strafe verdient.«
»Vater Bach« – und Doles nahm seinen alten Lehrer bei der Hand und sah ihm treuherzig in die Augen – »Vater Bach, Gott mög's an mir heimsuchen, wenn ich Euch etwas nachtrage in dieser Stunde! Friedemann ist mein Freund und bleibt's in alle Ewigkeit, und, so gewiß ein Gott über uns ist, Euer Sohn hat keinen schlechten Streich begangen, das ist nun und nimmer wahr! Er hat sein Herz freilich an des Ministers Tochter gehängt, aber in aller Ehre und Sitte, und das ist keine Schande, wenn's auch unüberlegt war. Die Liebe überlegt halt nicht! Der Brühl hat eine vermaledeite Schlechtigkeit an Friede getan, nur weil er die Gewalt dazu hat; denn wenn er in seinem Recht war, könnte er die Gerichte anrufen. Nein, Friedemann ist unschuldig!«
»Ja, das ist er! Herr Gott, wie dank' ich dir, daß du mir diesen Trost geschenkt hast! – Doles, Gott mag Euch das segnen! Lebt wohl, ich komme bald wieder!«

»Wohin wollt Ihr denn gehen, Vater Bach? Tut nichts Unüberlegtes, nehmt mich mit!«

»Wollt Ihr mir als ein rechter Freund in der Not meinen Sohn wiederfinden helfen? Kommt her, laßt Euch die Wange küssen, die ich geschlagen habe!«

Doles beugte sich nieder und küßte dem zitternden Sebastian die Hand: »Laßt immer meine Wangen brennen, Vater Bach; jetzt ist nicht von Musik die Rede, sondern nur von Eurem Sohn. Kommt!«

Stehenden Schrittes begab sich Bach mit Doles ins Ministerhotel. Doles mußte warten, der Alte trat ein und ließ sich melden. Nach einigen Minuten kam der Lakai zurück: »Seine Exzellenz sind so ohne weiteres nicht für irgendwelche Leute zu sprechen. Wenn Sie ein Gesuch haben, kommen Sie schriftlich ein!«

Johann Sebastian Bach wankte hinaus.

»Umsonst?« fragte Doles. »Das hab' ich mir gedacht! Und ehe Ihr die Bittschrift beantwortet kriegt, härmt sich Friedemann zu Tode!«

Beide Männer standen ratlos auf dem weiten Platz. Sebastians Hände waren zusammengepreßt und bewegten sich krampfhaft. Dabei fiel sein Blick auf etwas Blitzendes; es war der Brillantring, den ihm August damals als Kronprinz geschenkt und den Magdalena ihm an den Finger gesteckt hatte, als er abfuhr.

König August III.
König August III.

Gott gibt mir einen letzten Weg ein! Ich gehe zum König, der muß ihn mir freigeben!«

Sebastian Bach betrat das Portal und meldete sich beim Offizier der Schloßwache, der, als er den Namen des Bittstellers hörte, sofort einen Garde-Sergeanten beauftragte, ihn nach dem Flügel zu geleiten, in dem sich die Zimmer des Königs befanden. – Im Vorsaal traf Bach den alten Kammerdiener, den er seit Jahren kannte, und trug ihm seine Bitte um dringende Audienz vor.

»Ja, Meister Bach, 's geht nicht! Ich darf keinen Fremden bei Seiner Majestät vorlassen, der sich nicht vorher beim Herrn Minister Brühl, Exzellenz, gemeldet hat.«

»Ich muß aber Seine Majestät sprechen, lieber Freund, ich muß! Wenn ich diesen Ring hier vorzeige, hat mir der König als Kurprinz gesagt, kann ich mir zu jeder Zeit eine Gnade ausbitten. Also melden Sie mich, Herr Oberkammerdiener!«

»Hm! Ja! 's ist schlimm! – Na, ich will sehen, was zu machen ist.«

Einige Minuten später schon trat Sebastian Bach ins Zimmer des Königs. August ging auf und ab, die Hände auf dem Rücken: »Ei, Gott grüße Sie in Dresden, Bach! – Nun, was bringen Sie mir Gutes?«

»Majestät, ich bringe Ihnen was recht Schlechtes, Elendes und Unglückliches. Ich bringe Ihnen ein zerschlagenes Vaterherz, das um Gerechtigkeit fleht.«

»Herr Gott, was ist denn? – Wahrhaftig, Sie sehen ganz desolat aus!«

»Majestät, der Herr Minister Brühl hat meinen Sohn Friedemann heimlich aufheben und nach dem Königstein bringen lassen. Ich habe ihn eben fragen wollen, warum? – er hat mich ich aber nicht angehört.«

August stand betroffen still: »Das tut mir weh, lieber Bach. Wissen Sie bestimmt, daß dem so ist?«

»Dem ist so, Majestät!«

»Lieber Bach, da muß sich Ihr Sohn wohl etwas sehr Schweres haben zuschulden kommen lassen; denn Brühl ist ein rechtlicher Mann und hat überdies den Friedemann liebgehabt.«

»Majestät, wenn mein Sohn Friedemann einen Halunkenstreich begangen hat, so sind die Gerichte da, die ihn verurteilen können. Wenn aber der Herr von Brühl meinen Sohn, weil er so unbesonnen war, sich in Seiner Exzellenz älteste Komtesse zu verlieben, in der Nacht heimlich überfallen und fortschleppen läßt, dann, Majestät, ist der Minister Brühl kein rechtlicher Mann, sondern ein Spitzbube!«

»Bach!« fuhr der König auf, trat erzürnt an den Tisch und griff nach der Schelle, »was untersteht Er sich? Auf der Stelle aus meinen Augen, Mensch, oder ich werde Ihn Räson lehren!«

»Lassen Sie den alten Bach getrost zu seinem Sohne sperren, Majestät! Mich wird es nicht schänden, ebensowenig wie meinen Sohn! Aber Gott im Himmei wird jede Missetat vergelten, er wird von Ihnen das Pfund fordern, das er Ihnen mit der Krone anvertraut hat, und das Leben und die Ehre und das Recht jedes Untertanen, das Sie in den Staub getreten! – Lassen Sie mich nur nach der Festung bringen, Majestät, ich werde immer noch der Musiker Sebastian Bach bleiben, dessen Freundschaft dem Kurprinz August einst am Herzen lag. – Hier ist Ihr Ring wieder, Majestät, damit Sie nicht Ihr Wort zu brechen brauchen, wenn Sie mir die einzige Bitte, die ich je an Sie gestellt habe, die Bitte um Gerechtigkeit, verweigern!« Und Sebastian warf den Ring auf den Tisch, wandte sich um und trat ans Fenster.

August III. erwiderte nichts. Zorn, beleidigte Majestät und Verlegenheit kämpften in ihm. Die Hände geballt, ging er wieder im Zimmer auf und nieder. Endlich trat er zu dem Bittsteller: »Bach, Er hat schwere Worte gegen mich gesprochen, und wenn ich sie als gekränkter Monarch nicht ahnde, mag Er daraus erkennen, daß ich Sein Benehmen auf Rechnung des verwundeten Vaterherzens setze. Brühl hat Ihm und Seinem Sohn unrecht getan, und ich mag geneigt sein, so viel sich eben gutmachen läßt, gutzumachen; denn ich habe Ihn lieb, und Er tut mir von Herzen leid. Daß Sein Sohn aber ein ganz unbesonnener Mensch ist, steht fest, und Er kann weder verlangen noch glauben, daß ich meinen Minister um Seines leichtsinnigen Schlingels willen kompromittieren, Seinen Sohn öffentlich von der Festung zurückrufen und wieder in seine Stellung setzen soll. – Damit Er aber sieht, daß ich als König nicht den Kurprinzen vergessen hab', wie Er meint, so will ich Ihm seinen Sohn wiedergeben. Er muß mir aber versprechen, daß der Friedemann sich nie wieder in Dresden sehen läßt, daß Er ihn ohne Ostentation nach Leipzig nimmt und dort in Räson setzt, damit er sich die verliebten Grillen aus dem Kopf schlägt und seinen Geist auf die Kunst allein richtet. Will Er mir das versprechen, Bach?«

Sebastian beugte sich über die Hand des Königs und küßte sie: »Ich verspreche es Ihnen, Majestät!«

»Und Er will über den ganzen Vorfall schweigen?«

»Ich will schweigen, Majestät!«

»Nehme Er seinen Ring wieder, Sebastian! Und wenn irgendwo . . . hm . . . eine gute Stelle frei wird, soll sie der Friedemann haben!«

Sebastian steckte den Brillantring wieder an und bat den König aufrichtig um Verzeihung. August reichte ihm die Hand: »Schon gut, Bach!« Er trat an seinen Schreibtisch, schrieb eine Order und klingelte nach seinem Kammerdiener, dem er befahl, den wachhabenden Offizier herbeizurufen.

»Wie heißen Sie?« fragte er den Eintretenden. – »Leutnant von Tacker, Euer Majestät.«

»Schön! – Wenn Sie heute abend abgelöst sind, Tacker, so fahren Sie mit diesem Manne hier nach dem Königstein. Unten im Walde lassen Sie die Kutsche mit dem Herrn zurück und begeben sich allein zum Kommandanten. Auf diese Order erhalten Sie einen jungen Menschen, den Sohn dieses Mannes. Den bringen Sie seinem Vater zurück und sehen darauf, daß er sofort die Straße nach Leipzig weiterfährt. Der ganze Vorgang bleibt Geheimnis, auf Ihr Ehrenwort! Ich erwarte Rapport. Verabreden Sie untereinander das Nähere, meine Herren. Guten Morgen!«

Anzeige:
Unsere Website benutzt Cookies. Durch die weitere Nutzung unserer Inhalte stimmen Sie der Verwendung zu. Akzeptieren Weitere Informationen