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Kennst du GottholdEphraim Lessing?
vorgestellt von Jürgen Krätzer

Der Autor eröffnet uns eine neue Sicht auf den Autor. Lessing entpuppt sich als schulverdrossener Aufrührer, als Student in „schlechter Gesellschaft" und als leidenschaftlicher Glücksspieler, der sich von Job zu Job hangelt. Bewusst stellte er sich gegen die damaligen Erwartungen und prangerte die Scheuklappen der Gesellschaft an. Krätzer zeigt dies anhand unkonventioneller Fabeln und Gedichte, seiner Kritiken und Briefe. Zugleich setzt er sich mit Lessings neuartiger Theatertheorie und den aufklärerischen Werten in seinen Dramen auseinander. Dabei gelingt es ihm aufzuzeigen, wie relevant und modern deren Themen noch heute sind.

Lessings Kindheit

Lessings Kindheit

Jürgen Krätzer

Ein »Leben zwischen Kloster, Knast und Kaserne«

Gotthold Ephraim Lessing wurde als drittes von insgesamt zwölf Kindern am ??.?.???? in Kamenz geboren; durch den Tod des älteren Bruders, der nur wenige Tage alt wurde, war Gotthold Ephraim der älteste Sohn des Hauses (fünf Geschwister sterben noch im Kindesalter, zwei weitere Brüder bereits mit neunzehn beziehungsweise neunundzwanzig Jahren). Er erhielt früh Unterricht, sowohl vom Vater Johann Gottfried Lessing, seines Zeichens »Pastor primarius«, als auch von Privatlehrern.

Sein jüngerer Bruder Karl Lessing schreibt in seiner Biographie:

Versicherrn kann man, dass Lessing, sobald er nur etwas lallen konnte, zum Beten angehalten wurde, und den ersten mündlichen Unterricht in der Religion von seinem Vater selbst erhielt. Im vierten und fünften Jahre wusste er schon, was, warum und wie er glauben sollte.

Kinderbildnis Lessing und sein Bruder Karl. Bild: Lessing-Museum Kamenz.
Kinderbildnis Lessing und sein Bruder Karl. Bild: Lessing-Museum Kamenz.

Wie wichtig bereits dem »Vorschulkind« die Bücher waren, zeigt eine Anekdote: Lessing sollte mit seinem Bruder Theophilius gemalt werden, und zwar »mit einem Bauer, in dem ein Vogel saß«, doch »hatte dieser Vorschlag seine ganze kindliche Missbilligung. Mit einem großen Haufen Bücher, sagte er, müssen Sie mich malen, oder ich mag lieber gar nicht gemalt sein.« Und noch etwas zeigt dieses Bild: Kinder wurden als »kleine Erwachsene«, nicht als Kind gesehen.

St. Afra zu Meißen. Illustrierte Zeitung 1843.
St. Afra zu Meißen. Illustrierte Zeitung 1843.

Ein Stipendienantrag für die Fürstenschule St. Afra zu Meißen war erfolgreich, allerdings war eine »Urkundenfälschung« notwendig: »Man musste ihn um ein Jahr älter machen.« Dass der Bruder Karl als elterliche »Beweggründe« nicht nur den »vorzüglichen Ruf« der Schule nennt, sondern auch die Aussicht, »dass er daselbst allen Unterricht und alle Verpflegung umsonst hatte«, wirft ein bezeichnendes Licht auf die ärmlichen materiellen Verhältnisse der Familie: »Das Erste und Schätzbarste ist, dass man da von keinen Nahrungssorgen wusste«. Möglicherweise spielte auch dies eine Rolle, wenn sich Lessing nach den Erfahrungen bitterster Armut rund ein Jahrzehnt später der »engen Bezirke« dennoch als einem Sehnsuchtsort erinnert.

Strenge Vorschriften regelten einen Zehnstundentag, Urlaub nach Hause gab es nur alle zwei Jahre. Der Briefwechsel jener Jahre verrät nichts über Heimweh oder Familienbesuche, der erste überlieferte Brief ist an die Schwester gerichtet (Lessing ist ein grandioser Briefeschreiber, die Werkausgabe verzeichnet rund ???? Briefe von ihm und an ihn). Der Brief spricht bereits viel an, was den Dichter und Menschen umtreiben wird: Vernunft und Natürlichkeit - und die ausdrückliche Ermunterung an ein weibliches Wesen (und dies in einer Zeit, in der Mädchen und Frauen Bildung eher vorenthalten als vermittelt wurde), beides zu gebrauchen:

Ich habe zwar an Dich geschrieben, allein Du hast nicht geantwortet. Ich

muss also denken, entweder Du kannst nicht schreiben, oder Du willst

nicht schreiben. Und fast wollte ich das erste behaupten. Jedoch ich will

auch das andre glauben; Du willst nicht schreiben. Beides ist strafbar.

Ich kann zwar nicht einsehn, wie dieses beisammen stehn kann: ein

vernünftiger Mensch zu sein, vernünftig reden können und gleichwohl nicht

wissen, wie man einen Brief aufsetzen soll. Schreibe wie Du redest, so

schreibst Du schön.

Lessings Unterrichtsfächer waren Religion, Latein, Griechisch, Mathematik, Arithmetik, Geschichte, Geographie, Französisch, Rhetorik, Logik, Syntax, Grammatik, Hebräisch, Philosophie und Englisch, man las Cicero, Ovid, Livius, Horaz, Virgil, Plutarch, Sophokles. Vermutlich war es Lessings Mathematiklehrer Johann Albert Klimm, der in privaten Zusammenkünften auch aktuelle Literatur und Philosophie thematisierte und Zeitschriften besorgte.

Wie das Leben im Schulinternat wirklich verlief, ist jedoch schwer nachzuvollziehen: Während der eine Biograf von einem »Leben zwischen Kloster, Knast und Kaserne« spricht, berichtet ein anderer, dass sich St. Afra durchaus keines guten Rufes erfreute, »es wurde über das ›Aussteigen‹ geklagt, d. h. das nächtliche Verlassen der Anstalt, über Spielen, Saufen und andere Üppigkeit«. Schon weil es verboten war, wurde heimlich geraucht und getrunken - und Lessing war wohl stets dabei. Hören wir den Sechzehnjährigen, es ist das erste überlieferte »Gedicht« Lessings:

Die Verleumdung

»Du nennst mich vom gestrigen Rausche noch trunken?

Vom gestrigen Rausche? das spricht

Ein - -« Fasse dich! schimpfe nur nicht!

Ich weiß wohl, du hast bis am Morgen getrunken.

Die Schulakten berichten sogar von einem »Tumult« der Schüler wegen schlechter Verpflegung, Lessings Name wird genannt, überführt werden konnte aber niemand. Ansonsten zeichnen diese Dokumente ein bemerkenswertes Bild, von »großen Geistesgaben« ist da die Rede und einem »vorlauten und frechen Wesen«: »Ein guter Knabe, aber etwas moquant [spottlustig]«, lautete das Urteil eines Schulinspektors und als sein Bruder Theophilius ebenfalls auf diese Schule kam, sagt ihm der Rektor: »sei fleißig, aber nicht so naseweis wie dein Bruder«.

Lessing bat immer wieder darum, die Schule vorzeitig verlassen zu dürfen, er langweilte sich. Der vermutlich pflichtgemäß aufgesetzten »Glückwunschrede bei dem Einritt des ????ten Jahres« an den Vater gab er den Untertitel »Von der Gleichheit eines Jahres mit dem andern«. Als sich der Vater beim Schulleiter diesbezüglich erkundigte, erhielt er die Antwort: »Es ist ein Pferd, das doppeltes Futter haben muss. Die Lektionen, die andern zu schwer werden, sind ihm kinderleicht. Wir können ihn fast nicht mehr brauchen.«

Im Dezember ???? wurde Meißen von der preußischen Armee, die die sächsisch-österreichische Armee bei Kesselsdorf besiegt hatte, besetzt, St. Afra diente als Lazarett und Sammelpunkt. Lessing nahm auch dies zum Anlass, den Vater noch einmal zu drängen, einem vorzeitigen Verlassen der Schule zuzustimmen:

Alles ist voller Gestank und Unflat, und wer nicht herein kommen muss, bleibt gerne so weit von ihr entfernt, als er nur kann. Es liegen in denen meisten Häusern immer noch 30 bis 40 Verwundete, zu denen sich niemand sehre nahen darf, weil alle, welche nur etwas gefährlich getroffen sind, das hitzige Fieber haben. Es ist eine weise Vorsicht Gottes, dass diese fatalen Umstände die Stadt gleich in Winter getroffen, weil, wenn es Sommer wäre, gewiss in ihr die völlige Pest schon grassieren würde. Und wer weiß, was noch geschieht. Was mich anbelanget, so ist es mir um so viel verdrießlicher, hier zu sein, da Sie sogar entschlossen zu sein scheinen, mich auch den Sommer über, in welchen es vermutlich zehnmal ärger sein wird, hier zu lassen. Ich glaube wohl, die Ursache, welche Sie dazu bewogen, könnte leicht gehoben werden. Doch ich mag von einer Sache, um die ich schon so oft gebeten, und die Sie doch kurzum nicht wollen, kein Wort mehr verlieren. Ich versichere mich unterdessen, dass Sie mein Wohl besser einsehen werden als ich.

Auch in dieser rhetorischen Volte zeigte sich schon der spätere Lessing: Er versichert als »Dero gehorsamster Sohn« (so die zeitgemäß konventionelle Unterschrift), dass der Vater es besser wisse - zeigt aber zuvor, dass die Fakten dagegen sprechen. Eine Argumentationstaktik, die Lessing noch in so manchem Streit anwenden wird. Später sehnte sich Lessing nach jener Zeit dennoch zurück, bei allen Drangsalen war die Schulzeit eben auch schon zu Lessings Zeiten ein Lebensabschnitt, der die alltäglichen Sorgen eines Erwachsenendaseins nicht kannte:

Theophrast, Plautus und Terenz waren meine Welt, die ich in dem engen Bezirke einer klostermäßigen Schule, mit aller Bequemlichkeit studierte - -Wie gerne wünschte ich mir diese Jahre zurück; die einzigen, in welchen ich glücklich gelebt habe.

Im Sommer ???? konnte er die Schule verlassen, er ging nach Leipzig, Theologie sollte er studieren.

 

Dieser Artikel ist dem Buch Kennst du Gotthold Ephraim Lessing?, erschienen im Bertuch Verlag Weimar, entnommen.

Lesen Sie weiter: Lessings Leipziger Studentenleben zwischen Hörsaal und Bühne unter

http://www.leipzig-lese.de/index.php?article_id=702 

Der Bertuch Verlag dankt dem Lessing - Museum in Kamenz für die Erlaubnis, das Kinderbildnis Lessings im
Artikel verwenden zu dürfen.

Internet: www.lessingmuseum.de / www.städtische-sammlungen-kamenz.de

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