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Karlheinz Fingerhut 
Kennst du Franz Kafka?

Was für ein komischer Kauz muss dieser Kafka wohl gewesen sein, dass kaum ein Lehrer so recht weiß, wie ihn vermitteln. Dabei ließen sich Kafkas Texte mit Träumen vergleichen, und die kennt doch jeder.
Karlheinz Fingerhut ermöglicht in diesem Buch einen leichteren Zugang zum Menschen Kafka und zu seinen teils verwirrenden Werken.

Fatima - die zur Maria Aurora von Spiegel wurde

Fatima - die zur Maria Aurora von Spiegel wurde

Hans-Joachim Böttcher

1529, mit der ersten Belagerung von Wien durch die Türken, begann eine Reihe von Kriegen zwischen dem Türkischen Reich und dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Ihren Höhepunkt fanden diese Auseinandersetzungen, die heute als „Türkenkriege“ bezeichnet werden, 1683 in der dramatischen zweiten Belagerung und Entsatzschlacht von Wien. Erst im Frieden von Sistowa 1791 kam es zwischen den beiden Reichen zu einem endgültigen Friedensschluss.

Im Zuge dieser Auseinandersetzungen kamen in der ersten Phase nur äußerst wenige Türken als Gefangene ins Heilige Römische Reich und blieben sodann auch hier. Das häufte sich erst nach der erfolgreichen Rückeroberung von Ofen (Budapest) 1686 und der Befreiung von bedeutenden Teilen Ungarns. Das Schicksal einer ganzen Reihe dieser sogenannten „Beutetürken“, wie sie seit 1986/87 in der Wissenschaft genannt werden, beschreibt Hans-Joachim Böttcher unter anderem in seinem Buch „Die Türkenkriege im Spiegel sächsischer Biographien“, das vom Gabriele Schäfer Verlag, Herne, 2019 herausgebracht wurde, (ISBN 978-3-944487-63-2).

 Die Festung Neuhäusel um 1680 auf einer Zeichnung von Lucaß G. Ssicha
Die Festung Neuhäusel um 1680 auf einer Zeichnung von Lucaß G. Ssicha

Die berühmteste „Beutetürkin“, und das nicht nur in Sachsen, ist auch heute noch unzweifelhaft Maria Aurora von Spiegel. Ihr ursprünglicher Name lautete Fatima. 1685 hatte sie als junge verheiratete Frau die Rückeroberung der Festung Neuhäusel überlebt (heute: Nové Zámky, Slowakei). Über die Umstände der Rettung von Fatima, ihren Weg nach Sachsen und schließlich ihr hier geführtes Leben gibt es verschiedene Varianten. Denn von Ende 17. bis weit ins 18. Jahrhundert gab es in Deutschland mehrere bekannt gewordene Frauen mit dem Namen Fatima, deren Leben fälschlicher Weise z.T. mit dem der „sächsischen“ Fatima verschmolzen wurde. Die von Georg Ludwig von Haxthausen im Wesentlichen in seinen in Französisch verfassten Memoiren erwähnte Biografie (von E. Vehse in Auszügen veröffentlicht!) dürfte die einzig richtige sein, die er vermutlich sogar von Maria Aurora persönlich mitgeteilt bekam.

Entsprechend dieser Erwähnung wurde Fatima bei dem Sturm der Reichsarmee auf Neuhäusel mit drei weiteren jungen Frauen von dem schwedischen Baron Philipp Alexander Erskine, der wohl in österreichischen Diensten stand, gerettet. Nach Beendigung des Feldzuges war dieser in seine Heimat zurück gereist und nahm die vier Frauen mit. Das erfolgte nun angeblich in der Begleitung eines Landmannes, des bis dahin ebenfalls in kaiserlichen Diensten stehenden reichen und großzügigen Grafen Philipp Christoph von Königsmarck. Der war im Übrigen ein Freund des damaligen sächsischen Prinzen Friedrich August, der später in mehrfacher Hinsicht für Fatima von Bedeutung werden sollte. Offenbar war es so, dass Erskine schon unterwegs Königsmarck Fatima versprach, der diese als ungewöhnliches Mitbringsel für seine Schwester Maria Aurora haben wollte. Dennoch wurde Fatima erst einmal mit den anderen Frauen nach Stockholm gebracht, wo sie am schwedischen Hof der Königsfamilie vorgestellt wurden.

Am 7. November 1686 erfolgte die Taufe der Frauen. Der Taufeintrag lautet: „Vier türkische Weibspersonen, so in der Neuheusslichen Eroberung durch Herrn Baron Eschen gefangen genommen und anhero gebracht worden, derer eine Roozia geheissen und einen türkischen Offizier zum Manne gehabt, der ihrem vermuten nach im Sturme geblieben; die andere Eysia, so zwar von christlichen Eltern, wie sie vorgibt, geboren, aber ohne gewisses Wissen, ob sie getauft sei, zumal sie bei türkischer Herrschaft gedient. Die dritte Fattime, die eines türkischen Priesters Ehefrau gewesen, welcher Ehemann aber vor der Eroberung auf dem Bett gestorben; die vierte Emini, die auch an einem Türken verheiratet gewesen, welcher ebenfalls in der Belagerung umgekommen.“

König August II. auf einem Gemälde von Louis de Silvestre.
König August II. auf einem Gemälde von Louis de Silvestre.

Nebst dem jungen Kronprinz Karl von Schweden sowie vielen Adeligen stand die ebenfalls in der Residenz weilende Maria Aurora Gräfin von Königsmarck bei Fatima Pate. Ihr zu Ehren erhielt diese darum in der Taufe den Namen Maria Aurora. Danach überließ offensichtlich Erskine der Königsmarck die „Türkin“, so wie mit ihrem Bruder ausgehandelt, zum weiteren Verbleib. Zum Zeitvertreib vermittelte die Gräfin, die eine der gebildetsten Frauen Europas war, Fatima im Laufe der Zeit vieles von ihrem Wissen und Können, was für deren Lebensumstände von großem Vorteil werden sollte.

Im August 1694 reiste die bis dahin vorrangig in Hamburg lebende Königsmarck nach Dresden. Ihr Ziel war Kurfürst Friedrich August zu bitten, das Schicksal ihres Bruders, Graf Philipp Christoph, aufklären zu helfen. Wegen seiner Liebschaft mit der Kurprinzessin von Hannover war er ermordet und spurlos beseitigt worden. Mit der Gräfin kam auch Fatima nach Sachsen. Hier verlief jedoch alles anders als geplant, da die lebenslustige und äußerst attraktive Königsmarck nicht dem Werben des starken August widerstehen konnte und seine Geliebte wurde. Die Frucht dieser Beziehung war ein 1696 in Goslar geborener Knabe, der später als Moritz von Sachsen einer der größten Feldherren seiner Zeit werden sollte. Da die Gräfin viel auf Reisen war, musste sich ihre Gesellschafterin Fatima um den Knaben kümmern. Sehr lange dauerte die Beziehung des unsteten Kurfürsten mit der Königsmarck jedoch nicht; bald wandte er sich anderen Frauen zu.

Nach dem Ende der Liaison blieben Maria Aurora und Friedrich August gute Freunde. So reiste sie auch zu dessen Inthronisation, als August II. zum König von Polen, im September 1697 nach Krakau und später nach Warschau. Dazu nahm sie Fatima, warum auch immer, nicht mit. In der Zeit blieb sie in Dresden bei Maria Auroras Schwester Amalie, der Frau des in sächsischen Diensten stehenden Generals Lewenhaupt. Sie schrieb am 22. Oktober an die Königsmarck amüsiert, dass Fatima aus einem Horoskop erfahren habe, dass ihr bald großes Glück widerfahren werde und sie große Geschenke erhalten, aber auch, dass sie schwanger werden würde. Daraufhin habe Fatima nichts unversucht gelassen, um in Dresden einen Keuschheitsgürtel zu erwerben; das allerdings vergebens.

Fatima Maria Aurora von Spiegel – auf einem Kupferstich von Johann Lindner (1860)
Fatima Maria Aurora von Spiegel – auf einem Kupferstich von Johann Lindner (1860)

Die Königsmarck hielt sich nur kurz am polnischen Hof auf, sie zog es bald ins Reichsgebiet zurück. Die Familie Lewenhaupt musste dagegen, wegen des Dienstes des Generals, nach Warschau übersiedeln. Wohl im Winter/Frühjahr 1701 wurde Fatima von der Königsmarck als Kurierin zu ihrer Schwester geschickt. Hier war es nun, dass König August die nähere Bekanntschaft mit Fatima – Maria Aurora schloss. Dieses Kennenlernen fand sicherlich im Hause der Lewenhaupts anlässlich einer glanzvollen Abendgesellschaft statt, die auch König August gern aufsuchte. Schon als angebliche Türkin stellte Fatima eine gewisse Sensation dar. Sie wurde wie ein Wunder bestaunt. Das erst recht, da sie noch dazu von großer Schönheit war. Sie besaß blaue Augen, die fein geschnitten waren und einen lebhaften Blick, während Stirn, Nase sowie Mund denen der römischer Schönheiten glich. Zudem besaß sie eine gute Figur und war von hoher Gestalt. Gut angezogen soll sie eine königliche Erscheinung gewesen sein, im Negligé dagegen brav und unscheinbar gewirkt haben. Neben ihrer körperlichen Attraktivität wies Fatima jedoch auch eine große Bildung auf, was ihre Vorzüge noch mehr steigerte.

Der König war sofort von ihr begeistert, obwohl sie eigentlich zu sanft und sittsam war und darum nicht seinem Frauentyp entsprach. Zu jener Zeit hatte der König die Prinzessin Lubomirska als Mätresse. Das hielt ihn nicht davon ab, wohl im Frühjahr 1701, mit Fatima auch eine Beziehung einzugehen. Fatima dachte mit ihren wohl um die 30 Jahren natürlich nun überhaupt nicht daran, zu ihrer bisherigen Wohltäterin, der Gräfin Königsmarck, zurück zu kehren. Schon das, aber noch mehr, dass nun Fatima die Mätresse von August geworden war, nahm die Königsmarck sehr übel.

Als Fatima nach einiger Zeit gewahr wurde, dass sie schwanger war, handelte der König schnell. Er verheiratete sie zum Schein mit seinem ihm sehr vertrauten Kammerdiener Johann Georg Spiegel. Mit großer Wahrscheinlichkeit entstammte er der verarmten alten kursächsischen Adelsfamilie Spiegel, von denen sich immer einmal wieder einzelne Mitglieder im Hofdienst nachweisen lassen. Zu seiner und der von Fatimas sozialen Absicherung erhielt er nun die Stelle des Oberintendanten der Königlichen Domänen in Polen sowie den Rang eines Obristlieutenants im Garderegiment. Als Dank musste er jedoch unterschreiben, dass er das kommende sowie auch weitere Kinder seines Herrn mit Fatima als die seinigen anerkennt. Am 19. Juni 1702 brachte Fatima einen Sohn zur Welt, den sie zu Ehren des Erzeugers Friedrich August nannte. August der Starke hatte ab 1705 Frau von Hoym, die er zur Gräfin Cosel erheben ließ, zur Mätresse. Dennoch flammte ab und zu auch die alte Leidenschaft zu Fatima wieder auf. So wurde diese wieder schwanger und brachte 1706 eine Tochter zur Welt, die sie Maria Anna Katharina nannte. Nach der Geburt dieses Kindes zog sich Fatima angeblich aus dem näheren Umfeld von August II. zurück. Seit 1704 war der Nordische Krieg mit Schweden für Sachsen so schlecht verlaufen, was zur Folge hatte, die Familie Spiegel, genau wie der König, musste Polen bis 1709 verlassen. Sie lebte in Sachsen. Nachdem sich das militärische Blatt gewendet hatte, werden sie wieder nach Polen zurückgekehrt sein und in der Residenz Warschau und teilweise in Lemberg sowie auf den nahe davon gelegenen königlichen Domänen gelebt haben.

Fatimas Sohn Friedrich August Graf Rutowski, gemalt von Louis de Silvestre vor 1750
Fatimas Sohn Friedrich August Graf Rutowski, gemalt von Louis de Silvestre vor 1750

Um 1714 verlor Spiegel, der immer großer Missgunst bei Hofe ausgesetzt war, die königliche Gunst. In der Folge wurde er, aus unbekannten Gründen, zum Arrest auf die Festung Sonnenstein in Pirna verurteilt. Er starb jedoch schon 1715. Wohl mit dem Verlust der Stellung ihres Gemahls beziehungsweise seines Todes war Fatima von Lemberg nach Dresden übergesiedelt. Hier erwarb sie 1717 einen architektonisch attraktiven Neubau in der Rampischen Straße 33, ein Eckgebäude zur Salzgasse. Zeitweise soll sie jedoch angeblich immer wieder einmal in Warschau gewesen sein, um am dortigen Hof zu verkehren. Vor 1727 vom Protestantismus zum Katholizismus konvertiert, wandte sie sich mit zunehmendem Alter immer mehr der Religion zu. Nach dem Tod August des Starken 1733 erhielt sie von dessen nachfolgendem Sohn Friedrich August eine jährliche Rente von 8 000 Talern. Danach verlieren sich die Spuren der Fatima Maria Aurora von Spiegel.

Fatimas Sohn Friedrich August und ihre Tochter Katharina hatten durch den König eine gute Ausbildung finanziert erhalten. Sie mussten auf seine Weisung 1722 den Namen Rutowski annehmen. Zwei Jahre darauf wurden beide in den Grafenstand erhoben. Ersterer ging zeitweise nach Frankreich sowie nach Italien, wo er sich weiter militärisch bildete. 1727 nahm er Dienste in Sachsen an und stieg bis zum Generalfeldmarschall und Inhaber vieler Ämter auf. Verheiratet war er seit 1739 mit einer polnischen Prinzessin Lubomirska. Er starb mit 62 Jahren 1764 auf Schloss Pillnitz.

Die Tochter vermählte sich auf Wunsch ihres Vaters 1728 mit dem polnischen Grafen M. Bielinski, von dem sie sich jedoch 1735 wieder scheiden ließ. Daraufhin heiratete sie den savoyischen Adeligen C.M. Bellegarde. Bald verwitwet verstarb sie schon mit 40 Jahren im Jahr 1746. Beide Kinder der Fatima Maria Aurora von Spiegel hinterließen keine Nachkommen.

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