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Gudrun Schulz
Kennst du Bertolt Brecht?

Neugier wecken für einen Autor, der mit frechem neuen Ton die bürgerliche Gesellschaft attackierte und das Theater revolutionierte. Dies gelingt der Literaturwissenschaftlerin Gudrun Schulz in diesem Band. Brecht selbst kommt mit Briefen, Gedichten und Auszügen auas einigen seiner Werke selbst zu Wort. Dem Buch liegt eine CD mit 13 Hörbeispielen bei.

Fazit : Ein Buch für alle, die noch selbst denken können. 

 

Abschied von Werner Sperling

Abschied von Werner Sperling

Generalarzt Dr. med. Horst Hennig
Prof. Dr. phil. habil. Gerald Wiemers
Werner Sperling
Werner Sperling

Er freute sich auf das letzte treffen der Lagergemeinschaft Workuta Ende Mai 2019 in Königswinter, der er von Beginn an angehörte. „Ich komme mit meinem jüngsten Bruder“, schreibt er an Horst Hennig noch im Februar: „Wir waren 11 Kinder, davon waren 5 in der DDR nicht tragbar. Dafür haben wir fast alle Gefängnisse kennengelernt: Bautzen, Torgau, Kaßberg, Taischet und Workuta.“

Geboren ist Prof. Dr. Sperling am 16. März 1932 als fünftes Kind eines Obstpflegers in dem Braunkohlen-Dorf Mölbis, dass seit 1999 Espenhain eingemeindet ist. Er absolvierte nach der Schule eine Lehre als Bergmaschinenmann und war bald Fachschüler im Vorsemester der Berg-Ingenieur-Schule in Zwickau mit dem Berufsziel Ingenieur.- Bereits als 18jähriger betätigte er sich oppositionell und knüpfte Kontakte zu den „Roten Falken“ und zur Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit (KgU) in Berlin (West), verteilte Flugblätter, in denen die Lebensbedingungen in der DDR und das politische System angeprangert wurden.

Der Buchstabe F, den er auf Fassaden malte, stand für Freiheit.

Im Dezember 1950 flog sein Widerstandskreis durch Verrat und durch Denunziation auf. Am 6. Dezember, früh um 5 Uhr in Mölbis, wurde Werner Sperling durch die berüchtigte K5 verhaftet und „zur Klärung einiger Fragen“ nach Potsdam in das Polizeigefängnis Bauhof gebracht. Dort wurde ihm ein Haftbefehl wegen des Verdachtes der Spionage und Boykotthetze vorgelesen.

Es folgen unmenschliche nächtliche Verhöre durch die Staatssicherheit im Beisein eines sowjetischen Offiziers. Bald darauf wird er seinem ehemaligen Lehrer Manfred Schnee gegenübergestellt, der unter Folter alles verraten hatte. Bis zu seiner Verurteilung wird Werner Sperling vom 16. Dezember 1950 bis 27. April 1951 in das KGB-Gefängnis Lindenstraße in Potsdam verschleppt. Dort wird er in eine enge Viermannzelle verlegt. Durch Klopfzeichen hat er Kontakt zu anderen politischen Gefangenen, auch zu Todeskandidaten. Inzwischen waren auch ein Bruder und eine Schwester im Gefängnis in der Lindenstraße.

Die Verurteilung erfolgte in einer sogenannten Gruppe, der Gruppe „Schnee“. Manfred Schnee, geboren 1928, wird zum Tode verurteilt und erschossen. Herbert Sperling, der ältere Bruder, erhält 25 Jahre (OSOR), Inge Löwendorf 25 Jahre (ITL) und Werner Sperling 25 Jahre Arbeitslager „zugeteilt“. OSOR bedeutet strenges Regime. Die „Reise“ in Güterwaggons ging von Berlin-Lichtenberg nach Brest-Litowsk, weiter nach Gomel und Moskau und schließlich nach Workuta. Sein Bruder Herbert kam nach Taischet.

In Workuta arbeitete Werner Sperling im Lager 1 und 40 über Tage als „Bauhilfsarbeiter“. „In Lager 1“, schreibt er in dem Brief an Horst Hennig, „waren wir 6 bis 8 Jugendliche in einer Brigade. Der Zusammenhalt war sehr gut. Gerhard Schirmer hat immer die Hände über uns gehalten. Er hat uns auch zum Lernen angehalten und gefördert. Er hat im Lager als Elektriker gearbeitet, hatte dadurch gute Kontakte zur Küche und zur Brotschneiderei – ein Vorteil für uns. Abend mussten abwechselnd immer zwei Jugendliche in der Küche helfen. Auch das war für uns ein Segen.“

Gedenkplatte für die deutschen Häftlinge im Arbeitslager Workuta
Gedenkplatte für die deutschen Häftlinge im Arbeitslager Workuta


Später in den Lagern 12, 14 und 16 half er unter Tage beim Bohren von Sprenglöchern. Die Arbeitszeit betrug 10 bis 13 Stunden. Nur alle 10 Tage gab es einen freien Tag. Die Verpflegung war mangelhaft, unzureichend und einseitig. Krankheiten wie Ruhr uns Zahnausfall breiteten sich aus.-

Endlich, nach über drei Jahren, am 28. Dezember 1953 erfolgte die Entlassung nach Fürstenwalde. Werner Sperling kehrte zu seiner Familie nach Mölbis zurück. Er war lange arbeitslos. Nach Abschluss seines Studiums für Energie- und Verfahrenstechnik hat er als Ingenieur-Assistent in der Forschung gearbeitet. Als sich sein Chef in die Bundesrepublik abgesetzt hatte, wurde Sperling von der Stasi abgeholt und vernommen. Nach mehrstündigem Verhör ließ ihn die Stasi frei. Das war der letzte Anlass, die DDR über Berlin zu verlassen – 14 Tage vor dem Mauerbau!

In der Bundesrepublik findet er sofort Arbeit und schließt sein Studium zum Diplom-Ingenieur für Energietechnik ab. Er wird zum Gastprofessor an verschiedenen technischen Hochschulen in Deutschland und Europa berufen. Er beherrscht vier Fremdsprachen und wird 2014 von der Universität Bochum mit dem Doktor ehrenhalber ausgezeichnet (Dr.h.c.).

Ende 2000 erhielt er auf Antrag die Rehabilitierungsurkunde durch die Generalstaatsanwaltschaft der Russischen Förderation. Werner Sperling war verheiratet, hinterlässt eine Tochter und zwei Enkel.

„Bei jeder Gelegenheit besuche ich die Lindenstraße. ´Meine Zelle´ist für die Besucher zugänglich“, schrieb Werner Sperling in einem Bericht von 2017/18. Hunger, Angst, Heimweh, die Sorge um die Angehörigen, kurz: die totale Auslieferung haben ihn damals bewegt. Als Jugendlicher hat er mit viel Mut gegen das SED – Unrechtssystem gekämpft und teuer bezahlt.

Seine Lebenserfahrungen hat er vor 10 Jahren in dem Buch „Als sich der Wind drehte. Von Mölbis nach Workuta“ niedergelegt. Auf der Jahrestagung der Lagergemeinschaft Workuta 2018 in Potsdam sprach er davon, dass er die Niederschrift für eine zweite überarbeitete Auflage vorbereiten wird. Ob er noch dazu gekommen ist? Wir wissen es nicht. Werner Sperling ist nach einem Schlaganfall am 18. April 2019 in seinem Haus in Schwerte gestorben.

Bildnachweis

Werner Sperling: Horst Hennig (Generalarzt)

Gedenkplatte für die deutschen Häftlinge im Arbeitslager WorkutaQuelle: Gerald Wiemers (Hg.): Erinnern statt Verdrängen. Horst Hennig – Erlebtes in den Diktaturen des 20. Jahrhunderts. Leipziger Universitätsverlag 2016. ISBN 978-3-96023-027-4.Urheber: Horst Hennig (Generalarzt)