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Der Bronstein-Defekt

und andere Geschichten

Christoph Werner

"Ich stellte bald an mir selbst die Verführung durch Zählen und Auswerten fest und empfand die Wonne, Gesetzmäßigkeiten bei gewissen Massenerscheinungen festzustellen. Nichts war vor mir sicher. Als erstes machte ich mich über die Friedhöfe her..."

Bernardo Bellotto in Sachsen -  Elbflorenz in Licht und Schatten gemalt

Bernardo Bellotto in Sachsen - Elbflorenz in Licht und Schatten gemalt

Dr. Konrad Lindner

0. Sachsen sehen lernen

Dresden from the Right Bank of the Elbe, above the Augustusbrücke. (1)
Dresden from the Right Bank of the Elbe, above the Augustusbrücke. (1)

 

Es sollte zu denken und das heißt zu danken geben, dass Sachsen im Jahr 2022 auf mannigfache, kluge und freudige Weise einen Künstler ehrt und erinnert, der weder in Sachsen das Licht der Welt erblickt hat noch in der Gegenwart lebt, der aber Sachsen und insbesondere ihrer Landeshauptstadt Dresden sowie Pirna und nicht zuletzt der Festung Königstein in Gestalt von Bilderserien ein einzigartiges visuelles Denkmal gesetzt hat. Die Rede ist von Canaletto, der ursprünglich nicht Canaletto hieß, sondern der sich diesen Namen aus guter Familientradition heraus nun aber zum Künstlernamen auserkoren hat. Dieser Maler wurde bereits vor 300 Jahren geboren und das nicht in Dresden, sondern 900 Kilometer entfernt in Venedig. In den Ehrungen für diesen Künstler des 18. Jahrhunderts offenbart sich meines Erachtens, dass Lokales und Globales, Eigenes und Fremdes, Alltägliches und Zeitloses, aber auch Krieg und Frieden weitaus enger miteinander verwoben sind, als uns dies zumeist bewusst ist. Umso mehr ist es mir eine Freude, dass ich dem Canalotto von Dresden, der nach dem Canaletto von Venedig auf eine ebenso fulminante Weise Kunstgeschichte geschrieben hat, in diesem Text kurz begegnen darf.

1. Kein trockener Dokumentarist

 Dresden vom rechten Elbufer oberhalb der Augustusbrücke (Detail) (2)
Dresden vom rechten Elbufer oberhalb der Augustusbrücke (Detail) (2)

 

Der italienische Künstler Bernardo Bellotto (1722 – 1780) wurde von Antonio Canal (1697 – 1768) – von seinem Onkel - entdeckt und gefördert, der ein namhafter Maler war. Den Onkel hatten, als der Neffe heranwuchs, längst Gemälde wie der Markusplatz (1723 und 1724) von Venedig und der Canal Grande (etwa 1730) berühmt und sein Werk unsterblich gemacht. Aber auch der Neffe Bernardo hatte Talent. Der Onkel nahm den begabten Jungen im Jahr 1736 im Alter von 14 Jahren in seine Werkstatt auf und bildete ihn aus. Wohl vor allem, um die eigene Entwicklung zu puschen, übernahm der angehende Maler vom Onkel den Künstlernamen Canaletto. Damit ging Bernardo jedoch in seiner Familie eine Verpflichtung ein, an der er hätte zerbrechen können. Aber dem jungen Bellotto gelang es, zu einem neuen Star der Vedutenmalerei aufzusteigen. Das italienische Wort veduta steht für Ansicht oder Aussicht. (1) Die Vedutenmalerei widmet sich der Landschaft, aber vor allem dem Stadtbild. Worauf es bei den Stadtansichten ammeisten ankam, das war die Wiedererkennbarkeit; die Veduten oder Ansichten sollten nun aber nicht als Kopie des Wirklichen daherkommen, sondern in der Sprache der Kunst, der Farbkontraste und der Freiheit des Könnens Gültigkeit erlangen. Werkschöpfung ist Weltschöpfung; so sagte später Wassily Kandinsky. Die künstlerische Gratwanderung an der Nahtstelle von Werk und Auftrag gelang Bellotto im Dienste der höfischen Herrschaftselite auf europäischem Parkett, indem er durch unverwechselbare Porträts von Dresden, Pirna und der Festung Königstein, aber auch von München, Wien und Warschau geistiges wie handwerkliches Format bewies. Stephan Koja – Direktor der Gemäldegalerie Alte Meister - schreibt in dem Bellotto-Bildband Zauber des Realen (2022), dass Realismus in den Werken des venezianischen Meisters in Sachsen "keine trockene Aufzeichnung des Beobachteten ist", zumal Bellotto das Gesehene überschreitet: "Er weiß die Intensität der Bilder zu steigern, indem er die Gegebenheiten geringfügig verändert, wenn dies zur Klärung einer Ansicht beiträgt; er verstärkt die Perspektive, erhöht durch dramatische Hell-Dunkel-Kontraste die Plastizität der Gebäude oder lenkt durch die raffinierte Setzung des Lichtes das Interesse des Betrachters in die Bildtiefe." (3; S. 10.)

3. Im fürstlichen Auftrag, aber nicht ohne soziale Botschaft

Der Altmarkt in Dresden von der Seegasse aus. (3)
Der Altmarkt in Dresden von der Seegasse aus. (3)

In Canaletto, der sich 1765 als venezianischer Senator porträtierte, kommt ein sächsischer Hofmaler zum Vorschein, der sich seiner Bestimmung als ein vom Adel finanzierter Künstler zutiefst bewusst war. Es entsprang durchaus einem dem Adel verpflichteten Selbstverständnis, sowohl Dresden als auch Pirna, sowohl Architektur als auch Menschen, sowohl Soldaten als auch Händler, sowohl streitende als auch liebende Bürger, sowohl Kutschen als auch Boote, sowohl Festungen als auch Ruinen, sowohl schnaufende Pferde als auch bellende Straßenhunde, sowohl weidende Kühe als auch krähende Hähne ins Bild zu setzen. Der Zauber des Realen, der von den Werken des Meisters ausgeht, resultiert nicht aus einer kühlen Abstraktion, sondern aus einer leidenschaftlichen Wahrnehmung und der unmittelbaren Anschauung der vollen Lebenswirklichkeit. Die Stadtansichten des Italieners in Sachsen bringen keine Häuser, Schlösser und Kirchen ohne Menschen auf die Bühne, sondern das turbulente menschliche Dasein und eben eine höchst lebende gesellschaftliche Wirklichkeit kommt mit Licht und Schatten ins Bild. Für Bellotto gehört im ersten Schritt, wie Stephan Koja anerkennend schreibt, ein "klarer Blick auf die Wirklichkeit mit großer Liebe zum Detail, der Natur und Architektur in harmonischen Einklang bringt", zum Anliegen seiner Kunst. Koja macht aber auch auf einen noch weiterführenden Schritt aufmerksam, der den Maler als durchaus politisch motivierten Künstler charakterisiert: "Dabei vermögen Bellottos Verduten, auch durch die sorgfältige Schilderung der Bewohner, die spezifische Stimmung der von ihnen geschilderten Städte wiederzugeben. Zudem künden die Bilder von der vorbildlichen Herrschaft der Regenten, denen das Gemeinwohl am Herzen lag. Ihre Städte werden wie Kunstwerke vorgeführt – durch das segensreiche Wirken des Fürsten gleichsam in Kunst verwandelt." (3; S. 10.) Obwohl dem Fürsten verpflichtet und Auftragskunst der Obrigkeit, verschwindet das Volk in den Ansichten von Canaletto gerade nicht im Dunkel des Untergrunds. Sensationell und bewegend in Punkto Menschengetriebe ist die Arbeit von Bellotto aus dem Jahr 1750: Der Altmarkt in Dresden von der Seegasse aus. Der Maler mag die Menschen, weshalb er sie im Menschlichen wie Allzumenschlichen in allen Grundfarben von Gelb über Rot bis Blau gekleidet inszeniert. Die Faszination, die von den Stadtansichten und das heißt immer auch von den Gesellschaftsbildern des Canaletto der Sachsen ausgeht, nimmt mit dem zeitlichen Abstand offenbar nicht ab, sondern sie scheint im Gegenteil zuzunehmen. Anders lassen sich die Ehrungen des Jahres 2022 in Pirna und Dresden nicht deuten. Vielleicht ist die Ausstrahlung deshalb so groß, weil die Arbeiten von Canaletto dazu anregen, das sächsische Zuhause mit Dresden im Zentrum im Wechselspiel von Gegenwart und Gewordensein in seinen Höhen und Tiefen, in seinen Leistungen und auch in seinen Abbrüchen auf eine lebensbejahende, erfüllende und auch auf eine kritische Weise sehen zu lernen.

4. Auf Krieg sah Bellotto Frieden folgen

Die Trümmer der ehemaligen Kreuzkirche zu Dresden. (4)
Die Trümmer der ehemaligen Kreuzkirche zu Dresden. (4)

Das Bild von Canaletto, das mich besonders berührt, zeigt Die Trümmer der ehemaligen Kreuzkirche zu Dresden (1765). Der Maler schildert unverstellt die Folgen des preußischen Beschusses und die Trümmer aus dem Siebenjährigen Krieg. Kriegsverbrechen zeigt der Künstler als Kriegsverbrechen auf. Er selber verlor im Krieg sein Haus. Aber Canaletto malte ebenfalls die Handwerker beim Wiederaufbau der zerstörten und eingestürzten Kirche, er malte die Anteilnahme der Bürgerschaft an dem Treiben der Arbeitenden und er malte auch ein Liebespaar im Vordergrund, das auf den Bauteilen für den Neuaufbau der Kirche sitzt und sich innig die Hände hält.

 

 

26. Oktober 2022

Verwendete Literatur:

 

(1)

Zum Stichwort Verdute vgl. den Link: https://de.wikipedia.org/wiki/Vedute.)

(2)

Fritz Löffler: Bernardo Bellotto genannt Canaletto. Dresden im 18. Jahrhundert. E. A. Seemann Verlag. Leipzig 2005.

(3)

Zauber des Realen. Bernardo Bellotto am sächsischen Hof – Sonderausstellung zum 300. Geburtstag von Bernardo Bellotto, auch bekannt als Canaletto. Herausgeber: Staatliche Kunstsammlungen Dresden; Stephan Koja; Iris Yvonne Wagner. Sandstein Verlag. Dresden 2022.

(4)

Canaletto malt Dresden. Raimund Herz unter Mitwirkung von Martin Schuster. Michael Imhof Verlag Petersberg 2022.

Bildnachweis

Kopfbild: Bellotto Selbstporträt, Ausschnitt.

Abb. 1,3 und 4 aus Wikimedia, gemeinfrei.

Abb. 2  © Gemäldegalerie Alte Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden. Foto: Elke Estel/Hans-Peter Klut

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